Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 Seite 371 Br. Vloch'» Wochenschrift. Dieselbe rückhaltslose Anerkennung spricht ausden .Briefen des Finanzministers R o ch u s s e n, des Justizministers Van Hall und der übrigen Mitglieder des Cabinets. Und was speciell die militärische Tüchtigkeit, den Muth und die Tapferkeit der Juden betrifft, dafür citiren wir noch das folgende Document: II. „Mein Herr! Es gewährt mir wahrhafte Befriedigung, den Wunsch zu erfüllen, den Sie mir in Ihrem Schreiben vom 23. d. M. ansgedrückt, meine Meinung über die Israeliten, unsere Mitbürger, als Soldaten zu erkennen zu geben. Zwei Jahre hindurch habe ich in der Citadelle von Äntwerpen eine große Anzahl derselben unter meinen Befehlen gehabt. Während dieser ganzen Zeit haben sie die besten Beweisechon Muth, Treue, D i s c i p l i n und Ausdauer gege-ben. Als Mann von Ehre kann ich mit Ueberzengung hinzufügen, daß, wenn meine Lebensdauer nicht beinahe abgelaufen wäre und ich noch einen Feldzug zu beginnen hätte, ich mich sehr glücklich schätzen würde, den Befehl über einige Tausend dieser braven Soldaten zu haben. Ich hoffe, hiermit Ihren Wunsch erfüllt zu haben, und versichere Sie, daß diese Gelegenheit mir sehr angenehm war, mit einem Manne in Verbindung zu treten, dessen Ruf als Gelehrter, Staatsmann und Schriftsteller mir schon bekannt war. Breda, den 25. April 1842. Der General der Infanterie Baron Chasse." Mit innigem Antheil und herzlichen Wünschen werden das Jnbelfest in den Niederlanden nicht nur die Juden, sondern auch alle Freunde der Gerechtigkeit, der Wahrheit und des Fortschritts begleiten. Britrag zur Geschichte der russischen Juden. XLIV. Dem Andenken deS Professors Berschadski. Er war kein Jude, doch wahrlich verdiente er es zu sein, dieser ausgezeichnete Mann, den ich die Ehre hatte, zu meinen Freunden zu zählen und dem ich bis jetzt keinen Nachruf habe widmen können, da mich die Nachricht über sein plötzliches Scheiden anf's Krankenlager warf. In der Blüthe der Jahre (kaum 40 Jahre alt), in vollster Schaffenskraft und Geistesfrische ward er aus dem Leben gerissen, er, der Nachkomme russischer Popen und Saporischer Kosaken, der einer der wärmsten Vertheidiger der Juden geworden, so daß man ihn selbst für einen Juden hielt, welcher Argwohn noch durch seinen in der That etwas — in der Anfangssilbe — jüdisch klingenden Namen verstärkt lvurde. Sein Großvater mütterlicherseits war ein rechtgläubiger Pope, sein väterlicher Ohm — ein Kosakenhetmann und er, der berühmte Gelehrte, der beliebte Professor war ein Freund der Juden in Wort und That, wie wir einen solchen selbst in unserer Mitte selten gehabt. Ist es daher zu verwundern, daß in der großen hiesigen Synagoge zum Andenken an den großen Todten, an diesen herrlichen Mann ein feierlicher Trauergottesdienst abgehalten wurde, daß die besten Repräsentanten der hiesigen jüdischen Gesellschaft ihm das letzte Geleite gaben, Thränen in sein Grab fallen ließen, Kränze auf seinen Sarg niederlegten. Muthig bot er jeglichen hämischenJnsinuationen, jeden perfiden Verleumdungen die Stirne/ wenn es galt, die Unterdrückten zu vertheidigen. Er war der Historiograph der Juden Litthauens und Polens und welch' ein glühender Anwalt, welch' ein glänzender Bertheidiger. Er ward ein Mann, ausgestattet mit der glänzendsten Gabe, mit Seelenadel und Herzensgüte. Und Shergei Alexandrowitsch Berschadski ist uns entrissen, sein beredter Mund ist verstummt, seine lieben Augen sind geschlossen, das gütige Lächeln auf den bleichen Lippen ist erstarrt. Von Jugend auf lebte der Verblichene zwischen unseren Glaubensgenossen (in Elisabethgrod und Kertsch) und hatte Gelegenheit, die Parias des Menschengeschlechts näher kennen und lieben zu lernen. In seiner Autobiographie sagte er unter Anderem„Von frühester Kindheit an versetzten mich Familientraditionen in die alten Zeiten des Kosakenthums zurück, in die Zeiten der entsetzlichen Kümpfe uni religiöse und nationale Selbstständigkeit und auf den Gründen dieses blutigen Straußes mit dem polnischen Pan erschien stets sein treuer Gefährte — der Jude". Diese alte jüdische Gestalt machte ihn den Juden der Vergangenheit ganz besonders sympathisch und er beschloß, die Geschichte der Juden zu studiren. Wie glänzend er diese Aufgabe gelöst — darüber brauche ich mich nicht eines Weitern auszulassen, da feine zahlreichen hinterlaffenen Schriften ein beredtes Zeugniß hiefür ablegen. Noch kurz vor seinem Tode hatte er eine neue Reihe von Arbeiten über die jüdische Frage projectirt, die aber leider unausgeführt geblieben. Sogar seine Doctordissertation hatte das Schicksal der Juden in Litthauen und Polen zum Gegenstand und legt ein glänzendes Zeugniß von seiner Arbeitsamkeit und Erudition ab. Alle Arbeiten des Verstorbenen trugen den unverkennbaren Stempel der Wahrheitsliebe und historischen Treue. Seine Unparteilichkeit ist bewundernswerth. Er hatte durchaus nicht die Rolle eines Bertheidigers der Juden ä coar prix übernommen, selbstverständlich, daß er auch nicht als ihr Ankläger anftritt, selbst da, wo er berechtigte Beschuldigung gegen sie erhebt. Er begnügt sich damit, Facten zu conftatiren, und ist bestrebt, dieselben nach Kräften zu erklären. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht, und Berschadski trat vor das öffentliche Forum und führte die Sache der Juden weder als Ankläger noch als Bertheidiger, sondern einfach als Referent. Wenn manchmal in seiner unparteiischen und leidenschaftslosen Darstellung historischer Thatsachen Sympathie mit dem gehetzten Wllde hindurchschimmert, so geschah es, weil bei etlichen Phasen dieser furchtbaren Manyrvlvgie eines großen Volkes völlige Objectivitüt ganz unmöglich war. Professor Berschadski war auch auf dem Gebiete der Publicistik thätig. Er schrieb vortreffliche Artikel für das russischjüdische Wochenblatt „Woschod" und trat in diesem Blatt höchst energisch gegen die hämischen Insinuationen der antisemitischen Blätter ans. Es ist daher nicht zu verwundern, daß der Tod dieses edlen Mannes vom ganzen Judenthnm Rußlands als ein schwerer unersetzlicher Verlust beklagt wird und daß einer unserer Glaubensgenossen, Herr Winawer, Mitglied der historisch-ethnographischen Commission bei der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rußlands, an dem offenen Grabe folgende Worte sprach, die in allen Herzen ein sympathisches Echo wachriefen : „Ich kam hieher", sagte der Redner, „um dem Dahingeschiedenen im Namen derer, denen alle seine wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten geweiht waren, ein letztes Lebewohl zuzurufen. Die Größe der Seele eines Menschen läßt sich aus seinen Beziehungen zu den Unterdrückten und Gedemüthigten erkennen und Shergei Alexandrowitsch hatte sein ganzes Leben der Rehabilitirung des Bolksstammes gewidmet, der in der That von allen Nationen unterdrückt und gedemüthigt ward. Auf dem Titelblatte seines elastischen Werkes über die „litthculischen Juden" prangt die Devise, welcher er bis zu seinem letzten Äthemzuge treu geblieben: „Gleiches Recht für Alle, für Arm und Reich, Hohe und Niedere". Und besonders suchte er diesem Spruch in Bezug auf die Juden gerecht zu werden. Er vertiefte sich in das Studium der grauen Denkmäler und zog aus ihnen die Frage „Wen trifft die Schuld" ans Tageslicht. Die alte Garde lebte wieder auf und erschien als Zeuge der ewigen Stigmatisirung eines Volkes, dessen Schuld nur darin bestand, daß es das geworden, wozu man es gemacht, wozu man es zu machen gewünscht. Dieses ohne Zorn und Parteilichkeit ausgesprochene Geständniß siel gleich erftischendem Th au auf die Seele derjenigen, die nur zu leiden gewohnt waren; in die lange herzzerreißende Erzähümg endloser, von Menschen an Menschen verübten Qualen fiel ein Heller Lichtstrahl. Du hast Dein Gelübde in Bezug auf die Unterdrückten erfüllt, theurer Todter, Du betrachtetest sie als Menschen, warst gerecht zu ihnen. „Die Kenntniß des Judenthums" sagte einer Deiner größten Zeitgenossen, „thut uns vor Allem Noth, denn diese Kenntniß hat das Gefühl der Menschlichkeit, die Gerechtigkeit und das Bewußtsein allgemeiner Brüderlichkeit zur Folge". Friede der Asche desjenigen, der zuerst diesen Weg betrat. Friede Dir, unser theurer, unvergeßlicher Bertheidiger! Friede dem Verfechter der Gerechtigkeit, dem Kämpen für Menschenverbrüderung!" Der Name von Professor Berschadski, einer der glänzendsten und trostreichsten Erscheinungen der so trüben Gegenwart, wird dem Judenthume unvergeßlich bleiben. Undankbarkeit gegen unfern Bertheidiger kann man uns schwerlich zum Vorwurf machen, wenn wir mich dieses Gefühl leider häufig mehr durch Worte als durch Thaten bethätigen. P. 8. In Ergänzung meiner Nachricht, daß die jüdische Bevölkerung Rußlands nicht bei der bevorstehenden Kaiserkrönung in Moskau repräsentirt werden wird, während sogar Lamiten und Buddhisten daselbst ihre Repräsentanten haben werden, kann