Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-01 · 18 (1.5.1896) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021134--05582-3029824
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 362 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 18 Rach am im", für das ewige Seelenheil des nun in Gott ruhenden Baron v. Hirsch vor offener Bundeslade vorgetragen. Dieses Gebet wird während der 80 Trauertrage au den Sabbathen vom Herrn Rabbiner Hahn vorgetragen werden. In Kürze wird auch eine besondere Trauerfeier im Gotteshause für den großen Philantropen abgehalten werden. Außerdem hat der löbliche Cultusvorstand, vereint mit dem Vorstande der CHewra-Kadisch a, beschlossen, den verblichenen Baron v. Hirsch im Haskarabuche der hiesigen Gemeinde an erster Stelle einzutragen, um dadurch sein Andenken hier zu verewigen. _ Lomnitz, 26. April. Heute am Becrdigungstage wurde hier für den verewigten Baron Moritz v. Hirsch, der ein Mitglied unserer Cultusgemeinde war, ern solenner Trauergottesdienst abgehalten. Allgemein gab sich die Theilnahme für den Verhlichenen und dessen Witwe, die aus der Höhe des Lebens ganz vereinsamt nun dasteht, kund. Zahlreich erschien das Publicum im schwarz drapirten Tempel, um seiner Trauer durch wehmüthige Andacht Ausdruck zu geben. Nach Absingung eines Trauerpsalms hielt unser Rabbiner Herr Dr. Wolffsohn die Gedenkrede unter Zugrundelegung des Textes aus dem dritten Buche Moses Cap. 10, Vers 6. Herr Baron Hirsch starb nicht nur unserer Gemeinde, sondern auch unseren Armen ab, deren er bei seiner Anwesenheit auf seinem Gute Eichhorn durch Vermittlung unseres Herrn Rabbiners reichlich gedachte. In Anerkennung der großen Verdienste dieses hochedlen Philantropen beschloß unsere Gemeindevertretung, ihrer Theilnahme durch ein Telegramm an die Frau Baronin Ausdruck zu geben uird dreißig Tage im hiesigen Tempel ein Seelenlicht brennen zu lassen. Sniatyu, 26. April 1896. Aus Anlaß des Ablebens des unvergeßlichen Philantropen Baron Moritz Hirsch veranstaltete das hiesige Local-Comita der Baron Hirsch-Stiftung einen Trauer-Gottesdienst in der Synagoge, welche aus diesem Anlasse schwarz drapirt und beflaggt wurde. Die Trauerrede hielt der Obmann des Local-Comites Herr Dr. M ehre r, die Synagoge war von Herren und Damen bis auf den letzten Platz gefüllt; vor dem Altäre nahmen die 160 Kinder unter Anführung des Lehrkörpers mit einer schwarzen Fahne Ausstellung. Direcior Langer sprach zu der Schuljugend polnisch, die Kleinen weinten rührend, worauf der Cantor unter Chorbegleitung El mole citirte. Hernach zogen die Kinder unter Begleitung der Lehrer und des Local-Comites bis zum Schullocale; alle Geschäfte blieben während der Trauerseier gesperrt. — Das Local-Comite, beziehungsweise der von demselben gegründete Verein „Kindersreund" veranstaltet für die Schuljugend der Baron Hirsch-Schule einen Maiausflug und adjustirt alle Schulkinder mit vollständigen Schulanzügen und Kappen. Berlin, 20. April. Das „Jüdische Mädchenst i s t", welches den in den unbemittelten jüdischen Volksclassen so oft zu Tage tretenden socialen und sittlichen Uebelständen durch die hauswirthschastliche Erziehung der weiblichen Jugend und durch die Pflege des weiblichen jüdischen Dienstb o t e n t h u m s begegnen will, erstattet Bericht über das sechste Jahr seines Bestehens, der erfreulicherweise von günstigen Erfolgen zu melden weiß. Die Zahl der Mitglieder ist von 317 auf 430, die Summe der Jahresbeiträge von Mark 3669 aus Mark 4733, die Zahl der Stifter und immerwährenden Mitglieder von 30 auf 57 uird endlich das Vermögen von Mark 12.733*13 auf Mark 21.348*20 angewachsen. Diesem Wachsthum entsprechend, erzieht das Stift jetzt 15 gegen anfänglich 6 Zöglinge, und zwar ganz unentgeltlich. Die Ausbildung derselben erstreckt sich auf Kochen, Zimmeraufräumen, Tifchbedienung, Waschen, Plätten, Nähen, Ausbessern und sonstige Handarbeiten und wird durch eine zeitweilige Aushilfebeschäftigung der Fortgeschrittenen in den Haushaltungen bei Mitgliedern des Stiftes ergänzt. Mit dem Institut ist ein ritueller K o st t i s ch für Frauen und Mädchen verbunden, welcher ein nahrhaftes Essen für den geringen Preis von 45 Pfg. gewährt und den Zöglingen Gelegenheit zur praktischen Bethchigung ihres Könnens in der Speisenbereitung bietet. Endlich ist auch ein Fortbildungsunterricht in Deutsch, Rechnen uird Wirthschaftskunde eingerichtet, der von einer geprüften Lehrerin ertheilt wird. Am 16. September v. I. fand die Entlassung von 4 Zöglingen statt; im Ganzen sind jetzt bereits 16 ausgebildcte in Stellung. Der Rechnungsabschluß bilancirt in Mark 10.444*06 bei einem Cassenbestand von Mark 540*25. Wir wünschen dem wackeren Verein, der in mustergiltigster Weise ein Stück socialer Frage, da, wo sie am brennendsten ist zu lösen sucht, ein weiteres, kräftiges Fortschreiten auf der be schrittenen Bahn. Berlin, 20. April. Man schreibt uns: „lieber die Mitglieder des im „Passage-Panopticum" gezeigten „Harem" meldet ein hiesiges Antisemitenblatt, daß dieselben Jüdinnen seien, was nicht überraschen könne, da „Muhamedanerinnen sich für derartige Schaustellungen nicht hergeben". Thatsächlich sind jene „Damen" weder Jüdinnen, noch Muhamedanerinnen, sondern/ wie ich in einer arabischen Unterhaltung feststellte, maronitische C h r i st i n n e n aus dem Libanon! Jeder Commentar ist wohl überflüssig". Aus der Provinz Posen, 20. April. Wie berichtet wnrde, hat Herr Gutsbesitzer W o l f s s o h n in B r e s l a u ein Legat von 500.000 Mark zum Bau eines j n d i s ch e n Waisenhauses in seiner Vaterstadt I n v w r a z l a w gestiftet. Nachdem die landesherrliche Genehmigung erlangt war, kaufte das im Testament ernannte Curatvriilin einen Bauplatz und übergab die Ausführung dem Baumeister Stadtrath Ewald. Der Rohbau ist im Monat März begonnen worden, und heute fand in feierlicher Weise der Act der Grün dst e i n l e g u n g ' statt. Der Schwiegersohn des Erblassers, Herr Rechtsanwalt K e m p n e r aus Breslau, erösfnete die Feier mit der Verlesung der Urkunde, welche in einer Blechbüchse eingemauert wurde. Nachdem hierauf Herr Rabbiner Dr. K o h n den 127. Psalm recitirt hatte, folgten die üblichen drei Hammerschläge von Seiten des Rechtsanwaltes Kempner, des ersten und zweiten Bürgermeisters, der Stadträthe Ewald, Kurtzig u. s. w. — Der israelitische Ar m enverein zu W r e s ch e n, welcher auswärtige und einheimische Kranke verpflegt, seine Armen mit Arzt, Medicin re. versorgt, zählt 85 Mitglieder, die monatlich circa 100 Mark Beiträge zahlen, und hat im letzten Jahre gegen 1000 Mark für seine Zwecke vertheilt. — Vor längerer Zeit erließ das russische Polizeiamt in N i e s z a w a eine^ Bekanntmachung, daß es jüdischen Ausländern nicht mehr gestattet werde, mit Grenz-Legitimationen Rußland zu betreten. Diese Verfügung ist minmehr zur Ausführung gekommen; sollte dieselbe ganz zur Geltung gelangen, dann würdeder Grenzverkehr schwer leiden, zumal jüdischen Ausländern das Paßvisum nur ertheilt wird, wenn sie Nachweisen können, daß sie Inhaber einer eingetragenen Firma sind und lebhaften Verkehr mit Rußland unterhalten. — Nach der durch den Bürgermeister Weise in R o g a s e n erfolgten Einführung der jüngst gewählten Repräsentanten der dortigen jüdischen Gemeinde wählten dieselben Herrn H a m m e r s ch m i d t zu ihrem Vorsitzenden und Herrn F. F e i b u s ch zu dessen Stellvertreter; zum Vorsitzenden des Vorstandes wurden Herr L. Ehrlich wieder- und zu seinem Vertreter Herr Isaak I a st r v w neugewählt. London. „Das tragische Leben eines Millionärs" betitelt sich der Artikel des „D a i l y C h r o u i c l e" über Baron Hirsch. In dem Stimmengewirre der preisenden und schmähenden Journalisten hat dieser Artikel des radicalen Londoner Blattes durch seine Unparteilichkeit und Intimität sofort berechtigte Auftnerksamkeit erregt. Die gesummte englische und französische Presse nimmt von demselben Notiz, und es wird allgemein anerkannt, daß er der Feder eines hochstehenden Mitgliedes der englischen Gesellschaft entstammt. Einiges sei an dieser Stelle mitgetheilt. „Seinen Feinden", sagt der „Daily Chronicle", „schien Moritz Hirsch ein selbstsüchtiger Streber, der mit Hilfe anrüchiger Millionen um das Lächeln hübscher Frauen und unr die Gunst Hochgeborener buhlte. Aber hinter der Maske, die inneres Leben so trefflich zu verbergen verstand, lebte ein Geist, der die hohe Gesellschaft auf ihren wahren Werth zu schätzen verstand. Er war für seine Person von asketischer Bedürfnißlvsigkeit. Er rauchte nicht, er war kein Trinker, aber er liebte es, auf seinen Besitzungen in Eichhorn und St. Johann fürstliche Gastfreundschaft zu üben. Er war von Schmeichlern und gewissenlosen Schmarotzern umgeben, wie alle Millionäre; ich habe arge Schmähungen gegen ihn aus dem Mnnde eines Lords gehört, kurz nachdem dieser seine Gastfreundschaft genossen und sich auf seinen Revieren an der Jagd gütlich gethan hatte. Baron Hirsch erfuhr von derlei Edelmuth oft genug, aber das ließ ihn kalt. Ich glaube, er hatte alle persönliche Empfindlichkeit mit seinem Sohne zu Grabe getragen. Ich habe Gelegenheit gehabt, einige Briefe zu lesen, welche Baron Hirsch selbst an seine Vertreter in Rußland schrieb, als es sich darum handelte, für die jüdischen Auswanderer Paßerleichterungen und andere

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.