Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 347 angedeihen. Allein die treuherzige Mutter Jonathans, die fromme Radbineriu Schendel, glaubte der Befürchtung Raum geben zu müssen, daß ihr talentvoller Sohn durch das sorgenlose und freudenvolle Leben im Hanse des reichen Wieners von den ernsten Studien des Talmuds abgelenkt werden könnte, daher sie sich veranlaßt sah, ihren Jonathan bald aus der Residenzstadt wegzunehmen und ihn nach Pcoßnitz, wo damals R. Meir Eisenstadt, „Meharam Asch" genannt, einer talmndischen Hochschule als Rector Vorstand, zu schicken. Jonathan machte unter der Leitung des frommen, gelehrten R. Meir solch' riesige Fortschritte auf dem Gebiete der talmndischen Studien, daß er sich bald den Ruf eines tüchtigen Talmndisten erworben hatte. Der reich begiiterte und gelehrte Wiener Oberrabbiner Wertheimer, der Jonathans Fähigkeiten zu würdigen gewußt, beabsichtigte, ihn in's Haus zu nehmen und als Gemahl für seine Tochter zu bestimmen, allein Berusch Eskeles, Sohn des damaligen Landrabbiners Gabriel Eskeles aus Krakau, der ebenfalls um die Hand der Tochter des Wiener Oberrabiners geworben, wurde von derselben seiner körperlichen Schönheit wegen bevorzugt. Letztere war einäugig, und da Eskeles von seinem Schwiegervater eine Mitgift von 70.000 sl. bekam, so witzelte man, die Höhe der Mitgift sei durch diesen Umstand bestimmt worden, nach der heiligen Schrift: „Ajin (70) lachat Ajia“. Jonathan hatte aber trotz des Korbes, den er von Wertheimer's Tochter erhielt, keine Ursache, sich hierüber zu grämen, da seine Kenntnisse und Fähigkeiten bald anderweitige Anerkennung gesunden. Der damalige böhmische Landesrabbiner Isar Spiro, Enkel des 1680 verstorbenen Prager Oberrabbiners Simon Spiro, hatte keinen Sohn, sondern blos eine einzige, trefflich erzogene, mit dem Kranze der schönsten weiblichen Tugenden geschmückte Tochter, Namens Elkele, die er mir einem kenntnißreichen Talmndisten zu verehelichen wünschte. Als nun Spiro erfuhr, daß Wertheimer's Tochter den Plan ihres Vaters vereitelte, schrieb er sofort an Jonathan, daß er gerne bereit sei, ihm seine treffliche Tochter zur Gattin zu geben. Er sendete ihm gleichzeitig eine nicht unbedeutende Summe Geldes, damit er sich anständige Kleider anschassen und ein schönes Brautgeschenk mitbringen könne. Jonathan folgte bereitwilligst dem an ihn ergangener Rufe und wurde der Schwiegersohn des allgemein gefeierten Oberrabbiners Spiro, unter dessen Leitung er seine Studien mit seltenem, ausdauernden Fleiße fortsetzte und es in kurzer Zeit so weit brachte, daß er schon 1708 von der Jnngbunzlauer Gemeinde zu ihrem Rabbiner ernannt worden ist. Hier mochte er sich wohl nicht sehr behaglich gefühlt haben, denn schon im Jahre 1711 übersiedelte er nach Prag, wo er die Bekanntschaft des scharsfinnigen Talmudgelehrteu Samuel Joß oder Krakauer und des Jona Bunzel Landsofer machte und öffentliche Vorträge hielt. Nach zweijährigem Aufenthalte verließ er Prag und begab sich nach Hamburg, wo er sich während der Jahre 1713 und 1714 im Hause des Großvaters seiner Gattin Mordechai Kohn, der ein Mäcen der Gelehrten war, anshielt und die Zeit dazu benützte, sich in allen Zweigen der rabbinischen Literatur zu vervollkommnen. Als er dann wieder nach Prag zurückkehrte, wurde er zum Prediger einer Synagoge ernannt. Seine Vorttäge verfehlten umsoweniger, Sensation zu erregen, als er die hohe Gabe besaß, die schönsten, herrlichsten und erhabensten Ideen in populärer Form zum ^Ausdrucke zu bringen. — Das Amt eines Volksredners allein war dock nicht geeignet, den großen, starken, nach Thaten durstenden Geist Jonathans zu befriedigen. Er habilitirte sich daher bald als Schulrector, indem er in seiner eigenen Wohnung ein „Bet Hamidrasch" errichtete, in welchem er täglich für junge wißbegierige Leute talmudische Vorttäge hielt. Dieselben wirkten so zündend, fesselnd und bezaubernd, daß von allen Seiten Jünger schaarenweise herbeiströmten, um mit gespanntester Aufmerksamkeit seinen Worten zu lauschen. Jonathan aber beschränkte sich nicht blos aus das Studium des Talmuds, sondern war eifrig bemüht, sich auch historische, philosophische, mathematische und geographische Kenntnisse anzueignen. Auch aus dem Gebiete der medicinischen Wissenschaften war er kein Laie. In Folge seiner vielseitigen Bildung kam er auch mit nichtjüdischen Gelehrten in Verbindung, die seinem Scharfsinne und seiner immensen Gelehrsamkeit Anerkennung zu zollen keinen Anstand nahmen. Bei seinen Controversen, die er mit denselben hielt, gelang es ihm nicht feiten, die boshaften Vorwürfe, die sie gegen das Judenthum erhoben, glänzend zu widerlegen und die von ihnen versuchten Angriffe gegen das jüdische Schristthum entschieden zurückzuweisen. Mit besonderer Vorliebe pflegte er das Studium der „Geheimlehre" Kabbala, das aber später für ihn verhängnißvvll geworden. Er ließ sich nämlich verleiten, für Kranke und Leidende Amnlete „Kemeot" anzusertigen, deren Inhalt Vielen Veranlassung gab, zu behaupten, Eibenschip sei ein verkappter Sabbathianer. Bemerk! muß jedoch werden, daß im Jahre 172.) in Prag die Sabbathianer mit dem Bann beleg! wurden. Tie diesbezügliche Proclamation wurde am Vorabende des Versöhnnngstages vor Beginn des Kol-Nidre in allen Synagogen öffentlich verkündet. Der damalige Prager Oberrabbiner David Oppenheims befand sich um jene Zeit gerade nt Wien, daher die erwähnte Proclamation nicht von ihm, sondern von Jonathan Eibenschitz, der damals bereits als Präses des Rabbinatscvllegiums sungirte, unterzeichnet wurde. Als Oppenheim im Jahre 1736 das Zeitliche gesegnet, wurde Jonathan von den Rabbinatsassessoren einstimmig zu ihrem Oberhaupte ernannt. Jonathan vertrat also eine Zeit lang, natürlich provisorisch, die Stelle eines Oberrabbiners von Prag. Rach dem Tode Kaiser Karl VI. brach der Snccessionskrieg aus, der besonders in Böhmen heillosen Schaden anrichtete. Ehe sich noch hier das furchtbare Gewitter entlud, erhielt Jonathan einen ehrenvollen Ruf von der schon damals sehr achtbaren Gemeinde zu Pietz, das in ihrer Mitte vacant gewordene Rabbinat zu übernehmen. Jonathan folgte umso freudiger dein an ihn ergangenen Rure, als er hiedurch Gelegenheit gesunden, Böhmen, das in Folge des Krieges der Schauplatz furchtbarer Verheerungen geworden, verlassen zit können. Die Abreise von Prag erfolgte so rasch als möglich. Er ließ alle seine Habseligkeiten dort zurück, die aber bei der Occupation der böhmischen Hauptstadt die Beule der Feinde geworden sind. Sonderbar erscheint es jedenfalls, daß ihn: von der kaiserlichen Regierung die Rückkehr nach den österreichischen Erbländern für immer strengstens untersag: tvnrde. Zweifelsohne wurde er vott Feinden dennnciri, was tn jenen stürmisch bewegten und aufgeregten Zeiten häufig zu geschehen pflegte. Folgende nicht uninteressante Erzählung, die P. Beer in seiner Geschichte der Secten 306 in Namen A. Grünhnt's, eines Schülers Jonathans ntittheilt, möge hier erwähnt werden: llngesähr ein Jahr vor der Abreise Jonathan's von Prag gab dieser einer vor ihn gebrachten und vorgeblich vvit einem bösen Geiste besessenen Magd zur Vertreibung dieses ungebetenen Gastes eine „Kamen", befahl ihr aber, sogleich nach ihrer Heimat in's Bairische zurückzukehren. "Als Jonathan nun im darauffolgenden Jahre behufs seiner Reise nach Metz durch einen Flecken in Baireuth fuhr, drängte sich unter der um seinen Wagen zur Erhaltung seines Segens versammelten Volksmenge eine Frauensperson mit einem Kinde auf dem Arme hervor, den Rabbi um seinen Segen mit dem Zusätze bittend, daß seine w n n d e rt h ä t i g e K rast an ihr sich bereits bewährt habe. Ans die Frage des Rabbi, bei tvelcher Gelegenheit dies geschehen sei, antwortete dieselbe, sie sei jene Magd, die vorigen Jahres mittelst seines Amulets von eineni sie beherrschenden Dämon befreit worden ist. Als der Rabbi, das Kind ans ihren Armen gewahrend, fragte, wie lange sie schon in der Ehe lebe, trat sie beschämt zurück, weil das Kind außer der Ehe gezeugt worden und sie noch ttnvermält gewesen. Der Rabbi ertheilte ihr nichtsdestoweniger seinen Segen und setzte seine Reise fort. Unterwegs löste der Rabbi seinen Schülern, utrter welchen auch A. Grünhut war, das Räthsel mit folgenden Worten: „Diese Weibsperson litt an Hysterie oder Maunssucht, hatte epileptische Anfälle und lebte in dem Wahne, von einem bösen Geiste besessen zu sein. Da nun bei Kranken dieser Art die Einbildung sehr stark wirkt, gab ich ihr zu ihrer Beruhigung ein Amulet, um ihre Phantasie auf den entgegengesetzten Wahn, das "Amulet werde ihre Heilung bewirken, hinzulenkerr. Ich wählte einen unschädlichen Wahn als Gegengift einem schädlichen gegenüber. Ihre eigentliche Krankheit, die Mannssucht, ward aber durch die Art, tute sie zu der Leibesfrucht gekommen ist, gänzlich behoben." "Aus dieser Mittheilung erhellt also klar und deutlich, daß Jonathan, der später von einer gewissen Seite so viel verketzert *) Oppenheim entstammte einer hochgeachteten Familie und erbte von seinem reichen Oheim, dem berühmten Hofjuden Samuel Oppenheim in Wien, eine reichhaltige Bibliothek, die dieser der Vermittlung des Prinzen Eugen, dem er Geld lieh, zu verdanken hatte. David Oppenheim war stets bemüht, diese ererbte Bibliothek zu vergrößern, was ihm auch thalsächlich im vollsten Maße gelang; denn er hatte eine Sammlung von 7000 Bänden Dcuckiverken und 10Ü0 Handschriften zusammengebracht. Die Oxforder Bibliothek, die Bidleyana, kaufte die Oppenheimer'sche Büchersammlung im Jahre 1829 um den * Spottpreis von 9000 Thalern an.