Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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iKr. 16 Nr. Vloax s Wochenschrift La reeberolts äe 1a coukeagiou esr ttteräite. (Das Fragen nach der Confession ist nicht gestattet.)" Das Organ des Bundes der Landwirthe will zwar an die Richtigkeit der Mittheilung noch nicht recht glauben, es fügt aber vorsichtiger Weise hinzu: Bismarck sei allerdings mehr Realist. Ob die. Herren vom Bunde der Landwirthe idealer abgerichtet sind,'als Fürst Bismarck? Abtrünnige. Selbsterlebtes von Jda Barber. Die moderne Zeitströmung verfehlt ihre Wirkung auf unsere Kinder nicht; die Jugend läßt, sich, selbst wenn die Eltern die Religion der Väter hoch und in Ehren hallen, gar nicht beeinflussen, das, was uns Netteren heilig, für veraltet und überflüssig. zu erklären. Von dieser Auffassung zum Uebertritt ist dann mir ein Schrift; und wie Viele wagen diesen Schritt leichten Herzens! Sie meinen, der alte Gott wisse davon nichts, werde es ihnen ferner gut gehen lassen. Aber mir scheint doch, daß der alte Gott eine strenge Buchung führt und Treue und Untreue mit verschiedenem Maßstabe lohnt. Es war an einem der letzten Tage des Hüttenfestes, als .wir gemüthlich in unserer Weinlaube saßen und mein Aeltester, der sich gern auf den Denker hinausspielte, die Frage aufwarf: „Wie kommt es nur, daß sich in der Geßner'schen Familie gar so viele Unglücksfälle ereignen? Man sollte wirklich meinen, es walte ein böses Schicksal über diesen Leuten." „Kein Schicksal, sondern Gottes Hand", erwiderte ich ihm. Er sah mich fragend an, senkte dann den Blick und schwieg. „Ist es denn wirklich wahr", ftagte mein Zweiter, „daß man den Haupttnann Geßner in's Irrenhaus gebracht?" „Leider nur zu wahr", ergänzte ich und konnte mich nicht enthalten, hinzuzusetzen : „Da seht Ihr Kinder, daß es ihm kein Glück gebracht hat, den Glauben seiner Väter abzuschwören. Wäre er demselben treu geblieben, Gottes Hand hätte das Unglück von ihm abgewandt." „Glaubst Du wirklich, Mutter," ftagte mein Aeltester, daß Gott, oder sagen wir: der Schöpfer des Weltalls sich um das Thun und Handeln jedes einzelnen Erdenbürgers kümmert und jedem Vergehen gleich die Sttafe folgen läßt?" v „Das glaube ich", erwiderte ich, „weil ich, einen Blick in das volle Menschenleben werfend, an Hunderten von Beispielen bewahrheitet gestruden, daß Abttünnige nie glücklich geworden sind. Es ist, als ob mit dem Tage des Ueberttittes die Sorge die eiskalte Hand auf ihr ehedem blühendes Glück legte; sie glauben viel erreichen zu können,' indem sie sich einer anderen Religions-Gemeinschaft anschließen, und selbst wenn der äußere Erfolg nicht ausbleibt, in ihrem Innern ist trostlose Leere, Grabesnacht, freudlose Eintöirigkeit. Aber auch der äußere Erfolg läßt zumeist auf sich warten, das seht Ihr an der Fainilie Geßner. Da sind also jetzt vier Söhne und eine Tochter zum Christenthum übergetteten. Die alle Mutter war ja zu schwach, sie zurückzuhalten und der Vater ruht längst in kühler Erde. Er hätte es wohl nie zugegeben und das Unglück wäre sicher von der Familie fern geblieben." „Der Oberstabsarzt Geßner gehört^ auch zu der Familie?" ftagte Dr. Berthold, der mit uns den Sommer in unserem Landhause verlebte. „Der - Oberstabsarzt war ein Vetter des Hauptmanns Geßner", erwiderte ich. „Dem Oberstabsarzt hat sein Uebertritt auch keinen Segen gebracht" meinte Dr. Berthold; ich kannte ihn, als er noch in der Vollkraft der Jugend, ein blühend schöner Mann, seine Praxis anttat. Und wie habe ich ihn vor einem Jahre in dem Löw'schen Sanatorium wieder gesehen! — Ich besuchte damals einen Landsmann, der auch im Sanatorium Aufnahme gefunden. Als ich dessen Zimmer verließ, hörte ich, daß Jemand nach dem Oberstabsarzte Geßner ftagte. Es war eine tiefverschleierte Dame mit' einem etwa 14jährigen Knaben. Der Knabe war das lebhafteste Ebenbild Geßner's. „Sein Sohn", sagte ich mir und war verblüfft zu hören, daß der Wärter der Dame mit den Worten: Der Herr Oberstabsarzt hat Befehl gegeben, Sie nicht vorzulassen", den Einttitt verwehrte. „Uebrigens", setzte er hinzu, „wird der Herr Pfarrer soeben erwartet, ihm das heilige Abendmahl zu reichen; stören Sie also nicht!" Seite 317 Die Dame zog sich zurück und verblieb weinend in einer Ecke. - „Rudolf", sprach sie zu dem Knaben, versuch Du, ob sie Dich zum Vater lassen!" Der Knabe wollte das Zimmer betteten, öffnete die Thüre, als von drinnen ein Stöhnen und gleich darauf die Worte: „Wer hat Dich gerufen? Laß mich in Ruh" vernehmbar wurden. Weinend kam der Knabe zur Mutter zurück. „Ich war ein Jugendfreund des Oberstabsarztes Geßner", sagte ich der Dame, die sich anschickte die Treppe hinabzusteigen. „Wollen Sie mir die Frage gestatten, in welchem Verhältnisse Sie zu ihm stehen und wie es gekommen, daß er daß er jetzt so elend darniederliegt?" _ Die Dame blieb stehen, sah mich groß und ttagend an und sprach dann: „Darf ich, ehe ich Ihnen Ihre Fragen beantworte, eine Bitte an Sie richten?" - „Ich stehe zu Diensten." „Wenn Sie sein Freund ehedem waren, suchen Sie Zuttitt zu ihm zu erlangen und sprechen Sie mit ihm über die Zukunft seines Sohnes, unseres Rudi, — sie wies auf den Knaben — und legen sie ihm sein Schicksal an's Herz. Mich läßt er nicht mehr vor, er haßt mich, so sehr er mich ehedem liebte; seine Tage sind gezählt, ich halte es für meine Pflicht, ttotz aller Demüthigung, die ich durch ihn erfahren, für mein Kind zu sorgen und ihm dessen Schicksal an's Herz zu legen." Ich versprach, ihre Bitte zu erfüllen. Sie gab mir ihre Adresse: Pauline Wels; Alserstraße 11. — „Sind Sie", ftagte ich, mit dem Rechnungsrath Wels verwandt?" „Ich-bin seine Tochter". Den Knaben an die Hand nehmend, war sie, ehe ich noch ein Wort an sie richten konnte, verschwunden. Es war, als ob sie die Scham über eine Frage, die sie von mir zu hören glaubte, davongettieben. — Ich erkundigte mich nach dem Befinden des Oberstabsarztes Geßner in der Kanzlei; er sei hoffnungslos, sagte man mir und werde soeben mit den heiligen Sterbesakramenten versehen. Ja das wußte ich, auch daß er sein leibhaftiges Kind eben in der- Stunde, die vielleicht seine letzte war, von sich gewiesen. Mir schauderte; „dahin also", sagte ich mir, „führt es, wenn man mehr sein will, als man als Israelit erreichen kann? Ich wußte, daß der Oberstabsarzt Geßner ein Stteber war, daß er es als seinen Lebenszweck erkannte, Carriere zu machen, nach Oben hin Beziehungen zu suchen, wohl gar den Adel anzuftreben. Das wäre ja nicht unmöglich gewesen, da er die rechte Hand des Baron Golf im Kriegsministerium war, sogar zu den Diners des Erzherzogs geladen wurde. — Wahrscheinlich hatte man ihm nahegelegt, daß er, um sein Ziel zu erreichen, seinen Glauben ablegen und Christ werden müsse. Und so war er es geworden, hatte gehofft, als „Ritter von" eine Lebensstellung einzunehmen, mehr zu sein als seine Glaubensgenossen, die treu zu Gott hielten und ihm die Ehre gaben. Daß er ttotz all seiner äußeren Erfolge nicht glücklich gewesen, erftlhr ich gar bald. Doch wozu all diese unangenehmen Erinnerungen auffrischen? unterbrach sich Dr. Berthold. Ich langweile sie damit. Sprechen wir von etwas Anderem!" „Rein, nein", baten die Anwesenden; - der Fall interessirt uns mehr als Sie glauben! Erzählen Sie weiter, Herr Doctor! Dr. Berthold bickte sinnend vor sich nieder, dann fuhr er fort: „Kein Lichtbild, das ich vor Ihnen entrollen will und doch das Bild eines Mannes, der dem Lichte, oder sagen rvir lieber dem Scheine zusttebte. Ich besuchte ihn also eine Stunde, nachdem der Geistliche sich entfernt hatte. Es hieß, daß es ihm jetzt, da er die Tröstungen der Religion empfangen, besser ginge. — Ich fand ihn — nur der Schatten seiner selbst, die Augen verglast, die Füße geschwollen, zwischen Kissen verpackt. Er erkannte mich sofort, erinnerte sich mit Wehmuth unserer Studienjahre und brach dann plötzlich, als ich ihn fragte, seit wann er leidend sei, die Unterhaltung ab. — Ich wollte micht entfernen, er wintte mir zu bleiben. „Ich will es Dir sagen", röchelte er leise, „seit einem Jahre bin ich krank, genau seit dem Tage, da ich" — er stockte - „da ich mich verleiten ließ, zum Christenthum überzutreten. Es war ein Wahn," fuhr er tiefbewegt fort; „ich wollte avanciren, meine Kameraden hatten mir gerathen, der Form zu genügen, ich hielt den Ueberttitt ja auch mir für eine Form, und erfüllte sie. Aber seit dieser Zeit geht es bergab mit mir; ich war im Winter im Süden, habe im Sommer mehrere Curorte besucht, ich weiß es nur zu gut, daß für mich keine Hilfe ist. Und dieses Leiden," fuhr er stöhnend fort, „diese Athemnoth! Ich fürchte, ich ersticke! Und bei alledem