Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 372 Nr. 19 Dr. Vloch's Wochenschrift. ich jetzt melden, daß sich in der höchsten Regierungssphäre ein sehr günstiger Umschwung vollzogen hat, den man nicht umhin kann, freudig zu registriren. Dieser Umschwung soll auf die Initiative des jungen ritterlichen Monarchen stattgesunden haben. Es werden zu der Krönung drei Rabbiner alS Repräsentauteu des rusfischen Judenthums zugelassen werden, so daß unsere Ausnahmsstellung wenigstens in dieser Beziehung nicht so grell erscheinen wird. Zu Vertretern sollen drei Mitglieder der Rabbinercommission erwählt-werden, welche vor einiger Zeit in Petersburg behufs Lösung diverser religiöser Fragen tagte. Designirt ist bereits ein Mitglied der Deputation, nämlich der Kischenewer Rabbiner Herr Bollowar, über die Wahl der beiden anderen ist man noch nicht einig. Dieser ebenso hochherzige wie gerechte Beschluß des Kaisers wird nicht verfehlen, eine höchst freudige Bewegung bei den russischen Juden hervorzurufen, die darin (und nicht ganz ohne Grund) den Vorboten einer Morgenröthe, die Anzeichen einer neuen Aera sehen. Doch auch aus die Gesammtbevölkerung kann diese Anordnung nicht mnhin einznwirken, da man aus derselben ersehen muß, daß die Periode des Terrors fiir die russischen Juden ihrem Ende naht und daß dem Stiefkinds endlich doch gewisse menschliche Rechte gewährt werden dürften. Die Bevölkerung hatte sich, Dank dem 14jährigen System des auf die Juden ausgeübten entsetzlichen Druckes, so sehr daran gewöhnt, uns als rechtlos und vogelfrei zu betrachten und demgemäß zu behandeln, daß es wahrlich höchste Zeit war, biefem unleidlichen Zustand ein Ende zu machen. Claude G. Montrfiorr über einige Mißverständnisse zwischen Iudenthum und Chrtstenthum *). Deutsch von I—a K—nn. Ich habe die Einladung, in Ihrer Gesellschaft im folgenden Jahre Ehrenpräsident zu werden, mtr mit starkem Zögern angenommen. Wenn cs dabei auf Fähigkeiten und Gelehrsamkeit ankämc, würde ich im Vergleiche mit mehreren der ausgezeichneten Männer, die in den vorangegangenen Jahren Ihren Präsidentenstuhl eingenommen haben, eine traurige Figur machen. Mer der liberale Geist, der durch Ihre Einladung zugleich ein Eompliment für mich persönlich und durch mich zugleich ein solches für die religiöse Glaubensgeirossenschaft, der ich angehöre, ist, erschien mir ebenso ungewöhnlich als überraschend, so daß ich es nicht wagte, Ihren ehrenden Antrag zurückzuweisen. Ob Sie jedoch Ihre Wahl nicht beklagen werden, das wird sich zeigen. Als ich mich nun nach einem Gegenstände umsah, mit dem ich mich an Sie wenden köimte, versuchte ich eitlen solchen ausfindig zu machen, bei dem der Mangel an Gelehrsamkeit weniger störend ist und «andererseits meine Eigenschaften, besser gesagt meine Eigenthümlichkeit, ein reiches Feld finden. Da ich aber Gefahr laufe, dadurch ungebührlich persönlich zu erscheinen, so will ich Ihnen kurz andeuten, worin diese Eigenthüullichkeit besteht. Ich will es soweit als möglich Ihnen mrpersönlich darstellen. Lassen Sie mich voraussetzen, daß einer von Ihnen, ein Christ, in einem Laiche lebte, wo die überwiegende Mehrzahl der Einwohner muhamedanischer Religion ist. Nehmen Sie ferner an, daß dieses Laird hoch civilisirt und daß in allen politischen, socialen und ethischen Dingen Sie sich mit ihrem Gefühl und Interesse mit ihren muhamedanischen Mitbürgern Eins fühlen. Stellen Sie sich ferner vor, daß einige, vielleicht sogar die Mehrzahl Ihrer theuersten Freunde Muhamedaner wären, daß Sie an einer muhamedanischen Universität promovirt worden wären, wo alle Ihre Lehrer Muselmänner, in jedem Falle dem Namen nach, gewesen wären und daß selbst der Mann, dem. Sie in religiöser Beziehung den tiefsten Dank und Ihre Erleuchtung schulden, ein — wenn ich mich so ausdrücken darf — echter muhamedanischer Priester wäre. Lassen Sie mich des Weiteren annehmen, daß 'die Literatur, die Sie lasen und liebten, .im weitesten Sinne des Wortes eine entschieden muhamedanische wäre, so daß ein muhamedanischer Browning Ihr Lieblingsdichter oder ein muhamedauisches Io Memoriam Ihr Lieblingsgedicht wäre. Endlich lassen Sie mich denken, daß, was ganz natürlich wäre. Sie sich für die Geschichte und Entwicklung dieser muhamedanischen Religion interessirten, welche. einen so wichtigen Theil Ihrer *) Vorlesung, gehalten vor der Theologischen Gesellschaft der Universität Glasgow am 25. November 1895. eigenen intellectuellen und geistigen Unigebung bildete, und daß Sie mit aller Ehrerbietung,' wenn auch kritisch, deren heilige, Schriften und alten Urkunden gelesen hätten. Ihre Stellung'' würde zum wenigsten eine ebenso seltsame als complicirte sein. Um mein Beispiel sortzusetzen, muß ich Sie noch bitten, die monströse und unhistorische Voraussetzung zu machen, daß Muhamed und seine Apostel selbst Christen gewesen und der Muhamedanismus oft als die wahre Entwicklung und Blüthe des Christenthums betrachtet worden wäre. Es wäre ferner ein Axiom der muhamedanischen Theologie, scheinbar sogar ein Axiom der muhamedanischen Cultur, daß das Christenthum eine Religion der Vorbereitung der Kindheit, eine Religion für die Verhärtung der Herzen oder eine Religion von Widersprüchen, eine Religion der Einseitigkeit wäre. Der Muhamedanismus aber ist die Religion der Erfüllung, die Religion der reiferen Menschheit, die Religion der Liebe, die Religion, in welcher einseitige Abstractionen in einer höheren und wahren Uebereinstimmung sich versöhnen. Das Christenthum hätte in der That dann für alle Muselmänner, Theologen und Philosophen, zu sein aufgehört, als die muhamedanische Religion daraus geboren wurde. Wenn Sie ungeachtet all dieser Argumente und Annahmen jetzt Christ blieben und nicht die'Nothwendigkeit eines Religionswechsels einsähen, wenn Sie, obzwar Sie den Glauben zurückweisen, daß eine vollkommene und absolute Religion überhaupt existirt oder existiren könne, noch immer glaubten, daß in gewissen wichtigen Punkten das Christenthum wahrer, reiner und weiter ist als selbst der Muhamedanismus, wenn, ich sage, das Ihr Glaube wäre, während das, was wir bis jetzt gehört, Ihre Erziehung und Umgebung bildete, Ihre Stellung dürste dann als sehr seltsam ebenso von Ihren muhamedanischen Freunder: und Mitbürgern angesehen werden, als auch von Ihnen selber. Sie würden sogar wahrscheinlich dem Seltsamen noch die wenig auszeichnenden Adjective von schwankend und unhaltbar beifügen. Jedoch dieses nur beiläufig. Was ich andeuten will, ist, daß Sie mit einem solchen Glauben und einer solchen Erziehung sich dem kritischen Studium des Christenthums und des Muhamedanismus mit gewissenbesondern Eigenthümlichkeiten nähern würden. Gar viele muhamedanische Professoren und Theologen werden weit gebildeter und gelehrter sein, als Sie. Würden Sie aber nicht im Studium und in der Würdigung des Christenthums vor ihnen den Vorzug haben, daß sie es innerlicher verstehen würden, so daß Vieles, was jenen schlecht oder irrationell erschien, für Sie vernünftig und sittlich sich darstellte. Derselben Idee, welche, in muhamedanischer Form ausgesprochen, von Ihnen verstanden und geliebt wird, würden Sie' in der christliche:: Form die Anerkennung versagen. Aber Ihre gemischte halb christliche, halb muhamedamsche Bildung dürften Sie, wenn Ihr Sinn nur offen, obzwar ihrem christlichen Glauben treu blieben, zugleich zu einem richtigen Berständniß und deshalb auch zu einer unparteiischeren Bewunderung für beide Religionen, Christenthum und Muhamedanismus, hinleiten. Ich kann nur sodann sogar die Möglichkeit vorstellen, daß gerade wegen dieser Eigenthümlichkeiten und nicht etwa, weil-Sie befähigt und .gelehrt sind, eine theologische muhamedanische liberale Gesellschaft Sie dann einladet, bei ihr den Vortrag des Vorsitzenden zu halten. Indem ich nun meinen vielleicht gezwungenen Vergleich abbreche, frage ich mich natürlich, wie ich meine Eigenheiten zu Ihrem Vortheil am besten anwenden könnte. Die Antwort darauf scheint mir theilweise in den Ihnen vertranten Zeilen Ihres großen Poeten zu liegen: „O möchte irgend eine Macht uns leiten, uns selber so zu sehen, wie uns die Andern sehen!" Es ist vielleicht nicht weniger nützlich für Christen, zu wissen, was Juden über das Christenthum denken, als es fiir Juden ist, zu wissen, was Christen über das Judenthum denken. Allein ich möchte sagen, die insularisch-jüdische Meinung von: Christenthum und die insularisch-christliche Anschauung vom Judenthum näher zu beobachten, wäre für einen einzigen Vortrag eine zu große Aufgabe. Ich schlage deshalb vor, nur einige wechselseitige Mißverständnisse und zum Schlüsse gewisse eigenthümliche Vorzüge zu berühren, welche von Beiden gewöhnlich als ihre eigenen charakteristischen Kennzeichen in Anspruch genommen werden. Es gibt verschiedene einleuchtende Gründe, warum die Anhänger oder Ausleger einer Religion die der anderen falsch auslegen und mißverstehen. Solche Ursachen sind z. B.: Vorurtheile, Unwissenheit und die natürliche Gewohnheit, alle Tugenden nur seiner Partei, seiner Nation und seinem Glaubensbekenntnisse