Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Vlochs' Wochen,christ. Seite 373 zuzuschreiben. Wenn unsere Gesellschaft oder Partei alle Tugenden' besitzt, und warum sonst würden wir zu ihr gehören, noch mehr, wenn ihre Tugenden ihr Charakteristikon sind, was kann dann für die andere Partei bleiben als Mängel und Laster. In Lastern und Mängeln besteht ihr Charakteristikon. Ueber all diesen natürlichen und einleuchtenden Griinden steht aber noch der folgende, die Gewohnheit, die wir Alle haben, eine andere Religion als Folie der unseligen zu benützen. Vergleiche sirrd verhaßt, sagt das Sprichwort, doch wegen ihres Stachels werden sie eben gemacht. Der Zweck der Vergleiche ist, Gegensätze hervorzuheben, und die einfachste und gewaltsamste Art des Contrastes ist der Contrast zwischen Gut und Böse. Je tiefer die Schatten, desto Heller das Licht. Wir heben daher in der verglichenen Religion diejenigen Riten, Gesetze, Aussprüche und Dogmen hervor, welche die Vorzüglichkeit und Schönheit unserer eigenen in's beste Licht stellen. Alles Andere kümmert uns nicht. In unserer eigenen Religion ignoriren wir das Schlechte und Böse als etwas nur Zufälliges oder Vorübergehendes und betonen das Gute als das Hauptsächliche und Bleibende. In der gegenübergestellten Religion hingegen sind das Böse und Fehlerhafte typisch, und das Zeitalter, wo sie am meisten erscheinen, ist für unseren Zweck das typische Zeitalter in der Geschichte dieser Religion. Und doch sind in Wahrheit die Religionen viel zu sein und complicirt für solch unreife und plumpe Vergleiche. Wir können sie nicht in unsere Systeme, Theorien und Coutraste hineinpressen, ohne ihnen Gewalt auzuthun. Wir stellen oft sogar, entweder durch unkritische Lobpreisungen oder durch philosophische, aber ungenaue Deutungen wobei nur das Dunkle umso bestimmter gezeigt wird, unsere eigene Religion nicht nur, sondern auch diejenige, mit welcher und durch welche wir sie in Contrast setzen, irr falscher Weise dar. Aber wenn ich stillschweigend und nur andeutend Beide, die jüdischen und christlichen Theologen, der unhistorischen Nebertreibung angeklagt habe, lassen Sie mich eilends hinzufügen, daß ich in dieser Ansprache, während ich das Verdammnngsurtheil über diese Nebertreibung spreche, mich selbst der Nebertreibung schuldig mache. Um im engen Rahmen der mir zugemessenen Zeit dieses von mir gerügte Vorgehen zu erklären, muß ich nämlich dasselbe nothgedrungeu selber übertreiben. Um es Ihnen klar und schnell zu zeigen, muß ich es in einem Grade schildern, welchen es in Wirklichkeit nur selten besitzt, und muß alle Verschiedenheiten des Charakters und des Grades außer Acht lassen. Mit dieser Vorsicht und Bedingung lassen Sie mich folgende Frage aufstellen: Wenn ein christlicher Theologe wie Professor Pfleiderer oder viele Aridere das Christenthum mit dem Judenthum vergleichen, rvas ist das Judenthum, auf welches er hinweist. Es rvürde, wie ich glaube, genau beschrieben werden als eine leblose Abstraction, entstanden drirch Ansammlung aller Züge des Rabbiuismus, welche im Gegensätze zu den charakteristischen Vorzügen des Christenthums stehen. Diese Züge insgesammt betrachtet er als Judenthum. Solche, die mit ihnen nicht übereinstinnnen, rverden entweder vollständig ignorirt oder summarisch abgethan, als ausnahmsweise, untypische und uncharakteristische Erscheinungen. Und durch diese Methode bekommt er eine dienstfertige und anziehende Folie. Indem sie das Alte Testament benützen als eine Illustration und einen Prüfstein für ihr so 'zurechtgelegtes Judenthum, scheinen die christlichen Theologen oft zu vergessen, daß all ihre 24 Theile und nicht blos der Pentateuch und das Buch Esther die jüdische Bibel bilden. Der Vorgang, den sie befolgen, besteht darin, jeden Satz, der mit dem modernen Christenthunl übereinstimmt, als glicht charakteristisch jüdisch zu betrachten. Was Typisches dem Judenthum zugeschrieben wird, ist dann imr der Rest. Und eben dieser Rest pins seiner monströsen Uebertreibungen und pilzhaften Auswüchse in der rabbinischen Literatur ist fiir sie das Judenthum, während Alles außer diesen strengstens ignorirt wird. So gilt zum .Beispiel das fundamentale Gebot: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst nicht als charakteristisch jüdisch, aber die unbedeutende Vorschrift: Du sollst Dein Feld nicht säen mit zwei Arten von Samen, ist ganz kostbar typisch. Das 58. Capitel Jesaia's, das die prophetische Anssassicng des Fastens enthält, ist nicht charakteristisch jüdisch, aber das formelle Ritual, das verordnet ist im 16. Capitel des Levitikns, ist es. Die Allgegenwart Gottes, im 139. Psalm gelehrt, ist nicht charakteristisch jüdisch, aber „ich hasse sie mit vollkommenen Haß", ist es. Kohelet ist ohne Zweifü das am meisten unjüdischejBuch im Alten Testament, doch habe ich öfters den Pessimismus des Predigers als dem Judenthum charakteristisch beschrieben gesehen und den Pessimismus des Judenthums durch eine Berufung auf den Ecclesiasten bewiesen gefunden. Die rabbinische Literatur wird in derselben Weise behandelt. Wenn ein Rabbiner sagt: Seid nicht gleich Knechten, welche ihrem Herrn dienen, unter der Bedingung, eine Belohnung zu erhalten, so ist das nicht specifisch jüdisch, aber wenn ein Anderer sagt: Der Arbeit gemäß ist der Lohn, das ist specifisch jüdisch. Wenn ein Rabbi zitternd von dem furchtbaren und heiligen Gotte spricht, vor dem alle Menschen das Knie beugen müssen in Ehrfurcht und Schrecken, so können Sie es als charakteristisch bezeichnen, wenn aber ein Anderer von dem verzeihenden barmherzigen Gotte spricht, vor dem die Furcht durch Liebe zu verscheuchen ist, müssen Sie es als eine zufällige und unglückselige Anmaßung übergehen. Endlich verbietet die Methode der Gegensätze ihren Anwendern jeden Versuch kritischer Würdigung, welche den verschiedenen Elementen einer zusammengesetzten Erscheinung gerecht werden könnte, wie auch jede Betrachtung darüber, wie weit die guten Elemente ihr Licht über die Elemente des Bösen verbreiten können. Sie verfiihrt sie einfach nur dazu, die Schlacken zu sammeln und die Folie herzurichten. Doch ich mag meine Zeit nicht ans Eine Reihe von Mißverständnissen verwenden. Lassen sie mich jetzt fortsahren, zu fragen: Was thnt der jüdische Theologe, wenn er das Christenthum dem Jndenthum gegenübersetzt. Bor Allem, was versteht er unter dem Judenthum? Er versteht darunter nicht das Judenthum der Rabbiner, der Zeitgenossen Christi, sondern das moderne Jndenthum, gereinigt, geläutert und erweitert durch den Fortschritt der Jahrhunderte. Oder wenn er das nicht meint, so meint er die strenge Zusammenstellung von guten und edlen Elementen im Alten Testament und der späteren Literatur, welche die Grundlage seiner eigenen Religion bildet, llnter Christenthum versteht er dagegen die specifischeu Dogmen der Kirche, welche seinem Jndenthum entgegengesetzt sind in ihrer crassesten Gestalt. Oder er versteht darunter die eigenthümlichen Stellen und Uuwesentlichkeiten int Renen Testament, welche eine Folie bilden zu seiner eigenen Auffassung vom Jndenthum. Elemente, welche es mit seinem Judenthum gemein hat, sind nicht charakteristisch christlich; auch forscht er unablässig, ob nicht durch den Einfluß und die Wirkung des Christenthums einige dieser Elemente indirect erworben sein oder auf irgend eine Weise für das Judenthum abgeklärt und ans gesondert werden könnten. Jeder tiefere Ansspruch Jesu, ein sv integrirender Theil seiner Lehre er auch sein mag, wird, wenn er nur mit einem Satze des Alten Testaments oder des Talmud verglichen werden kann, sofort als ganz untypisch verworfen. Durch Zersetzung uuö Vergleichung wird das Wesentlichste und gewiß die besten Elemente in der moralischen und religiösen Lehre des Begründers ihm oder dem Christenthum abgesprvchen. Jedoch wird, was immer im Neuen Testament dem modernen Judenthnm entgegengesetzt ist, als charakteristisch christlich betrachtet. Der unftuchtbare Feigenbaum und die Säue von Gadara, die Dämonen und bösen Geister sind typisch. Die gezwungene und unrichtige Exegese, die Wundercuren. die Doctrin vom Ende der Welt und der wahren Vernachlässigung irdischer Tinge, das Heruntersetzen des Familienlebens, das Heulen und Zähneklappern, die Heuchler, Vipern und Schlangen, die Kinder der Hölle, der Geist Gottes herabsteigend wie eine Taube, diese Dinge mit Allem, was sie in sich schließen, sind wesentlich und charakteristisch. Vergib uns unsere Sünden, wie wir denjenigen vergeben, die gegen uns sündigen, ist dagegen nicht charakteristisch christlich, aber „diese sollen zur ewigen Verdammung übergehen", ist es sicher. Die Schönheit der Barmherzigkeit wird im Talmud fortwährend gepriesen und daher ist das 13. Capitel der ersten Epistel an die Corinther nicht specifisch christlich; doch wenn Paulus behauptet, daß feilt Mensch gerettet wird, wenn er nichr an Christus glaubt, das ist typisch, und vielleicht die charakteristischesten christlichen Aussprüche in der ganzen Welt sind die Verdammungsreftains des Athanasianischen Glaubensbekenntnisses. Es ist nicht meine Absicht, in dieser Ansprache den Grad der Ungründlichkeit in den verschiedenen Mißverständnissen des Judenthums durch Christen oder des Christenthums durch Inden abzuschätzen. Ich werde aber jetzt fortsahren, einige Mißverständnisse einzeln anzusühren, nicht um sie nach dem Grade ihres Jrrthums zu verurtheilen, je nachdem sie in diesem oder den vergangenen Jahrhunderten von Juden oder Christen begangen wurden, sondern um Ihnen zu zeigen, daß dieselben Mißver-