Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 374 Dr. Vloch's Wochrnfchrifl Nr. 19 ftändniffe, welche die Christen in Betreff des Judenthums begingen, auch von Juden in Betreff des Christenthums begangen wurden. Ich will nicht fragen, ob es nicht Phasen gibt oder ob nicht Zeiten in der Geschichte beider Religionen waren, in welchen die Mißverständnisse ebensoviel Wahrheit enthielten als Jrrthum und ob daher die Moral der ganzen Geschichte nicht die ist, daß Völker oder Menschen, die in Glashäusern wohnen, nicht mit Steinen werfen sollen. Ich will aus der großen Aehnlichkeit der Angriffe nur die Moral der Duldsamkeit und der gegenseitigen Achtung, andererseits die der strengen Nothwendigkeit äußerster Um- und Vorsicht in religiöser Kritik und theologischen Vergleichen ableiten. I. Abgesehen von ihrer abstracten und darum irrthümlichen Einheitsidee wird die jüdische Auffassung von Gott gewöhnlich als geistig und ethisch unzureichend beurtheilt. Der Gott der Juden ist ein Gott der Gerechtigkeit, aber er ist kein Gott der Liebe. Ueberdies ist er durch die äußerliche Art, in der er betrachtet wird und weil die einzige Beziehung, welche die Juden zu ihm haben, die ist, daß sie Sclaven ihres Gottes sind und weil ihr einziger Gottesdienst in einer endlosen und unerfüllbaren Reihe von unzusammenhängenden und willkürlichen Geboten besteht, in Folge aller dieser Gründe ist der Gott des Judenthums entfernt und unnahbar, unerreichbar, stets gesucht und nie gefunden. Dieses ist mit endlosen Variationen im Einzelnen und in der Ausdehnung die christliche Auffaffung vom Juden- Gott. Lassen sie mich nun hart daneben die jüdische Auffaffung vom christlichen Gotte in seinem Contraste mit dem Gotte des Judenthums stellen! Dem jüdischen Geiste ist Gott im wahrsten Sinne ein Vater; so wie ein Vater seiner Kinder sich erbarmt, so erbarmt sich der Herr derer, die ihn fürchten; seinem Sinne erscheint Gott allbarmherzig und gnädig, dem Zorn abgeneigt und groß in der Gnade, ihm ist Gott, der ewige Vater, stets zugänglich und nahe feinen Menschenkindern. Zwischen dem Kinde und seinem Vater im Himmel gibt es keinen Mittler oder Fürsprecher und braucht es keinen zu geben. Groß wie der Vater ist, ist er unsagbar gütig und edel. Wo immer die Bibel Gottes Größe erwähnt, führt sie auch seine Herablassung an, wie der Talmud sagt, und daher ist Gott stets bereit, zu erhören und zu retten. Hingegen ist den Christen ihr Gott so fern, so schrecklich, daß man sich ihm nur nähern kann, durch einen Mittler oder Fürsprecher, halb menschlich und halb göttlich. Er will Blut haben für Blut, selbst wenn es das Blut seines Sohnes ist. Die Gerechtigkeit und Liebe Gottes werden willkürlich von einander geschieden. Der Vater ist gerechterer Sohn ist liebreich, so daß die Einheit der göttlichen Attribute zerrissen und zerstört wird. Der Christ glaubt an ein schreckliches Dogma, genannt der Fall des Menschen, in Folge dessen, weil unsere ersten Eltern gesündigt haben, jeder nachkommende Mensch ewig verdammt ist, von wirklichen, materiellen Leiden heimgesucht zu werden. Der einzige Weg, durch welchen dieser ftirchterliche Ausgang abgewendet werden konnte, war durch die Jncarnation eines Theils der Gottheit in der Form eines Menschen und durch seinen selbstgewählten Tod am Kreuze. Doch konnte dieses merkwürdige Auskunstsmittel nur theilweise die schlechten Folgen von Gottes grausamer und ungerechter Verordnung vernichten, denn er ordnete ferner an, daß allein die an das Dogma der Jncarnation glauben, die ihrer Wohlthaten theilhastig werden sollen. Alle Anderen und sicher alle Juden, Türken und Ungläubigen, welche unter dem christlichen Einstuß leben und doch nicht gesonnen sind, Christen zu werden, wird Gott sicher zu ewiger Verdammniß in der wirklichen und glühenden Hölle verurtheilen. II. Als zweites einfaches Mißverständniß des modernen Judenthums von Seiten der Christen und des Christenthums von Seiten der Juden lassen Sie uns die Bedingungen, die beide Religionen zur Erreichung der ewigen Seligkeit aufstellen, anführen. Der Christ scheint zu glauben, daß die einzige Bedingung, die das Judenthum dafür aufftellt, die äußerliche der Race sei. Das zukünftige Leben ist das Vorrecht des Juden, der im Himmel reichliche Belohnung finden wird für seine langen Leiden aus der Erde. Die himmlischerr Thore sind dem Heiden verschlossen. Der Jude glaubt andererseits, daß die christliche Heilsidee beschränkt und unmoralisch sei, während die seinige edel und liberal ist, denn nach ihm lehrt das Judenthum, daß Gott auf den Charakter und das Bettagen, und zwar als Richter sieht. Die religiösen Dogmen, die einem Menschen zufällig gelehrt wurden und die er glaubt, sind in dieser Hinsicht nicht von Belang das gute Leben ist Alles. Die Frommer: aller Nationen werden einer: Antheil haben ar: der kürfftigen Welt. Dies ist r:ach der: jüdischen Theologen die Lehre des Talmud ur:d des modernen Judenthums. Dagegen hat nun der Christ oder wer:igster:s der Protestant ein furchtbares Dogma ersormer: und glaubt an die svgei:ai:i:te Rechtfertigung durch den Glauben, wonach der Grad der Strenggläubigkeit den Maßstab abgibl, womit jenseits des Grabes das menschliche Schicksal bemessen und 'zugesprochen wird. Betragei: ist im besten Falle eine zufällige Eigenschaft, ohr:e der: rechter: Glauben wird es, noch so edel, ganz ohne Gewinn fein. Nur wahre Gläubige werden in die Thore des Himmels eintreter: können. III. Kein Vorwurf wird häufiger gegen das Judeitthum erhoben als der einer oberflächlichen äußerlicken Auffassung der Sür:de. Vor Allem versteht der Jude nicht die volle Gottlosigkeit der Sünde und zweitens, und das will ich heute hervorhebe::, nimmt der Jude eine' irrthümliche geistige und rrroralische Stellurrg zu ihr ein. Daran ist zum Theil die Thatsache Schuld, daß er sich über die wahre Natur des Guten nie klar wurde. Er denkt, Güte bedeute Thun, er weiß nichts von Sein. Ferner ist Gutesthun ihm die gesetzliche Handlung, nicht mehr und :ncht weniger, ein Endchen einer endlosen Reihe einzelner Vorschriften. Einige dieser Gesetze sind rituell, einige moralisch, doch er legt beiden denselben Werth bei. Er erfüllt nicht die moralischen Gesetze, weil sie moralisch sind, sondern weil sie auf der Liste stehen, nebenbei auch, weil er durch sie einen Lohn zu gewinnen hofft. Die Folgen sind doppelt. Entweder er befolgt eine ganze Reihe dieser Gesetze und ist aufgeblasen von Stolz und Selbstgefälligkeit, oder er ist sich dessen bewußt, daß es eine Menge von ihnen gibt, welche er nicht zu erfüllen im Stande war, und' er ist niedergeschlagen durch Selbstvorwürfe und Verzweiflung. Diese beide:: geistigen Richtungen, seien sie nun das stolze, pharisäische Bewußtsein des „Verdienstes" oder das anscheinend gleich pharisäische Gefühl der Verzweiflung, dienen zugleich als köstliche Gegensätze zur christlichen Ueberzeugung vom eigenen persönlichen Unwerth in Verbindung mit einen: demüthigen, wufrichtenden Glauben an die Versöhnung mit Gott durch Jesus Christus. Ein gleich köstliches Gegenbild bietet sich dem Juden in der Bettachtt:ng des Christenthums in folgenden Einzelheiten. Der Jude sagt, fei demüthig und doch heiter. Was der allweise und allgütige Gott ihn: offenbart hat als seine Pflicht, das sucht er zu thun. Gott hat ihm die Fähigkeit gegeben, gut zu sein und Gutes zu thun, das Rechte zu wählen und das Böse zu vermeiden, in gewissen Grenzen, aber Gott hat alle Menschen gebrechlich geschaffen, und in einem größeren und geringeren Grade zu sündigen, ist für uns Alle eine Nothwendigkeit; daher werfen sich die Juden der Barmberzigkeit Gottes entgegen, und sie glauben, dieses Erbarmen wird ihnen willig gewährt werden. Viel kann er nicht thun, sehr gut kann er nicht sein, doch ist er ja eben nur Staub und sein himmlischer Vater wird ihn beurtheilen nach seinen schwachen Kräften. So einfach und so ermuthigend ist die Religion des Judenthums. Wohingegen das Christenthum lehrt, daß der natürliche Mensch Nichts zu Stande bringen kann und daß seine äußersten Bemühungen gar nichts werth sind; Alles muß für 'ihn übernatürlich geschehen, an sich und für sich ist er machtlos. Alle Jene, welche keine persönliche und innere Ueberzeugung des Heils durch die Genauigkeit und Lebhaftigkeit ihres Glaubens empfinden, können sich nur als Sünder vor Gott bettachten, ihre moralischen Tugenden nützen ihnen nichts, während Jene, die diese innere und rettende Ueberzeugung haben, das Salz der Erde sind und wissen, daß sie es feien. _ (Schluß folgt.) Die Freihettskämpse der Juden zu den Zeiten der Kaiser Trajan und Hadrian. Im Buche Daniel wird erzählt, wie „alle Völker, Nationen und Zungen" anbetend vor dem goldenen Bilde Nebukadnezars hinfielen; nur Schadrach, Meschach und Abed Nego erklärten dem Könige, daß sie nie dienen werden seinen Göttern und das goldene Bild, das er anfgestellt hatte, nicht anbeten werden, wofür sie in dem brennenden Ofen, dem Vorbilde der Scheiter- Haufen der „heiligen Jnquisitton", geworfen wurden. Die drei