Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. 19 Dr. Bloch’s Jahrgang XIII ♦ f # Crntralorgan für die gelammten Interessen des Iudenthums. r K. ft. Poflsparralpen-Ämt Elraringverkrhr Nr. 810.976. -X *ib«rtion und Äbtnhrfftrattim: Wittt I., untere fcxigartEnpragr 1« Talaphon - Nr. 6535. Wien, 8. Mai 1896. *»—-M» —4» Erscheint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wien, I., Hauptpostamt — Fach Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift Wien. Brrug»prri» für Srstrrrrtrh: Halbjährig 4 fl. — S Kr. Einzelexemplare SV kr. Mr'» Jlusland: halb^hrig ü fl. — l o zkr. ganzjährig »0 „ 30 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile IS lr. Inhalt: Leitartikel: Der Machtantritt des Hassest — Ferienheim. — Ein Ehrentag — Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. — (Staube G. Montesiore über einige Mißverständnisse zwischen Judeuthum und Christenthum. — Die Freiheitskämpfe der Juden zu den Zeiten der Kaiser Trajan und Hadrian. — B o m I a b rnr o r f t desLebens: Das neüe antisemitische Präsidium ües Wiener Gemeindcrathes. Ueber die Audienz des Dr. Lueger beim Monarchen. Israelitische Trauungen. Die Grazer Antiliberalen. Schönerer und Bergan!. Hoch die Verjährung. Unerhört. Rache. Die Annullirung einer galizischen Gemeindewahl. Betrug im Pferdehandel. Ein „Jrrthum" der „Staatsbürgerzeitung". Russen, Abeffynier und Juden. Holmau Hunt über die Rückkehr der Juden nach Palästina. Vom L.ichenbegängnitz des Herrn Baron Hirsch. —Corres pondenzen: Wien, Brünn, Budapest. Vukovar. Erfurt, Warschau. Von den Usern der Newa, Paris, Cardiff, London, Constantinopel. — Vermischtes: Ein edles Wort, Wien, Graz, Budapest, Nagy-Kanizsa, Sambor. Brody, Prag, Goltsch-Jenikau, Klattau, Teplitz, Horadenka, Stonislan. Suczawa, Krapina, Jaroslau, Bolechaw, Tarnow, Dukia, Gurahumora. Horazdiowitz, Jamnitz, Przemysl, Wisnicz. Radautz, Vukooar, London, Jtalieu, Chicago. — Feuilleton: Kinder des Ghetto. Bogumil Kwiecinski, recte Berl Blum. —Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der Machtantritt des Haffes. Die antisemitische Partei hat die Herrschaft im Wiener Rathhause angetreten. Mit 94 Stimmen ist vorgestern Herr Josef S t r o b a ch zum Bürgermeister gewählt worden. Der alte Satz: „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand", braucht hier nicht zur Geltung zu kommen, denn Herr Lueger wird für Herrn Strobach denken und arbeiten. Der erste Vicebürgermeister wird der wirkliche Herr sein und das nominelle Oberhaupt der Gemeindeverwaltung wird in stummen Gehorsam den Willen des Parteichefs zu vollziehen haben. Heftige Kämpfe im Schooße der Partei sind der Bürgermeisterwahl vorangegangen, heftige Kämpfe werden ihr folgen. Die politische Charakterlosigkeit hat mit dem plötzlichen Abfälle des Candidaten für die zweite Vicebürgermeisterstelle von der deutschnationalen Partei ihren höchsten Triumph gefeiert. Herr Strobach selbst ist der typische Repräsentant jener Tausende und Abertausende, denen ein gehässiges Schlagwort die nothwendigsten Erfordernisse der Bildung ersetzt. Wenn man mit jenem geistigen Rüstzeuge, wie es der absolvirte Volksschüler und ehemalige Poftaccessist Strobach aufzuweisen vermag, Bürgermeister, und mit jener Principientreue, die Dr. v. Neumayer bekundete, Vicebürgermeister von Wien zu werden vermag, dann sind der Begehrlichkeit und dem Stellenhunger der rohesten und gesinnungslosesten Elemente alle Schranken geöffnet. Und daß dieser Stellenhunger mit. dreister Schamlosigkeit nach Befriedigung schreit, das beweist die Erbitterung, mit welcher sich bereits Christlich-Sociale und Deutschnationale in den Haaren liegen, noch ehe die Beute vollständig vertheilt ist. Die Antrittsrede des neuen Bürgermeisters ist so farblos und gedankenleer wie die Persönlichkeit selbst, die sie sprach. Bemerkenswerth in derselben ist nur die neuerlich abgegebene, feierliche Erklärung, daß Herr Strobach seinen Platz sofort dem Dr. Lueger räumen, werde, wenn dieser es wünsche. Diese mündliche Verpflichtung hat Herrn Dr. Lueger, der den Werth antisemitischer Versprechungen offenbar genau kennt, nicht genügt, cr hat sich von seinem Platzhalter, oder wie ihn die „Ostdeutsche Rundschau" beißend nennt, von seinem „Trockenwohner" auch einen gleichlautenden schriftlichen Revers ausstellen lassen. Herr Strobach hat sein Sprüchlein mit der Phrase geschlossen, daß er als Christ im Sinne der Grundsätze des Christenthums wirken und dem christlichen Volke wieder zu jener Geltung verhelfen will, welche es nie hätte verlieren sollen. i£ine Illustration zu diesem Ausspruche liefert der Trinkspruch, welchen unmittelbar nach vollzogener Wahl der Gemeinderath Kubik in einem Wirthshause auf Dr. Lueger ausbrachte. Er feierte ihn als Messias. Vor bald 1900 Jahren, sagte der Redner, habe die Welt den Tod Christi betrauert, heute betrauert das „christliche Volk" die Nichtbestätigung Tr. Lueger's. Aber wie Christus auferstanden, werde auch Dr. Lueger auferstehen. In welchem Maaße die Gleichstellung Christi mit einem Lueger und die Erhebung des Letzteren zum Messias sich mit diesen Grundsätzen vereinbaren läßt, das überlassen wir dem Urtheile aller wahrhaften Christen. Die antisemitische Herrschaft beginnt mit einer widerwärtigen Blasphemie, mögen die berufenen Träger des Christenthums zufehen, wie sie endigen wird. Wir Juden haben mit dem Aufgebot unserer ganzen Kraft dafür gekämpft, daß der österreichischen Reichshauptlladt die Schmach eines antisemitischen Regimes erspart bleibe. Nun ist es Zeit, unsere Waffen ruhen zu lassen. Wir tragen keine Verantwortung mehr für das, was kommt und kommen muß. Gehen wir friedlich unserem Erwerbe nach leben wir der Sorge für unsere Familien, der Erziehung unserer Kinder zu guten Staatsbürgern, zu tüchtigen Menschen. Für den Niedergang der antisemitischen Partei aber wird diese selbst sorgen. Der Geist der Lüge und die Entfachung der bestialischen Jnstincte im Menschen haben ihr zur Macht verholfen und an diesem Ursprung wird sie zu Grunde gehen. Lueger und Christus?! Man vergißt, daß das Evangelium nur von einem Geiste verkündet werden konnte, der, von der Lehre des Judenthums erfüllt, in den Grundsätzen des Judenthums erzogen war!