Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Nr. 16 Seite 318 Dr. Vloch's WmtzrnschrtN. sind die Menschen so herzlos! Schicken Sie mir da vorhin den Seelsorger, damit er mich ..." Ein Hustenanfall raubte ihm die Sprache. „Du hast ihn nicht verlangt?" fragte ich. Er wehrte mit der Hand ab und sank dann, vom Hustenanfall überwältigt, in die Kissen zurück. Der Wärter rief den Arzt, man gab chm Ozou-Einathmungen, richtete ihn auf und suchte ihn zum Bewußtem zu bringen. „Ah, Du noch da?" sagte er, als er mich gewahrte, „das ist brav von Dir! War sie nicht auch da?" fragte er dann, wild um sich blickend. Der Wärter verneinte. „Wir haben sie vorhin schon expedirt," erwiderte er. „Wer war die Dame?" fragte ich. „Ich sah sie weinend die Treppe hinabgehen!" Ein neuer Anfall. Der Arzt meinte, ich hätte ihn durch meine Frage verschuldet und riech mir, den Kranken allein zu lasten. Ich ging, ohne daß er es, von heftigem Husten geschüttelt, bemerkte. Meine Absicht war, chn am nächsten Tage zu besuchen. Ich fand, als ich wieder kam, eine Leiche. Tiefbewegt stand ich an seiner Bahre, als ich, durch ein Schluchzen aufmerksam gemacht, um mich blickte. Sie war es — Pauline Wels. Mich erkennend, sagte sie mir, daß sie, wie seit vier Wochen täglich, auch heute gekommen, nach Julius' Befinden Nachfrage zu halten und eben das Schreckliche vernommen habe. „Das Schreckliche?" fragte ich. „Glauben Sie nicht, daß chm wohl ist?" „Wohl?" erwiderte sie kopfschüttelnd. „O, er hätte noch so gern gelebt! Hatte er nicht noch ein langes, reiches, an Erfolgen viäversprechendes Leben vor sich? — O, und so zu sterben!" rief sie, in Thränen ausbrechend, „allein, ohne treue Hand, die chm die Augen zudrückt, ohne ein liebendes Wort zu vernehmen! „O, Julius! Julius!", jammerte sie, „warum hast Du mich von Dir gestoßen? Warum? Warum?" Ich trat bei Sette, der Unglücklichen Zett gebend, chren Schmerz zu bemeistern. — Als sie sich endlich erhob, blickte sie chränenüberströmten Auges um sich und mich erblickend, sagte sie: „Haben Sie mtt chm von unseren Rudi sprechen können?" Ich verneiÄe. Sie zog den Schleier über das Gesicht und entfernte sich mit stillem Gruß. „Sie kennen die Dame?", fragte ich den eben eintretenden Arzt? „Eine zudringliche Person", sagte er; „was haben wir nicht Alles angestellt, um sie von dem Kranken fernzuhalten! Täglich kam Sie, bald brachte sie den Buben mit, bald kam sie allein, stets ließ Geßner sie abweisen, stets blieb sie dabei, er müsse sie hören. „Sie war die Bürtter seines Sohnes", erwiderte ich. „Wohl möglich! Aber was wollte sie von dem todtkranken Manne, der selber Nichts besaß?" „Oberstabsarzt Geßner" sagte ich, „muß doch Vermögen hinterlasten haben?" „Schulden", erwiderte der Arzt; und seinen Arm in meinen legend, führte er mich hinaus in den Garten und erzählte mir, daß der Verstorbene wett über seine Verhältnisse gelebt habe, im Sanatorium gratts Aufnahme gefunden und absolut kein Vermögen besitze. „Seine zahlreichen Freunde und Gönner werden vermuthlich für den Sohn sorgen", sagte ich. „Ja, wenn er chn adoptirt hätte", metttte der Arzt; „aber dazu war er nicht zu bewegen!" „Wie sorglos!", konnte ich mich nicht enthalten, auszurufen. „Zweifellos hätte er, selbst wenn kein Vermögen vorhanden, die Zukunft des Knaben durch Adoptton sicherstellen kömren", sagte der Arzt; „seine Beziehungen bis zu den höchsten Aemtern hätten chm das ermöglicht, aber Sie wissen ja, mein Lieber, das Menschenherz ist oft unergründlich. Er wollte von dem Jungen, obgleich er ihm wie aus dem Auge geschnitten ähnlich sieht, Nichts wissen!" Tags darauf besuchte ich Pauline Wels. — Sie erzählte mir ihren Herzensromau. Geßner hatte sie, als er ein junger Arzt war, kennen gelernt; ihr Vater, in hoher amtlicher Stellung, hatte ihm jede Förderung angedeihen lassen; er war von Stufe zu Stufe gestiegen, hatte chr die Ehe versprochen, doch da die erforderliche Cautivn nicht da war, den Zeitpuntt der Verheiratung von Jahr zu Jahr hinausgeschoben. Zehn Jahre lang dauerte das Verhältniß, das bis dahin ein ideal reines gewesen, da wollte es das Unglück, daß der Sinnesrausch sie Beide übermannte. Ihren Eltern durfte sie nichts von ihrem Fehltritt sagen; ie gab vor, eine in Prag lebende Cousine , besuchen zu wollen und dort war es, wo ihr Rudi das Licht der'Welt erblickte. Den Eltern konnte ja auf die Dauer nicht verborgen bleiben, daß sie eine schwere Zeit durchgemacht. Der alten Mutter brach das Herz, als sie von dem Unglück der Tochter hörte. Der Vater ließ Julius zu sich rufen und erhielt von ihm die feste Zusicherung, daß er seine Tochter, sobald er die Caution beschafft, heiraten und Rudi anerkennen werde. Jndeß anstatt auf Gelderwerb zu denken, lebte er flott für sich allein, gab nur eine sehr geringe Beisteuer zur Erziehung des Knaben, der ihm herzlich gleichgiltig zu sem schien. Er ahancirte von Stufe zu Stufe, doch je höher er aufstteg, desto weniger dachte er daran, fein Versprechen einzulösen. Als ihr Vater starb, sah sie sich, da die Pension jetzt erlosch, dem bittersten Elende preisgegeben. Ein Appell an Julius, ihr wenigstens das zum Leben Nothwendige zu geben, blieb erfolglos. Sie machte ihm Vorwürfe, es kam zu ernsten Zerwürfnissen und statt der einstigen Liebe war jetzt glühender Haß eingetteten. Er nannte sie sein Unglück, verargte es ihr, daß sie, als sie erfuhr, er bewerbe sich um eine reiche Braut, der Betreffenden Mittheilung gemacht, daß er ihr ein bindendes Eheversprechen gegeben und sie ihn verhalten werde, seinen Sohn zu adoptiren; zeitweise wollte er dann gar nichts wissen, zeitweise gab er ihr einen monatlichen Erziehungsbettrag, der aber beiweitem nicht ausreichte, auch nur das Nöthigste zu bestreiten. Am Begräbnißtage sah ich — die Leiche des Oberstabsarztens Geßner war mit großer Feierlichkeit in der Militär-Capelle aufgebahrt — Pauline Wels mit ihrem Sohne in erster Reihe; sie weinte, als sollte ihr das Herz brechen. Ihr zur Seite standen hohe Würdenträger, Majore, Generäle; man fragte einander, wer die Dame mit dem Kinde sei, Niemand wußte es. Die Leiche wurde mit Musik und allen militärischen Ehren bis vor die Vottvkirche geführt, wo ein Bataillon Soldaten Aufstellung genommen und die Ehrensalven abgab. Von da ab fuhr der Leichenwagen — allein die Lastenstraße hinab zum Friedhof. Das Gefolge ver- Ü)eilte sich, die Verwandten Geßner's, Alle ftomme, gottesfürchtige Menschen, blieben zurück; es widersttebte ihrem religiösen Gefühl, einen der Ihrigen auf dem christlichen Friedhofe beerdigen zu sollen. Gedankenvoll sah ich noch lange dem schnell dahinfahrenden Leichenwagen nach. Bis zur Schwelle der Kirche hatten all die guten Freunde, die sich bei Lebzeiten um ihn drängten, ihm das Geleite gegeben, bis zur Schwelle des Grabes reichte ihre Liebe nicht. Mir fiel ein/ wie es damals ganz anders war, als man meinen Vater in's Grab gesenkt. Er war ein schlichter, einfacher Mann, treu seinem Gott, allem Streberthum abhold. Nicht Einer, der ihn kannte, fehlte, als man draußen auf dem Friedhofe den Sarg der Erde übergab. Von weit und breit waren die Verwandten gekommen, ihm die letzte Ehre zu geben. Die Thränen der Gattin, der Kinder sagten, was er ihnen gewesen. Schmerzerfüllt umftanden sie die Stätte, in deren Tiefe er Ruhe finden sollte, heiße Thränen netzten die schwarze Erde, die sich über dem Grabe wölbte. „Ach, sie hatten einen guten Mann begraben und uns war er mehr!" Dr. Berthold hielt, von Rührung übermannt, inne. „Wundert mich nicht", nahm unser alter Hausfteund Leo Stern. das Wort/ „daß der Meschumed ein solches Ende genommen und einsam und unbeweint seine -letzte Fahrt antrat. Nun sagen Sie uns, hat er aber wenigstens für. seinen Sohn testirt?" „Auch das nicht", sagte Dr. Berthold, nachdem er sich gesammelt. „Die Verwandten, die den Verstorbenen Geld geliehen, klagen einander und haben Beschlag auf die Hinterlassenschaft gelegt. Der arme Waisenbub wird leer ausgehen, denn die Einrichtung ist zu Schleuderpreisen, die kaum die Gerichtskosten decken, verkauft worden". „So geht ein Mann aus der Welt", sagte Stern kopfschüttelnd, „der wie selten Einer in der Lage war, eine Familie zu gründen, fiir die Seinen glänzend zu sorgen, ihnen Ehre und Vermögen zu hinterlassen. Seht Ihr", fuhr er, an seine Söhne gewendet fort, die Dr. Berthold's Erzählung mit sichtbarem Interesse gefolgt waren, „das ist die Folge, wenn ein Mensch die weltlichen Interessen denen der Religion voranstellt. Ich habe keine Ehren gehabt, wie sie dein Oberstabsarzt Geßner in so reichem Maße zu Theil wurden, keine Orden, keine Auszeichnungen, aber wenn mich der himmlische Vater dereinst ab-