Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr. Vloch's Wochrnfchrifi Seile 355 xliii. Creditwesen und Confession. Ich habe seinerzeit mitgetheilt, daß der Kiew'sche Philantrvp and Millionär Lasar Jsraelowitsch Brodski der dortigen Municipalität 120.000 Rubel zur Verfügung gestellt hatte, um eine Gewerbebank zu gründen, und daß diese humane Idee bis jetzt nicht zur Aussührung gekommen, da der Kiew'sche General-; gouverneur, Gras Jgnatjew (ein Bruder des Vaters der Mai-! gesetze), in dem Statut der zu creirenden Bank einige antisemiti- > sche Clauseln angebracht hatte, mit denen sich der jüdische Stifter nicht für einverstanden erklären konnte. In der Nummer 14 der „Oesterreichischen Wochenschrift" war eine Mittheilung über diesen Gegenstand enthalten, die Herrn Brodski in ein wenig vvrtheilhaftes Licht stellte. Es hieß daselbst, derselbe biete der Kiewer Municipalität au, seine 200.000 (soll heißen 120.000) Rubel zu nehmen. Diese Entstellung der Thatsache veranlaßt mich, die Angelegenheit richtigzustellen, umso mehr, als ich Herrn Brodski persönlich kenne und hochschütze und nicht zngeben kann, daß er vor Ihren zahlreichen Lesern im Auslande sowohl als in Rußland geradezu lächerlich gemacht werden soll. Herr Brodski hat seiner Würde als Mensch und als Jude durchaus nichts vergeben, daher auch eine jede Verspottung seines edlen Gebahrens (und sei es auch nur als Antithesis a propos und auch ohne jeden böswilligen Hintergedanken) geradezu unstatthaft ist, was ich hiemit energisch betone. Der Sachverhalt ist folgender: Die Commission der Kiewscheu Municipalität hatte das Project des Statuts einer Gewerbebank ans gearbeitet, welche mit den durch Herrn Brodski grvßmüthig geopferten 120.000 Rubeln zu gründen sei, und dasselbe dem Finanzministerium zur Bestätigung vorgelegt. Das Ministerium hatte an dem Projecte einige Abänderungen gemacht, die durch den Generalgouverneur Grafen Jgnatjew „verjüngt" wurden, und in dieser Variante ward das Project dem Gründer zur Begutachtung und Sanctionirung vorgelegt. Herr Brodski war nicht wenig erstaunt, als er sah, wie seine ursprüngliche Idee entstellt worden war. Zuerst hatte man die Firma der zu gründenden Bank abgeändert und sie „Gewerbe- und Hausindustriebank" geirannt, was durchaus nicht den Wünschen des Gründers entspricht, ebenso wenig wie der Paragraph des Statuts, welcher besagt, daß das geopferte Capital Eigenthum der Stadt Kiew werde. Herr Brodski beabsichtigte durchaus nicht der Stadt Kiew, die sich stets durch Antisemitismus hervorgethan, ein so großes Geschenk zu machen, sondern er wollte eine Bank gründen, in welcher nothleidende Handwerker billigen Credit finden könnten. Arrßerdem findet Herr Brodski, daß der Paragraph, laut welchem ein jedes Mitglied der Bankdirection einen Vermögenscensus aufweisen müsse, eine unnütze Einschränkung sei, welche dem Anscheine nach blos den Zweck hat, die Glaubensgenossen des Gründers aus der Verwaltung auszuschließen. Ueberhaupt findet Herr Brodski, daß in dem Statut der mit seinem Gelde zu gründenden Bank mehr Paragraphen enthalten sind, welche augenscheinlich nichts weiter als eine Ausschließung des jüdischen Elementes aus der Verwaltung der zu creirenden Bank bezwecken. Das wäre doch schon zu viel! Mit jüdischem Gelde wird eine Creditinstitution gegründet und den Inden soll das Recht genommen werden, sich an der Verwaltung derselben zu betheiligen. Herr Brodski protestirt im weiteren Verlaufe seiner Denkschrift, aus welcher ich die markantesten Stellen citire, energischst gegen eine derartige Prätension und legte resolut Verwahrung gegen eine solch' unerhörte Vergewaltigung ein. „Die von mir projectirte Bank soll für Handwerker und kleine Gewerbetreibende ohne Unterschied der Race und Confession gegründet werden, daher ich auch finde, daß jegliche nationale und religiöse Einschränkungen dem Geiste ähnlicher Institutionen und besonders der von mir beabsichtigten durchaus nicht entsprechen, ja sich mit demselben im stricteu Widerspruche befinden. Ich biete der Stadt die Mittel an, einen billigen Credit für die zahlreiche Elaste der arbeitenden städtischen Bevölkerung, ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung, zu orgauisiren, welchen denselben jetzt nicht genießen und Beute von Wucherern werden. Ich nehme für mich gar keine Rechte in Angelegenheit der Verwaltung der Bank in Anspruch, fordere für meine Glaubensgenossen kein Privilegium bei Benützung des ihnen zu gewährenden Credits, daher ich auch hoffen kann, daß die Stadtreprcffentanz mir bei Verwirklichung dieser Idee keine Bedingungen stellen wird, die airzunehmen mir Ehre und Gewissen nicht erlauben, daß sie mir kein Hinderniß in den Weg legen, sondern entgegenkommen wird, um Etwas zu schaffen, was dem Geiste und der Aufgabe meiner Idee entspricht. Wenn jedoch, zu meinem größten Leidwesen, sich meine Erwartungen nicht realisirteu und die von mir oben verlangten Abänderungen des Statuts nicht sanctionirt werden sollten, so z i e h e i ch mein Offert zurück u n d w e r d e a u f der A u ir a h in e meiner Schenkung n i ch t m e h r b e ft e h e n. I ch w erd e die v o n mir bestimmte Snm m e zu r Gr iind u n g eine r H a n d w e r k e r b a n k bis z u dem Zeitpunkt verschieben, w o d i e I d e e e i n e s d e r a rt ig en Credits in Kiew ohne B ez ug n a h m e auf N a ti on a l r t ä t n n d C o n f e s s i o n s i ch w i r d v e r w i r k l i ch e u lassen können." Wie Sie sehen, ist die Antwort des Herrn Brodski voll Würde und Selbstbewußtsein, und von einem erniedrigenden Betteln, daß die Municipalität doch lcm Himmelswillen bedingungslos seine Gabe annehmen möge, ist keine Rede. Vom Jahrmarkt des Lebens. Aufruf. In der Brust jedes guten Oesterreichers regt sich heute mächtig der Drang, das Jubiläum der fünzigjährigen glorreichen Regierung unseres geliebten Kaisers in einer Weise zu begehen, welche, ein voller Ausdruck der innigsten ilnterthanetttrelle, auch dem Wesen und Geiste des Monarchen völlig entspricht. Es muß ein Fest der Herzen werden, und die ewigen Spuren, die es der Epoche für die Geschichte aufprägt, müssen edle Werke, Werke der Menschenliebe sein! So werden denn an dem Jubel der Völker Oesterreichs auch die Armen und Elenden, die Kranken und Schwachen, die Alten und Einsamen theilnehmen; ihre Leiden werden Linderung finden durch die vom Schicksale Begünstigten, die ihren Zoll zur Feier des erhabenen Festes in der Form mannigfacher Wohlthätigkeitsacte an die Stufen des Thrones bringen werden. Gerade u n seren G l a u b e n s - genossen erwä ch st aus der h ar te n B ed rä n g n i ß d e r Z e i t d i e e r h ö h t e P f l i ch t, für ihre n o t h bedrück t e n M i t b r ü d e r. für die von a n d e r e r S e i t e ausreichende Hilfe kau m z u g e w ä r t i g e n ist, liebend zu sorgen. Auch der Verein „Ferienheim" will seinem Streben und Walten anläßlich des großen Monients würdigen Ausdruck geben und zugleich ein dauerndes Denkmal setzen, will durch den Ban eines e i g e n e n Hei m s, das im Jubiläumsjahre zu eröffnen wäre, für alle Zukunft Hunderten von armen kleinen Wesen Erholung und Erquickung, Stärkung und Labung von Geist und Seele sichern und erbittet hiefür den Beistand aller Kinderfrennde, den Beistand Aller. die zum Bewußtsein ihrer Menschenpflicht gelangt sind, zu helfen, wo Hilfe noththut und so leicht ist. Der Verein „Ferienheim" hat in den vier Jahren seiner Wirksamkeit an 800 jüdischen Kindern aus den ärmsten Schichter: der Gesellschaft, die im heißen Sommer auf eine dumpfe, von einer vielköpfigen Familie bewohnte Stube oder aus die staubige Straße angewiesen sind, den Segen eines nur einmonatlichen Landaufenthaltes mit guter Luft, gesunder, ritueller Kost und rationeller Körperpflege, bei entsprechender pädagogischer Aussicht erprobt. Nach diesem Segen diirsten jedoch viele Tausende junger Menschen, die im Pfuhle der Roth zu verkommen drohen! Und es ist so furchtbar, diese Vielen zurückftoßen zu müssen, weil die Mittel nur für Wenige reicher: und weil der Mangel an geeigneten - auch für Geld kaum erreichbaren — Räumen und die alljährlichen Sorgen der Suche Beschränkung auferlegen. Ein eigenes Heim - als Landaufenthalt im Sommer, als Reconvalescentenhaus in: Winter- Würde dem Verein „Ferienheim" die Möglichkeit bieten, irr ausgedehnterem Maße und in beruhigter Stabilität seiner Mission gerecht zu werden: die Kinder der Armen physisch und inoralisch zu kräftigen, auf daß arrch sie ihren Menschen- und Unterthanenpflichten dereinst voll zu entsprechen vermögen! Alle, die Ihr Kinder liebt, Väter, Mütter, steht uns bei! Und greift auch Ihr in Eure Sparbüchsen, Ihr glücklichen Kleinen, helfet uns, dem Elend Kinder entreißen, solange sie darin noch nicht verdorben und verkommen sind! Jeder Beitrag rückt die ersehnte, herrliche Stunde näher, in der der Grundstein gelegt wird zu einem heiligen Rettungswerke, zu dein eigenen Heim. Wien, im April 1896. Der Vorstand des Vereines „Ferienheim": Sofie Grünfeld, Präsidentin, I., Schottenring 9tr. 2.