Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 18 Vr. Vloch's Wochrnfchrifl. Seite 363 Gnaden zu erringen. Diese Briefe zeigten eine außergewöhnliche Einsicht in alle schwierigen, höchst verwickelten Verhältnisse und offenbarten zugleich eine Charakterstärke und Gemüthstiefe, die seine Freunde vom Higli-life sicherlich nicht ahnten. Nichts entging ihm, jeder Kleinigkeit schenkte er die nöthige Beachtung. Dabei hatte er die Gabe, seine Leute richtig zu wählen. Von Natur aus mißtrauisch und durch die Erfahrungen eines Millionärs in seinem Mißtrauen bestärkt, ließ er sich schwer dazu herbei, Vertrauen zu schenken; aber wenn er Jemandem vertraute, so vertraute er rückhaltlos, mit Leib und Seele. Baron Hirsch war nicht fehlerfrei, der große Schmerz feines Lebens hatte ihn verbittert, aber Liebe zum Gelde w a r n i ch t une r s e i n e n F e h l e r n. . . . Er hat niemals sein Wort gebrochen. Er hat nie einen Freund vergessen — freilich auch keinen Feind. Biele Menschen werden den Verlust eines treuen Freundes beklagen, und zwar gerade Leute in den höchsten Kreisen." London. Von Baron Ferdinand Rothschild ist soeben ein Werk erschienen, betitelt „Persönliche Charakterzüge aus der französischen Geschichte" (personal Characteristics From French History. London, Macmillan). Das sehr interessante Buch sollte eigentlich heißen „Tischgespräche französischer Monarcheil", denn Baron Rothschild bemüht sich mit Hilfe der französischen Memoirenliteratur die Herrscher selbst sprechen zu lassen und so gewissermaßen Selbstporträts von ihnen zu reproduciren. Die Londouer Kritik ist einstimmig in dem Urtheil, daß dieses Werk zu dem Interessantesten gehört, was an Literatur über die französische Geschichte existirt. London. Mr. Joseph Jacobs ist ini Begriffe, sein neues „Jahrbuch" herauszngeben, das im Herbste zum erste Male erscheinen und eine wahre Wohlthat für die Gemeinde sein wird. Das Buch wird praktisch und literarisch zu gleicher Zeit sein. Es wird den jüdischen Kalender in klarer und einfacher Form bringen und die Principien erklären, auf denen derselbe basirt, es. wird ferner die jüdischen Ereignisse des vergangenen Jahres besprechen. Mr. Jacob gedenkt auch zwei höchst interessante Auszüge in dem Buche erscheinen zu lassen. Der eine soll die Hauptereignisse der gesammteu jüdischen Geschichte,' der andere die wichtigsten Begebenheiten der Geschichte der Juden in England enthalten. Das „Jahrbuch" wird die wichtigsten statistischen Daten bringen, wie auch einen Anhang, nach welchem Jahrzeiten und Barmizwahs leicht bestimmt werden können. Mr. Jacob's gewohnte Gründlichkeit wird auch im „Jahrbuch" zum Ausdruck kommen, und es ist keine Frage, daß das Buch, lvelches einem längst gefühlten Bedürftrisse entgegenkvmmt, nicht et wa nur einen Achtungserfolg, sondern eine weite Verbreitung und allgemeine Werthschätzung finden wird. Von den Ufern der Newa. Petersburg, am 24. April 1896. Ich beginne diese Zeilen unter dem überwältigenden, überaus traurigen Eindrücke der Nachricht vom Todedes Baron Hirsch. Der Edle nun, der so Vieles für unsere russischen Glaubensbrüder gethan, der in Zukunft noch so Vieles beabsichtigte, der trotz der unermeßlichen Finanzhöhe, auf der er sich befand, inniges Verständniß für die Leiden der Verfolgten und Darbenden hatte — der Edle ist nicht mehr! — Ein solcher Schmerzensschrei durchflog mit Blitzesschnelle alle Sphären unserer hiesigen jüdischen Gesellschaft. Und wenn auch das meiste Beileid dem Menschen, dem Geistesheroen galt, der unvollendeten Werkes die Welt verließ, so mischte sich doch zur allgemeinen Betrübniß noch die kunnnervolle Frage, was soll aus Argentinien, was aus dem grandiosen Colonisationsunternehmen werden? — In dieser letzteren Beziehung aber scheint, so viel bis jetzt bekannt, kein Grund zu Befürchtungen vorhanden zu sein. Umsomehr, da, wie aus den jüngsten Berichten des augenblicklichin Argentinien weilenden Generalsecretürs des Petersburger Centralcomites der I e w i s h Colonisation- Association, Herrn D. Feinberg, hervorgehl, die durch Reibungen mit der dortigen Local-Administration hervorgerufene Gemüthsgährung unter den Colonisten sich allmühlig legt und da der genannten Association solche dem Judenthume mit ganzer Seele ergebenen Größen, wie Lord Rothschild, S. Goldschmidt, Präsident der Alliance Jsraelite, u. A. angehören, die wahrscheinlich nicht verfehlen werden, die Weiterführung des Werkes in ihre Hände zu nehmen. i Das Begräbniß . soll Montag in Paris stattfindeu, wohin auch eine Trauerdeputation des Centralcomitss sich begibt. Die hier erscheinenden Tagesblätter, sogar die antijüdisch gesinnte „N o w o j e W r e m j a" nicht ausgenommen, haben sympathische Nachrufe dem Andenken des zu früh Dahingeschiedenen gewidmet. Sanfte Ruhe seiner Asche. Die h er seit 1880 bestehende, zu Ehren des fünfundzwanzigsten Regierungsjubiläums Kaisers Alexanders des II. gegründete Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Handwerker und Ackerbauer hat ihren Rechenschaftsbericht für das Jahr 1895 veröffentlicht. Wir entnehmen demselben folgende Daten: Im Laufe des genannten Jahres verausgabte die Gesellschaft im Ganzen 14.000 Rubel, wovon 11.000 Rubel als Subsidien für drei Handwerksschulen für Knaben (in Dünaburg, Wilna, und Minsk), eine für Mädchen (in Cherson), eine experimentelle Werkstatt, neue Handwerksabtheilungen bei Knaben-Elementarschulen und 23 solcher Abtheilungen in Mädchenschulen. Der Rest wurde zur Hilfeleistung für die jüdische Ackerbaufarm in Odessa, für unbemittelte Studenten des hiesigen Forstinstituts und endlich zu Schulgärten verwendet. Unser Ministerium des Innern hat dieser Tage ein Rundschreiben an die Gouverneure im jüdischen Ansiedlungsrayon erlassen, worin von denselben motivirte Aufschlüsse über die Folgen des Gesetzes vom 3. Mai 1882 (bekanntlich des Verbotes, außerhalb der Städte zu wohnen) verlangt werden. Im Einzelnen sind folgende Fragen zur Beanwortung gestellt: 1. wie viele jüdische Familien in den betreffenden Gouvernements, Dörfern, Farmen und Colonien wohnen, 2. wie viel es in den diesbezüglichen Ortschaften jüdische Schankhäuser gibt, 3. wie viel in jedem Kreise Juden als Eigenthnm gehörige Landgüter gelegen sind, und 4. welche Beschäftigungen die früher auf dem Lande wohnhaften Juden nach Promulgation des Gesetzes vom 3. Mai 1882 gewählt haben. Am 22. d. M. war eine höchst interessante Sitzung der historisch-ethnographischen Section unserer Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung. Eines der thätigsteu Mitglieder derselben, Cand. juris. L. M. Bramsohn, verlas sein Referat über ethnographische Local-Untersuchungen vom jüdischen Standpunkte. Referent ermunterte seine für den Sommeraufenthalt nach verschiedenen Gegenden des Ansiedlungsrayons verreisende College::, daselbst über Sitten, Gebräuche, Sprache und andere charakteristische Merkmale ihrer dortigen Glaubensgenossen eingehende Studien anzustellen, um die letzteren als Materialien zu einer allgemeinjüdischen Ethnographie verwerthen zu können, stieben den: speciell ethnographischen Gewicht solcher Studien betonte Herr Bramsohn noch besonders ihre große Bedeutung für die Geschichte der Juden im Allgemeinen. An demselben Abend kam noch zur Verlesung ein die jüdische Frage und jüdisches Gewohnheitsrecht behandelnder Vortrag des seligen Prof. S. A. Berschadsk:, den er alljährlich den Studenten der juristisch n Facultät an der Universität hielt. Wie einige in der erwähnten Versammlung anwesend gewesene Zuhörer des verstorbenen Professors betheuerten, wurde dieser Vortrag stets mit Zischen und Pfeiffen begleitet. Und doch schloß ihn der unvergeßliche Berschadski immer von Neuem in seinen Cursus der Rechtsencyklopädie ein, in der Hoffnung, wie er oft wiederholte, es würde einst eine Zeit kommen, wo man Menschen als Menschen behandeln wird, ohne um ihren Glauben zu fragen. Der hochherzige Menschenfreund ist, leider zu früh zu seinen Vätern heimgegangen, aber das von ihm geträumte Zeitalter ist noch immer nicht da. . Ob es je kommen wird? Im letzten Augenblicke erfahre ich, daß das hiesige! Central-Comitö, wegen Verspätung, statt eine Deputation