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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-01 · 18 (1.5.1896) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 Seite 351 Dr. Vloch's Wochrnptzrifi. seine scharfe Einsicht, seinen praktischen Sinn stellte er in den Dienst seines Volkes, jeder Schmerz, der die Seele desselben durchzuckte, wurde von ihm tief empfunden, und nichts stand ihm höher als die Ehre seiner Glaubensgenossen. „Alle seine Schöpfungen verfolgten den Zweck, die Inden voll dem mittelalterlichen Drucke zu befreien und sie zu freien, thatkräftigen, arbeitsfrendigen Menschen heranzubilden, die Jugend aus den Niederungen des Daseins durch Erziehung und Wissenschaft auf eine höhere gesellschaftliche Stufe, emporzuheben itixb ihnen das Rüstzeug für den Kampf um die sociale Gleichstellung zu liefern, die Glaubensgenossen in echt biblischer Weise zu stützen, bevor sie in den Abgrund der Armuth gestürzt und so lange noch in ihnen jene Schaffenskraft lebendig ist, um sich aus dem drohenden wirthschaftlichen Untergange emporznarbeiten. So haben die Colonisationeil jenseits des Meeres, die galizische Schulstiftnng und die Fonde zur Unterstützung von Gewerbetreibenden das erhabene Ziel, imser Volk zu erheben, es zu veredeln, es zur Erfüllung seiner höheren Aufgabe zu befähigen ltitb ihm die Achtung der Mitbürger zu erwerben. „Baron Hirsch gehörte zu jenen Lichtgestalten, zu denen unser Volk in auftichttger Verehrung und Belvunderung emporblickte, denn in ihm kam die jüdische Barmherzigkeit und Menschenliebe zum reinsten und erhebendsten Ausdruck. Wenn mm auch die Sonne, die in seltener Pracht und Herrlichkeit geschienen, ihren Lauf beendigt hat mld nntergegangen ist, so leuchtet sie, um die Worte des Predigers zu gebrauchen, auch dort, und ihr Glanz wird bis in die spätesten Zeiten nicht verlöschen. Die Werke des Baroil Hirsch werden den spätesten Geschlechtern Zeugniß ablegen von der Größe ihres Schöpfers, sein Name wird immer gepriesen werden und sein Andenken, das Andenken des Gerechten, wird stets ein gesegnetes sein." Nach dieser .von der Versammlung stehend angehörten Kundgebung verlas Secretär Josef Fuchs nachstehenden Rechenschaftsbericht : Geehrte Versammlung! Wir beehren uns, Ihnen über unsere Thätigkeit in dem abgelaufenen Vereinsjahre Bericht zu erstatten, und suhlen uns mit Rücksicht auf den 10jährigen Bestand unseres Vereines gedrängt, diesem Berichte ein kurzes Resumä über die bisher befolgte Richtung unseres Vereines hinzuzusügen. Als unser Verein vor 10 Jahren die Leitung der politischen Bewegung innerhalb der Wiener Judenschaft in die Hand nahm, da war es uns klar, daß die antisemitische Strömung nicht eine vorübergehende Welle in der öffentlichen Stimmung, sondern ein bewußter, durch die leitenden Kräfte der Reaction geschürter Kampf gegen unsere sociale Gleichstellung sowohl, als auch gegen die uns durch die Staatsgrundgesetze verbrieften Rechte sei. Leider standen wir damals mit dieser unserer Auffassung isolirt da. Unsere hervorragenden Glaubensgenossen, die vermöge ihrer gesellschaftlichen Beziehungen ihren Einfluß hätten in wirksamer Weise geltend machen können, verkannten offenbar den Charakter dieser Bewegung und glaubten, dieselbe vornehm ignoriren zu können. Ein anderer Theil der jüdischen Wählerschaft aber, welcher den öffentlichen Vorgängen thatsächlich ein Interesse entgegenbrachte, erschöpfte dasselbe in der Theilnahme an den verschiedenen freisinnigen Vereinen, und diese Letzteren huldigten der Ansicht, daß die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied der Confession, also auch der jüdischen, nicht gefährdet, daß sie durch die bestehenden Gesetze genügend geschützt sei. Der erste Aufruf, den wir an unsere Glaubensgenossen richteten, und der sich mit unserer obigen Auffassung identificirte, verschaffte uns nebst einer stattlichen Anzahl von Mitgliedern die Ueberzeugung, daß, soll der Kampf gegen die wider uns gerichtete Bewegung nicht erfolglos geführt werden, es zunächst der Mithilfe jener Schichten unserer Glaubensgenossen bedarf, die sich sowohl in den Vereinen, als auch im täglichen Leben im steten Contacte mit der breiten Masse der Gesammtbevölkerung befinden. In dieser Tendenz bemühten wir uns, in unserem Vereine einen Boden zu schaffen, auf welchen wir es unseren Glaubensgenossen der verschiede n st e n politischen Parteischattirung möglich machten, sich in der Erkenntniß zu vereinigen, daß in der gegeitwärtigen gefahrvollen Situation hoch über allen anderen Fragen uns das Gefühl der Zusammengehörigkeit und das Interesse für das gleiche politische Recht des Juden mit allen anderen Staatsbürgern stehen muß, und daß in diesem Kampfe nur in dem engen Anschluß an einander den vereinten Gegnern Widerstand geboten werden kann. Und dieses Solidaritätsgefühl bei unseren Glaubensgenossen geweckt, gehoben und gestärkt zu haben, ist ein Verdienst, das wir, ohne unbescheiden zu sein, unserem Vereine an dem heutigen Tage vindiciren dürfen, ist eine Thatsache, die von unseren Freunden dankbar anerkannt und von unseren Feinden uns mißgönnt wird. Leider stehen die Erfolge, die wir nach Außen hin in diesem Kcunpfe erzielt haben, nicht auf gleicher Höhe mit dem redlichen Bemühen, mit der unverdrossenen Arbeit, die uns seit Jahren an einander bindet. Mit gerechter Sorge sehen wir heute einer stürmischen, in ihren Endzielen nicht zu berechnenden Bewegung entgegen, die eine umso drohendere Perspective eröffnet, als alle jene politischen Factoren, die wir mit vollem Anspruch zu unserem und des Rechtes Schutz angerufen haben, dieser Bewegung gegenüber ohnmächtig zu sein scheinen. Angesichts dieser Situation drängt sich uns die Frage auf: Was haben wir Juden nunmehr zu thuu! Nun, geehrte Herren, der Weg, den wir zu gehen haben, ist uns durch unsere Geschichte und unsere ganze Vergangenheit vorgezeichnet. Treu der ererbten.Mission des Juden, überall für Freiheit nnd gleiches Recht einzutreten, und dankbar für das uns einmal bezeugte Gute, waren wir Juden bisher anhängliche und gewiß nicht werthlose Mitkämpfer der liberalen Partei geblieben, jener Partei, der wir unsere bürgerliche Freiheit und unsere Gleichberechtigung verdanken. Wir haben uns aber nie der Einsicht verschlossen, daß Vieles in der heutigen Lage auf das Kerbholz der gegenwärtigen liberalen Partei zu schreiben ist. Sie hat, was sie zu verhindern in der Lage war, gleichgiltig übersehen, sie hat Vieles unterlassen, was zu thuu sie ihren Traditionen schuldig gewesen wäre. Diese unsere Gesinnung war den Führern der liberalen Partei kein Geheimniß. So haben wir seinerzeit als charakteristischen Ausdruck derselben durch das energische Eintreten für die Aufstellung und die Wahl Kronawetter's gegenüber der Parteileitung deutlich gezeigt, daß die Juden jene engherzige Auffassung des Liberalismus als einer vornehmlich auf ihren politischen Besitzstand bedachten Partei keineswegs theilen. Allein wir dürfen die Schicksale der heutigen liberalen Partei mit dem liberalen Gedanken nicht identificiren. Das Bedürfniß nach einer Partei des freien, unabhängigen Bürgersinnes und der freien Bethätigung liberaler Ideen ist zu allen Zeiten, umsomehr aber in unseren schweren Tagen nicht nur sür uns, jür das kleine Häuslein Juden, sondern für die ganze Bevölkerung umso dringlicher geworden, je mehr auf der gegnerischen Seite Racenhaß und religiöse Intoleranz jede Unbefangenheit und Gerechtigkeit des Denkens aufyeben, je größer der Anhang derer wird, welche die Fundamente des modernen Staates, die Freiheit des Gedankens und die gleichen Rechte für Alle untergraben möchten. Und weil die liberale Partei gegenwärtig uns noch immer — wenn vielleicht auch nur aus opportunistischen Gründen — zu den ihren zählt, fühlen wir Juden uns auch heute noch als mahnendes Gewissen im Kreise dieser Partei. Die nächste Zeit schon wird den Prüfstein bilden, ob die liberale Partei eingedenk ihrer rühmlichen Vergangenheit und belehrt durch die Erfahrungen der Gegenwart, auch wirklich eine liberale Partei, nicht blos den Namen nach, sondern auch in der That sein will, ob die freiheitlichen Pr>ncipien rücksichtslos gegen und für Jedermann zu bethätigen und die liberalen Grundsätze überall zu vertreten bestrebt sein wird. Unterläßt sie dies und setzt ihre in den letzten Jahren beobachtete, schwer zu rechtfertigende Passivität fort, dann zerstört sie selbst den Boden, auf dem wir Juden gemeinsam mit ihr bisher gekämpft haben, und wir werden ernstlich in Erwägung zu ziehen haben, ob wir unter den gegebenen Verhältnissen nicht insolange den politischen Kämpfen ferne zu bleiben haben, bis aus dem derzeitigen Chaos eine neue Partei entstehen wird, eine Partei, welche nur in dem Eintreten für eine wirkliche, stetig fortschreitende freisinnige Entwicklung die einzige Gewähr sür ihr Bestehen erblicken wird. Dann hat auch die uns aufgedrängte Passivität und mit ihr -»gleich eine traurige Epoche der politischen Geschichte unseres lheueren Vaterlandes ihr Ende erreicht. Auf unseren Bericht bezüglich der Vorgänge in dem verflossenen Jahre übergehend, gestatten Sie uns vorerst, derjenigen Mitglieder zu gedenken, welche im abgelaufenen Bereinsjahre uns durch den Tod entrissen wurden. Wir beklagen den Hintritt der Herren Victor Ehrlich, Albert Gruber, Wilhelm Ritter v. Gutmann, Adolf Horowitz, Adolf Lemberger und Joachim Schlesinger, und laden wir die geehrte Versammlung ein. das Andenken der Dahingeschiedenen durch Erheben von den Sitzen zu ehren. Unsere politische Thätigkeit concentrirte sich zum größten Theile auf die Vertretung unseres Vereines in den Wahlcomilös all jener Bezirke, in welchen die jüdische Wählerschaft ein größeres Contingent liefert. Unsere Delegirten haben an den Arbeiten der einzelnen Bezirkscomitss sowohl bei beiden Gemeinderathswahlen, wie auch bei der Landtags-Ergänzungswahl in der inneren Stadt redlichen Antheil genommen und auf die Aufstellung von Candidaten, soweit cs in ihrer Macht lag, Jngerenz geübt. Als unsere Hauptaufgabe haben wir es aber betrachtet, außerhalb unserer Thätigkeit in den einzelnen Bezirkscomitss eine Einigung zwischen allen freisinnigen Vereinen herbeizuiühren. In mehreren von uns einberufenen Zusammenkünften mit den Führern der demokratischen und der Reformpartei haben wir wiederholt ans die Nothwendigkeit hingewiesen, bei den bevorstehenden Wahlen auf die Berücksichtigung weitgehender, wenn auch idealer, so doch in der gegenwärtigen Situation nicht realisirbarer Wünsche und Programmpnnkte abzusehen nnd sich zur gemeinsamen Abwehr eines die Grundprincipien eines freisinnigen Vereines bekämpfenden Gegners zus nnmenzufinden. Leider war unser Bestreben, diese Harmonie i„ 'k

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