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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-15 · 20 (15.5.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 390 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 20 fügen, sich erdreisten, die Absichten des gläubigen Christen arischer Abstammung derart zu fälschen, daß sie systematisch alle Christen von den Wohlthaten dieser Stiftung ausschloffen? Wir fragen: Konnten, dursten sie das? Und wenn sie es doch thaten, gibt es da keinen Ausdruck der Mißbilligung, der ein solches Vorgehen genügsam kennzeichnen, entsprechend rügen würde? Empört, erbittert würde jeder ehrliche Mensch — ohne Unterschied der Confession ausrufen: Ihr habt den Willen eines edlen Wohlthäters gefälscht, ihr habt einen schiröden Mißbrauch getrieben, den jeder sittlich Denkende und Empfindende geradezu für unfaßbar halten mußte. ... Nun, lieber Leser, der Du bisher wohl mit steigender Erregung vernommen, wie man die edlen Absichten eines guten Christen arischer Abstammung verwirklichte, beruhige Dich. Die Geschichte istja gar nicht wahr. Sie ist erlogen, erfunden, wir können sogar sagen: Das stricte Gegentheil derselben hat sich zugetrageu. Nicht um die Stiftung eines gläubigen Christen arischer Abstammung handelt es sich. Im Gegentheil, wir wollen von der Singe r-St i f t u n g sprechen. Der Begründer derselben war ein Jude, der in der den Juden eigenen Vorurtheilslosigkeit 150.000 fl. für Schulzwecke bestimmte, wobei auf den Unterschied der Confession keine Rücksicht genommen werden soll. Und diese Stiftung ist es, von der bisher kein jüdischer Schüler, kein jüdischer Lehrer je einen Kreuzer erhielt. Ausschließlich christliche Kinder waren es, die ein jährliches Stipendium von 50 fl. erhielten; ausschließlich christliche Lehrer waren es, denen Reisestipendien aus den Zinsen dieses Fonds zu Theil wurden. Ja, damit wir nichts vergessen: Der Deutsche Schulverein — der bekanntlich eminent „philosemitischen" Tendenzen (?) huldigt — wurde noch jährlich auf Antrag des Referenten Prof. Lustkandl mit 6OO fl. unterstützt. So wurde bisher der Wille des Juden, der bei seiner Stiftung in der Höhe von 150.000 fl. keinerlei confessionelle Vorurtheile walten lassen wollte, mißdeutet, gefälscht, in sein Gegentheil verwandelt. Die seinen Willen ausführen, sind von den vorurtheilsvollsten, bornirtesten confessionellen Rücksichten geleitet! Bon den Wohlthaten der Stiftung eines Juden werden nur Juden ausgeschlossen! Ist das nicht ein Scandal, der geradezu beispiellos geuannt werden muß? Wird er aber die Empörung, die Entrüstung erregen, wie wenn es sich um den umgekehrten Fall handeln würde? Wer hätte den Muth, in unseren Tagen dies zu behaupten? Heute sind alle Begriffe von Anstand und Recht, von Wahrheit und Humanität auf den Kopf gestellt. Heute wird jede Schandthat zu einer Ehre, wenn sie sich gegen Juden richtet. Heute wird jede Rohheit, jede Brutalität, jede Charakterlosigkeit, jede Nichtswürdigkeit als ein Verdienst betrachtet und belohnt — wenn Juden davon betroffen werden. So begreift man das Testament des Herrn Baron Hirsch. Weniger einleuchtend — wenigstens für den ersten Blick — ist die „Strafe", welche die israelitischen Wohlthätigkeitsanstalten trifft — auch diesen wird die ihnen ursprünglich zugedachte Summe (eine halbe Million Francs) entzogen. Vielleicht hängt auch diese Bestimmung mit dem Antisemitismus und dem eigenthümlichen Verhalten der Wiener Judenschaft gegenüber dieser Bewegung zusammen. Es wird ja allgemein darüber geklagt, daß die Wiener Judenschaft den Anforderungen, welche eine so ernste Zeit an sie stellt, sich nicht gewachsen zeigt. Das erweist sich vornehmlich auf dem Boden des Gemiluth Chesed. Der Antisemitismus trifft in erster Linie den armen Glaubensgenossen, diese müssen für die Reichen leiden, ihnen helfend beizuspringen ist also die oberste Pflicht. Was geschieht aber für die armen Juden? Verhältnismäßig weniger als in früheren, weniger drückenden Zeiten. Das vielgepriesene jüdische Herz ist ebenso zur Legende geworden, wie das verstümmelte goldene Wiener Herz. Einzelne Ausnahmen werfen nur ein umso grelleres Licht auf diese Zustände. Die Summen, welche in Wien für jüdische Zwecke gewidmet werden, bleiben hinter den Spenden der Berliner, ja sogar der Büdapester Inden zurück. Freilich, unsere Nabobs brauchen ihr Geld zu etwas Anderem; sie müssen für ihre Töchter Cavaliere auslösen. Schwingt sich einer enonal zu einer größeren Spende auf, so fließt dieselbe gewiß einer Wohlthätigkeitsanstalt „interconfessioneller" Flagge zu und geht damit unseren Glaubensbrüdern verloren. Das sind Zustände, welche dem feinen Sinn des großen Philantropen gewiß nicht entgangen sind. Wäre unseren Anstalten eine große Summe von Auswärts zugeflossen, die heimischen Säckel hätten sich noch fester zugezogen. Das wäre im gegenwärtigen Zeitpunkte eine große Gefahr gewesen. Die Verfügung, welche uns hievon bewahrt hat, muß für uns eine ernste Mahnung sein, selbst für unsere Wohlthätigkeitsanstalten zu sorgen und ihnen die Mittel zu bieten, dem großen Elende unter unseren Glaubensgenossen zu steuern. Nicht um Almosen — dem bloßen Flickwerk des Augenblicks — wird es sich in Zukunft handeln, sondern um eine große einheitliche Organisation des Armenwesens, damit das Wort der Schrift erfüllt werde: „Aufhelfen mußt Du Deinen Bruder, dem Verarmten und Bedürftigen im Land." Treitfchke und der Antisemitismus. Einer der größten nationalen Eiferer und populärsten Männer Deutschlands, P r o f e s s o r Hei nr i ch v. Tr eit s chk e hat seine Augen für immer geschlossen. Die politischen Blätter, welche es als den höchsten Ruhm betrachten, deutschnational zu feilt oder wenigstens zu scheinen, feiern den Verstorbenen als Leuchte der Wissenschaft, als größten Patrioten und Nationalhelden. Weihrauch, Lobgesänge und Wehklagen erfüllen die Luft, als wenn die ganze deutsche Nation Trauer anlegen müßte. Wie häßlich, wie widerwärtig ist dieser Personencultus! Er zeigt uns nur, wie weit wir noch von einer wahren Bildung, vom fteien, gesunden Denken entfernt sind. Die äußere zur Schau getragene Vergötterung einer Person durch Worte und Sinnbilder ist das Merkmal einer unfreien Natur, eines unreifen Geistes, sie ist unwürdig dessen, der sie _ bringt und dessen, dein sie gebracht wird. Innige Dankbarkeit für das empfangene Gute und tief empfundene Verehrung für das wahrhaft Große sind Attribute einer edlen Seele, aber sie äußern sich nicht in Phrasen und hohlen Tönen. Es ist charakteristisch fiir unsere Zeit, daß die Heuchelei und die byzantinische Berhimmelung immer mehr in der Presse zur Mode wird. Und wenn auch die „Köln. Ztg." dem Todten einen langen Nachruf widmet, der an Verherrlichungen und Uebertreibungen das Möglichste leistet, so ist die Erklärung dafür nur darin zu suchen, daß es heute zum guten Ton gehört, waschecht national zu scheinen. Liberal zu sein, das ist immerhin gefährlich, wenn man es auch in salonfähiger Form thut und in Wadelstrümpfen marschirt, aber national und patriotisch sein, wenigstens in schwungvollen Artikeln, das ist ein ebenso leichter, als dankbarer Beruf. Ja, nur in einer Zeit, wo die Phrase die Allherrscherin im Reiche der Politik ist, wo das Wort alles, und die Gesinnung nichts bedeutet, kann man einen T r e i t s ch k e als gewaltigen Charakter und wissenschaftliche Größe feiern. Nein, er war kein Charakter, wenn man unter Charakter Consequenz und Selbsttrene, Rücksichtslosigkeit nach allen Seiten hin, und Selbstbeherrschung im Dienste einer großen Idee versteht. Er war auch kein Mann der Wissenschaft, wenn man darunter die Forschung der Wahrheit, das Suchen nach Erkenntniß und die gerechte objective Schilderung der Thatsachen versteht. Treitschke war ein geistreicher Mann, ein Mann mit seltenen Gaben ausgestattet, aber er war oft geistreich auf Kosten der Wahrheit und der Gerechtigkeit und er stellte seine glänzende Begabung in den Dienst seines zügellosen Temperaments, seiner schrankenlos hassenden und zürnenden Natur. Geistessprühend, mit feuriger Beredsamkeit lebendigem Witze und gewaltiger, kraftvoller Sprache ausgerüstet, war er der geeignetste Mann, die Heißspornische, nach Entfaltung der inneren Leidenschaft lechzende akademische Jugend um sich zu schaaren und seine begeisterten Zuhörer nicht nur zu seinen Schülern, sondern auch zu seinen politischen Anhängern zu machen.

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