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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-08 · 19 (8.5.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
19 (8.5.1896)
Date
1896-05-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 370 Nr. 19 Dr. Vloitz's WolAnfchrist. Ferienheim. Ein sinniges Wort unserer Weisen lautet: Gebet Acht auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht Wissenschaft ans. Tie Geschichte des menschlichen Geistes, seiner Entwicklung und seines Fortschrittes bietet auf jedem Blatte eilten Beleg für diesen Satz. Ueberall finden lutr die Namen von Großen der Menschheit verzeichnet, die, aus den Niederungen des Lebens hervorsteigend, aus Armuth und Elend sich erhebend, die Welt mit Schätzen des Geistes, der Kunst, der Wissenschaft bereichert haben. Gebet Acht auf die Kinder der Armen! das ist auch die edle Losung, unter welcher der Vorstand des Vereines „Ferienheim", mit seiner thatkräftigen, energischen, unermüdlichen Präsidentin Frau Sophie Grünfeld an der Spitze, für die Kinder der Armen sorgsam, hilsteich, heil- und segenbringend eintritt. Der Verein „Ferienheim" besteht erst vier Jahre, aber er hat innerhalb dieser kurzen Zeit unsäglich viel Gutes geschaffen. Mehr als 800 jüdische Kinder aus den ärmsten Kreisen der Bevölkerung waren durch ihn in der Lage, im heißen Sommer aus der dumpfen, staubigen Stadt, aus der Enge der ärmlichen, zumeist von vielen Personen bewohnten Stube hinaus in die würzige, erquickeirde Lust des Landes zu fliehen, wo sie unter pädagogischer Aufficht, bei guter, ritueller Kost und rationeller Körperpflege Kräftigung und Stärkung fanden. Wer kann ermessen, welchen Sogen diese Wohlthat für die schwächlichen, schlecht genährten Kinder der Armen bedeutete! Sie kommen gekrästigt zurück und sind nun eher befähigt, in dem Kampfe ums Dasein und in dem geistigen Wettstreite vorwärts zu kommen. Das ist der Weg, um das Wort zu bewahrheiten: Von den Kindern der Armen geht Erleuchtung und Wissenschaft aus. Hunderten armer Kinder hat der von den edelsten Intentionen geleitete Verein seine Wohlthat zu Theil werden lassen, aber er war, zum Schmerze seiner Leiter, gezwungen, Tausende zurückzuweisen. Diese Tausende armer Kinder dursten nach der Erquickung, die ein mehrwöchentlicher Landaufenthalt bietet, aber auch der Verein ist zu arm. um ihnen Allen zu helfen. Seine Mittel reichen hiezu nicht hin, sie stehen nicht im Einklänge mit chrem Wollen, und die Freude des Wohlthuns wird gedämpft durch das Mitleid, welches die Zurückgewiesenen erregen. Der Verein „Ferienheim" richtet nun einen ergreifenden, rührenden Appell an alle Menschenfreunde, sie mögen ihn in die Lage versetzen, seinen Wirkungskreis zu erweitern. Durch die Schaffung eines eigenen Heims, welches im Sommer als Landaufenthalt, im Winter als Recoirvalescentenhaus dienen würde, könnte der Verein in ausgedehnterem Maße als bisher, in beruhigter Stabilität seiner selbstgestellten Aufgabe gerecht werden: die Kinder der Armen physisch und moralisch zu kräftigen. Anläßlich des Jubiläums unseres Kaisers, das nicht schöner gefeiert werden kann, als durch die Gründung wohlchätiger Institutionen, soll das eigene Heim des „Ferienheim" erstehen, und es wird erstehen, wenn all die Glücklichen, die ihren Kirrdern die Segnungen des Reichthums zu Theil werden lassen können, von ihrem Ueberflusfe einen Obolus den bedürftigen, schwächlichen, armen Kindern zuwenden. Die Herzen und die Börsen auf, Ihr reichen Väter und Mütter! Bedenket, wie glücklich Ihr seid, die Ihr Eueren Kindern nichts zu versagen brauchet, was das Leben Gutes bietet, und erinnert Euch Euerer armen Mitmenschen, die ihren Kindern oft das Ilothdürftigste entziehen müssen. Die Herzen und die Börsen auf! So lautet unser Mahn- und Weckruf, und wir hoffen, er wird ein Echo bei Allen finden, die Mitgefühl und Mitleid sich bewahrt haben. Möge er auch ein Echo finden in dem Herzen der Kinder der Reichen, die in ihre Sparbüchsen niemals zu einem besseren Zwecke gegriffen haben, als in dem Falle, wo es sich darum handelt, den Kindern der Armen zu helfen! — E— Gin Ehrentag. In dem Lande, in welchem Baruch Spinoza gelebt und feine unsterblichen Werke geschrieben, rüstet man zu einer freudigen Feier. Am 16. Mai werden die Juden in Holland und im ganzen Staatenbnnd der Niederlande einen Ehrentag feiern, auf den mit ehrfurchtsvoller Bewunderung die Juden aller übrigen Staaten und Länder blicken müssen. Am 16. Mai werden es 10o Jahre sein, daß in Holland die volle, ungeschmälerte Emancipatiou der Juden gesetzlich ausgesprochen wurde. Und was die Bedeutung dieses Ehrentages noch erhöht, ist der Umstand, daß dort die Gleichberechtigung der Juden einem einmüthigen Wunsche des Volkes entsprang, welches damit nur ein Gebot der Gerechtigkeit zu erfüllen glaubte. Die Niederlande waren schon Jahrhunderte früher' ein Hort der geistigen Freiheit und die Juden, welche durch ein grausames Geschick aus ihrem Heimatslande vertrieben wurden, fanden dort einen gastlichen Zufluchtsort. Aber doch sind es erst hundert Jahre, seitdem die Toleranz, welche gegen sie geübt wurde, in die volle Gleichberechtigung umgewandelt wurde. Die Juden hatten schon längst auf allen Gebieten den Beweis erbracht, daß sie sich als treue Kinder des Landes fühlen, für das sie Gut und Blut zu opfern bereit waren, bevor die letzten Scheidewände fielen Sie waren bis zum Jahre 1796 von der Verwaltung des Staates ausgeschlossen und hatten keinerlei Stimmrecht. Es zeigte sich sofort, daß in den Niederlanden die Gleichberechtigung der Juden nicht blos auf dem Papiere Leben gewonnen, sondern daß sie in Fleisch und Blut übergegangen sei. Die Juden, die bis dahin nur auf dem Gebiete der Wissenschaft und des Handels sich hervorgethan, gelangten bald auch in den politischen und militärischen Carriöreu zu angesehenen Stellungen. Juden wurden nicht nur Deputirte und Beamte, sie erlangten auch in Heer und ' Marine Ansehen und Rang, ohne daß dieser Umstand Neid und Mißgunst erregt hätte. So unglaublich es auch einem österreichischen Juden klingen mag, ist es doch eine Thatsache, daß in Holland Juden Minister wurden— wir.nennen da nur den berühmten Ch. Godefroy — ohne aufzuhören — Juden zu sein. Es fiel Niemanden ein, gerade bei den Juden an die Confession zu denken, welche nach dem Gesetze bei Verleihung der Aemter keinerlei Beachtung finden darf. Das Wort Macaulay's, daß die Frage der Religion wohl wichtig sei, wenn die Stelle eines Bischofs ödes eines Rabbiners in Frage kommt, daß sie aber ganz gleichgiltig sei, wenn es sich um einen Schuhputzer oder einen Minister handle, wurde in den Niederlanden durch die Thatsachen illustrirt. In Holland leben mehr als 100.000 Juden, deren Stellung in bürgerlicher Beziehung sich nicht im Geringsten von der der christlichenBevölkerung unterscheidet.Jn der letzteren herrscht aber auch nicht der geringste Zweifel daran, daß die Emancipatiou der Juden dem Lande brave, tüchtige Bürger geschaffen hat, die, was Ehrenhaftigkeit und Intelligenz betrifft, hinter Niemandem znrückstehen. Wer in diesem Staate es wagen würde, die Gleichberechtigung der Juden als eine Frage hinzustellen, die noch discntirt werden könne, wire sicher, von Staatswegen versorgt zu werden — in einem Jcrenhause. Diese Ueberzeugung ist in Holland nickt erst eine Errungenschaft der letzten Jahre, sie ist dort längst heimisch, wie aus den historisch wichtigen Briefen hervorgeht, die bereits im Jahre 1842 die obersten Beamten des niederländischen Staates an den Advocaten S. P. Lipmann richteten. Zwei derselben mögen hier einen Platz finden: I. „Nachdem die Israeliten während 47 Jahren an allen Rechten und Pflichten der niederländischen Bürger, auf völlig gleichem Fuße mit ihren anderen Mitbürgern stehend, theilgenommen, hat die Regierung oft Gelegenheit gehabt, die sociale Veränderung wahrzunehmen, durch welche dieser Theil der Bevölkerung, aus seinem"alten Standpunkte der Jsolirung heraustretend, zu einer vollständigen Theilnahme an der niederländischen Nationalität berufen ward. Diese politische Emancipation hat nach meiner Meinung der Erwartung ihrer ersten Urheber vollkommen entsprochen, und der niederländische Staat hat d i ese Reform n i em a l s z u b e d a u ern g eh ab t. Bei einem Vergleich mit Anderen findet man, daß besondere Umstände die Civilisation der Masse noch aufgehalten haben; aber sie haben doch den Beweis geliefert, sowohl 1813—1815 als 1830 und nachher, daß sie bereit sind, die Interessen ihres Vaterlandes mit Kraft und als g u te St a at s bürg er zu v erth eid i g en. Im Haag, den 19. April 1842. Der Minister des Innern: S ch i m m e lp f enn i n g v. d. Oy e.

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