Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. BLvrh's Wochrnrchrist. Seite 345 Ein Srirfwechsel.*) Wien, 18. April 18Ü6. Lieber Later! Daß Läter und Söhne verschiedene Ideale haben, liegt nun einmal im Lauf der Welt. Als Du 1848 unter den schwarzroth-goldenen Farben kämpftest, anstatt Deine Talmudstudien sortzusetzen und Dich zum Rabbiner auszubilden, entsprach das durchaus nicht dem. Wunsche des Großvaters. Er fand vielmehr, daß Du Sorge und Kummer über sein graues Haupt gebracht habest. Und doch thatest Du Recht, denn Du thatest, was Dir Pflicht schien. Dieselbe Rechtfertigung habe ich aber, wenn ich mich den jüdisch-nationalen Studenten anschließe. Du bedauerst das Hinscheiden des edlen studentischen Geistes. Solltest Du die Thatsachen nicht im falschen Lichte sehen? Auch zu Anfang des Jahrhunderts war die Universität und Studentenschaft die Bannerträgerin des judenfeindlichen Geistes, wie Du ja wohl aus Rahel's Brief an ihren Bruder Robert wissen wirst. Fichte war ein Borläufer der antisemitischen Bewegung, auch der deutschnationalen, denn Schönerer und die Seinigen sind nur Nachahmer, der Wotan-Cultus hat seine Wurzeln in der Burschenschaft der Zwanziger-Jahre.**) Juden nahm die Burschenschaft grundsätzlich nicht als Mitglieder auf. Nur durch den Gegensatz der deutschen Regierungen zur deutschnationalen Bewegung wurde ein Theil der Studentenschaft liberal. Nicht einmal ihr einflußreichster Theil, denn die Corpsstudenten, welche wenigstens in Deutschland in einer Art Freimaurerei fast alle höheren Regierungsämter inne hatten, standen den liberalen Bestrebungen durchaus nicht freundlich gegenüber. Sicherlich wurde damals nicht mehr oder eifriger studirt als jetzt. Das studentische Farbenwesen hatte stets, wie das Arierthum, seine Wurzeln in der Eitelkeit,-; man wollte etwas besseres sein als Andere."! Das hat mau früher auch auf jüdischer Seite nicht verwerflich gestruden; als Bruder Paul vor zehn Jahren Corpsstudent wurde, fand das durchaus Deine väterliche Billigung. Auch an den übertriebenen Deutschthum fandet Ihr nichts auszusetzen. Als Schönerer mit dem Geschmack, der ihn noch jetzt so auszeichnet, den Verfasser des Linzer Programurs anerkennend „Streitjung" statt Friedjung nannte, da war man in den Kreisen jüdischer Bäter weit davon entfernt, für die Lächerlichkeiten der deutschnationalen Bewegung das richtige Wort des Tadels zu finden. Ich kann daher nicht finden, daß sich die Studentenschaft so sehr geändert hat; die Verhältnisse haben sich geändert, eine Bewegung, die man zuerst mit Wohlwollen betrachtet hat, hält wem jetzt für verwerflich, weil sie sich jetzt gegen uns richtet. In England und Amerika — Ländern mit langer politischer Vergangenheit — hat die Studentenschaft nie eine politische Rolle gespielt. Das ist ein gesunder Zustand. Nachdem man sich aber die politisirende Studentenschaft hat gefallen lassen, so lange mau ihre Meinung billigte, muß man sie in den Kauf nehmen, wenn sie anderer Meinung ist. Der Fehler steckt darin, daß sie überhaupt eine politische Rolle spielt. Bleibt die Frage, ob ich Recht that, mich der jüdischnatioualen Verbindung anzuschließen. Du scheinst in dieser Beziehung doppelte Bedenken zu haben, als Staatsbürger und als Vater. Mit dem Vater will ich mich gerne auseinandersetzen, den österreichischen Staatsbürger kann das schwerlich berühren. Das Staatsbürgerthum hat mit der Nationalität nichts zu thun, es beruht auf der Gleichheit von Rechten und Pflichten. Die Schweiz besteht vfficiell aus mehreren Nationalitäten. Selbst in denr so homogenen Deutschland hat die polnische Nation, so lange sie regierungsfreundlich bewilligte, eine äußerst angenehme politische Rolle gespielt. Bei uns in Oesterreich kann vollends von einer Uebereinstimmung des Staatsbürgerthums mit einer bestimmten Nationalität nicht die Rede sein. So gut Ihr deutsch liberal seid, sogar — viele Friedjung — deutsch national warft, bis die Bewegung durch Antisemitismus und Antiösterreicherthum mißliebig wurde, so gut dürfen wir jüdisch-national sein. Möglich, daß uns das den Borwurf des *) Dieser Brief ist eine Fortsetzung eines Briefwechsels in Nr. 208 des „Freien Blatt". Im Brief Nr. 1 thcilte der Sohn seinem Vater in einem etwas trottelhaften Schreiben seine Zugehörigkeit zu einer jüdisch-nationalen Verbindung mit. In Nr. 2 setzt der Vater ihn deshalb zurecht. Hierauf folgt dieser Brief. **) Damals entstand der Spockveis: So fest wie Deutschlands Eichen steh'n, Die Burschenschaft muh saufen geh'». mangelnden Patrioismus zuzieht, aber wir sind darüber hinaus, unsere Handlungen darnach ,]u richten, was Andere vielleicht sagen mögen. Wir thun, was wir für Recht halten und stellen daher nicht die Frage: Was wird man uns vvrwersen °? Sondern, wird man uns m i t Recht einen Vorwurf machen können °? Darauf antworte ich verneinend. Ein Confliet zwischen „österreichisch-" und „jüdisch-national" scheint uns schwerlich denkbar, ein Cvuflier zwischen österreichisch einerseits — deutsch - polnisch—ezechisch andererseits liegt weit mehr im Bereich der Wahrscheinlichkeit. Selbst der Zionismus ist für den österreichischen Staat äußerst gleichgiltig — Palästina macht ihm jedenfalls weniger Sorgen als Deutschland - jüdisch-national ist aber mit zionistisch noch ri'cht einmal identisch In meiner religiösen Weltanschauung habe ich vielleicht mit einem englischen Unitarier metw Gemeinsames als mit einem marokkanischen Juden. Auf Grund einer gemeinsamen Vergangenheit sind aber unsere Geschicke gegenseitig bedingt. Das Band, das uns verbindet, ist daher nur scheinbar religiös. Tie Religion ist so hochpersönlich, daß sie immer mehr trennt als verbindet. Es ist vielmehr ein nationales Band — das uns eint, allenfalls nur kirchliches, das kirchliche, uüe Tu weißt, hat aber stets einen stark nationalen Anstrich Uebrigens was seid Ihr Deutschliberalen anderes als eine nationale Partei. Ihr seid es sogar mehr als die Deutschuativnalen. Denn diese haben nie Bedenken getragen, das Deutschthum ihren reactionären Gelüsten zu opfern. Ihr aber habt nie gezögert, des Deutschthums wegen Euren Liberalismus iit die Ecke zu stellen. Gegen die czechischen Wähler warft Ihr stets die Verbündeten von Politikern, welche verhinderten, daß die Verordnungen gegen die Cholera in czechischer Svrache veröffentlicht wurden. Fch habe nie iene Weltanschauung mit doppeltem Boden en, welche das Germanisiren für eine edle That, das Magyarifiren für eine Gemeinheit hält, welche an den deutschen Polen Anstoß nimmt und Carl Schurz lobt, der als amerikanischer Senator ein Mann deutscher Nation geblieben ist. Wenn Ihr den Schurz - mit Recht — nicht für einen Verräther, sondern für einen braven Kerl erachtet, dann dürfen wir jüdisch - national sein, ohne daß Tein staatsbürgerliches Gemüth Berechtigung hätte, sich darob zu entsetzen. Bleibt die Frage, ob Du als Bare r Grund hast, mir einen Vorwuf zu machen. Wie Tein wiederholter Hinweis auf die Preisarbeit anzudeuten scheint, fürchtest Du anscheinend daß ich nrich bei unseren jüdischnativnalen Studenten verbummle. Mit der Preisarbeit uürd es allerdings nichts werden. Den Nutzen, den ich aus der Arbeit für mein Studium erhoffte, habe ich erzielt. Meine ''Arbeiten haben dadurch setzt aber eine andere Richtung genommen. der Eitelkeit wegen, einen Preis zu erringen, will ich aber nicht arbeiten. Weißt Du, was ich bei meinen Arbeiten entdeckt habe? Daß vor 50 Jahren, am 22. Mai 1846, der Macaulay eine Rede zu Gunsten einer Regelung des Arbeitstages gehalten hat. Und der war doch auch ein Liberaler — allerdings kein „Deutschliberaler". Es scheint, daß Du meinen Brief vom 13. März ernst genommen hast, aber es liegt wirklich kein Grund zu der Annahme vor, daß wir jüdisch-nationale Studenten weniger arbeiten als unsere christlichen Farbeubrüder. Ihr findet nur an uns die studentischen Dummheiten tadelnswertst, die Ihr an den deutschen Studenten berechtigt und ideal fandet. Wie gesagt, als Bruder Paul Corpsstudent war, fandest Du, daß man nur einmal jung sei und daß Jugend sich austoben müsse. Eure sogenannten politischen Blätter haben auch stets dem studentischen Krimskrams eine Wichtigkeit beigelegt, als hinge das Wohl des Staates davon ab. Wenn Du danach meinen Brief noch einmal durchlesen wirst, wirst Du sehen, daß er nicht eine unbeabsichtigte Satyre auf _ die Jüdisch-nationalen, sondern eine wohlbeabsichtigte Satyre auf das deutsche Studenteuwesen oder Unwesen enthält. Daß ich trotzdem mich einer Farben tragenden Verbindung angeschlossen, ist kein Widerspruch. Ich betrachte diese Verbindungen nur als einen Durchgangspunkt, als ein Uebergangsstadium. Nicht ltnt den Christen zu zeigen, daß wir auch schlagen können, sondern um es den Juden zu zeigen, halte ich diese Verbindungen für gut. Eure Generation hat die Jugend dahin verbildet, in Aeußerlichkeiten sich zu gefallen, statt in sich geschlossene Menschen zit sein. Wir gewinnen diese Jugend, wenn wir die Formen nachmachen, die uns nur Formen sind, von Euch aber Jahrzehnte lang als Ideal gepriesen wurden.