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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-08 · 19 (8.5.1896) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
19 (8.5.1896)
Date
1896-05-08
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 386 Nr. 19 Dr. BLoch's Wochenptzrifr. Bogumil Kwierinskr, rvete Verl Blum. Reminiseenzen aus dem Polenaufstande 1863. V o n D m u ch a l s k i. Nachdruck verbotcn. „Brrrr! Welch ein entsetzliches Wetter! Ich werde Gott danken, wenn ich unter Dach tun." „Aber lieber Wladzio"! „Wer wird denn so verweichlicht sein!?" „Wenn ich nicht positiv wüßte, daß Du der Graf Wladyslaw G. bist, ich würde Dich für einen Juden halten, dem ein Bißchen Schneesturm schon Bange macht." „Pfui! schäme Dich! Sollte man wirklich glauben, daß ein junger Edelmann, der sich eben anschickt, eme große Campagne mitzumachen, um seine gemordeten Brüder, zu rächen, vor schlechtem Wetter znrückschreckt, mitten in der Residenz, auf dem Wege vom Ognisko*) nach Haufe, wo ihn ein behaglich durchwärmtes Zimmer und der brodelnde Samovar erwartet. Die kahlen Bäume in den russischen Wäldern, die uns voraussichtlich durch längere Zeit beherbergen werden, dürsten uns nur wenig Schutz vor den Unbilden des Wetters bieten können, daher glau.be ich, daß es opportun wäre, wenn wir, gerade in diesem Unwetter noch einen laugen Spaziergailg machen, um uns abzuhärten. „Nein mein lieber Stasio!" „Heute binich nichtdazu zu haben, denn ich sehne mich nach Ruhe, nach etwas Schlaf, der mich in voriger Stacht consequent floh, nachdem ein entsetzlicher Traum mir scheußliche Bilder vorgaukelte. Ich habe eine Ahnung, daß es um meine liebe Mutter schlecht steht — Die Arme! Sie wird den Abgang ihres Einzigen zum Aufftande nicht lange überleben!" — Unter solchen Gesprächen langten die beiden Freunde in ihr gemeinsames Quartier in der Schlößelgasse gn. „Aah!" ries Wladyslaw, als er das angenehm durchwärmte und hell erleuchtete Zimmer betrat, und auch der Andere, der erst kürzlich den Abhärtungs-Spaziergang proponirte, streckte sich der Länge nach aus den Weichen Lederdivan, und nachdem Beide einige Tassen Thee getrunken und Cigaretten geraucht hatten, begaben sie sich zur Ruhe, fanden diese jedoch in nur geringem Maße. — Jedesmal war es Wladyslaw, der über Schlaflosigkeit klagte und seinen Freund bat, ihm nur in dieser einen Stacht den Schlaf zu opfern, da er morgen unbedingt Heimreisen müsse. — Die Bisionen martern ihn zu sehr, weshalb er es vorziehe, wach zu bleiben. „Bist Du aber kindisch, lieber Wladzio meinte Stanislaw. „Wer wird denn ans so ein dummes Gaukelspiel der Phantasie etwas geben?" „Denke Dir," sprach Jener. „Immer und immer wieder sehe ich meine Mutter, von einer Horde wild aussehender Männer aus ihrem Krankenlager bedroht und ist es stets Moszko unser Areirdarz**), der Vater dieses Berko, gegen den Du eine solche Aversion hast, der meiner Mutter zu Hilfe kommt und die wüsten Gesellen, bald durch Verabreichung von Schnaps oder Geld, bald durch Drohungen abwehrt. Nun wirst Du wohl einsehen, daß zu Hause Etwas vorgeht." „Ah was! Träume sind Schäume", meinte Stanislaw. „Schlage Dir diese Dummheiten ans dem Kopfe und denke lieber an alles Slndere, nur nicht an Moszko und Berek, welche Dich behext zu haben scheinen, sonst könnte ich mir nicht erklären, wie ein Edelmann von der Qualität eines Grasen G ... . für Juden, die doch bekanntlich mit allen Lastern behaftet sind, sich so lebhaft interessiren kann." „Geh', lasse mich in Ruhe mit Deinen Juden und versuche lieber einzuschlasen." Wladyslaw sprang aus dem Bette und setzte sich auf den Bettrand seines Freundes, dessen Hand er ergriff und innig drückte. „Mein geliebter Stasio", sprach er, „Du thust mir wehe, wenn Du behauptest, die Juden hätten mich bezaubert. Ich denke blos an die Worte meines seligen Vaters, der mir die Hinrichtung Wisniewski's lebhaft geschildert hat, wie dieser Märtyrer aus den: Wege zur Richtstätte fortwährend von der Treue und der Anhänglichkeit der Juden sprach, ihre Tilgenden pries und hervorhob, daß diese armen Leute durch die mrs seinen Kops gesetzten 1000 sl. Conventionsmünze sich nicht verleiten ließen, an ihm *) Pol. akad. Verein. **) Wirthshauspächtkr. Verrath zu üben, vielmehr ihln in ihren ärmlichen Heimstätten stets Unterkunft gewährten und mit eigener Lebensgefahr ihm, bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, zur Flucht verhalfen, bis er, verfolgt voir Häschern irr einer „Pasieka"*) Zuflucht suchte, wo er vom Besitzer derselben, einem Bauern, gefangen, geknebelt lind nach Lemberg eingeliesert wurde. Wisniewski sprach auch von einem Duwidek, welcher der 48er Bewegung unschätzbare Dienste geleistet hat, ohne in irgend einer Weise hiefür eine Entlohnung annehmen zu wollen, trotzdem er blos ein armer Jllde gewesen. — Solch' einen Duwidek könnten wir jetzt sehr gut brallchen, selbst wenn er Moszko oder Berek heißen sollte. — Es bedarf also keiner Hexerei, um mir Sympathie für dieses arme, verrannte und bedrückte Volk einzuflößen, ja noch mehr, als Pole fühle ich mich zu eineiig Volke hingezogen, welches unser Schicksalsgenosse . und Leidensgefährte ist. — Wurden wir etwa irach der Theilnng unseres Reiches weniger verfolgt irnd geknechtet als die Juden, nachdem man sie mrs ihren Landen vertrieben? Hat ein Zeitraum von Jahrtausenden vermocht, bei den Juden die blutende Wuirde, die, der Verlust ihres Vaterlandes ihnen geschlagen, zu vernarben? Welche Verfolgungen hatten sie noch wegen des Festhaltens an den Glauben ihrer Väter zu erdulden, während wir als Christen doch einigermaßen geschont werden". — ' . ' ' „Mein lieber Stasio!" „Nehmen wir uns ein Beispiel an diesem mißachteten und verachteten Volke, ihrem Festhalten an den alten Traditionen, ihrer Glaubensstärke und unzerreißbaren Zusammengehörigkeit!" Wären unsere Ahnen ebenfalls von einer solchen Einigkeit beseelt, so würde das polnische Reich heute noch und in aller Ewigkeit bestehen". Dieses ist es, welches mich sozusagen zu den Juden überhaupt und besonders zu unserem Arendarz Moszko und seinem Sohne Berek unwiderstehlich, hinzieht". - „Nun gut", brummte Stanislaw schlaftrunken. „Behalte Dir Deine Juden, vielleicht denke ich einmal anders über sie, - einstweilen kann ich es noch nicht. Allenfalls scheinen sie doch zu etwas gut zu sein, da das Thema über sie Dir über eine unangenehme Stacht hinweggehvlsen hat und unversehens ist es Heller Tag geworden." Da klopfte es schüchtern an der Thüre mxh herein trat der stud. rned. Berl Blum, der Sohn des Arendarz vom gräflichen Landgnte N.ka. Der junge Mann, dessen sympathisches Gesicht keine prononcirt jüdische Visage zeigte, trat einen Schritt vor, .und sich seiner „Stellung" als Jude bewußt, neigte er den schwarzen Krauskopf und wünschte den „Herren" obwohl es seine Studiencollegen waren in bescheidenster Weise „guten Morgen". „Ah Berek!" rief erfreut und bestürzt zugleich Wladyslaw „Was führt Dich so zeitlich Morgens zu mir? Es ist doch um Gotteswillen kein Unglück geschehen!" „Gott bewahre! Es wäre denn, daß der Mastviehtransport, den mein Vater hieher brachte, wegen der Schneewehen um einige Stunden später angelangt ist, doch hat dieses wenig zu bedeuten, da die vorzügliche Qualität der Mastthiere, wie sie in den Stallungen der Brennerei zu N.ka gedeihen, den raschen Verkauf außer Zweifel setzt. — Mein Vater mußte direct auf den Viehmarkt nach St. Marx und beauftragte mich, dem Herrn Grasen seine Ankunft anzuzeigen. Nach Erledigung seiner geschäftlichen SNission wird er den Herrn Grafen im Cafe an der Ferdinandsbrücke erwarten und Grüße von der gnädigsten Mama bestellen". Wladislaw war mit einem Satz dem jungen Mediciner um den Hals gefallen, küßte ihn mehrmals und dankte für die Botschaft. „Gott vergelte es Dir, daß Du mir. von Mama sprichst. Kannst Du mir vielleicht auch etwas Näheres von ihr mittheilen?" . „Bedaure!" sagte Berek lebhaft „da ich mit meinem Vater kaum einige Worte wechseln konnte, weil sein Erscheinen am Markte keinen Aufschub znließ. — Stnn muß ich aber zur Vorlesung! padaoi do oög"**), abermals eine Verbeugung und er ging. - Stanislaw sah seinem Freunde mit Entsetzen zu und kaum hat sich die Thüre hinter Blum geschlossen, als er in heftigste Vorwürfe gegen Wladislaw wegen seines intimen Verkehres mit dem Judenjungen ansbrach. — Der junge Edelmann schien jedoch die Herzensergüße seines Freundes wenig zu beachten und be- *) Nieucnstock. **) Polnischer Gruß.

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