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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-05-01 · 18 (1.5.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 350 Dr. Vloch's Wochrnkchrift- Nr. 18 alen und den Deutschnationalen ist erheblich verschärft worden und dieselbe dürfte bei der Besetzung des Präsidiums und der Stadtrathsstellen zu mannigfachen Conflicten führen. Die Vertheilung der Macht ist immer das schwierigste Problem für eine siegreiche Partei. Die Schwierigkeiten der antisemitischen Partei sind aber umso größer, je ungeheuerlicher die Versprechungen waren, mit welchen sie die Menge köderte. Nun steht sie an dem Punkte, diese Versprechungen einzulösen — die Enttäuschung wird nicht ausbleiben. Sie übernimmt „dermale n" die Regierung der Stadt, aber dieses beschränkende Wort hat auch für sie einen ominösen Klang und dem „Dermale n" wird bald genug das „D e r m a l ein st" folgen, wo sie dem richtenden Volke darüber wird Rede stehen müssen, wie sie die ihr anvertraute Herrschaft ausgeübt hat. Der hundertste Geburtstag Adolphe Crömieux's. (Geboren 30. April 1796.) Zu den edelsten und markairtesten Geistern des neunzehnten Jahrhunderts zählt unstreitig der geniale Jurist mrd Staatsmann Adolphe C r e m i e n x, der am Himnrel des Judenthums als Stern e r st e r Größe ohne Lichtwechsel seinen milden Glanz verbreitet. Geboren am 30. April 1796 in Nim es, Departement G a r d, in Frankreich, widmete er sich dem juristischen Berufe, übte seit 1817 in seiner Vaterstadt und seit 1830 am Cassationshofe in Paris die advocatorische Praxis aus, erwarb sich mit seinen durch fesselnde Eloquenz und schneidige Dialectik gleich ausgezeichneten Plaidoyers einen klangvollen Namen und schwang sich allmälig zu einer Popularität empor, um die ihn seine Collegen im Barreau beneiden dursten. Zweimal zum Justizminister ermannt, nahm Cremieux an den Arbeitelr der constituirenden Versammlung den regsten Antheil, wurde nach dem Staatsstreiche Louis Napoleons als Mitglied der Opposition verhaftet und nach Mazas gebracht, bald jedoch wieder auf fteien Fuß gesetzt. Im Jahre 1869 wurde er in Paris zum Deputirten, 1872 in die Nationalversammlung und 1876 in den Senat gewählt. Seinen politischen Standpunkt hat Cr^mieux in seinen!Werke: »Gouvernement de la defense nationale« 2C. (Tours 1871) fesselnd und lichtvoll dargestellt. Er starb am 10. Februar 1880. Die glänzenden Eigenschaften seines hochbegabten Geistes, die ihn stets auf der Höhe seiner Mission erhielten, haben Cremieux nicht nur zu einem hervorragenden Juristen und Politiker, sondern auch zu einem der b e st e n Söhne des I u d e n t h u m s gestempelt. Schon sein energisches, vom edelsten Feuereifer für Recht und Wahrheit durchglühtes Auftreten zu Gunsten der unglücklichen Opfer eines infernalischen Vorurtheils in Damaskus (1840) manifestirte sich nach zwei Richtungen hin als eine Geistesthat von durchschlagendem Erfolge mrd erwarb ihm unvergängliche Verdienste um Juden und Judenthum. Denn einerseits gelang es Cremieux, das fluchwürdige Lügengewebe böswilliger Judenfeinde, zu welchem auch der damalige, französische Consul in Damaskus, der berüchtigte Italiener Ratti-Menton, zahlreiche Fäden gesponnen hatte, vollständig zu zerreißen und den _ grausam Mißhandelten die feierliche Genugthuung zu verschaffen, daß chre Schuldlosigkeit durch einen Ferman Mehmet- Ali's documentarisch verbrieft und besiegelt wurde; andererseits wiederum konnte das mannhafte und opfermuthige Beispiel Cremieux's nicht verfehlen, manche hochgestellte Glaubensgenossen aus ihrer unrühmlichen Indolenz auszurütteln und ihnen eine Directive zu geben, die von der Pflicht der Noblesse kategorisch geboten war. Mit dem unwiderstehlichen Zauber, der seinem Wesen innewohnte, und mit der überzeugenden Gewandtheit des Juristen, wies Crömieux unablässig auf die Nothwendigkeit hin, das Bildungsniveau der Juden im Oriente zu heben, um deren moralische und materielle Lage zu verbesserir und ihnen die Bedingungen zur Selbsthilfe an die Hand zu geben. Still und geräuschlos, aber mit zielbewußter Emsigkeit und Verständnißinnigkeit wurde in dieser Richtung vornehmlich in Paris gearbeitet und unter den Auspicien Cremieux's eine Institution ins Leben gerufen, deren bahnbrechende Bedeutung vom ersten Augenblicke an über jeden Zweifel erhaben war. Wir denken nämlich an die im Jahre 1860 nach Cremieux's großangelegtem Plane in Paris gegründete „^.lliauee israelits uuiveElIk",. die für die culturelle Hebung der Juden in zwei uncivilisirten Welttheilen, in Asien und Afrika, durch die Gründung zahlreicher Schulen erfolgreich wirkt und Ersprießliches leistet. Daß diese Thätigkeit aber trotz ihres unermeßlichen Werthes den Wirkungskreis der Allianz nicht erschöpft, ist selbstverständlich. In inniger Wechselbeziehung mit den Tochterallianzen in London, Wien und New-Iork, ist die Pariser Allianz auch unablässig bemüht, das permanente Massenelend, welches durch die wiederholten Judenverfolgungen in Rußland und Rumänien heraufbeschworen wurde, nach Möglichkeit zu mildern und das zerstörte Familienglück von Tausenden erträglich zu machen. Wahrlich, eine kühne und erhabene Aufgabe, zu deren Lösung nur eiu Pfadfinder wie Cremieux den Weg zu bahnen vermocht Noch im hohen Alter, unter dem schneebedeckten Haupte, schlug Cremieux's Herz warm für seine Glaubensbrüder in Algerien, und war er überglücklich, als es ihm gegönnt war, ein Regierungsdecret vom 24. October 1870 zu erwirken, welches sie zu ftanzösischen Bürgern erhob. Cremieux's unsterblicher Ruhm wird deswegen mit besonderer Pietät in der Erinnerung Derer gehegt werden, denen er zu einem menschenwiirdigen Dasein verholfen hat. Liebrouo libkraelmdl Rabb. Dr. I. I. U n g e r. 10 Jahre Oesterrrichisth-Israelitische Union. (Generalversammlung der „Oesterr.-Israel. Union" vom 25. April 1896 ) In Anwesenheit zahlreicher Mitglieder und Gäste, unter welchen man U. A. die Gemeinderäthe Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t, Lang und S t i a ß n y und die Cultnsvorsteher Landesschulrath Dr. Gustav Kohn und Architekten Fleischer bemerkte, eröffnete der Vorsitzende, Cultusvvrsteher Dr. Josef Grünfeld, die X. Generalversammlung dieses Vereines. Der Vicepräsident der „Union", Herr Dr. Marens Spitzer in Wien, widmete zu Beginn der Generalversammlung dem verewigten Baron H i r s, ch einen Nachruf, dem wir folgende Stellen entnehmen. „Bevor wir zur. Tagesordnung übergehen, obliegt es mir, im Namen des geehrten Vorstandes einer heiligen Pflicht zu entsprechen, indem ich jenes unvergleichlichen Mannes, des verewigten Herrn Baron Moritz H i r s ch, gedenke, der vor wenigen Tagen aus dem Kreise der Lebenden geschieden und dessen Tod bei allen Hilfsbedürftigen, denen er ein mächtiger Förderer und Stützer gewesen, die tiefste Bestürzung, bei allen Glaubensgenossen unsäglichen Schmerz und bei allen edlen Menschen die aufrichtigste Theilnahme erweckte. „Im Reiche der die ganze Menschheit umspannenden Wohlthätigkeit ist eine Sonne untergegangen, die die glänzenden Strahlen der Milde, Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit in die Hütten der Elenden und Verlassenen sendete, dort Licht und Freude verbreitend, die Gemüther emporrichtend, die Herzen mit neuer Lebenskraft erfüllend. „Wer vermöchte im Rahmen eines kurzen Nachrufes Ihnen den Lebenslauf des Verewigten, der zu jenen Glücklichen gehörte, bei denen der ideale Flug des Wollens begleitet war vom wirklichen Können, vorzuführen, die unvergleichlichen Verdienste desselben um die Menschheit, wie seine hervorragenden Stiftungen, denen er das Gepräge seines starken Geistes aufdrückte, gebührend zu würdigen. „In dieser jüdischen Versammlung soll mein Nachruf dem Juden Baron Hirsch gewidmet sein, denn die Wohlthätigkeit, die er geübt, entströmte seinem jüdischen Herzen, die Anstalten, die er in's Dasein rief, entsprangen seinem jüdischen Geiste. Umgeben von nie geahntem Glanze und fürstlichem Prunke, hing er mit allen Fasern seines goldenen Herzens an seiner Glanbensgeiwssenschast; wandelnd auf den kahlen und steilen Höhen der Gesellschaft, wo der scharfe eisige Hauch des Eigendünkels und des Stolzes die herrlichen Blütheir des Idealismus verküininern läßt, bewahrte er sich die Liebe zu seinem Volke. „Wie es von Moses heißt, daß sich seine wahre Größe am deutlichsten offenbarte, wenn er unter seine Brüder ging, um ihre Lasten und Beschwerden mit eigenen Augen zu erschauen, so trat auch Baron Hirsch unter seine Brüder, erspähte ihre Leiden und Drangsale, hörte ihre Hilferufe, die einen mächtigen Widerhall in ihm fanden. Sein ganzes Fühlen und Empfinden, Denken und Trachten, seinen starken Geist, sein weiches Herz,

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