Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 336 Vr Vloch's WochenfchrW Nr. 17 eine einzige historisch constatirt, und in dieser einzigen ist der blutdürstige Gewinner, der Shylock, nicht der Jude, sondern der Christ. Sie können das Nachlesen in der Biographie von Leti, die derselbe geschrieben hat über den Papst Sixtus V. Uebrigens ist die Sache schon vielfach in den einzelnen Monographien behandelt worden. Dann sucht der Magistrat noch weiter den Minister darüber zu beruhigen, daß die Lehrer, welche er als Mische Religionslehrer angestellt hat, „etwaigen, mit den christlichen Anschauungen in Widerspruch stehenden L e h r e n des Schulcha n-A r u d)* unterliegen möchten, und spricht sie dann auch frei davon, daß sie irgendwie vom Talmud inficirt feilt könnten. Ja, was will der Magistrat damit sagen? Weiß er, daß der Schulchan-Aruch und der Talmud zum Theile Quellen der Mischen Religionslehre bilden? Und demwch hat er sich nicht gescheut, solche Verdächtigungen auszusprechen; denn man kann das doch nicht anders nennen. Ja, meine Herren, dem Ausspruch, daß seine Lehrer, die er als Religionslehrer angestellt hat, talmudrein sind, fügt er merkwürdigerweise — und das ist auch wieder komisch — die Bemerkung hinzu, daß sie sich mehr mit Kant und Lessing als mit dem Talmud berühren. Ob das mm gerade bei unserem Minister Dr. Bosse eine besondere Empfehlung sein wird, das ist denn doch noch die Frage, die ich aber nicht beantworten kaim. (Sehr gut. Heiterkeit.) Würde aber der Schreiber dieses Satzes von dem Talmud etwas wissen, nämlich dasjenige, was ihn ausschließlich interessiren sollte, — das ist nämlich das, was in einem solchen Buche etwa über die Nächstenliebe enthalten ist, — so würde er gefunden und nicht nur von jüdischen, sondern auch von christlichen Gelehrten haben hören können, daß die herrliche Bergpredigt, die gewiß Jude und Christ in gleicher Weise bewundert, vollkommen identisch in dem Talmud enthalten ist; ob im Talmud als Vorgänger oder im Talmud als Nachfolger, das würde für den Standpunkt des Talmuds und für das, was uns hier interessirt, vollkommen gleichgitig sein. Ich weiß nicht, wie weit Talmudgelehrsamkeit im Magistrat verbieten ist (Heiterkeit); aber nach dem, was ich aus der Antwort des Magistrates an den Minister entnehmen kann, muß ich mir sagen: es können doch nur diejenigen Veröffentlichungen, die jetzt so massenhaft über Talmud und Schulchan-Aruch von einer gewissen Partei in die Welt geschickt werden, die Quelle sein, aus welcher der Magistrat geschöpft hat." Herr Dr. Neumann weist dann die Verlogenheit der antisemitischen Talmudschristen nach. Für diese Bertheidignngsrede gebührt ihm allgemeiner Dank. Chacham Zebi. Eine der hervorragendsten rabbinischen Autoritäten des vorigen Jahrhunderts war R. Zebi Aschkenasi, Chacham Zebi genannt. Zebi war der Sohn des seines tragischen Geschickes, wie wegen seiner großen Gelehrsamkeit berühmt gewordenen R. Jakob Aschkenasi. Letzterer, in Wilna 1621 geboren, stammte aus einer allen, sehr achtbaren Familie und ist mit seiner jungen Frau in Begleitung seines Schwiegervaters, des berühmten Gelehrten Rabbi Eftaim Katz aus Wilna, vor der Wuth des raubsüchtigen mrd blutgierigen Pöbels entflohen. Allein Jakob wurde auf der Flucht von den Seinigen getrennt, von den Wüthenden ergriffen und zum Tode verurtheilt. Leichenblaß wurde er zmn Richtplatz geführt, wo er sein letztes Gebet verrichtet und Gott dem Herrn seine Seele und seine theure Gatttn empfohlen hatte. Des Kriegers jedoch, der dem Jakob bereits zum letztenmale das Niederknien befohlen hatte, bemächtigte sich plötzlich Mitleidsgesühl, es wäre denn doch schade, so dachteer sich, ein so junges Leben ohne Grund und Ursache schonungslos niederzumachen mrd so begnügte er sich blos mll einem Kolbenstreich, den er chm versetzte und dabei ausrief: „Flieh' junger Hund und rette Dein Leben". Durch göttliche Fügung errettet, verweille er noch einige Tage unter Leichen, und zwar lag er des Tages wie leblos neben denselben, während er des Nachts sich heimlich hermnschlich, um die allernöthigsten Kräuter zur Erhaltung seines Lebens sammeln zu können. Mittlerweile war sein Schwiegervater R. Eftaim Katz, Verfasser der Responsen „Schaar Eftaim" nach Trebitsch gekommen, wo ihm die vacante Rabbinerstelle übertragen wurde.*) Als R. Eftaim von Reisenden, die in der *) Die bedeutendsten rabbinischen Autoritäten, die in Folge der grausamen Chmielnicki'schen Judenverfolgungen Polen zu verlassen sich genöthigt sahen, haben in österreichischen und deutschen Gemeinden Anstellungen gefunden. Efraim Kohn in Trebitsch, Sabbatai Kohen in Holleschau, Samuel Aron Koidenover in Fürth und später in Frankfurt a. M. rc. Nähe seines Schwiegersohnes gewesen zu sein Vorgaben, erfahren hatte, daß Jakob Aschkenasi gefallen sei, ließ er seine junge liebenswürdige Tochter als Witwe erklären und wünschte sogar ihre baldige 'Wiederverheiratung. Allein alle Anstrengungen, die er machte, blieben ftuchtlos, denn sie behauptete steif und fest, daß ihr Gatte noch am Leben sein müsse. — Nach einem halben Jahre gelang es erst dein jungen Jakob Aschkenasi das Domicil seiner Schwiegereltern zu erreichen. Wie groß, wie unbeschreiblich groß mochte wohl die Freude und das Entzücken der tteuen stammen Gattin, die mit allen Fasern ihres Lebens, mit der ganzen Gluth ihres reinen edlen Herzens ihrem Gatten tteu anhänglich war, in dem Momente des Wiedersehens gewesen sein, welche himmlische Seligkeit mag wohl der geniale fromme gottbegeisterte Jakob in diesem Augenblicke empfunden haben, welche Feder wäre überhaupt im Stande, das überirdische Wonnegefühl dieser beiden Eheleute zu schildern? Lange lagen sie sich fest umklammert in den Armen, ohne nur ein Wort sprechen zu können. Das junge Ehepaar lebte im Hanse des R. Efraim glücklich und zufrieden. Es dauerte nicht lange und R. Jakob Aschkenasi wie seine Gattin Nachama fand eil fiir die unsäglichen Qualen mtb Leiden, die sie erdulden mußten, reichen Ersatz in ihrem hoffnungsvollen, geistig begabten Sohne Zebi, der ihnen im Jahre 1656 geboren wurde. Im Jahre 1666 folgte R. Efraim in Begleitung seiner Familie einem ehrenvollen Rufe nach Ofeir, der Metropole Ungarns. Hier widmete R. Jakob ausschließlich seine Zeit und Kraft der Erziehung seines Sohnes Zebi. Dieser machte bald solch riesige Fortschritte, daß er seiner Gelehrsamkeit wegen die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf sich lenkte. Kaum 18 Jahre alt, wurde Zebi Aschkenasi mit der Tochter eines reichen und geachteten Mannes in Ofen verheiratet und dadurch in die angenehme Lage versetzt, seinen Studien sorgenlos und ungestört obliegen zu können. In Folge der Belagerung von Ofen (1686), die ihm seine junge Iran und sein Vermögen raubte, sah er sich genöthigt, einen Rabbinerposten in Bosna Serai anzunehmen; allein hier konnte er sich nicht lange behaupten, da ein gewisser Chajvn ihm das Leben verbittert und vergällt hatte. Er ging nach Europa zurück ititb heiratete in Altona die Tochter des dortigen Rabbiners. Hier wurde er Vorsteher einer Klaus, während seine Gatttn ein Geschäft betrieb, das sie ernährte. Nach dem Tode seines Schwiegervaters entstanden über die Wahl eines Nachfolgers Stteitigkeiten in der Gemeinde. Während eine Partei für Zebi Aschkenasi Propaganda machte, begeisterte sich eine andere Partei für einen zweiten Aspiranten. R. Zebi, der sich dnrch Selbstbewußtsein, wie durch Charakterfestigkeit und Biedersinn vortheilhaft auszeichnete, sah sich ob der ihm zugefügten Kränkungen veranlaßt, das Feld zu räumen und sich in seine Klaus zurückzuziehen, wo er sich ausschließlich mit seinen theologischen Studien befaßte. In Folge seiner eminenten Gelehrsamkeit und seines ungewöhnlichen Scharfsinnes erwarb er sich einen Weltruf. Die entferntesten Gemeinden appellirten in den wichtigsten religiösen Fragen an ihn. Selbst von einem Londoner Gemeindevorstand wurde er in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu Rathe gezogen (vergleiche Responsen Chacham Zebi 18). Im Jahre 1710 wurde R. Zebi Aschkenasi von der deutschen Gemeinde zu Amsterdam per Acclamation zu ihrem Oberrabbiner ernannt. Um jene Zeit fungirte Salomon Ayllon als Chacham der portugiesischen Gemeinde zu Amsterdam, der ans Chacham Zebi nicht sonderlich gut zu sprechen war, weil jener, der ihm geistig überlegen war, mit einer gewissen Geringschätzung auf ihn herabblickte. Es dauerte nicht lange und Ayllon bot sich die Gelegenheit dar, seiner Enttüstung über das stolze Benehmen des deutschen Chacham Ausdruck zu verleihen. Es kam nämlich nach Amsterdam der berüchttgte Erzbetrüger Nehemias Chajon, um auch dort im Geheimen fiir die sabbathianffchen Lehren und Grundsätze Propaganda zu machen. Kaum hatte Chacham Zebi von der Ankunft dieses sabbathianischen Emissärs, der auch Polen und Deutschland bereiste und dort heillosen Schaden angerichtet hatte, erfahren, als er alle Hebel in Bewegung setzte, um diesen betrügerischen Abenteurer unschädlich machen und das Handwerk ihm legen zu können. Allein Ayllon nahm sich, um Chacham Zebi bittere 'Stunden bereiten zu können, Chajons eifrigst an rmd gewann auch den einflußreichen portugiesischen Vorsteher Aron de Pinto für sich. In Folge dessen entstanden mancherlei Zerklüftungen int Innern der Amsterdamer Gemeinden und Chacham Zebi sah. sich 1714 veranlaßt, den Schauplatz seiner Thätigkeit und Wirksamkeit zu verlassen. Er verfügte sich zuerst nach London, dann ging er über Breslau Mach Polen, wo ihm in Lernberg die damals in Erledigung /