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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-08 · 19 (8.5.1896) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
19 (8.5.1896)
Date
1896-05-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 380 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 19 Vukovar, 27. April. Der Kaiser hat an Stelle des abgedankten Cultus- und Unterrichtschess unserer Landesregierung den Landes-Oberstaatsanwalt Otto v. K r a j s o v i c 's zum Leiter der Cultus- und Unterrichtsabtheilung ernannt. Da der neue Cultuschef ein Sohn unserer Comitatsstadt ist, hat die Repräsentanz der Stadt beschlossen, unter Führung des Bürgermeisters eine aus 15 Personen bestehende Deputation nach Agram zu senden, um den illustren Sohn unserer Stadt int Namen chmmtlicher Bürger hcrzlichst p beglückwünschen. Die hier besteheirden Confessionen waren durch je einen Geistlichen vertreten. Aus die Ansprache des Bürgermeisters gab der Cultuschef eine von echt liberaler Gesinnung durchglühte Antwort, die auch weitere Kreise mit aufrichtiger Freude vernehmen werden. „Aus tiefster Seele danke ich Ihnen, hochverehrte Herren," so lautete die Antwort, „für die herzliche Begrünung. Ich sehe in Ihrem schönen Kreise mir zum großen Theile persönlich bekannte, hochgeschätzte Bürger der Comitatsstadt Bukovar in schönste r Eintracht versammelt. Glauben Sie mir, daß ich gerade von diesem Umstande besonders erstellt bin, da ich sehe, daß meine Geburtsstadt die Postulate der Entwicklung und des Fortschrittes auf geistigem und materiellem Gebiete kennt und beherzigt. Wollen Sie Ihren Mitbürgern a l l e r C o n f e s s i o n e n und Nationalitäten verkünden, daß sie in mir einen willigen und eifrigen Beschützer ihrer berechtigten Bestrebungen finden werden". M. H. Crfurt. (Antisemitismus in der Schule.) In Erfurt ist es bei der Einführung eines neu ernannten Oberlehrers zu einer peinlichen Scene gekommen, deren Urheber der Director des Kgl. Realgymnasiums, Dr. Zange, ein ausgesprochener conservativer Parteimann mit antisemitischer Gesinnung, ist. Ein in allen Kreisen der Stadt hochangesehener jüdischer Lehrer, D r. Pick, bekannt als Historiker und Alterthumsforscher, der bisher an einer höheren Handelsschule thätig gewesen, ist von der Kgl. Regierung zum Oberlehrer am Realgymnasium ernannt worden. Beim Wiederbeginn des Schulunterrichts nach den Osterferien benutzte um: der oben genannte Director den Einführungsact, um vor versammelter Schule seinen Unwillen über die Ernennung des neuen Lehrers Ausdruck zu geben. Der Herr Director erklärte nach der Vorstellung des Dr. Pick offen, daß er alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zur Hintertreibung der Wahl desselben versucht habe; selbst weite'Reisen habe er nicht gescheut. Sein Streben sei jedoch erfolglos gewesen und Herr Dr. Pick zum Lehrer an der Schule ernannt worden. Er betrachte dieses als einen Mißgriff; die Zahl der jüdischen Schüler am Realgymnasium sei so klein, daß sich die Ernennung eines jüdischen Lehrers nicht rechtfertigen lasse. Trotzdem sei dieselbe erfolgt und könne er, der Director, heute nur noch den Wunsch aussprechen, daß Herr Dr. Pick stets unparteiisch handeln und in seinem Wirken als Lehrer Jesus Christus vor Augen haben möge. Diese sonderbare, den Oberlehrer Pick unzweifelhaft verletzende und seine Autorität als Lehrer untergrabende Ansprache hat bei der großen Mehrzahl der Zuhörer, bei Lehrern und bei Schülern, peinliches Aufsehen erregt. Der Herr Director übersah bei derselben offenbar ganz, daß er in seinem antisemitischen Eifer seine Vorgesetzte Behörde einer Kritik unterzog und daß seine Ausführungen gegen den Geist und Wortlaut der preußischen Verfassung verstießen. Interessant ist es übrigens auch, daß die oben geschilderte Scene sich an einer Schule abspielte, deren Begründer und erster Leiter ein Jude, der noch heute verehrte Dr. Unger, war, dessen Bild die Aula des Gymnasiums ziert, und dessen Grab bei der kürzlich stattgefundenen Jubelfeier des Bestehens der Schule officiell geschmückt wurde. Dr. Unger's Verdienste um die Schule und sein lauterer Charakter wurden bei der Jubelfeier vor kaum einem Jahre gepriesen und gefeiert, und das geschah, trotzdem der Verstorbene der jüdischen Religion angehörte. Sein Nachfolger aber hält es für angebracht, einen verdienten Schulmann anzugreifen, weil er Jude ist. Wo bleibt da die Logik?! Warschau, 22. April. Vor einiger Zeit starb hier ein Arzt, Dr. Loewenglück, der das mäßige Vermögen, welches er im Laufe eines arbeitsamen Lebens erworben, zu wohlthätigen Zwecken hinterließ. Da nun, wie bekannt, sehr viel jüdisches Geld christlichen Armen zu Gute kommt, ohne daß man deshalb aufhört, bie_ Juden Blutsauger des Landes und Parasiten zu nennen, verfügte Dr. Loewenglück in seinem Testament, daß die Zinsen eines, speciell für Christen gestifteten Legates, im Tempelgebäude zur Vertheilung gelangen sollten. Diese Zinsen, im Betrage von 52 Rubel 20 Kopeken, sotten daher am 24. April eines jeden Jahres ä 15 Kopeken pro Mann, d. h. ait 348 Arme ausgefolgt werden. Daß die 'Absicht, die den Erblasser dabei leitete, eine versöhnliche, daß er es den Armen zum Bewußtsein bringen wollte, die Juden seien doch nicht so verwerflich, da ihnen das Elend ihrer christlichen Mitbürger am Herzen liegt, und nur zu diesem Behuse die Vertheilung im Tempelgebäude zur Bedingung machte, kann wohl von keinem gerade Denkenden angezweifelt werden. Und doch ist die Macht des Hasses so verblendend, daß die so genannten neutralen Blätter den Umstand, daß die Unterstützung für Christen bestimmt ist, gänzlich verschweigen, indeß die Antisemiten mit lautem Gezeter über dieses Legat herfallen und eines ihrer Organe, der „Will," sich nicht scheut, dasselbe eine „Verletzung christlicher Gefühle" zu nennen. Obwohl die 348 Hungrigen, welche rechnen, 15 Kopeken gleichen einem Mittagessen, derselben Ansicht feilt werden? — Gestern langte die erschütternde Kunde vom plötzlichen Heimgange des Baron Hirsch an, dieses edlen Menschenfreundes, des Beschützers aller Unterdrückten. Die Thätigkeit dieses Wohlthäters der Menschheit zu schildern, ein Urtheil über seine Persönlichkeit zu fällen, bleibt der Geschichte Vorbehalten, da große Männer, von ihrem Jahrhundert nicht verstanden, der Zukunft angehören. Doch gilt dies nur für das Urtheil des Kopfes. Mit dem Herzen hingegen hat das jüdische Volk begriffen, was es an seinem großmüthigen Protector besessen; in den Herzen von Millionen hat er sich ein unsterbliches Denknral gesetzt und Millionen weinen um ihit, wie um einen hochverehrten, heißgeliebten Vater. „Was wird jetzt werden, da Baron Hirsch nicht mehr lebt?", so fragen diese Aermften unter den Armen, und welche Antwort wird die Zeit ihnen bringen? Von den Ufern der Newa. Petersburg, den 2. Mai 1896. Laut dem allerhöchst bestätigten, vor einigen Monaten veröffentlichten Krönnngsccremoniell des Kaisers Nicolaus des II. sollten bei dieser Feierlichkeit alle im weiten Reiche ansässigen Nationalitäten ohne Unterschied der Confession, also auch die heidnischen Burjaten, Samojeden, Kalmücken u. s. w., vertreten sein, nur nicht - die Juden Diese erzwungene Abstinenz war hier lange Zeit Gegenstand sehr belebter Gespräche — endlich schienen unsere, an so manche Enttäuschung gewöhnten Glaubensgenossen auch diese Zurücksetzung verschmerzt zu haben. Unvermuthet aber verbreitet sich ein Gerücht, die Regierung habe, in Folge vielfacher Bemühungen jüdischer Notabeln, die Zulassung dreier Rabbiner zur Krönungsfeier gestattet. Es werden schon sogar die Gemeinden namhaft gemacht, in denen dieselben functioniren: Kischenew, Petersburg und Bilua. Ob dem wirklich so ist — ist sehr zweifelhaft, hauptsächlich aus dem Grunde, da in solchem Falle ein ebenfalls allerhöchst bestätigtes Ergänzungsceremoniell erforderlich wäre, das wir jedoch bis jetzt nicht zu lesen bekommen haben und die Krönungsfeier, wie bekannt, schon am 12/24. Mai beginnt. Was wir Juden übrigens von der Zukunft zu hoffen haben, geht unter Anderem aus den jüngst bestätigten (am 12/24. März 1896) Statuten der in Moskau und Petersburg existirenden (früher Aufklärungscornitös) Volksaufklärungsgesellschaften hervor. In diesen Statuten befindet sich nämlich ein Paragraph 7, wonach zu Mitgliedern genannter Gesellschaften nur C h r i st e n gewählt werden können. Andererseits bringen uns nichts Erfreuliches einige über neue Ernennungen in unserer Residenzstadt circulirende Versionen. Und zwar soll den für jüdische Angelegenheiten überaus wichtigen Posten des Polizeidepartement-Directors im Ministerium des Innern, den der vor ein paar Tagen verstorbene Geheimrath S a b u r o f f inne hatte, ein höchst antisemitisch gesinnter Würdenträger einnehmen. Eine zweite Hiobsbotschaft meldet, daß der bisherige Justizminister Herr M u r a v i e f f, der nmnche Begünstigung jüdischen Juristen bei der seit Langem geplanten Gerichtsreform zu erweisen beabsichtigte, seinen Posten verlasse und zu seinem Nachfolger ein als entschiedener Judenfeind bekannter Staatsmann auserkoren sei. Das Aufklärungsministerium hat neulich ein Rundschreiben an alle Schulbehörden in Rußland erlassen, worin dieselben zur Gründung von Lehrer- und Schülerhilfscassen

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