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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-01 · 18 (1.5.1896) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 Br. Bloch s Wochen,chrtst. klugen Leute gar nicht, daß alle diese Fragen nur die'Symptome einer social ungesunden Zeit darstellen, daß ein Arzt'aber nicht die Kennzeichen einer Krankheit, sondern die Krankheit selbst zu beseitigen bestrebt sein muß? Sind wir denn nicht gegen alle diese Mißstände machtlos, solange wir nicht die Quelle derselben ergriindet haben. Der Staat ist doch ein einheitlicher lebendiger Organismus, der mit Einsicht und Verständnis; erfaßt sein will. Von einem modernen Specialisten der Heilkunde wird erzählt, daß er au der Leiche seines zu Tode curirten Patienten triumphirte, er habe das kranke Organ thatsächlich geheilt, freilich — auf Kosten der anderen Organe und der arme Mensch starb dabei, was thut's? Das Organ aber ist geheilt und das ist eine stolze Errungenschaft der Wissenschaft. Verfahren nicht nach diesem Systeme auch manche Politiker unserer Zeit? Sie wollen den Handwerker retten auf Kosten der Industrie, sie wollen den Mittelstand retten auf Kosten des Arbeiters, sie wollen den unreellen Wettbewerb bekämpfen und zerstören den Handel überhaupt. Der ganze Staatsorganismus muß bei solchen Hilfswerken erschiittert werden. Es ist jetzt Mode geworden, den kleinen Mann zu „retten" und gegen den unreellen Handel zu wütheu. Wie in einer bekannten modernen Posse, wo der Herr Bezirksausschuß die ihm vvrgeschriebene Rede einstudirt, hört man aus all den wohlklingenden Reden den papageiartigen Satz heraus: Für den kleinen Mann muß Etwas geschehen!" Ja, aber was soll denn geschehen? fragen wir mit der naiven Tochter des ehrsamen Bezirksausschuß-Candidaten. Das wissen die Herren Volksretter eigentlich selbst nicht. Selbstverständlich wird dieser große Geisteskampf mit antisemitischen stumpfen Waffen ausgefochten. Man profitirt heutzutage immer dabei, wenn man einer politischen oder wirthschastlichen Frage eine antisemitische Wendung gibt — das Volk hört das gern. Und der Sieg der guten Sache? Ja, daran glaubt eben Niemand ernstlich. Wir haben hier nicht die offenen Antisemiten im Auge. Von diesen Herren iiberrascht uns nichts mehr, oder doch das Eine, wenn sie einmal ausnahmsweise weniger unanständig sind. Wir denken hier an all diejenigen Politiker, die entrüstet sind, wenn man sie als Antisemiten bezeichnet, dabei aber doch ihre Reden gern antisemitisch ansklingen lassen, um sie pikanter zu gestalten. An Gediegenheit und Ueberzeugungskraft gewinnen die Reden durch diesen Tric nicht, das ist auch heute Nebensache, die Hauptsache ist, daß das Volk ihnen zujubelt. Und um das Volk zu gewinnen, muß man ihm etlvas bieten können. Das ist freilich nicht so leicht, aber versprechen kann man immerhin Vieles. Das kostet nichts, verpflichtet zu nichts und verleiht dem Redner den Nimbus eines begeisterten Volksfreundes. Daher wird ebenso viel an dem kranken Staatskörper herumgedoctert, und wenn das so weiter geht, werden sie ihn noch zu Tode curiren. Der Hauptfehler, von dem alle diese Bestrebungen ansgehen, ist die irrige Auffassung, daß der Staat allmächtig ist und daß man jedes Uebel durch die Gesetzgebung bekämpfen muß. Man vergißt, daß auch die beste Gesetzgebung nur einen Theil der Moral bilden kann und darf, daß nicht Alles, was ethisch erstrebenswerth ist, zum Gesetz sanctionirt werden kann. Man hat eben in der Hochflut der Reaction verlernt, auf die Macht der Cultur zu bauen und dem sittlichen Fortschritt zu vertrauen. Man glaubt nicht mehr an das Gute und Edle im Menschen, daher ruft man stets nach der Polizei, daher möchte man überall gleich nach der Klinke der Gesetzgebung greifen. Das ist ein verhängnißvoller Pessimismus, der in der materialistischen Weltanschauung seine Wurzel hat. Es gebricht eben unserem Zeitalter an Idealisten. Welch ein Armnthszeugniß stellt man unserer Zeit aus, wenn man sich des schönsten Rechtes, der Selbsthilfe begibt und den Polizüstaat erstrebt, wenn man die Macht der sittlich >n Erziehung des Volkes verneint! Die Hauptobjecte der „Rettungsversuche" unserer politischen Dilettanten auf socialem Gebiet bilden in letzterer Zeit die Börse und der Handel. „Gegen den Giftbaum und den unreellen Wettbewerb!" ist die Parole aller Halb- und Vollblutantisemiten und in den dunkelsten Farben wird uns geschildert, daß das Elend des Volkes nur aus der Gewerbefteiheit und der Börse stamme. Speciell der „unreelle Wettbewerb" ist zum Schlagwort der Volksbeglücker aller Schattirungen geworden. Es ist gar keine Frage, daß sowohl die Börse wie das moderne Handelsleben traurige Zustände gezeitigt haben. Niemand wird die gewissenlosen Börsenjobber und die Geschäftsleute, welche eine häßliche marktschreierische Reclame betreiben, welche die widerlichsten Manipulationen inscenireu, um einen Thoren in Seite 353 den Laden zu locken, vertheidigen wollen. Ja, wir wären vom Herzen dankbar, wenn uns ein Weg zur Beseitigung dieser Mißstände gezeigt würde. Allein der ehrliche Politiker muß den Ursachen dieser Uebel nachgehen und sich fragen, ob hier durch das Gesetz wirklich etwas erreicht werden kann. Daß die Börse in der heutigen Gesellschaftsordnung eine nothweudige Institution ist und daß die Hemmung des Börsenlebens eine Stockung der Industrie und des Handels bedeuten würde, das begreift ein Jeder, der sich mit realer Politik rlnd mit wirthschastlichen Fragen befaßt. Also, die Börse ganz abznschaffen, so kühn sind die neuen Weltrefvrmer nicht. 'Aber man will der Börse die Gesetzesfeffeln anlegen, sie immer stärker besteuern und strenge Maßregeln schaffen. Glaubt man denn wirklich dadurch die Börse zu bessern? Das wäre doch eine gar zu naive Auffassung. Durch die hohe Steuer wird der ehrliche Bankier eher getroffen, als der gewissenlose Speculant, und die Wirkung wäre völlig illusorisch. Auch durch Strafgesetze wird hier schwerlich etwas erreicht werden. Man darf sich auf diesem Gebiete von gesetzlichen und administrativen Maßregeln keine großen Illusionen machen. Für den Mann von Ehrlichkeit und Anstand bedarf es keiner Gesetze, ihm wird das sittliche Gefühl sagen, was redlich und unredlich ist, und der Gauner wird stets Schlupfwinkel finden, um dem Gesetze zu entrinnen. Wer mag es leugnen, daß die unseligen Börsespeculationen einen Ruin des Volkes bedeuten? Aber durch Strafparagraphe wird man diesen unglücklichen Trieb ebenso wenig bekämpfen wie die Diphtherie und die Cholera. Solange die wilde Habsucht in der menschlichen Brust lebt, solange diese Leidenschaft des nervösen Gewinnes, die sich von keiner Vernunft und keiner Rücksicht zügeln läßt, unter den Menschen wüthet, solange wird die Börsenspecnlation in irgend einer Form bestehen und wird ihre Opfer fordern. Wollt ihr die bessernde Hand anlegen, so lehrt dem Volke die Tugend der Sparsamkeit, die nach Franklin eine der höchsten ist. Lehrt ihm Mäßigkeit, Arbeitsamkeit und Bescheidenheit, lehrt ihm, nicht auf äußeren Prunk und Tand zu sehen und die Schwächen der Großen nicht nachzuahmen. Zeigt ihm, daß es eines gebildeten Mannes unwürdig ist, durch den Zufall oder was noch schlimmer ist — durch den Ruin seiner Mitmenschen reich werden zu wollen. Klärt das Volk darüber auf, daß es speciell für den kleinen Mann ein unverzeihliches Verbrechen ist, sein sauer erspartes Vermögen leichtsinnig auf's Spiel zu setzen und seine und seiner Kinder Zukunft zu verscherzen, um vielleicht einige Percente mehre einheimsen zu können. Gründet Volksbildungs- Vereine und strebet danach, die Unwissenheit der Massen, die Ursache aller Uebel, zu beseitigen. Findet den ehrlichen Math, dem Volke seine Fehler vorzuhalten und nicht ihm immer Tugenden anzupreisen und für seine Gebrechen einen Sündenbock auszusuchen. Nur der liebt das Volk, der ihm stets die Wahrheit sagt, die Wahrheit um jeden Preis. Das ist eine Bahn, die fteilich nicht so bequem wie die demagogische ist, die Muth und Opferst endigkeit erfordert, die aber zn eineni würdigen Ziele führt. Aehnlich steht es mit dem Handel. Jeder ehrliche Kaufmann wird selbst vor unlautern Mitteln zurückschrecken und sich der Redlichkeit befleißen. Und wir meinen, er wird auch geschäftlich dabei am besten fahren, denn nur dadurch wird er sich die Kundschaft für die Dauer erhalten. Aber wie soll hier das Gesetz wirken? Haben wir die Gewerbefteiheit erstrebt, weil wir der Ueberzeugung sind, daß die freie Concurrenz, der ungehemmte Wetteifer zur Vervollkommnung der Industrie, zur Reform des Handels führt und für den Producenten wie für den Eonfumenten zum Segen wird, so müssen wir uns auch die Schattenseiten der Gewerbefteiheit gefallen lassen. Auch hier muß die Volkserziehung die Sonde anlegen und bessernd wirken, das Gesetz aber vermag hier nichts. Das Schlimmste ist, daß die Begriffe hier noch so wenig geklärt sind. Wir haben bis heute Vieles gehört und gelesen, was unreeller Wettbewerb ist, den reellen Wettbewerb vermochte uns Niemand zu definiren. Wie soll hier also das Gesetz die richtige Grenze finden? Es ist z. B., sittlich betrachtet, verwerflich, wennDin K aufmaim einen Artikel ohne Vortheil verkauft, um die Kunden heranzulvcken, denn er täuscht dadurch die kaufende Bevölkerung. Wie kann aber das Gesetz dieses unsaubere Gebühren verbieten? Es ist sittlich betrachtet, unrecht, eine Unwahrheit zu äußern oder durch den schein einen falschen Glauben zu erwecken. Man zeige uns aber denjenigen Kaufmann, der ehrlich gesteht, die Waare kostet mich so und so viel, sie hat diese und jene Fehler. Auf dem Boden der strengen Wahrheit und der exacten Moral ist eben das Geschäftswesen kaum möglich. Das Princip des Handels ist der Gewinn, nicht

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