Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 335 darauf abzielte, die Juden dem Ackerbau zuzuführen, während jetzt kein Mensch den Erfolg jenes Versuches bestreitet, so darf uns die Ungläubigkeit nicht entmuthigen, > mit der inan jetzt dem nationalen Projecte begegnet. Freilich ist der Zionismus bis jetzt nur eine Idee, aber es ist eine zähe, eine mächtige Idee, die durch Jahrtausende hindurch nichts von ihrer Kraft und Frische eingebüßt hat. Und vergessen wir nicht, daß vor einem Menschenalter das griechische Königreich ein Traum war, wie später die Einheit Italiens, und beide Träume sind vor unseren Augen zur greifbaren Wirklichkeit geworden. Holman Hunt schloß mit folgenden Worten: „Ich bin im tiefsten Innern davon überzeugt, daß der „Judenstaat" nothwendig und möglich ist, wie ich überzeugt bin, daß ein göttliches Wesen die Welt regiert". Von den Ufern der Newa. m Petersbu r g, den 17. April 1896. Wie hiesige gutinformirte Zeitungen berichten, soll die im Aufträge unseres Justizministeriums mit der Advocatnrsrefvrm sich befassende Commission für die Zulassung jüdischer Rechtsanwälte im Innern des Reiches mit 10 Percent, im jüdischen Ansiedelungsrayon mit 25 Percent der Gesammtzahl erklärt haben. Für den ausländischen Leser bedarf diese Nachricht einer gewissen Erläuterung. Und zwar muß vorerst festgehalten werden-, daß es der russischen Gerichtsverfassung gemäß beeidete und Privatadvocaten gibt und daß behufs Stellungsverleihung von den ersteren ein Universitätsgelehrteugrad und fünfjährige Praxis (Stage) verlangt wird, wohingegen die letzteren nur ein entsprechendes Examen zu bestehen haben. Jungen Jnristen, die ihre Universitätsstudien durchgemacht haben, ist bis zier Beendigung der vbenbesagten Lehrjahre das Functioniren in der Eigenschaft von Privatadvocaten (beeideter Advocatengehilfen) gestattet. Diese drei Stellungen nun waren bis vor sieben Jahren unbehindert unseren Glaubensgenossen zugänglich. Im Jahre 1889 aber wurde ein allerhöchster Befehl erlassen, wonach Rechtsanwälte jüdischer Confession nur auf Antrag des betreffenden Gerichtspräsidenten und mit Genehmigung des Justizministers nominirt werden können. Seit jener Zeit wurde in ganz Rußland kein einziger Jude zum Advocaten ernannt und eine beträchtliche Anzahl jüdischer Juristen, welche erwähnte Vervrdmlng entweder während des Stages oder im letzten Semester ihrer akademischen Studien überraschte, war gezwungen, sich anderen Fächern zuzuwenden. An hundert solcher Entgleisten arbeiten für wahre Hnngerlöhne hier in Petersburg selbst und mehrere Tausende schmachten in verschiedenen Städten des weiten Reiches. Inwiefern die eingangs citirte percentuale Zubesserung dem Unheil abzuhelfen im Stande ist, kann daraus geschlossen werden, daß das bisherige, also vor 1889 geschaffene Verhältniß 16 Perzent Inden-Rechtsanwälte in der Residenz und etwa 30 Perzent in der Provinz, hauptsächlich im Ansiedlnngsrayvn betrügt. Eine andere, für viele unserer Glaubensbrüder traurige Existenz frage soll binnen Kurzem vor das Forum des hiesigen Ministeriums des Innern zur Entscheidung kommen. Ein gewisser Herr Altschüler nämlich, der zwar eine schöne Baritvnstimme und ungewöhnliches Schauspieler-Talent, aber kein Wohnrecht besitzt und deshalb auch kein entsprechendes Engagement finden kann — hat sich dienlich an das genannte Ministerium mit der Bitte gewandt, es möchte ihn hinsichtlich des beständigen Aufenthaltes in ganz Rußland den jüdischen Handwerkern gleichgestellt erklären. Der Ausfall dieses Gesuches ist natürlich noch unbekannt. Jedenfalls gewinnt diese Frage ungemein an Interesse, wenn man bedenkt, daß die jüdische Nation in den letzten dreißig Jahren viele begabte Sänger der russischen Oper geliefert hat. Tartakoff, Tschernoff (Einhorn), Buchowietzkij, M i ch a i l o f f, Medwiedief.f, Alle jüdischer Herkunft, bilden' die besten Kräfte und gefeiertesten Namen unserer Residenzoper. Aus Anlaß einer jüngst von A. M. Brodski zur ^Anlegung einer Ferien-Colonie für unbemittelte jüdische Kinder in Odessa geopferten Summe im Betrage von 15.000 Rubel — befürwortet der hiesige „W o s ch o d" die Gründung ähnlicher Anstalten in Rußland überhaupt, stellt als nachahmendes NLuster das Wiener jüdische „Ferienheim" auf und betont, daß die Brodski'sche Colonie die e r ft e im jüdischen Ansiedlungsrayon sein wird. Diesen letzteren llmstand möchte ich dahin berichtigen, daß der bekannte Petersburger Bankier Herr Hippolit Wawelberg schon seit acht Jahren ungefähr eine Sommercolonie fiir ein paar Hundert arme Kinder aus seiner Vaterstadt Warschau ohne Unterschied der Confession in Tschechotfchinek (Saline, hart an der preußischen Grenze) auf eigene Kosten unterhält. Da der Tod des seligen W. Bermanim Monate Nissan, im Laufe dessen bekanntlich keine Trauergottesdienste gestattet sind, erfolgte, konnte in unserer Synagoge ein solcher erst gestern (am dreißigsten Tage vom Dahinscheiden) abgehalten werden. Zu demselben versammelten sich viele Freunde und Collegen des Verewigten; unter Anteren fehlten auch nicht die Koryphäen der russischen Jurisprudenz: Fürst Urusoff (dessen Gehilfe der Verblichene mehrere Jahre war), Matalinski, Spasovitsch, Andrejevski u. s. w. _ G. M a r. SaniMsrattz Dr. Nrumsnn verthridigt Schulchan-Nruch und Talmud. Berlin, 12. April. Mit Recht war die vom Magistrate vvrgelegte Eingabe in Sachen der jüdischen Lehrer in der „Laubhütte" als schlimmer wie der Erlaß des Ministers bezeichnet worden. In der Stadtverordnetenversammlung trat denn auch der im Dienste der Vertheidigung des Judenthums, für die er manch werthvvlles Wort gesprochen und geschrieben bat, ergraute Herr Stadtverordnete Sanitätsrath Dr. Neu mann in einer g a n z v o r z ü glichen Rede gegen diese eigenthümliche Petition aus. Er sagte unter Anderem: „Kommen doch in dieser Antwort, wenn auch nicht ganz klare und dennoch nicht zweideutige Stellen vor, die, sozusagen ans der antisemitischen Atmosphäre — ich Habe dieses Wort sehr ungern gebraucht - entstammen! Ich bin überzeugt: der Magistrat hat trotz alledem, wenn ich auch es mir nicht erklären kann, diejenige humane Gesinnung, diejenige Gesinnung der Achtung und Anerkennung vor allen Eonfessionen, die wir an ihm gewöhnt sind, nicht verleugnen wollen, und ich bin davon umso mehr überzeugt, da wir einen Magistrat haben, der von Herrn Zelle präsidirt wird. Vor 20 Jahren, als ein beleidigender Angriff des Oberkirchenrathes gegen die Inden in die Welt geschickt wurde, hat der damalige Vorstand der jüdischen Gemeinde gegen den Oberkirchenrath einen öffentlichen Protest erhoben und die hervorragendsten Mitglieder des Magistrates haben ihm dafiir öffentlich ihren Dank und Anerkennung ausgedrückt, unter ihnen fehlte auch der Name Zelle nicht! Der Magistrat leitet seine Antwort ein mit einem gewissen allgemeinen Satz gewissermaßen welthistorischen Inhalts, so daß nian glauben sollte, es käme ihm darauf an, eine große, principielle Aenderung in der ganzen Frage herbeizuführen. Doch das ist ganz und gar nicht der Fall; Alles, was er anstrebt, beschränkt sich darauf, einige der neuen aus dem Ministerialrescript folgenden Bestimmungen zu beseitigen oder wenigstens mildern zu wollen. Er sagt: „Der Versuch, jüdische Lehrer an unseren Schulen unterrichten zu lassen, ist gemacht, und der Versuch ist trotz mancherlei Agitationen gelungen. Die gehvrsamst beigeftigten Urtheile der Schulinspectoren geben über den Erfolg der jüdischen Lehrkräfte Auskunft." Ich habe leider in der uns zugeschickten Vorlage diese Urtheile vermißt, bin daher dem Herrn Referenten um so dankbarer, — ihm waren sie zugänglich - daß sie so überaus wohlthuend und günstig lauten. Was aber führt der Magistrat weiter an, um den gelungenen Versuch fortzusetzen? Natürlich zu ihrem Lobe und zu ihrer Empfehlung spricht der Magistrat „von den jüdischen Lehrkräften, welche, obschon mit dem jüdischen Relgionsunterricht betraut, doch nicht nach dem Typus Shylvck geformt find." Ja, meine Herren, weiß Jemand, was der Magistrat sich dabei gedacht hat? Der Herr Minister, sagte ich mir, wird wunderbar erstanm sein; er wird doch auch noch keinen Juden mit dem Typus Shylvck hier begegnet sein. Was soll dieser Ausspruch bedeuten, der noch dadurch unklarer, gewissermaßen beleidigend wird, daß es heißt: „ob schon mit dem jüdischen Religionsunterricht betraut?" Gott sei Dank, dieses Bill) von dem blutdürstigen Shylvck ermangelt in einergewissen Weise nicht der Komik. Bon den verschiedenen Fabeln, welche im Mittelalter über solche Blutwetten circulirten, ist nur