Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Vloch's Wochenschrift. Seite 379 In der Fabrik für Verkehrswesen „G ö tz", II., Straußgasse, fragte ich seinerzeit um Arbeit an. Nachdem der Fabriksbesitzer meine Zeugnisse überprüft hatte — wobei er mein im Arbeitsbuche verzeichnetes Nationale nicht unbeachtet ließ — bestellte er mich für einige Tage später und in diesem Sinne ging es so fort bis zur Dauer von vier Wochen und bei der letzten Nachfrage wurde mir mit spöttischem Lächeln erklärt: „Ich beschäftige in meiner Fabrik keine Juden". In der Bau- und Knnstschlosserei von Franz Gratzl's Nachfolger Anton Feischl, IX., Rothe Löwengasse 9, war ich zuletzt dreiviertel Jahre beschäftigt. Herr Feischl kann und wird mir sicherlich sowohl in Fleiß als auch in der Leistungsfähigkeit bei den mir zugewiesenen Arbeiten nichts Nachtheiliges nachsagen, was schon die Thatsache beweist, daß er, ohne von mir ausgefordert, meinen Lohn einmal um Etwas erhöhte. Seine scheinbar unparteiische Haltung wurde durch die unglaublich starke antisemitische Agitation in der Fabrik ganz illusorisch gemacht. Was in dieser Fabrik ein jüdischer Arbeiter für Hetzereien auszustehen hat, ist unbeschreiblich. Die größten Schwierigkeiten legt man ihm in den Weg, Verhöhnung und Verspottung ist das tägliche Spiel, stets wird man zurückgesetzt. Der Antisemitismus ist dort soweit gediehen, daß die Hauptaufwiegler sogar Lust verspüren, thätlich zu werden. Ein Individuum, welches auf den Namen Klovac hört, stürzte am 25. April über mid> her, überhäufte mich mit Schimpfworten, die an dieser Stelle nicht wiederzugeben sind, und wollte noch zu TlMlichkeiten übergehen. Ans meine Beschwerde bei Herrn Feischl erklärte Letzterer ganz lakonisch: „Wegen Ihnen werd' ich ,d e nnicht zur Rede stellen." Nebenbei bemerkt, befindet sich unter den dort beschäftigten 12 Arbeitern nur ein Jude, da alle früher dort beschästigteu Glaubensgenossen zum größten Theile sich nicht solchen Hetzereien preisgeben wollten. Ich könnte noch Unzähliges anführen, aber es würde mich zu weit führen. So sieht es mit den Arbeiterzuständen aus. Wohin soll sich ein jüdischer Arbeiter wenden? Wo soll er Arbeit suchen? Ich appellire im Namen aller jüdischen Arbeiter an einflußreiche jüdische Genossen, etwas mehr als bis nun bei der Arbeitsvergebung solche Thatsachen zu berücksichtigen. Man muß ganz einfach die antisemitischen Fabriken meiden. Ein jüdischer S ch l v s s e r g e h i l s e*). Brünn,2.Mai. (D a s Testament des Baron Hirsch.) Beim hiesigen Landesgerichte als der Real-Instanz des Schlosses Eichhorn, des Wohnsitzes des verstorbenen Baron Hirsch, wurden heute Mittags durch den Advocaten Dr. Gustav H a a s, den langjährigen vertranten Berather des Verblichenen in Rechtsangelezenheiten, die letztwilligen Verfügungen des Baron Hirsch überreicht, welche in Paris ausbewahrt waren. Dieselben bestehen in einem Testamente, ddo. 14. November 1894, und in einem Codicill, ddo. 12. Februar 1895, und sind von Baron Hirsch eigenhändig geschrieben und unterschrieben. Durch das Codicill wird auch eine Million Francs, welche für W o h l t h ä t i g k e i t s - dl n st alte u in Wien bestimmt war, aus Humanitäts-Institute in M ä h r e n übertragen. Die eine Hälfte dieser Summe hat ausschließlich israelitischen, die andere Hälfte solchen Wohlthätigkeits-Jnstituten zuznsallen, deren Wirksamkeit Bedürftigen ohne Unterschied der Consession gewidmet ist. Die Auswahl der W o h l t h ä t i g k e i t s - A n st a l t e n ist den vier Testaments-Executoren überlassen. Das Vermächtniß von Actien der Jewish Colonisation Association in London im Betrage von z w e i M i l l i o n e n P f u n d S t e r l i n g an die israelitischen Religionsgemeirrden von Brüssel, Frankfurt am Main und Berlin sowie an die englische Jewish Association ist dadurch gegenstandslos geworden, daß diese Actien von dem Erblasser den bedachten Cvrporationen schon bei Lebzeiten überlassen worden sind. Andere Legate sind weder in dem Testament noch in dem Codicill enthalten. Das vorhandene Vermögen fällt der Witwe des Erblassers, Baronin Clara H i r s ch- Bischofsshei m, und seiner achtjährigen Adoptivtochter L u c i e n n e, einer Tochter des verstorbenen Sohnes Lucien, zu. Wie bereits erwähnt, hat Baron Hirsch zur sofortigen Bertheilnng an die Armen von Paris und Wien 200.000 Francs bestimmt und ferner verfügt, daß 60.000 Francs an die Beamten und das Personal der Herrschaft R o s s i tz - E i ch h o r n vertheilt werden. Spende. Frau Baronin Clara H i r s ch auf Gereuth hat zur Vertheilnng an Arme in Wien ohne Unterschied der *) Name und Adresse des Eiin'euvirs sind der Ne?e.ctien bekannt. Consession anläßlich des Ablebens ihres Gatten den Betraa hunderttausend Franc s gespendet. Bezirkshaus. Dr. v. Friebeis hat sofort ein Schreiben an die Spet. gerichtet, in welchem er namens der Stadt Wien den Dank diese munificente Widmung ausspricht. Wie man uns mitheilt, soll Baron Hirsch die Absicht gehr haben, auf dem Rückwege von seinem ungarischen Gute, wo ihn ln Tod ereilt hat, hier mit dem Herrn Landes-Rabbiner Dr. P l a cz e zusammenzutreffen, um mit ihm eine große Wohlthätigkeitsaction, die er für Mähren und andere Kronläuder plante, zu besprechen. Möglicherweise wird die Frau Baronin die auch ihr bekannten Intentionen ihres verewigten Mannes nach der oben bezeichneten Richtung zu realisiren geneigt sein. Baron Hirsch soll sich auch fiir die israelitische Consistorialversassung, ~ welche Herr Dr. P l a c z e k vor einiger Zeit angeregt hat, lebhaft interessirt haben. Budapest. Beim Unterrichtsminister Tr. Wlassics sprach eine aus dem Präsidenten Dr. Bernhard S v n n e n s e l d und den Herren I. Carl H e r z o g und Daniel Svnnenseld bestehende Deputation der W a a g - 9t e u st a d t l e r israelitischen Cultusgemeinde unter Führung des Reichstagsabgeordneten 'Nicolcuts V i e t o r i ß vor, um die Ausnahme der von der Gemeinde erhaltenen israelitischen Unterreatschnle in den Pensivnssond der Mittelschulprosessoreu und die Erhöhung der geringen staatlichen Subvention der Schule zu erbitten. Präsident Dr. Svnnenseld schilderte die patriotische Mission der ungarischen Mittelschule inmitten der von Panslaven bevölkerten Gegend, woraus der Minister und die Ministerialrüthe G v m ör y und K l a m a r i k, bei welchen die Deputation ebenfalls ihre Aufwartung machte, ihre Unterstützung in 'Aussicht stellten. Budapest. Vorige Woche ist Herr Ignaz Reich, Präses der orthodoxen israelitischen Dnrchsührnngscommission, in seiner Nenpester Wohnung nach langem Leiden gestorben. An der Bahre des Dahingeschiedenen, der ein Alter von 70 Jahren erreichte, trauert sozusagen die gesummte orthodoxe Judenschast des Landes, deren Führer er ein volles Vierteljahrhundert hindurch war. Die orthodoxe Landeskanzlei, welche seit ihrem Bestände unter seiner Leitung stand, bildet die vermittelnde Behörde zwischen der Regierung und den orthodoxen Cultusgemeinden. Ignaz Reich war fiir die Orthodoxen Ungarns eine 'Autorität ersten Ranges; in ihn setzten sie unbegrenztes Vertrauen, und wenn sie bei der Regierung eine wichtige 'Angelegenheit zu erledigen hatten, so wendeten sie sich nur an ihn. Es gibt denn auch in ganz Ungarn keinen orthodoxen Inden, der den Namen Ignaz Reich nicht gekannt hätte. — Das Leichenbegänguiß, zu welchem viele Rabbiner mts allen Landestheilen eiitgelangt waren, fand in Neupest statt. Die Bestattung erfolgte am Ofner Friedhose der Pester orthodoxen Gemeinde. Vormittag, den 1. Mai, 9 Uhr, sollte die Leichenfeier vor sich gehen, doch hatte dieselbe schon um 8 Uhr ihren Anfang genommen. Die Leiche lag im Nenpester Bethmtse vor dem heiligen Schrein aufgebahrt und vier Rabbiner hielten inofficielle Trauerreden. Zu Beginn der ossiciell testgesetzten Trauerieier wurde die Leiche, welche in einer Bretterkiste lag, in den Hof gebracht, wo der Reihe nach die orthodoxen Rabbiner von Budapest, Marmaros-Sziget, Pacs und Püspök-Ladany Trauerreden hielten. Während der letzten Leichenrede wurde die Bretterkiste — des Transportes wegen — in eine mit Blech ausgeschlagene Kiste gestellt und verlöthet, dann trugen etwa 60 Personen die mit langen Stangen versehene Todtenbahre, welcher an fünfzig Rabbinen, ein nach Hunderten zählendes Trmierpublicum und eine lange Reihe von Wagen folgten, durch Neupest bis ungefähr zur Schiffswerste „Danubius", allwo die Polizei das weitere Tragen der Leiche untersagte. Nun entstand ein großer Rummel, da sich einige Fanatiker dem Polizeibesehle nicht fügen wollten, die besonneneren Elemente jedoch veranlaßten, daß die Leiche aus den bereitstehenden zweispännigen Leichenwagen gehoben witrde, was — da die Kiste einen ungewöhnlich großen Umfang hatte — nur mit dem Aufgebote aller Kraft mtb auch nur theilweise möglich wurde. Der Leichenwagen konnte den Sarg nur zum Theil ausnehmen, ein gut Stück desselben ragte frei in die Luft und mußte Volt einigen Leuten gehaltert werden. So kam man endlich um die Mittagsstunde zurrt Westbahnhote, rvoselbst der Leichenzng von einer großen Menschenmenge erwartet wurde. Von hier aus ging's tunt über Oie Margarethenbrücke nach Ofen zum Deutschen Thale, wo sich der Gottesacker der Orthodoxen befindet. In der Leichenhalle hielt noch der Rabbiner von Eisenstadt eilte Trauerrede, woraus endlich — es war schort halb :> Uhr Nachmittags — der todte Präsident der israelitischen Dnrchsührungscommiffion zur Ruhe gebracht wurde.