Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-04-17 · 16 (17.4.1896) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
16 (17.4.1896)
Date
1896-04-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021132--05517-3029778
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Serie 320 Dr. Vlprtz's WochrnsttzriN. Vir. 16 großen Fabrik, deren Versicherungspolizze 8 Tage zuvor abgelaufen und nicht erneuert war, an den Bettelstab kam. Da der Sohn unseres ehemaligen Freundes Cohn, der sich, um eine Stellung im Ministerium zu erlangen, taufen und Corini nennen ließ. Sein Unstern wollte es, daß er eine Frau heiratete, in deren Familie die schlimmste aller Krankheiten, der Krebs, erblich war. Sechs Jahre lang lag die Frau hoffnungslos darnieder; eiternde Wunden, üble Gerüche machten sie ganz unnahbar. Er sagte mir selbst, daß es ihm unmöglich sei, mit ihr zu ververkehren. Als der Tod ihrem Leiden ein Ende gemacht, zeigten sich Symptome der schrecklichen Krankheit bei beiden Töchtern. Es waren blühend schöne Mädchen, reich, viel umworben, aber der Todesengel hatte sie gekennzeichnet und wer davon hörte, stand trotz ihres Vermögens von der Werbung ab. Corini will, wie Ich unlängst gehört, dem Staatsdienst entsagen und zu dem Glauben seiner Väter zurückkehren." Nachdem Dr. Berthold geendet, war es still um uns her. Alle standen unter dem Banne des Erzählten. „Es ist Zeit, in Schul' zu gehen", sagte endlich Leo Stern und stand ans. „Wir kommen mit", riefen die Anderen wie Ms einem Munde. Es war, als sei es ihnen — wiewohl sie sonst an Halbfeiertagen immer den Tempel besuchten, heute Herzensbedürfniß, sich Eins zu fühlen mit ihrem Gott, mit der Gemeinde. Als sie, nachdem der Gottesdienst beendet, in gehobener Stimmung zurückkehrten und mit herzlichem Gruß: „Gut Jvntes" an dem reich besetzten Tisch in der Weinlaube Platz nahmen, spiegelte sich in aller Augen das Gefühl der innigen Zusammengehörigkeit, der Freude am religiösen Leben. „Wie schön sind Deine Zelte, Jacob, Deine Wohnungen, Israel" ertönte von dem gegenüb r liegenden Hause der Gesang eines jungen Mädchens. „Ja, schön und beseligend", fügte Dr. Berthold, nachdem der Gesang verklungen, hinzu, „wenn der Geist echter Frömmigkeit, die sich in Wohlthun, Gebet, liebevollem Streben des Einen für den Anderen äußert, in ihnen waltet. Und daß es so in allen Familien, die uns nahe stehen, ja in ganz Israel sei — das walte Gott! Correspondenzen. Wien. (Pfarrer D e ck e r t v e r u r t h e i l t.) Wir haben uirlängst berichtet, daß der Pfarrer von WeinhMs Dr. Josef Deckert wegen Uebertretung des Preßgesetzes zu einer Geldstra fe von fünfzig Gulden verurtheilt wurde. Die vom Staatsanwalt H a w l a t h erhobene Anklage lautete dahin, Pfarrer Deckert habe Stellen Ms einer in Deutschland erschienenen und hier confiscirten Schmähschrift gegen die Juden in dem von ihm herausgegebenen '„Sendboten vom heiligen Josef" nachgedruckt. Der Gerichtshof unter Vorsitz des Vicepräsidenten von Holzin g e r fand Pfarrer Deckert im Sinne der Anklage schuldig und verirrtheilte ihn zur eingangs erwähnten Straf e. Wien. Wo ist das Christenthum? Unter diesem Schlagworte bringt die „O e st e r r e i ch i s che S ch u lzei tun g" vom 8. April a. c. — Schriftleiter Herr Ed. I o r d a u, Lehrer am städtischen Pädagogium, Hegelgasse 12 — eine Correspondenz, welche die Spende des Bischofs von W a i tz e n zur Errichtung eines Krankenhauses für Kranke aller Confessionen zur Sprache bringt. Die Correspondenz verzeichnet auch die Antwort, die dieser tolerante Priester einem, der sich über die „ausnahmslose" Menschenliebe wundert, eriheilte. Die Antwort enthält bekanmlich unter Anderem folgenden Passus : „das ist doch ganz natürlich. Bor dem Richterstuhle Gottes und meinen Augen sind alle Menschen gleich." Hier macht der Einsender — gewiß eine weiße Schwalbe unter den Lehrern — die Bemerkung: Wie wird sich der hepp, hepp schreiende, christlich-sociale antisemitische Pöbel vor diesem Richterstuhle Gottes Msnehmen? und die christliche Presse? In der Fortsetzung der Rede des Bischofs und zwar bei der Stelle: „Glauben Sie mir, ich kenne in meiner Diöcese Hunderte von Bekennern anderer Confessionen und Juden, die das tägliche Brot für ihre Familie ehrlich, aber kämpfend verdienen", sind die Worte „Juden" und „ehrlich" mit gesperrten Lettern gedruckt, und die verehrte Schriftleitung hat die besondere Liebenswürdigkeit, zu dem Worte „ehrlich" die Randbemerkung „Unglaublich?" zu machen. Selbstverständlich beftirchtete Herr Jordan infolge der Aufnahme dieser Correspondenz seiner Vertrauenswürdigkeit als Leiter einer Lehr e r zeitung ein schlechtes Zeugniß auszustellen, und war daher sichtlich bemüht, durch erwähnte Randbemerkung sich in den Augen seiner Collegen wieder zu rehabilitiren. Nun gut, wir stellen uns ganz auf den Standpunkt des Herrn I v r d a n, erlauben uns aber folgenden, gewiß logischen Schluß: Jeder Lehrer, der so denkt, und fühlt wie der Leiter der„Oesterreichisch en S chu lzei tun g", aber dessenungeachtet ein für dieses unehrlich erworbene Geld angekMstes Neujahrs-, Weihnachts- oder Namenstagsgeschenk annimmt, eventuell von solchem Gelde wie immer namenhabende, materielle Vortheile sich zuwendet, begeht eine entschieden verwerflichere Handlung als die vom Herrn Jordan in so s ch m e i ch e l h a ft e r W e i s e b ezeichne t e n I u d e n. Ob es wohl unter den Lehrern solche Ehrenmänner gibt? Wien, 9. April 1896. Unter dem Vorsitze des Obmannes des Tempelvereines im XI. Bezirke, Herrn Sigmund Kauder s, fand am 8. d. M. eine außerordentliche Generalversammlung des genannten Vereines statt. Zu dieser Versammlung hatten sich der Präsident der israelitischen Cultusgemeinde Wien, Herr Gustav Simon, sowie der Secretär, Herr Dr. Lieben eingefunden; Zweck der Berathung war die Beschlußfassung über die Erbauung eines Tempels im XI. Bezirke, nachdem bei der jetzigen Strömung es dem Vorstände ganz unmöglich wird, ein Miethlocal zu erhalten. Nach der durch den Schriftführer, Herrn Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Ornstein, vvrgetragenen Begründung des Antrages des Vorstandes und nach einer sehr warm und eindringlich gehaltenen Rede des Herrn Präsidenten Gustav Simon wurde mit großer Majorität beschlossen, einen passenden Grund in der Leberstraße anzukaufen und dort den Tempel zu errichten; der Bau wird dem bei der Versammlung anwesenden Herrn Architekten Heinrich Adam übertragen werden. E- B. Wien (Der Jahresbericht d e r W i en er öffentlichen israelitischen Vereins-Volks- Schule „T a l m u d - T h o r a") in der Leopoldstadt für das Vereinsjahr 1895 verdient die vollste Beachtung unserer Glaubensgenossen. Die „Talmud-Thora-Schule", vor einem halben Jahrhundert gegründet, verbindet den Zweck, den Schülern nebst dem modernen Unterricht in intensiverer Weise, als es die interconsessionelle Schule vermag, auch gründliche Schulung im Hebräischen angedeihen zu lassen. Der Unterricht im Hebräischen hat derzeit mehr als eine linguistische Bedeutung; es muß der größte Nachdruck darauf gelegt werden, daß er mehr als zuvor die Basis ist, auf welcher die Jugend den Religionsunterricht erhält, daher einer besonderen Pflege bedarf, damit in derartigen Schulen die Pädagogen herangebildet werden können, welche sich später dem Unterrichte des Hebräischen respective des Religionsunterrichtes als Specialfach widmen wollen. Ganz wehmüthig stimmen die Klagen des Berichtes, daß es dem „Talmud-Thora-Vereine" an ausreichenden Mitteln gebricht, den schönen Zielen und Humanitären Zwecken, die er sich gestellt, gerecht zu werden. Der warme, im Berichte enthaltene Appell, den Verein materiell zu unterstützen, damit er der sich gestellten Aufgabe zu entsprechen vermöge, wird zuversichtlich bei allen Glaubensgenossen, die Verständniß für dessen im Interesse des Judenthums entfaltete Thätigkeit besitzen, von nachhaltigster Wirkung begleiten sein, zumal derzeit, wo extra et intra imiros die heftigsten Anstürme wahrzunehmen sind, das leider schon gelockerte Gefüge des Judenthums aus den Fugen zu bringen. Eine Frage dürfte sich wohl Jedermann aufdrängen, und die ist, warum die maßgebenden Factoren eine culturelle Anstalt nothleidend belassen. Die „Talmud-Thora-Schule" muß nicht nur auf der Höhe der Situation, auf welcher sie sich Dank der verdienstvollen Verwaltung und der lobenswerthen Lehrkräfte befindet, erhalten werden, es ist vielmehr eine gebieterische Pflicht, dieselbe noch mehr auszuweiten. Das radicälste Mittel wäre wohl die Uebernahme der „Talmud-Thora-Schule" auf den Etat der Wiener Cultusgemeinde. Keine Cultus-Anstalt besitzt für dieselbe eine derartige Wichtigkeit wie diese, und wenn sie diese vernachlässigt, so sägt sie den Ast ab, der ihr die Stütze verleiht. Der Vorstand der „Talmud-Thora-Schule", in welchem sich die Herren Oberrabbiner Dr. G ü bemann, Heinrich B erge r, Dr. G r ü n f e l d, Dr. Gustav K o h u, Dr. Max Steiner, D. Simon, Sigmund K a u d e r s und Marcus B v n d i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.