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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-08 · 19 (8.5.1896) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
19 (8.5.1896)
Date
1896-05-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 19 Vr. Vloch's Wochrnfchrifi. Seite 385 „Vielleicht dauert es zehn Jahre, bis Du berühmt bist? Dann wird Salomon fast zwanzig sein." „Zehn Jahre wird es nicht dauern. Nun, wir werden schon sehen, was mit Salomon geschehen wird. Und Du —" „Nun, Benjy?„, fragte sie, da seine Phantasie ihn im Stiche zu lassen schien. „Dir gebe ich eine Mitgift und Du wirst heiraten!", schloß er triumphirend. „Aber, wenn ich gar nicht heiraten will?" „Unsinn! Jedes Mädchen will heiraten!' Neulich hörte ich, wie unser alter Bieräugiger sagte, daß alle Lehrerinnen in der Mädchenabtheilung danach brennen, ihn zu heiraten. Ich habe schon ein paar Liebste gehabt, Dn wohl auch?" Ersah sie hänselnd an. „Nein, Benjy," sagte sie ernsthaft. „Blos Levy Jakobs, der Sohn des Reb Schemuel, kommt manchmal her, um mit Salomon zu spielen, und bringt nur gebrannte Mandeln nkit. Aber er gefällt mir nicht — wenigstens nicht in dieser Weise. Arißerdern ist er viel zu fein für uns." „Wirklich? Warte nur, bis ich meine Romane schreibe." „Schade, daß Du sie nicht schon jetzt schreibst — dann hätte ich etwas zum Lesen. Oh!" „Was gibt's?" „Ich habe mein Buch verloren! Was habe ich mit meinem kleinen, braunen Buch gemacht?" „Hast Du's nicht auf das eklige Vieh satten lassen?" „Ach, dann wird man auf der Treppe darauf treten. Benjy, ich will schnell hinunterlaufen und es holen. Aber bitte, nenne Bobby nicht ein Vieh!" „Warum nicht? Hunde gehören doch zum Vieh, nicht?" Esther grübelte beim Hinunterlanfen über diese Entgegnung nach, konnte aber keine Antwort finden. Dagegen fand sie das Buch und das tröstete sie „Was hast Du da?", fragte Benjamin, als sie zurückkehrte. „Oh, nichts — es interessirt Dich nicht." „Alle Bücher interessiren mich," sagte Benjamin würdevoll. „Esther gab ihm widerstrebend das Buch. Er blätterte darin, dann machte er Plötzlich ein ernstes erstauntes Gesicht. „Esther, wie kommst Du dazu?" „Eine von meinen Mitschülerinnen tauschte es mir gegen ein Stück Griffel ein. Sie sagt, sie har es von den Missionären bekommen — sie ging aus Spaß in ihre Abendschule und da gäben sie es ihr und obendrein ein paar Schuhe." „Und Du hast es gelesen?" „Ja, Benjy." "Du schlimmes Mädchen! Weißt Du nicht, daß das ein schlechtes Buch ist? Gott, wenn Jemand Dich darin lesen sähe!" „Ich lese es nicht in der Schule," sagte die Kleine, sich entschuldigend. „Aber Du hast es gar nicht zu lesen! „Warum nicht?, fragte sie halsstarrig. Es gefällt niir. Es ist gerade so interessant, wie das Alte Testament, und es kommen noch mehr Wunder darin vor." „Du böses Mädchen!", rief Benjamin, ganz entsetzt über ihre Kühnheit. „Du weißt doch, daß alle diese Wunder Lügen sind!" „Warum sind sie Lügen?" „Weil die Wunder nach dem Alten Testamment aufgehört haben! Gibt es heutzutage noch Wunder, was?" „Nein," mußte Esther zugeben. „Nun also," sagte er triumphirend, „wenn die Wunder noch bis in die Zeit jenes Buches gedauert hätten, könnten wir auch jetzt noch auf welche rechnen." „Und warum nicht?" „Esther, wirklich, ich wundere mich über Dich! Ich hätte Lust, unser altes Vierauge auf Dich zu hetzen. Der würde Dir schon sagen, warum. Gott konnte doch nicht immer zu seinen Geschöpfen reden." „Ach, ich ' wollte, ich hätte in der Vergangenheit gelebt, als die Religion sich zutrug," seufzte Esther kläglich. „Aber warum verehren alle Christen dieses Buch? Es gibt viele Millionen niehr Christen als Juden." „Natürlich, alles Gute ist selten. Wir sind unserer so Wenige, weil wir Gottes auserwähltes Volk sind." Aber warum komme ich mir so gut vor, we:m ich das Buch lese?" „Weil Du eben schlecht bist," antwortete er ganz entsetzt. „Gib mir das Buch, ich will es verbrennen!" „Nein, nein!", sagte Esther. „Uebrigens haben wir gar kein Feuer." „Ja, das ist wahr," meinte er mtb rieb sich die Hände. „Aber es wird nicht gutthuu, wenn Du solche Sachen liest. Ich sag' Dir was — ich werde Dir „Unser Eigenthum" schicken." „Wirklich, Benjy? Wie gut Dn bist!", ries sie fteudig und küßte ihn. Da stürzten Salomon und Isaak in's Zimmer und weckten die Großmutter. „Wie geht's, Salomon?", fragte Benjamin. „Wie geht's kleiner Kerl?", fügte er hinzu, indem er Isaaks Lvckenkvpf streichelte. Salomon war einen Augenblick eingeschüchert, dann aber sagte er: „Hollah, Benjamin, hast Du ein paar Knöpfe übrig?" Isaak konnte sich nicht vvrstellen, wer der ft-emde Junge sein könnte, und hielt sich mit dem Finger im Munde im Hintergrund. „Jsy, das ist Dein Bruder Benjamin!", sagte Salomon. „Brauche keinen neuen Bruder mehr," schmollte Jsy. „Aber ich war schon vor Dir auf der Welt" rief Benjamin lachend. „Kommt Dein Burtstag vor meinem Bnrtstag?" „Ja, ich glaube." Isaak warf einen herausfordernden Blick ans die Thür. „Siehst Tn!", ries er der abwesenden Sarah zu. Dann wendete er sich liebenswürdig zu Benjamin und sagte: „Einen Tuß deb ich Dir nicht, aber ich laß Dich in mein neuen Bett schlafen." „Aber Du mußt ihm einen Kuß geben!" gebot Esther und sorgte dafür, daß es geschah, ehe sie ging, die kleine Sarah von Frau Simon abzuholen. Als' sie zurückkam, ließ Salomon Benjamin seinen Plewna-Guckkasten gratis besichtigen. Auch Moses Ansell war heimgekehrt. Seine Augen waren vom Weinen geröthet., aber das war öes Maggid's wegen. Seine Nase leuchtete von der Kälte ans dem Friedhof ganz blau. „Er war ein großer Mann", sagte er zu der Großmutter. „Vier Stunden lang konnte er über jeden Text predigen und immer kehrte er vor Schluß zum Text zurück. Eine solche Auslegung! Eine solche Beredsamkeit! Er war größer als der Kaiser von Rußland. Wehe, Wehe!" „Wehe, wehe!", wiederholte die Großmutter. „Wenn Frauen zu Begräbnissen gehen dürften, wäre ich gerne mitgegangen. Warum kam er nach England? In Polen wäre er noch am Leben. Und warum bin ich nach England gekommen? Wehe, wehe!". Ihr Kopf fiel ans das Kissen zurück, und ihre Seufzer gingen in Schnarchen über. Moses wandte sich wieder zu seinem Aeltesten, über dessen feines Aussehen er heimlich stolz war „Nun, Du wirst ja bald Bar-Mizweh, Benjamin, sagte er mit unbeholfener, mit Respect gemischter Vertraulichkeit, während er mit seinen schmutzigen Fingern die Wangen seines Kindes streichelte. Benjamin verstand die letzten Worte und nickte. „Dann kommst Du wieder zu uns. Sie werden Dich wohl irgendwo in die Lehre geben?" „Was sagt er, Esther?", fragte Benjamin. „In die Lehre geben!", wiederholte er empört, nachdem die Schwester verdolmetscht hatte, „was für gräulich bescheidene Ideen oer Vater immer hat! Er müßte sich nicht von Jeden auf dem Kopf herumtanzen lassen. Ich glaube, er wäre zuftieden, wenn ich ein Cigarrenmacher oder Drucker würde! Sag' ihm, daß ich nicht nach Hause komme, daß ich mich um ein Stipendium bewerben und auf die Universität gehen werde." Moses' Augen eröfsneten sich weit vor Stolz. „Ach ein Raw willst Du werden!" sagte er, hob das Kinn des Knaben in die Höhe und schaute zärtlich in das schöne Gesicht. „Was redet er von einem Raw?" ftagte Benjamin. „Ein Rabbiner soll ich werden? Sag' ihm, daß ich Bücher schreiben will." „Mein goldener Junge! Ein guter Commentar über Schir Haschirim*) wird sehr benöthigt, vielleicht fängst Du damit an." „Ach, laß nur, Esther, es nützt nichts! Kann Vater denn nicht englisch sprechen?" (Forts, folgt.) :) Das Lied der Lieder.

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