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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-04-17 · 16 (17.4.1896) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
16 (17.4.1896)
Date
1896-04-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 16 Dr. Vloch's Wochrnfttzrtfr. Seite 319 beruft, da weiß ich, daß ich für Weib und Kinder, die mir die Nächsten sind, ailsgesorgt habe, daß kein Mensch aufstehen wird, der da sagen kann: Leo Stern schuldet mir etwas! Ich habe Gott stets die Ehre gegeben, und wenn mich auch der Oberstabsarzt, der mich wohl kannte, aber nie eines Grußes würdigte, vielleicht für ein untergeordnetes Individuum ansah, ich habe ihn nie beneidet, als sich noch alle Welt um seine Gunst bewarb. Kein Kadisch wird ihm nachgesagt, keine Thräne nachgeweint und so, merkt Euch Kinder, geht es all' denen, die die Religion ihrer Väter verleugnen. Solch Thun bringt kein Glück". „Du hast ja wohl Aehnliches vom Hauptmann Geßner angedeutet?" fragte mein Sohn; „erzähle uns doch, wie es ihm geht". „So traurig, als es nur einem Menschen gehen kann. Man hat ihn unter Curatel gestellt und hält ihn, da sein Nervenleiden das Schlimmste befürchten läßt, in einer Anstalt für Geisteskranke unter strenger Bewachung, er sehnt sich in lichten Momenten nach Frau und Kindern, drängt, daß man ihn frei lasse, doch kann seinem Drängen keine Folge gegeben werden!" „Entsetzlich" sagte Dr. Berthold. „Ist solch ein Leben nicht schlimmer als der Tod?" „Hat sich taufen lassen müssen? warf Leo Stern ein. ■ „Von der Zeit alt sist er krank, hypochondrisch. Ich kenne sein Schicksal nur zu gut. Man hat ihn gleich nach der Hochzeit nicht wieder erkannt, es war, als ob es auf seinen! Gewissen lastete. Sie wissen", fuhr der redselige Alte fort, „der Grund zu seinen! Uebertritte lag darin, daß man ihn in seinem Trauscheine statt Armand Geßner, wie er sich zeither nannte, Aaron Geßner einschrieb. Er processirte mit der Gemeinde, meinte, er würde in Officierskreisen verhöhnt werden, wenn er sich "Aaron beim Aufgebot nennen müsse, und da die Gemeindevorsteher das nicht einsehen wollten und dabei blieben, sie seien verpflichtet, den Namen in den Trauschein zu setzen, unter dem er in den Matrikeln eingetragen sei, erklärte er' seinen Austritt aus der jüdischen Gemeinde, ließ sich Armand taufen und als Armand Geßner trauen. Auf seiner Hochzeitsreise besuchte er uns; das war nicht mehr der übermüthige, lebensfrohe Lieutenant, den ich vor Jahren kannte; eine sichtliche Wandlung war mit ihm vorgegangeu. Wir deuteten uns dieselbe so, daß er in seiner Ehe nicht glücklich sei. Die kleine. Frau, die ihm zuliebe auch den Glauben gewechselt, genügte ihm wohl auch wirklich nicht. Sie wurde gar bald krank, nervös, jährlich brachte der Storch ein -Kleines; das Alles war nicht danach angethan, Geßner die Häuslichkeit angenehm zu machen. Die kleine Hanptmannsgage reichte nicht fiir den großen Bedarf aus — man hielt drei Dienstboten und einen Officiersburschen — und glaubte eben standesgemäß leben zu müssen. Geßner, der weit eher zum Junggesellen als zum Hausvater paßte, war stets verstimmt, wenn ihm seine Frau klagte, daß sie mit dem ihr zugewiesenen Wirthschaftsgelde nicht ausreiche; das Ende vom Lied war, daß er sein Vergnügen außer dem Hause suchte. Die Folgen einer solchen Lebensweise blieben nicht aus. Vor zwei Jahren kam er aus seiner Garnisonsstadt nach Wien, um die Aerzte über seinen Gesundheitszustand zu consultiren. Die Beine schlotterten ihm, er konnte sich nur mit Mühe gerade halten. „Rückenmarkskrankheit" lautete die Diagnose. Hauptmann Geßner war wie niedergeschmettert. Weinend gedachte er seiner kranken Frau und seiner vier unversorgten Kinder. Um sich zu betäuben, suchte er dann allerhand Vergnügungen, die seine Kräfte vollends absorbirten. Er hatte aber, den Glauben an Gott verloren und suchte sich über die kurze Frist, die ihm noch gegönnt war, dadurch hinwegzutäuschen, daß er des Lebens Freuden in seiner Weise genoß. Wir wähnten ihn schon auf dem Wege der Besserung, da ward uns die Kunde, daß er an Größenwahn leide und einer Nervenheilanstalt übergeben sei. lieber das, was die Krise herbeigeführt, cursirten allerhand Gerüchte. Die Einen meinen, daß ihm eine unglückliche Liebe um den Verstand gebracht, die Anderen, daß sein Leiden eine Folge der Rückenmarkskrankheit sei. In lichten Augenblicken verlangt er nach Weib und Kindern, nach Rückkehr zum Gott seiner Väter, indeß nur zu bald fällt er in die gewohnte Lethargie zurück. Nichts interessirt ihn, er vegetirt nur noch, und wer ihn so sieht und sich den lebenslustigen, feschen Lieutenant, der er einst war, vergegenwärtigt, weiß, daß Gottes Hand schwer auf ihm lastet, daß eine solche Strafe schlimmer als der Tod ist." „Traurig, sehr traurig", meinte Dr. Berthold, wenn man ein junges, hoffnungsreiches Leben so geknickt sieht. Und wie schrecklich für die alte Mutter, die den Schmerz hat, das an ihrem Lieblingssohne erleben zu müssen." „Eine jede Mutter hat die Kinder, die sie verdient" erwiderte Lev Stern. „Hat etwa" fuhr er fort, „jemals Frau Geßner ihre Kinder zur Religiosität angehalten? Sie wurden aus dem Hause gegeben unter Gojim oder sich selbst überlassen. Wo sollte ihnen da der moralische Halt werden? Der älteste Sohn Theodor ging mit 14 Jahren nach Leipzig; er sollte dort Handelsschule studiren. In ganz jungen Jahren machte er dort die Bekanntschaft eines Mädchens, dem zulieb er sich taufen ließ; zwei Jahre nach der Hochzeit starb er an Tuberculose. Der zweite Sohn kam nach Leipzig die Witwe seines Bruders besuchen. Die Circe wußte ihn zu umgarnen, auch er ließ sich ihr zulieb taufen und heiratete sie. Sie war sein Unglück wie das seines Bruders. Nach'dem sie dreien Kindern das Leben gegeben, stellte sich ein Bluthusten ein, die Frau starb; "Arnold Geßner blieb mit 3 Kinder ohne eine Stellung, ohne Vermögen zurück. Wie oft klagte er mir, wenn ich zur Messe nach Leipzig kam, daß ihn die Verzweiflung übermannte und er beschlossen habe, diesem elenden Dasein ein Ende zu machen! Mit Noth und Elend kämpfend, alterte er vor der Zeit, fein Lebeusmuth war gefunken, von keiner Seite ward ihm Trost, Zuspruch, "Aufmunterung. Tie Pflegerin seiner drei Kinder, "Witwe eines Beamten, wußte es nach einem Jahre dahin zu bringen, daß er mit ihr die Ehe einging. Neue Fatalitäten folgten; als dieser Ehe Kinder entsprossen, wurden die Knaben aus erster Ehe vernachlässigt, aus dem Hause gegeben, sich selbst überlassen. Alljährlich kam ein Kind; als ich Arnold wiedersah, klagte er mir, daß er 10 Kinder, aber nicht 10 Gulden im Vermögen habe. Die Frau war seit zwei Jahren leidend, er hatte seine Stellung verloren, es schien ihm unmöglich, eine andere zu finden. Wer engagirt einen Familienvater, der verschuldet ist und zehn Kinder hat? Und noch dazu einen Meschumed! Und wie anders hätte sich dieser Arnold Geßner, der zur Zeit ein liebenswürdiger, blühend schöner Mann war, seine Zukunft gestalten können? Wer zwang ihn dazu, die Religion zu wechseln, sich in Schulden und Verlegenheiten zu stürzen, die ihn von Stufe zu Stufe sinken ließen?" „Den Einen der Ehrgeiz, den Andern die Liebe," sagte Dr. Berthold. „Beiden hat es kein Glück gebracht. Nicht um alle Reichthümer," sprach Leo Stern, „gebe ich das Glück hin, das ich im trauten Familienkreise empfinde, wenn es Jontef ist und meine Leah, meine Kinder mit mir einstimmen, Gott Ehre und Dank zu geben, fiir alles Gute, das er uns erwiesen. Ich glaube, solche Weihemomente hat weder der Oberstabsarzt trotz all seiner Orden, noch der Hauptmann, noch Arnold gekannt; ich meine überhaupt, jenes Familienglück, das des wahren Juden größte Seligkeit und einziges Streben ist, kennt der Meschumed nicht. Wer seiner Religion abtrünnig wird, verzichtet damit auf jene innere, seelische Zufriedenheit, die der Ausgangspunkt jeder guten That ist. Es gibt Gedenk- und Feiertage, an denen sich das Herz der Abtrünnigen sicher zurücksehnt nach der trauten, von religiösem Weihegefühl erfüllten Atmosphäre, die an diesen Tagen im Elternhause zu herrschen pflegte. Der Tempel ist dem Meschumed verschlossen, und die Kirche zu betreten, sich zu bekreuzigen, vor dem Altäre niederzuknieen, widerstrebt ihm. Ich lasse es mir nicht ausreden, aus innerer Ueberzeugung hat sich noch Niemand taufen lassen! Es kann kein "Abtrünniger so andachtsvoll in der Kirche beten, wie er ehedem im Tempel seine Andacht verrichtete. Und ganz ohne Gebet, ohne Aufblick zu einem höchsten Wesen, das die "Weltgeschicke im Großen, wie die Geschicke des Einzelnen lenkt, kann doch wohl auch kein Mensch glücklich sein!" „Ja, glücklich sein," nahm Dr. Berthold das "Wort, „da haben Sie es ja getrosten! Glücklich sein? nein, das können sie -nicht, die ihrem Gott abtrünnig geworden; sie streben, vegetiren, geizen nach äußeren Ehren, ihr Herz gleicht zumeist einem, ausgebrannten Krater. Mir schweben noch viele Beispiele vor, die ich Ihnen ciriren könnte. Da beispielsweise die reiche Frau Brandy in Odessa, die sich taufen üeß, um den "Attache Orlvwsky zu heiraten. Nachdem sie getauft war, besann sich der Attache eines Besseren und ging auf Reisen, von Paris aus schrieb er ihr, daß er ihr ihr "Wort zurückgebe. Ferner der junge Lewv, der einer Christin zulieb seinen Glauben ab schwur, aber auch im selvigen Jahre durch den Brand seiner

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