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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-01 · 18 (1.5.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 354 Nr. 18 Br. Vüntz's Wochenschrift die Ethik. Die Geschäftsconcurrenz gestaltet sich im modernen Leben immer mehr zu einem erbitterten Kampfe ums Dasein, und wo es sich um Sein oder Nichtsein handelt, da hört oft die zarte Rücksicht aus, da verstummt leider oft die Stimme des Gewissens. Was die Welt heute mit ehrlich und unehrlich im Handel bezeichnet, das sind relative Begriffe. Der strenge Moralphilosoph würde wahrscheinlich urtheilen, daß alle Leute, die ein größeres Vermögen aufgesammelt haben, es nicht auf moralischem Wege erreicht haben. Vor dem Forum der reinen Ethik hält feilte geschäftliche Calculation Stand. Daß eine Besserung hier nöthig ist, das unterliegt gar keinem Zweifel, aber ebenso klar ist, daß das Gesetz hier nicht ausreicht. Die gesetzlichen Bestimmungen müssen in solchen Dingen zu eng oder zu weit ausfallen und sie treffen gerade diejenigen Elemente nicht, die sie treffen wollen. Und mit all diesen unklaren Forderungen und nebelhaften Ideen verbindet sich stets der Geist des Antisemitismus. Man glaubt in manchen Volkskreisen ernstlich, alle Mißstände resultiren aus der Judenfrage und man müsse die Waffen gegen diese Uebel dem antisemitischen Arsenal entnehmen. Der Antisemitismus war eben stets die beste Zufluchtsstätte für alle unreifen Ideen und alle unklaren Bestrebungen. Menschenhaß und Unvernunft, das ist die natürlichste Ehe der Welt. Vertrag zur Geschichte der russischen Juden. XLII. Die Maigesetze. Es sind jetzt genau vierzehn Jahre her, daß der dazumal allmächtige Minister des Innern Graf Nikolaus Pawlowitsch Jgnatjew die Rolle des Haman übernahm und drakonische Maßregeln veröffentlichte, welche die Austreibung der jüdischen Bevölkerung vom Lande bezweckten und dadurch viele Hunderttausende friedliche, betriebsame Bürger obdach- und brotlos machte und gleichzeitig dem volkswirthschaftlichen Leben des ganzen Reiches einen harten Schlag versetzte, den es noch bis jetzt nicht überwinden kann und woran Staat und Volk krankt. Durch diese Austreibung der Juden, angeblich um die Urbevölkerung gegen die Ausbeutung ihrerseits zu schützen, wurde das ökonomische Gleichgewicht gar bedenklich gestört. Da es an dem beweglichen, vermittelnden, regen, industriellen und commerciellen Elemente fehlte, so verfiel die ländliche Bevölkerung in Trägheit und Armuth und ward ein Opfer der Beute- und Raubgier ihrer eigenen, echt in der Wolle russisch- und rechtgläubig gefärbten Dorfvampyre, welche ihre Glaubensgenossen weit energischer aussogen, als es je der schlimmste jüdische Wucherer gethan. Jndenl die höchste Regierung die grausamen, sogenannten „Maigesetze" des Grafen Jgnatjew sanctionirte, schnitt sie sich in's eigene Fleisch, und wenn über Rußland jetzt eine schwere, finanzielle Krisis hereingebrochen, so liegt der Grund derselben theilweise in diesen Ausnahmsmaßregeln, ebenso wie der Niedergang Spaniens mit der Austreibung der Juden begann .... Am 3. Mai 1882 wurden die sogenannten Maigesetze veröffentlicht, welche jedoch nicht als definitive, sondern blos als temporäre bezeichnet wurden, die blos so lange in Kraft bleiben sollten, als bis die Judenftage im Ganzen und Großen entschieden werde. Vierzehn Jahre sind seit diesem unseligen dritten Mai in den Strom der Ewigkeit dahingesunken, vierzehn lange, schwere Jahre voll Elend und Trübsal, voll Stöhnen und Thränen, deren Monotonie hie und da periodisch durch blutige, gegen die Ausgestoßenen begangene Excesse Abwechslung fand. Der Autor der Maigesetze ward bald von seiner Höhe gestürzt, doch die durch ihn ausgestreute böse Saat wucherte zu einer unheilvollen reichen Ernte auf. Und was das Eigenthümlichste dabei ist — Graf Jgnatjew ist durchaus kein Antisemit und war nie einer. Im Gegentheil hatte er stets die beste Meinung von den Juden, deren Charaktereigenschaften er hoch schätzte. Seine ungeheuren Gütercomplexe im Süden Rußlands werden größtentheils von Juden verwaltet oder gepachtet; er verkehrte intim mit mehreren intelligenten Juden, und als er noch Botschafter in Constantinopel war, da spielte eine jüdische Griechin oder eine griechische Jüdin eine hervorragende Rolle in feiner diplomatischen Thätigkeit und war die allmächtige Favoritin des „ Mephistopheles des Orients". Der schlaue Diplomat, nachdem er allmächtiger Minister geworden, wollte blos seine Stellung consolidiren, und auf welche andere erfolgreichere Weise könnte dieses ersehnte Ziel erreicht werden, als dadurch, daß man den ausgesprochenen Judenhaß an der höchsten Stelle schmeichelte und grausame Repressivmaßregeln gegen uns Arme ersann, die wir dem erlauchten Ostracismus anheim gefallen waren. Und man muß gestehen, daß Graf Jgnatjew mit echt diabolischer Erfindungskraft Mittel und Wege fand, die Opfer zu foltern, wie sie eines Großinquisitors Torquemada würdig gewesen wären. Seitdem am 3. Mai 1882 die Judenfrage in Fluß gekommen, hatte die Aera der systematischen Verfolgungen begonnen, die endlich zur Massenemigration mit allen ihren tragischen Episoden führte. Und erst jetzt nach langen, qualvollen vierzehn Jahren begann man in den leitenden Sphären einzusehen, daß die von Jgnatjew erdachten Maigesetze doch nicht als Quintessenz staatsmännischer Weisheit zu betrachten sind und daß an denselben gar manches faul sei; indem man die jüdische Bevölkerung zu Grunde gerichtet und Noch und Elend preisgegeben, hat mau sich selbst ruinirt und künstlich ein bäuerliches Proletariat geschaffen, wo ftüher keines vorhanden gewesen. Schon ftüher hatten Commune und Semstwo, Städte und Dörfer geklagt, daß man ihnen das so nothwendige und nützliche jüdische Element genommen — selbst die heilige Kremlstadt Moskau erhob sich zu einem Protest gegen die Austreibung der Juden, welcher jedoch unbeachtet verhallte — hatte man doch für alle diese Beschwerden ein taubes Ohr. Jetzt scheinen andere Ideen maßgebend zu werden. Mau kann sein Ohr nicht gegen die steigende Noth verschließen und ist es infolge dessen dem gegenwärtigen Minister des Innern anheimgestellt worden, die Frage über die Abänderung der unglückseligen Maigesetze anzuregen. Es ist freilich gesagt „Abänderung und Ergänzung", so daß man hätte glauben können, es handle sich um eine Verschärfung dieser Veränderung, und gewisse eingefleischte Antisemiten wollen die neue Richtung auch in diesem Sinne deuten. Wie ich aber aus zuverlässiger Quelle erfahren, ist dem durchaus.nicht so. Die Maigesetze sollen freilich nicht ganz ebolirt werden (dazu kann man sich nicht entschließen, bevor nicht der Reichsrath sein definitives Machtwort in der Judenftage gesprochen), aber es soll eine derartige Abänderung und Milderung derselben erfolgen, welche einer Aufhebung so ziemlich ähnlich sein wird. Besonders sollen die scharfen Verordnungen aufgehoben werden, welche den Juden verbieten, Güter zu pachten und zu verwalten, da dadurch die Interessen der adeligen Gutsbesitzer höchlichst geschädigt werden und eine sehr gefährliche Entwerthung von Land und Boden erfolgt. Der Minister hat sich an die Gouverneure und Behörden mit einem Rundschreiben gewendet, in welchem dieselben aufgesordert werden, Bericht zn erstatten, welche Folgen die Maigesetze für die betreffenden Landesstriche gehabt, wie überhaupt statistische Daten über die Beziehungen der jüdischen Bevölkerung zu ihren christlichen Mitbürgern u. s. w. zu geben. Beim früheren Regime würde eine solche Fragestellung sicherlich ein negatives Resultat erzielt oder zu neuen Beschränkungen Anlaß gegeben haben, da die Antwort im Sinne der vorherrschenden Strömung ausgefallen wäre: Der Jude wird verbrannt. Gegenwärtig ist es anders. Erstens ist man in den höchsten Sphären wenn auch nicht philosemitisch, doch sicher nicht antisemitisch gesinnt, und das ist kein Geheimniß mehr, muß also eine gewisse Rückwirkung auf competente Sphären haben. Zweitens ist der gegenwärtige Leiter des Ministeriums des Innern, Geheimrath Goremykin, ein Mann, der vom strengsten Rechtlichkeitsgefühl beseelt ist und dem man nicht ein X für ein U machen kann. Sollte sich ein antisemitisch angehauchter Provinzialgouverneur finden, der es sich beifallen ließe, dem Herrn Minister seine judenseindliche Gesinnung zu documentiren und fälschliche, die Juden in schlechtem Lichte darstellende Berichte zu erstatten, so steht zu befürchten, daß ihn Herr Goremykin auf das lügnerische, verleumderische Maul klopfen wird. Er würde, sich nicht mit Phrasen begnügen, sondern Beweise fordern, und wehe demjenigen Beamten, so hochgestellt er auch sein möge, der sie nicht zu liefern im Stande sein sollte. Daraus läßt sich mit einem gewissen Rechte die Schlußfolgerung ziehen, daß auf die vom Minister gestellte Frage eine mehr oder weniger wahrheitsgetreue Antwort erfolgen wird.

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