Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 346 Vr. VloM's Mortzrnschrtst Nr. 17 Mit der Zeit werden wir von diesen Formeir uns frei machen. Zur Zeit sind sie nöthig, um uns den Grundsatz auzugewöhnen, daß wir als Einzelmenschen bescheiden sein sollen, als Gesammtheit aber keinen Grund haben, uns unserer Väter, unserer Vergangenheit zu schämen. Die Juden Eurer Generation haben sich ihrer Väter geschämt, sie haben das Recht verwirkt, als Väter zu uns zu sprechen. Sie haben über den Kosmopolitismus gespottet und dem nationalen Moloch geopfert; sie haben dadurch das Recht verwirkt, durch den Hinweis auf ein freies Weltbürgerthum uns vom Judenthum abzudrängen. Zwischen dem Stolz des Reichen und dem Stolz des Armen besteht der Unterschied von Protzenthum und Selbstachtung. Der Nationalstolz, der bei einem mächtigen Volke protzig wirkt und besser dem Weltbürgerthum Platz macht, ist bei dem Geringen eine Tugend. Wie sehr wir recht gehabt haben, beweist das Verhalten unserer Honoratioren. Wir sind Jahre lang mißhandelt worden, der Glaube au das theuerste Ideal des Gemeinwesens, an die Gerechtigkeit, ging uns verloren. Das hat die Herren nicht in ihrer Verdauung gestört. Mich hat der Ausgang der Nothnagel'schen Affaire weit mehr verletzt, als die Verrufserklärung der Deutsch nationalen. Diese war ein zwar schlechter aber privater Spaß. In der Mthnagel'schen Affaire waren aber die Behörden deutschnational. Unseren Honoratioren war dagegen das Recht gleichgiltig, die Farben haben sie aber aus ihrer Lethargie erweckt. Thaten wir darum nicht recht, Farben zu tragen? Ich stehe auf dem Standpunkt der Lesehalle und finde es richtig, daß wir uns mit den Alten verständigen. Aber den Ton des erfahrenen Alters dürfen sie nicht annehmen. Nicht etwa deshalb, weil sie gegen den Antisemitismus nicht die Erfolge erzielt haben, die ihnen im geschäftlichen Leben zutheil geworden sind. Wer so schwierige Zeiten durchzumachen hat, wie wir, der geht in seinem Urtheil nicht nach dem Erfolge. Aber den Vorwurferheben wir, daß unsere Väter die Gefahr nicht gesehen, zu ihrer Abwendung nichts gethan haben. Die Söhne wurden mißhandelt, aber die Väter durften katzbuckeln in den Vorzimmern der Minister oder auf den Bällen der gentry, deren Söhne die eiftigsten Feinde ihrer Söhne waren. Wenn das selbst die „Neue Freie Presse" sagt, so muß es wohl wahr sein. Und diesen Zustand fanden die Väter nicht unwürdig. Auch die liebevollste Mutter vermag nichts gegen eine tödtliche Krankheit. Eine schlechte Mutter aber müßte die feilt, die nicht merkt, wenn ihr Kind erkrankt ist. Besser als der Arzt sagt es ihr der Jnstinct der Liebe. Diesen Jnstinct habt Ihr nicht gehabt, nicht als Väter habt Ihr gefühlt und nicht als Juden. Darum hattet Ihr als Menschen ebensoviel Mißerfolg wie Erfolg in Eurem bürgerlichen Leben und darum müssen wir daran gehen, das Gefühl collectiver Selbstachtung, an deren Stelle persönliche Eitelkeit getreten war, von Neuem zu beleben. Im Interesse des Weltbürgerthums, welches nur dadurch sich verbreiten kann, daß die Minderheit über ihren Rechten als Menschen und Bürger wacht. Wir werden ja auch unsere Dummheiten machen, aber auf Eins kannst Du Dich verlassen. Uns wird man nicht so tief verachten, um uns, wie dies erst jetzt wieder in Böhmen geschehen, ein Bündniß mit den Antisemiten gegen die C z e ch e n z u z u m ut h e n. Die Commilitionen übrigens, die keine Farben tragen und nicht jüdisch-national sind, werden noch weniger Euren Beifall haben. Sie sind meist Socialisten. Sie haben sich überzeugt, daß wirthschaftliche Zustände, die Tausenden kaum das nakte Leben lassen, der Verbesserung bedürfen. Und so hassen sie diese Zustände, die zudem für sie die Ursache socialer Aechtung geworden sind. Zu Beginn der antisemitischen Bewegung schob man in der Ringstraße selbstzufrieden die Schuld aus die — russischen Juden. Jetzt wollen die Russen ihre armen Juden wieder haben — aber die Glaubensgenossen von der Ringstraße' haben an Belieb t h e i t n i ch t g e w o n n e n. So verschieden die jüdisch-nationale Bewegung und die socialdemokratische sind, so sehr haben sie gleiche Ursache und ähnliches Ziel. Sie sind beide dem tiefen Gefühl der Kränkung und Unzufriedenheit entsprungen. Und beide streben dem Weltbürgerthum zu. Nur der Weg ist verschieden. Die Einen gehen direct aus ihr Ziel zu. Die Anderen halten das Nativnalitätsgefühl noch für zu stark, um es außer Achr;,u lassen und glauben es am besten bekämpfen zu können, indem sie als kleine Minderheit ihre nationalen Rechte wahren. Aber wenn die Bewegung sich in den Grenzen hält, die ihre jetzigen Anhänger einzuhalten gedenken, wird sie weniger beschränkt national sein, als eine politische Partei, die sich „deutschliberal" nennt, aber aus nationalen Gründen einen Taaffe über ein liberales Wahlgesetz fallen ließ, die wegen der Sprachenfrage in Cilli ein Ministerium gestürzt, über die Sprache von Straßentaseln sich gewaltig gerührt hat, aber so manchesmal theilnahmslos geblieben, wenn das Recht gebeugt wurde. Du siehst, lieber Vater, daß ich nicht aus Uebermuth gehandelt, sondern nach reiflicher Ueberlegung, und so hoffe ich, daß Du als Mensch und Vater mein Vorgehen billigst, wenn es Dir als Politiker auch schmerzlich sein mag, daß eine neue Zeit neuen Idealen nachstrebt. In auftichtiger Verehrung Dein Sohn Loebel. Gingesendrk. Sehr geehrter Herr! Die letzte Nummer von „Freies Blatt" schreibt in einem Leitartikel: „Ein Wort an die Kämpfenden". „Auch von den jüdischen Studenten und den jungen Doctoren in Deutschland haben wir bisher noch nicht vernommen, daß sie der Judenhetze des Stöcker und Ahlwardt durch zionistische Spielereien Vorschub leisten würden." Von diesem Lob können wir keinen Gebrauch machen. Die zionistische Bewegung ist an deutschen Universitäten im Verhältniß ebenso stark wie an österreichischen. Die Oeffentlichkeit hatte allerdings keine Gelegenheit, sich mit den zionistischen Studenten zu beschäftigen, da sie bisher nicht wie in Oesterreich iusultirt wurden und der Student hier überhaupt eine kleinere Rolle spielt als in Wien. Ob etwas der Judenhetze der Stöcker und Ahlwardt Vorschub leistet, ist eine Fraget die je nachdem verschieden beantwortet werden dürfte. Keineswegs weist ihre Beantwortung den richtigen Weg politischen Handelns. Wer seine Handlungen danach richtet, was der Gegner sagen möchte, stellt sich auf einen Standpunkt der Unterordnung. Es handelt sich lediglich uni die Frage, ob der Zionismus gegen die Pflichten des Staatsbürgers verstoßt. Die Frage bejahen war nur dem jugendlichen, durch die Siege von 1870 berauschten deutschen Nationalgefühl möglich. In Ländern wie England, bei denen das Vaterlandsgefühl nicht eine Erfindung des Tages, sondern älteren Datums ist, stehen die höchstgestellten Juden, wie Oberstlieutenant Goldsmid,d'Avigdnr rc. rc. an der Spitze der Zionisten, ohne daß der englische Philister deshalb die Krämpfe kriegt. Nachdem die Zionisten also einerseits ihre Pflichten als Bürger nicht verletzen, andererseits als solche keine politische Rolle erstreben, dürfen sie wohl das Recht beanspruchen, in Ruhe gelassen zu werden. Der Zionismus verträgt sich durchaus mit dem wahrem Liberalismus, der Jeden nach seiner Fcwon selig werden läßt, vorausgesetzt, daß er Niemandes Rechte verletzt. Aber er ist allerdings eine Verlegenheit für den falschen Liberalismus, der die Deutschnationalen mit dem Hinweis auf das Deutschthum der Juden zu beschwichtigen sucht. Hochachtnngsvoll Dr. Cohn. Die Gmden - Eibenschitz'sche Fehde. Der scharfsinnigste Pilpulist und gründlichste Kenner der Kabbala des achtzehnten Jahrhunderts war unstreitig R. Jonathan Eibenschitz, der im Jahre 1690, nach Einigen in Krakau, nach Anderen in Pinczov, einem Städtchen im jetzigen russischen Gouvernement Radom geboren wurde. Väterlicherseits war er ein Urenkel des berühmten Kabbalisten Nathan Spira, Verfassers des bekannten Werkes „Megalleh Amukoth", und mütterlicherseits ein Enkel des als talmudische Koryphäe berühmten R. Löw Zunz, Oberrabbiners zu Pinczov. Sein Vater Nathan, der ebenfalls ein hervorragender Talmudist gewesen, wurde von der Gemeinde Eibenschitz in Mähren zu ihrem Rabbiner ernannt. Hier weihte Nathan den größten Theil seiner Zeit und Kraft der Erziehung und Heranbildung seines mit ungewöhnlichem Scharfsinne und seltenen Fähigkeiten reichbegabten Sohnes Jonathan, der diesem Orte mich seinen Familiennamen „Eibenschitz" zu verdanken hatte. Jonathan hatte jedoch das Unglück, daß ihm der Vater frühzeitig durch den Tod entrissen wurde. Ein reicher Wiener Jude, Namens Samson, nahm sich in hochherziger Weise des ftüh verwaisten, talentvollen Jonathan Eibenschitz an, sorgte für seine weitere Ausbildung und ließ ihm in seinem Hause, wie seinem eigenen Kinde, die sorgfältigste Erziehung und nöthigste Pflege