Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021135--05599-3029842- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 378 Nr. 19 Dr Bloch's Wochenichrift. zu versuchen. Würde es gelingen, Ihre Majestät die Königin von England für die Sache zu gewinnen, dann würde eine Schwierigkeit um die andere verschwinden. Wenn andererseits kein Jude den Muth oder den Willen findet, einen Schritt in der Angelegenheit zu thun, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Welt sagt: Die Juden wollen Palästina nicht." Vom Leichenbegänguitz des Herrn Baron Hirsch. Der Nachruf, welchen der Vicepräsident der Alliance israelite Universelle, Herr Narcisse Leven, dem Verstorbenen am Sarge hielt, lautet in deutscher Uebertragung*): Der Tod des Herrn Baron Hirsch hat die Alliance Israelite Universelle in tiefste Betrübuiß versetzt. Sie verliert an ihm einen ihrer größten Wohlthäter. Seit 1872 hat er ihre Thätigkeit gefördert, und durch 20 Jahre Mitglied ihres Centralcomites, hat er sie nicht nur mit seiner Freigiebigkeit überhäuft, sondern übernahm sogar die Durchführung eines Theiles ihres Programmes und rief bedeutende Institutionen in Europa und in Amerika ins Leben, deren jede allein schon Zeugniß von seiner Nächstenliebe ablegen würde. Er hat aber diese Institutionen zu einem Ganzen ausgestattet und sie reichlichst dotirt, wobei er eine solche Geistesstärke und einen solchen Unternehmungssinn bekundete, wie sie bei den meisten Menschen kaum in der Verfolgung ihrer Privatinteressen zu finden sind. Der Reichthum galt in seinen Augen nur insoferne, als er die Möglichkeit, Gutes zu schaffen, bietet. Als er die Alliance und chre Institutionen kennen lernte und ihre Nützlichkeit einsah, begriff er recht bald, daß ihre noch bescheidenen Mittel nicht ausreichen würden, die überiwmmene Aufgabe der Unterstützung und Emporhebung der durch 100jährige Verfolgungen gebeugten und unter denselben noch leidenden jüdischen Massen erfolgreich zu lösen. Er beschloß daher, der Alliance zu Hilfe zu kourmen und stellte ihr, ohne erst nachzurechnen. Alles, was sie von ihm verlangte, zur Verfügung. Dank seiner Förderung haben sich unsere Elementarschulen im Oriente, unsere Unterrichtsanstalten, unsere Ackerbauunternehmungen consolidiren und entwickeln können. Er wirkte jedoch nicht blos für die Gegenwart, er trachtete vieünehr auch chre Zukunft zu sichern, indem er sie mit den erforderlichen Mitteln versah. So wirkte er für die Zukunft unserer Glaubensgenossen. Allein auch in der Gegenwart such chre Leiden sehr groß; es gibt viele Länder, wo chnen jede Hilfe fehlt. Wenn ein unglückliches Ereigniß, eine Epidemie, eine Feuersbrunst sie heimsucht, wenden sie sich an uns und pflegten sich an Herrn Baron Hirsch zu wendeir. Solche Aufrufe verhallten nie ungehört und die dargebotene Hilfe übertraf oft die Höhe des Schadens. Seine Munificenz erstreckte sich nicht blos auf Israeliten. Während des orientalischen Krieges in der Türkei, in Bulgarien, erfteuten sich Christen wie Muselmänner seiner Hilfe. Ganze Städte wurden durch ihn von Hungersnoth und Tod gerettet. Wenn er in solch kritischen Stunden so großmüthig auftrat, so blieb auch in gewöhnlichen Zeiten seine Hand den Armen nicht verschlossen. In vielen Großstädten Europas gründete er Wohlthätrgkeits-Bureaux. Europa und Amerika verdanken ihm große Stiftungen. Galizien, ein ziemlich gut versorgtes Culturwerk, welches dauernd an der Emporhebung der dortigen zahlreichen Israeliten durch Bildung und Handwerk zu arbeiten in der Lage ist. Amerika hat er die Mittel gegeben, den Ausgewiesenen eine permanente Unterstützung angedeihen zu lassen. Von chrem Elend gerührt, ging er daran, noch etwas Besseres für sie zu schaffen. Er gründete Colonien in Argentinien und bot diesen Verlassenen ein neues Leben. So entblößt sie früher von Allem waren, sahen sie sich mit einem Male mit Allem versehen. Er kaufte ausgedehnte Ländereien an, Tausende von Menschen bekamen Land, Ackerbaugeräthe, Lebensmittel, um Unabhängigkeit durch Arbeit und Fleiß zu erlangen und in einem gastfreundlichen Lande ruhig leben zu können. Ist das wohl Alles? Nein! Er gab sich ihnen selbst hin. Das Studium und die Ausarbeitung des Colonisationsplanes, die Auswahl der Colonisten bildeten die Beschäftigung der letzten Jahre seines Die wortgetreue Ucbersetzung dieses Nachrufs wurde uns von einem den Leichenfeierlichleiten in Paris anwohneuden Delegirten überlosfni, welcher den Text von dem ihm befreundeten Redner erhielt. Lebens. Er wendet alle seine Kräfte an, um diesem Unternehmen den Erfolg zu sichern. In dem Maße, als Schwierigkeiten auftauchten, vervielfältigten sich auch seine Anstrengungen. Sollte ich schon wirklich mit dem Herzählen seiner Wohlthaten zu Ende sein? Herr v. Hirsch trachtete, ohne Unterschied sie zu vermehren. Die Verfügungen, welche er für die Zukunft getroffen, beweisen, wie sehr sein Geist stets davon erfüllt war. Sollte ihm im Leben Jemand gleichgekommen sein, so hat ihn jedenfalls noch kein Philantrop übertroffen. Auch sein Testament ist ein Denkmal der Philantropie. Um würdig von Herrn v. Hirsch zu sprechen, müßte man seine Stiftungen detaillirt analysiren, und es wäre mir kaum möglich, dies auch nur anzudeuten. Halten wir uns daher in diesem Momente darair, die unsere Seele bestürmenden Gefühle zum Ausdrucke zu bringen: Bewunderung, Dankbarkeit ftir das vollbrachte Gute und Trauer, in der ganzen Fülle seiner Thätigkeit den Mann verschwinden zu sehen, dessen Leben noch durch lange Jahre hätte nützlich sein sollen. O! Warum war es ihm nicht gegönnt, seine Stiftungen zu befestigen und zu entwickeln und deren glücklichen Erfolge wahrzunehmen. Die Vorsehung hat es anders bestimmt. Herr von Hirsch ist tobt und hinterläßt unauslöschliche Trauer. Wir werden ihn nicht vergessen und in die Huldigung, welche ihm unsere Dankbarkeit zollt, wollen wir auch die ausgezeichnete Frau einfchließen, welche sich so edelmüthig an Allem betheiligt hat, was die Ehre seines Lebens ausmacht. Wir sind aber dem Andenken des Herrn Baron Hirsch mehr als eine Pietätvolle Erinnerung schuldig. Er vermacht uns, er vermacht dem Judenthum seine Stiftungen. Die schönste Huldigung, die wir ihm darbringen können, besteht darin, daß wir uns bestreben, sie zu erhalten, sie zur Entfaltung zu bringen, damit die von ihm erhofften Früchte zur Wirklichkeit werden. In Erfüllung dieser Pflicht werden wir in seinem Geiste wirken und sein Gedächtniß verewigen. Correspondenzen. Wien. Am 17. Mai feiert der Senior unserer Glaubensgenossen in den westlichen Bezirken Wiens, Herr Moses Feßler, der Mitbegründer und Präses des seit 28 Jahren in den Bezirken Mariahilf und Neubau bestehenden israelitischen Humanitätsvereines „Nachlath Jeschurun", in voller geistiger und körperlicher Frische seinen 80. Geburtstag. Der Initiative dieses Jubelgreises ist es zu danken, daß seit 12 Jahren im VI, Bezirke ein Freitisch besteht, an welchem täglich 25 arme israelitische Schulkinder mit gesunder Kost unentgeltlich verpflegt werden. Herr Feßler ist auch seit 18 Jahren Vorstandsmitglied des israelitischen Tempelvereines in Mariahilf und hat sich um die beiden genannten Vereine besondere Verdienste erworben. Daftir wird der Greis mit den Silberlocken von Alt und Jung verehrt und selbst bei der großen Mehrheit der christlichen Bevölkerung der „Fabrikantengründe" hat der Name des „alten Herrn Feßler" guten Klang. Von den Ovationen, die dem edlen Manne zugedacht sind, wollen wir vorläufig nichts verrathen. Wien. (Wie jüdische Handwerker in arischen Betrieben behandelt werde n.) Wir erhaltet: nachstehende Zuschrift, die wir zur Charakteristik der gegenwärtigen Zustände tviedergeben. „Geehrte Redactionl Ich bitte, wenn thunlich, nachstehenden Sachverhalt zur allgemeinen Kenntniß zu britrgen. G e g e u w ä r t i g e Lage derjüdischen Arbeiter. Durch die iteuefte politische Hetze hervorgerufene Verrohung und Brutalität hat nicht nur den Straßenpöbel, sondern auch die tneisten und größten Fabriksunternehmungen ergriffen, die doch zum großen Theile fast ausschließlich von Juden beschäftigt sind. Freilich, die reichen Glaubensgenoffen verspüren den Racenhaß nicht so sehr, da ja bekanntlich die antisemitischen Krakehler das jüdische Geld gerne nehmen. Aber um so härter empfindet es der jüdische Arbeiter, dem in den meisten Betrieben seiner Abstammung wegen, ohne Rücksicht auf seine Befähigung, Thür und Thor verschlossen sind. Ich führe nachstehend einige Stichproben zu meiner gemachten Behauptung an: