Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Vloch's Wochrnfchrist. Seite 375 Männer kamen unverletzt aus dem feurigen Ofen, kein Haar wurde ihnen versengt, ihre Kleider nicht beschädigt. Die drei Männer kann mau als Sinnbild des ganzen Judenvolks betrachten, das so oft von seinen Feinden dem Tode, der Vernichtung geweiht wurde und doch alle Feuerproben überstand, sich als unzerstörbar erwies. Welches Volk hätte nach einer solchen Katastrophe, wie die Erstürmung Jerusalems mkd die Zerstörung des Tempels durch Titus, sich so schnell zu neuem Kampfe wieder aufgerafft wie die Juden, welches Volk sich ein halbes Menschenalter nach dem zweiten Aufstande zu einem dritten noch furchtbareren, der das gewaltige Römerreich erschütterte, erhoben! Und wieder wie zu Nebukadnezar's Zeiten war es ein Kampf für den Glauben, aber auch, wie zu den Zeiten der Flavier,' für die Freiheit. Sehr schön sagt Gregorovius in seiner Geschichte des Kaiser Hadrian:*) „Während die jubelnden Griechen dem neuen olympischen Zeus Tempel errichteten und die Nationen des Westens und Ostens vor der Majestät des Kaisers im Staube lagen, gab es im Reich nur noch ein Volk, welches nicht nur Hadrian die göttlichen Ehren verweigerte, sondern sich in Verzweiflung erhob, um den Glauben der Väter an den einen Gott des Himmels und der Erde zu vertheidigen und die Freiheit wieder zu erkämpfen oder nnterzugehen. Dies war das Judenvolk in Palästina." Leider besitzen wir über die letzten Heldenkämpfe der Juden kein solches Geschichtswerk wie das des Josephus über den vespasianischeu Krieg. Ja selbst über die drei Jahrhunderte ältern makkabäischen Kriege sind wir besser unterrichtet, und was am meisten zu bedauern ist, die jüdischen Quellen lassen uns hier fast ganz im Stich oder geben ganz phantastische, märchenhaft ansgeschmückte Darstellungen. Die Hasmonäer Mathias, Judas, Simon sind reale historische Personen, aber Barkochba ist eine fast mythische Gestalt, und von den Führern des afrikanischen Aufstandes wissen wir kaum einen Namen mit Sicherheit zu nennen. So sind wir fast ganz ans die Berichte der Griechen und Römer angewiesen: und wenn wir betrachten, wie diese ewigen Feinde der Juden von ihren Heldenkämpfen erzählen, wie manche ihrer. Historiker bei deren Schilderung noch vor Angst zu zittern scheinen, so können wir uns einen Begriff von der Todesverachtung und Begeisterung der jüdischen Freiheitskämpfer machen. Mit Recht schließt daher Gregorovius seine Darstellung dieser Kämpfe mit den Worten: „Dieser Versuch war im Angesicht der Weltverhältnisse eine That des verzweifelten Wahnsinns, aber auch als solche ehrt derselbe das Judenvolk. Da dieses nicht wie die Hellenen im Stande war, nach dem Falle seines nationalen Staates in den römischen Weltvrganismus sich einzufügen und in ihm kosmopolitisch fortzudauern, mußte es, seinem Charakter getreu, auf den Trümmern Judäas heroisch untergehen." Der Staat Judäa ist untergegangen, aber „das Judenthum selbst blieb unzerstörlich", dies fügt noch der deutsche Historiker der Stadt Rom hinzu, und so weit sind wir mit ihm einverstanden. Aber hat er auch Recht, wenn er den Aufstand „eine That des verzweifelten Wahnsinns" nennt? Im Jahre 1820 brach eine Revolution in Neapel aus und der König Ferdinand wurde zur Verleihung einer Constitution gezwungen. Aber schon int nächsten Jahre rückten österreichische Truppen in das Königreich ein, die neapolitanische Armee tvurde geschlagen und die unumschränkte Herrschaft des Königs wiederhergestellt. Erst jetzt brach der Aufstand in Piemont aus, der noch schneller niedergeschlagen wurde. Und ebenso wenig Erfolg hatte die iin Jahre 1831 im Kirchenstaat ausgebrochene Revolution. Wären alle drei Aufstände gleichzeitig ausgebrochen und hätten die Italiener französische Unterstützung gefunden, ans die sie wohl im Jahre 1831 hoffen durften, so wäre das einige Königreich Italien schon ein Menschenalter vor 1860 erstanden. Etwas Aehnliches ging unter den Regierungen der römischen Kaiser Trajan und Hadrian vor, und einen ähnlichen Jrrthum oder einen ähnlichen Rechnungsfehler, wie siebzehn Jahrhunderte später die Italiener, haben damals die Juden begangen; aber eine That des Wahnsinns war es nicht. In den letzten Jahren seiner Regierung führte Trajan einen anfangs glücklichen Krieg gegen die Parther. Er machte Mesopotamien, Assyrien und Ädiabene zu römischen Provinzen und drang bis Charax-Spasinu an der Tigrismündung vor. *) Der Kaiser Hadrian, von Ferdinand Gregorovius. Zweite neugeschriebene Auflage. Stuttgart 1884 S. 188. Schon träumte er von einer Fortsetzurrg seines Siegesznges nach Indien, als sich (anno 116) im Rücken seines Heeres die Bevölkerungen von Mesopotamien und Ädiabene erhoben. In Seleukia, in Nisibis und Edessa wurden die römischen Besatzungen niedergemacht, in Mesopotamien wurde eine römische Legion unter Maximus umzingelt und niedergehauen. Erst einem andern Feldherrn Trajans, dem Mauretanier Lusins Quietus, gelang es, den Aufstand niederzuschlagen. An diesen Kämpfen gegen ihre alten Feinde, die Römer, haben die Juden jener Gegenden ohne Zweifel theilgenommen. Nisibis hatte eine zahlreiche jüdische Bevölkerung und in Adiabene hatte viele Jahre lang eine jüdische Dynastie unter parthischer Oberherrschaft regiert. Mebarsapes, der damalige Herrscher von Ädiabene, einer der lvenigen Vasallen des Partherreichs, die sich ehrlich gegen die Römer geschlagen hatten, ist wahrscheinlich jüdischen Glaubens gewesen. Mit diesen Vorgängen in Olsten steht der leider verspätete Aufstand im nordöstlichen Aftika und in Cypern im Zusammenhänge. Was die nächste Ursache dieses Aufstandes war, das wissen wir nicht und das hat schon der Kirchenhiftvriker Ensebios vor fünfzehnhundert Jahren nicht gewußt. Auch Div Cassins, der ein Menschenalter nach dem Aufstande geboren wurde, und der Alexandriner Appian, der mit echt griechischem Heldenmuth vor den Aufständischen davonlief, geben keine unmittelbare Ursache des "Aufstandes an. Bedenken wir aber, daß Appian, als Grieche, ein geborener Judenfeind war und daß wir die jene Zeit behandelnden Theile von Dio's Geschichtswerk nur in einem von dem byzantinischen Mönche Liphilinos im 11. Jahrhundert angeferttgten Auszug besitzen, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn diese Historiker die Bedrückungen, welche die Inden zu leiden hatten und die wohl eine der Hauptursachen des Aufstandes waren, verschwiegen. Ja, die Schilderungen der von den aufständischen Juden angeblich begangenen Grausamkeiten hat gewiß der byzantinische Mönch ungeheuer übertrieben, wenn sie nicht ganz erfunden sind. Daß die Lage der Juden in Egypten, wo sie ungefähr den siebenten Theil der Bevölkerung bildeten, auch zur Zeit Trajans, der zu den „guten Kaisern" gerechnet wird, keine besonders gute war, das erhellt sowohl aus den dort im "Allgemeinen herrschenden Zuständen, als aus dem Charakter Trajans. Dieeigentliche Regierung des Landes lag in den Händen der Römer, die allein die höheren Aemter bekleiden konnten: die Aemter zweiten Ranges, voy denen die eigentlichen Egypter, die Ureinwohner, ausgeschlossen waren, blieben den Griechen Vorbehalten. Ob Juden zu Aemtern zugelassen waren ist nicht bekannt. Sie genossen weniger Vorrechte als die Griechen, mußten wie die Egypter Kopfsteuer zahlen, waren aber doch besser gestellt und hielten sich für besser als dieses) Von den bevorrechteten Römern und Griechen bedrückt und zurückgesetzt, erregten doch die Inden den Neid der noch ärger gestellten ärmeren Ureinwohner. Und wenn diese auch ihre römischen und griechischen Herren haßten, so vereinigte sie doch mit ihnen, den Juden gegenüber, die gemeinsame heidnische Religion. Sehen wir doch auch jetzt in manchen Ländern wie "Adel und Clerus. die so lange von dem Schweiße des Bauern und Handwerkers sich bereicherren, auf einmal ganz volksfrenndlich sich der „armen Christen" gegen die „jüdischen "Ausbeuter" annehmen. Die Regierungszeit Trajans und seiner nächsten Nachfolger kann man als eine Zeit der aristokratischen Reacttvn im Römerreiche bettachten. Wie heute die "Agrarier und Cleriealen mit den Phrasen von „Schutz des Bauernstandes", „christlichen Sveialismus" n. dgl. Staat machen, so holte man damals die alten republikanischen Phrasen von Freiheit und Gleichheit hervor. In Wirklichkeit existirte aber weder bürgerliche Freiheit noch Gleichheit. Die römische Aristokratie behielt ihre Vorrechte, der Zugang zum Senat, den "Nerva und Trajan wieder zu Ansehen brachten, blieb nur den "Aristokraten ftei. "Am schlimmsten erging es den Provinzialen, die gerade von den bei den römischen Historikern als schlecht bezeichneten Kaisern weniger zu leiden hatten, als unter den sogenannten guten. (Fortsetzung folgt.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Das neue anttsemittsche Präsidium des W teuer G em e i n d e r a t h e s ist cvmplet. Ein schwerer Kampf ist der Wahl vorangegangen, ein Kampf, in welchem auch Opfer fielen, auf der einen Seite der arme Professor Schlesinger, der *) Bergt. Mommsen, Römische Geschichte Y. S. 562, 563, 586.