Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Sir. 17 Dr. VLoch's Wochrnfchritt Seite 339 Czernowitz. O b e r c a n t o r I s a a k Rose nh e ck. Die israelitische Cultusgemeinde voll Czerttvwitz hat einen schmerzlichen Verlust erlitten. Nach langem, schlveren Leiden ist am 17. d. M. um 4 Uhr Morgens der Obercantor Herr Isaak givsenheck gestorben. Der hochgewachsene, brünette Mann mit dem ansfallend blassen Gesichte und der ganzen imposanten und sympathischen Erscheinung tvar eine der bekanntesten Persönlichkeiten in der Stadt. Rosenheck's Stimme und Innerlichkeit des Vortrages war von unwiderstehlicher Macht auch auf die Gemüther derjenigen, deren religiöser Sinn an Empfindlichkeit und Empfänglichkeit verloren hatte. Er bannte auch sie in leinen Kreis und trug damit unmerklich, vielleicht aber doch sicher zur Verbreitung der religiösen Sphäre auch in jenen Kreisen bei, die ihr bereits entrückt sind, aber noch nicht sicher auf jenem anderen Boden stehen, wo der abgeklärte Gedanke der Festigkeit des Standpunktes besondere Stärke verleiht. Aber der Mann mit der levitischen Würde in seinem äußeren Aussehen, denr nun der Tvdtengesang, den er so Vielen auf ihrem letzten Gange nachschickte, selbst nachertönte, hat nicht blos als Fnnctionär int Tempel, sondern auch als Religionslehrer au den hiesigen Mittelschulen und als Mitglied der Czernowitzer Gesellschaft sich jene Sympathien der Bevölkerung erworben, die nicht am Grabesrande enden, sondern so lange anhalten, als die Mitlebenden noch auf dieser Erde wandeln. Denn was er oft und oft 25 lange Jahre hindurch eint Altar gesungen und gebetet, nämlich allen jüdischen Gebeten zu Grunde liegendeil Inhalt, daß der Mensch gut ltnd barmherzig sei und um Gottes Willen den Frieden mit den Menschen und mit sich selbst finde, darnach hat auch er im Leben gestrebt, und es war ihm Herzensbedürfniß, darnach zu leben. — Isaak Rosenheck eittstammt einer angesehenen Familie in Lisitz in Galizien und nahm nach Vollendung seiner höheren Bibelstudien bei dem bekannten Obercantvr Fried m a n n in Budapest Unterricht im lithnrgischen Gesang, den er später bei dem berühmteil Obercantvr S u l z e r in Wien vollendete. Da er von Letzterem in glänzender Weise empfohlen wurde, erhielt er als llvch junger Manu eine Berufung nach Temesvar und von dort, nach kaum zweijähriger Wirksamkeit nach Marvsz-Basarhely, worauf er im Jahre 1872 nach Czernowitz berufen wurde und zur Probe - da damals llvch fein Tempel bestand — im sogenannten Beckschen Vereins-Bethause celebrirte. Der Eindruck seines Vortrages war so überwältigeitd nitd hinreißend, daß der berufene Verein ihn sogleich acceptirte und noch am selben Tage mit Rücksicht ans die außerordentliche Acquisitiou die Erbauung eines würdigen Tempels beschloß. Die Wirkung Rosenheck's auf die Gemüther seiner Zuhörer war so tief, daß eine auf der Stelle vorgenommene Subscription zur Aufbringung der Mittel für den Tempelbau nicht weniger als 80.000 fl. ergab, so daß ohne Verzug ari die-Ausführung des schönen Planes geschritten werden konnte. 25 Jahre hindurch har seine Wirkung auf die Mitglieder der Gemeinde, insbesondere auf die Tempelbesucher nichts von ihrer Kraft eingebüßt, und darum und weil er auch ein guter Mensch war, ist die Trailer lim ihn eine so allgemeine ltnd aufrichtige. An seiner Bahre trauern nebst seinen Glaubensgenossen und seinen engereil Freunden seine im Schmerz aufgelösten Angehörigen, seine greise Mutter, seine Frau und drei Kinder. Berlin 22. April. (Die V e r n r t h e i l u n g H a mm e r st e i ll's.) Der heute begonnene Prvceß gegen den ehemaligen conservativen Reichstagsabgeordneten und Chefredacteur der „Kreuzzeitung" Freiherrn von H am m e r st ei n wurde in den Abendstunden zu Ertde geführt. Hammerstein wurde des B etrüge s. uild der 11 r k undenfäl s ch u n g schuldig erkannt und zu d r e i I a h r e n Zuchthaus und 1500 Mark Geldbuße verurtheilt. Berlin, 1. April. Der letzte Discussivnsabend des Vereines für jüdische Geschichte n n d L i t e r a t n r brachte zunächst einen interessanten Vortrag von Herrn "Albert Katz über Lord Byron und seine hebräischen Melodien. Der Vortragende hatte sein Thema aber noch erweitert und in eingehender, geistvoller Weise über Weltschmerz imd Pessimismus, über Byron's Dichtungen überhaupt und ihren Zusammenhang mit Bibel und Judenthum gesprochen. Der Vortrag farrd großen Beifall. Zinn ersten Male hatte auch an diesem Abend eine'Dame ihre Begabmtg in den Dienst der Sache gestellt. Tie als Dichterin vortheilhaft bekannte Frau Martha Hell m u t h las ihr Gedicht „Dina" vor. Eine Helle Begeisterung für das Judenthum, ein warmes religiöses Entpfinden, große dichterische Kraft und hoher Schwung der Phantasie vereinigen sich in dieser Dichtung. Durch den lebhaften Beifall ermnthigt, las Frau Hellmuth noch mehrere kleine biblische Gedichte vor. Der Verlauf des Abends war ein sehr aniinirter, und der Vorsitzende sprach gewiß aus den Herzen aller Anwesenden, wenn er zum Schluß dem Wunsche "Ausdruck gab, daß dieses Beispiel bei unseren Frauen eifrig Nachahmung fittden möge. Berlin. 16. April. Auf Grund einer Eingabe des Vorstandes der jüdischen Gemeinde an den Cultusminister, wegen des Religionsunterrichtes an den höheren Lehranstalten, hat das königliche Prvvincial-Schulcollegium verfügt, daß vom 1. April 1806 ab für die jüdischen Schüler der hiesigen höhereit königlichen Lehranstalten jüdischer Religionsunterricht eingerichtet wird, und zwar für die jüdischen Schüler des Französischen mtd des Lttisen- Gymnasinms in der erstgenannten Anstalt, für die des Friedrich- Wilhelms-Gymnasiums und des königlicheit Real-Gymnasiutns tu ersterer, für die des Wilhelms-Gymnasiums in dieser Anstalt. In jeder dieser drei für den in Rede stehenden Unterricht zu bildenden Gruppe von Schülern sind je drei Abtheilungen, eine obere (Prima und Obersecnnda), eine mittlere (Obersecnnda bis Tertia) uttd eine untere (Ouarta bis Sexta) mit je zwei Wocheustnnden eingerichtet worden. Für beit Unterricht am Wilhelms- Gymnasium wurden Rabbiner Dienstfertig und Lehrer W e i n b a tt nt, für den am Französischen Gymnasium Justitntsvorsteher Dr. G ö tz und Lehrer B o r ch a r d t, für den am Friedrich-Wilhemls-Gymnasium Rabbiner Dr. B a tt e ck und Lehrer B r i u n als Lehrer bestimmt. Berlin, 21. April. Für gestern Abends war hier eine „große öffentliche" V er s a nt nt l u n g de r A n t i s e m i t e n einberufen. Zn derselben hatten sich jedoch nur etwa a ch t z i g P e r s o n e u eingefuuden. Der Referent, Redacteur M o s ch aus Hamburg, machte für den schwachen Besuch die Placatirnngs- Gesellschaft verantwortlich, welche das Wort „Jude" nickst habe gebrauchen lassen und die Placate angeblich au versteckten Stellen angebracht habe. Die Ausführungen des Redners enthielten aber doch das Eingeständnis;, d a ß s i ch die a u t i s e m i t i s ch e B e w e g tt n g i u D e u t s ch l a n d i m R ü ck g a n g e bes i u d e, denn er sprach die Hoffnung aus, daß für den Antisemitismus bald wieder eine bessere Zeit a nbrechen w e r d e. Man müsse nur die Bewegung bis zu deti n ä ch st e n W a h l e n d tt r ch schleppen, dann werde es wieder volle Säle und Galerien geben. Der V o r s i tz e u d e erklärte, daß die Streitigkeiten in der Partei diese s e h r z tt r ü ck g e b r a ch t haben. New Aork. (D r. Aaron Wise.» Das Jndenthnm in Amerika hat einen großen, schweren Verlust erlitten und man darf diesmal, ohne fürchten zu müssen, der PhrasenAaftigkeit geziehett zu werden, sagen, einen unersetzlichen Verlust erlitten. Dr. Aaron Wise, der Senior der amerikanischen Rabbiner, ein Mann, der im vollen Sinrte des Wortes Rabbiner war und nichts anderes sein wollte, ist am 2. Pessachtage plötzlich einem Herzschlage erlegen. Nicht nur seine Gemeinde, die mit treuer Liebe an ihm hing, nicht nur die große Schaar der Verehrer, die, durch beit Ruf angelvckt, den der Verstorbene sich erworben, seinen Worten einmal gelauscht, alle Inden Amerikas beklagen den frühen Tod dieses Mannes, der dttrch Frömmigkeit tmd Charakterfestigkeit, durch die Milde seittes Herzens, dttrch Gelehrsamkeit und Beredsamkeit eine hervorragende Stellung sich erworben hatte und eine Zierde des Judenthums geworden war. Dr. Aaron Wise war der Svhti des durch seine Gelehrsamkeit berühmten Oberrabbiners von Erlau und er kam, reich mit Wissen und Klugheit begabt, im Jahre 1875 nach New-Pvrk, wo er zum Rabbiner der Gemeinde „Rvdeph Scholom" gewählt wurde. Ec war der Nachfolger des Tr. Märzbacher als geistiges Oberhaupt der Gemeinde, die im Jahre 1842 gegründet wurde, blicht lange war Dr. Wise im Amte, als er dttrch seine vor trefflichen Eigenschaften sich jene große Popularität erworben hatte, die es ermöglicht, daß das Wirken und Schaffen eines Rabbiners im höchsten Maße gedeihlich und ersprießlich wird. Wise hat durch den Zauber seines Wesens, durch seine Gemüthsinnigkeit, durch feine Klugheit und Güte einen großen Einfluß geübt und er hat dadurch ungemein viel zur Erstarkung des religiösen Gefühles, zur sittlichen Kräftigung und Erhebung seiner Glaubensgenossen beigetragen. Der Mantel der Bolksgunst, der früher auf den Schultern des unvergeßlichen Tr. Adolf Henbsch ruhte, fiel nun auf ihn und seine rabbinische Wirksamkeit ward dadurch auch zu einer wahrhaft gvttgesegneten. Religiosität und Weltklugheit waren in hohem Maße in dem Verblichenen vereint und wahrlich das glänzendste Zeugniß für ihn liegt in dem Ilmstande, daß die Gemeinde, au deren Spitze er 22 Jahre stand, mit stets wachsender Herzlichkeit und