Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. ]8 Dr. VLoch's WochrnsrtzriN Seite 357 und das christliche Religionsbekenntniß scheint nach Annahme geistreicher Köpfe eine unvermeidliche Voraussetzung für die Aufnahme in einen Radfahrerclub zu sein. Diese nette Tendenz kommt auch in dem Circulare zum Ausdruck, das wir schon darum veröffentlichen, weil es uns als ein cultnrhistorisches Tvcument von unzweifelhaftem Werthe erscheint: An die geehrten R a d fa hrer Niederösterreichs! Zu einer Zeit, da sich ans allen anderen Gebieten im politischen, wirthschaftlicheu und gesellschaftlichen Leben eine Trennung der Geister theils vorbereitet, theils schon vollzogen hat, ist es Pflicht der Radfahrer, in ihrer Mitte eine Scheidung der Christen von anderen Elementen herbeizuführen. Alle, die sich noch christliches Bewußtsein bewahrt haben, sollen sich in einer großen und mächtigen Bereinigung zusammenfinden, um zu beweisen, daß auch unter den Radfahrern nicht nur volles Berständniß für die Forderung der Gegenwart besteht, sondern, daß sie auch offen und frei damit heraustreten. Man hat bis jetzt mit den Worten: „Der Sport hat mit der Politik nichts zu thun", derartige Bestrebungen als ungehörig hinzustetlen versucht, doch sind solche Worte lediglich Phrasen. Gibt doch die Thatsache, daß zahlreiche nationale Verbünde heute blühend dastehen, Zeugniß dafür, daß auch ans sportlichem Gebiete die Vereinigung Gleichgesinnter berechtigt und erfolgreich ist. Geehrte Radfahrer! Ihr ermöglicht die Verwirklichung einer hohen Idee, wenn Ihr insgesammt dem Unterzeichneten Verbände beitretet, denn dieser hat es sich als Ziel gesetzt, eine Bereinigung zu bilden, welche alle antisemitischen Radfahrer unseres Kronlandes umfaßt, und sollen christliche Gesinnung, sowie deutsche Geselligkeit ein unzerreißbares Band unter den Mitgliedern knüpfen. Um eine breite, volksthümliche Grundlage zu schaffen, auf der sich der Verband groß und stark entfalten kann, und jedem christlichen und deutschen Radfahrer den Beitritt zu ermöglichen, ist keine Beitritts-, respective Einschreibgebühr zu entrichten, und soll auch der Jahresbeitrag einen Gulden nicht übersteigen. Unsere geehrte christliche Presse wird stets die weiteren Nachrichten bringen und lins in diesem idealen Streben gütigst unterstützen, es liegt demnach nur mehr an Euch, das große Werk, welches eine kleine, muthige Schaar begonnen, durch vereinte Kraft zu vollenden, und in der festen Hoffnung, daß dieser Ruf einen mächtigen Widerhall finden wird, begrüßt Euch mit sportlichem deutschen All Heil! Der Verband christlicher Radfahrer Niederösterreichs VIII., Langegasse 10, Ferdinand Tremmel's Restauration. Das'Radfahren mit „christlichem Bewußtsein" schließt also die Gemeinsamkeit mit Juden aus! Nun freilich, Eines läßt sich nicht leugnen. Wenn auch der Antisemitismus Wahnsinn ist, es kommt allmälig Methode drein. Ein wahres Glück aber sür die Begründer des Christenthums, daß zu ihrer Zeit noch keine Radfahrerclubs bestanden. Sie wären schmählich zurückgewiesen worden, wenn sie sich hätten einfallen lassen, um Aufnahme in den Club zu bitten. Wie paßten die auchineine Gesellschaft, deren Ehrenpräsident Herr Dr. Pattai ist? Die Sieger von Olympia. Vor einigen Tagen veranstaltete der Erste Wiener Amateur-Schwimmclub zur Feier der beiden jungen Wiener, die bei den Siegen in Olympia den Preis davongetragen, ein Fest. Wer sind die Beiden, die den österreichischen Namen zu Ehren brachten? Zwei Juden, die Herren Paul N e u m a it n und Otto H e r s ch m a n kr, unsere besteil Meisterschwimmer hatten auch auf classischer Stätte die österreichischen Farben in Griechenland zum Siege gebracht. In den großen Wettschwimmen, die eine Hauptnummer der olympischen Spiele einnahmen, errang Paul Neunlann die W e l t m ei ste rs ch aft. Otto Herschmann eineil zweiten Preis. Die jungen Männer waren bei ihrer Heimkehr Gegenstand vieler Ovationen. Am Staatsbahnhofe hatte sich zu ihrem Empfang ein zahlreiches Publicum eingefunden. Der Wiener Amateur-Schwinnnclub, zu dessen Mitgliedern sie zählten, war corporativ erschienen. Als der Zug, der die Sieger brachte, in die Halle einfuhr. da erbrausten stürmische Hochrufe. Bis knapp an die Geleise drängte sich die Menge vor. um die Beiden an einem Wagenfenster zu erspähen. Noch hielt der Zug nicht, da öffnete sich eine Coupethür und mit Wendig gerötheten Gesichtern begrüßten mit lautem Hurrah die olympischen Sieger die Freunde, die ihrer harrten. Ein herzlicher warmer Empfang war es, der ihnen geboten wurde. Jeder wollte ihnen die Hand drücken, Jeder dem Sieger zuerst den Glückwunsch darbringen. „Hoch die olympischen Sieger!" scholl es in der Runde, und als sie, festgekeilr in der sie bejubelnden Menge, den Weg zum Ausgange suchten, da wurden sie von den enthusiasmirten Clubcollegen fast in deil Wartesaal getragen. Paul 9! e u m a ir n bringt aus Athen die silberne olympische Medaille mit, die ihm als Preis für den schönen Sieg geworden. Auf der Reversseite der Medaille ist das Bildniß Zeus' und seiner Tochter Athene eingeprägt, die Aversseite zeigt das historische Wahrzeichen Athens, die Akropolis. „Es war der glücklichste Moment meines Lebens," rief der olympische Sieger, „als am Strande unter den Klängen der Volkshymne die österreichische Flagge gehißt wurde." Neber den herzlichen Empfang und die warme Zuneigung, die sie in Griechenland gesilnden, wissen die beiden Jünglinge nicht genug zu erzählen. „Mit fiirstlichen Ehren wurden wir empfangen, wir speisten beim Könige und waren die Gäste des Herzogs von Sparta", theilen sie mit Hochgefühl den Umstehenden mit. Auch während der Heimreise wurden die jungen Männer von Sportgenossen in Conftantinvpel, Budapest und Preßburg herzlichst begrüßt und beglückwünscht. Ihr Triumph ist aber um so erfreulicher, als er mehr als ganze Artikel den albernen antisemitischen Kampf gegen die Juden ad absurdum führt, der zu seinen Argumenten auch jenes zählt: die Juden zeigten sich inferior und untüchtig überall, wo es zur Bethätigung physischer Kraft kommt. Erzherzog Ludwig Victor empfing heute den Sieger in den olympischen Spieler! zu Athen, Herrn Stud. Med. Paul N e u m a ll n, in Audienz und erkundigte sich hiebei unr die Einzelheiten im Spiele. Herr Neumann ist Mitglied des Ersten Wiener Amateur-Schwimmclubs, dessen Protectorat Erzherzog Victor überllvmmen hat. Das Btuimärchen von Mährisch-Trübau. Wie noch in Erinnerung sein dürfte, verbreiteten vor einiger Zeit verschiedene antisemitische Zeitschrifterr eine gruselige Geschichte, wonach der Kaufmann Mvriz Möller in Mährisch-Trübau seiner Tieilstmagd Philomena W a c l a w e k des Nachts mittelst Nadelstichen an den Gelenken der Arme und Beine Bllit abgezapst habe. Mvller hatte bekanntlich durch diese Gerüchte viel zu leiden und war sogar gefährdet, weshalb er selbst um gerichtliche Untersuchung ersuchte. Es ergab sich,' daß die beiden Mägde Sofie N e m l u w i l und Emilie Schwab das Märchen verbreitet hatten; sie wurden verhört und gaben an, die Waclawek habe ihnen mit eigenem Munde erzählt, was Möller des Nachts an ihr vorgenommen habe, mit denk Beiffigen, sie sei am Morgen hievon ganz matt und schwach gewesen. Nun wurde die W a cl a w e k als Zeugin vorgeladen und gestand, sie habe derartiges allerdings den beiden Kameradinnen erzählt, allein sie habe ihnen nur einen Bären a n f b i n d e n wollen und sie nicht fiir so dumm gehalten, daß sie ihr glauben würden. In Wirklichkeit sei Alles erfunden, es sei ihr im Hause Möller's nichts geschehen, derselbe sei reich genug, sich Blut zu kaufen, wenn er wirklich solches benöthigen sollte; sie glaube dies aber nicht, zum Beweise dessen sei sie auch jetzt wieder bei einerjüdischen Familie im Dienste. Daraufhin wurde die Voruntersuchung gegen Molle r, die wegen öffentlicher Gewaltthätigkeit geflihrt worden war, mangels jeden Thatbestandes eingestellt, nachdem mich die Gerichtsärzte die ganze Geschichte als sinnloses Märchen bezeichnet hatten. Dem Möller wurde auch ein Schuldlosigkeitszeugniß ausgestellt. Sein Vertreter, Dr. Cajetan Mülle r, erhob nun gegen die Urheberin des so gefährlichen Gerüchtes, die Waclawek, die Klage wegen verleumderischer Ehrenbeleidignng, worüber es vor dem Bezirksgerichte Mährisch-Trübau zur Verhandlung kam. Die vom Advocaten Tr. F l a s a r vertheidigte Magd änderte mit 'einem Male vollständig die Darstellung, denn sie trat vor dem Richter mit der Behauptung auf, sie habe früher die Unwahrheit gesprochen, sie sei wirklich mit Nadeln gestochen worden. Da nun entweder die eine oder die andere Angabe falsch sein muß, brach der Richter die Verhandlung ab und verkündete den Beschluß, den Act der Staatsanwaltschaft abzutreten, zur Feststellung, ob die W a c l a w e k sich des Verbrechensder falschenZeugenaussage schuldig gemacht habe. Wenn einer mit einer krummen Nase Antisemit sein will. Der Schnhmachermeister Vincenz I u n e k, ein eifriger Parteigänger des Dr. Lueger, hat das Unglück, wegen einer leichten Krümmung seiner Nase oft als Jude betrachtet zu werden.