Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 314 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 16 chiven und Bibliotheken hervorgesncht hat, eine Sammlung die der dahingeschiedene Geschichtsschreiber mit Sehnsucht erwartete, leider aber nicht erlebt hat — und die daher auch seinem Andenken gewidmet sein wird. G. Mar. Eine 800jährige Gedenkzett. Von Dr. Adolf B i a ch, Rabbiner in Brüx. Kriegern, die auf dem Schlachtfelde ihr Leben gelassen, werden Denkmäler gesetzt und mit wehmnthsvoller Pietät sucht man ihre Gräber aus. Nicht minder aber verdienen Diejenigen, welche für eine hohe und erhabene Idee ihr Leben geopfert, daß wir ihnen in unserem Herzen ein Denkmal setzen. Die Vergangenheit Israels/ sie zählt, wie die keines anderen Volksstammes, nach Millionen, welche für die Idee, der wir heute noch unser Bestehen verdanken, für die Idee des Monotheismus, ihr Herzblut im buchstäblichen Sinne des Wortes vergossen. Sollte Jemandem dies übertrieben erscheinen, so möge er zurückblicken auf das Jahr 1006, wo in zwei Monaten (Mai bis Juli) allein 12.000 unserer Glaubensgenossen mit dem Rufe „Schema Israel" in den Tod gingen. Die Feder sträubt sich, auszuzählen jene grauenvollen Thaten, die gerade jetzt vor acht Jahrhunderten gegen Israel verübt wurden. Man lese nur, was ein christlicher Zeitgenosse des ersten Kreuzzuges, Albert Aquensis, darüber berichtet, wie Väter und Mütter ihre eigenen Kinder und sich selbst hinopferten und den Tod der Taufe vorzogen. „Es bildeten sich, so sagt ein berühmter Geschichtsforscher der neueren Zeit (Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit S. 677), Banden der gefährlichsten Art, denen sich wüste Rittersleute und fanatische Priester als Führer darboten und zuchtlose Weiber in Männerkleidung folgten. Eine solche Bande, von dem Priester Folkmar geführt, zog vom Unterrhein durch Sachsen und Böhmen Ungarn zu, während eine andere unter dem Priester Godschalk durch Ostfranken, Baiern und Oesterreich ihren Weg nahm und sich durch zahlreiche Haufen aus Schwaben und Baiern bei ihrem Vordringen verstärkte. Ein dritter Schwarm bildete sich am Mittelrhein um den Grafen Emicho und wurde durch flämische und englische Pilger vermehrt; er folgte derselben Straße, welche der Eremit und dann Godschalk eingeschlagen hatten. Gräuel über Gräuel bezeichneten die Wege, welche die wüsten Schwärmer zogen. Diese Pilger waren meist Räuber und Aiörder, denen die Religion nur zum Deckmantel der verruchtesten Verbrechen diente. Schon am Rhein begannen sie mit einer Verfolgung der wehrlosen Juden, wie man sie in solchem Umfange und in solcher Grausamkeit bisher in den deutschen Ländern nicht gekannt hatte. In Trier und irr Köln, in Worms und in Speier wurden die Inden, wenn sie sich nicht sofort taufen ließen, ohne alles Erbarmen niedergemacht und die Mörder theilten sich in die Schätze ihrer Opfer; vergebens suchten sich verständige Bischöfe der Unglücklichen anzunehmen. Am furchtbarsten wüthete Emicho's Schaar in Mainz, wo am 28. Mai 1096 gegen 900 Juden im Vorhofe der bischöflichen Pfalz hingeschlachtet wurden; hier betheiligte sich sogar Erzbischof Ruthard selbst an der Verfolgung und bereicherte sich und seine Verwandten an dem durch Mord gewonnenen Gelde. Mit gleicher Grausamkeit hausten diese entsetzlichen Kreuzfahrer auch an anderen Orten, wo sie auf ihrem weiteren Zuge auf Juden stießen. In Prag, wie in den Städten am Main und an der Donau wiederholten sich die Schreckensscenen von Mainz. Mit unermeßlichen Schätzen beladen, zogen die Banden den Grenzen Ungarns zu und in der Fülle ungewohnter Lebensgenüsse wuchs nur ihre Verwilderung". Ties das Bild jener für Israel traurigen Zeit i m A l l g e m eine n, im Einzelnen wollen wir es nicht näher ansführen, ist es uns ja nicht darum zu thun, die Gräuel zu schildern, welche damals gegen Israel in so unmenschlicher Weise verübt wurden, als vielmehr die Standhaftigkeit und Charakterfestigkeit hervorzuheben, mit welcher Israel für die Idee des Monotheismus zu sterben verstand. Man mag uns Ueberhebung vorwerfen, wir werden uns trotzdem nicht beirren lassen, stolz zu sein auf unsere Vergangenheit und mit Liebe und Pietät an ihr zu hängen. Kein denkender Mensch kann es uns verargen, wenn nur von tiefster Entrüstung erfüllt sind gegen Diejenigen, die feig und ehrlos die Fahne verlassen, für welche Millionen Israeliten ihr Leben geopfert. Mag es aber immerhin Einzelne geben, welche, um vermeintlich an Ansehen zu gewinneir, vor Gesinnungs- und Charakterlosigkeit nicht zurückscheuen, das Jndenthnm erleidet dadurch keinen Schaden. Des Propheten Wort „Mögen auch welke Blätter nbfallen, ein heiliger Stamnr wird dennoch bleiben", bewährt sich heute noch und wird sich für alle Zukunft bewähren. Jette Männer und Frauen aber, die vor acht Jahrhunderten für ihren Glauben gestorben, haben Unsterblichkeit sich errungen durch ihre Standhaftigkeit und Charakterfestigkeit, von welcher der in jener Zeit lebende Dichter Kalonymos sagt: „Väter tödteten leibliche Söhne, „Und schonten nicht das eigene Leben, „Deine Einheit zu erheben, „Schema Jsroel!" die bleichen Lippen beben. „Und von Bräutigam und Braut „War „Adonai ecbod“ der letzte Laut." Vom Jahrmarkt des Lebens. Der Grazer „Lueger" verhaftet. Graz, 15. April. Der Grazer Nachahmer und Freund des Dr. Lueger, Gemeinderath F e i ch t i n g e r, i st heut e N a ch m i t t a g s u n t e r de r Beschul di g u n g de r m e h r f a ch eit V e r u n t r e n u tt g w e g e n V e r a b r e d u n g s g e f a h r v e r h a f t e t w o r d e n. F e i ch t i n g e r ist Herausgeber uird Chefredactenr eitles antisemitischen Tagblattes, Namens „Extrablatt", und bei der Geldbeschaffung für dieses Blatt soll es zu m e h r s a ch e tt U nr e g e l m ä ß i g k e i t e n gekommen sein, welche das Verbrechen der Veruntreuung begrütrdeit. Zu Zwecket: der Ausbringung der Zeilungskvsten grüttdete er einen eigenen Preßverein, atc dessen Spitze er seinen Freund, den Landtagsabgeordneten Doctor Starke!, als Obmann stellte. Die Verhaftung kam keinesfalls unertvartet. Schott seit Monaten tvußte matt sich in der Stadtallerlei schmutzige Geschichten vott den: Mantte zu erzählen, aber es kaut bisher tttetnals zur gerichtlichen Anklage, weil die Zeuget: gegen F e i cht i n g e r, der iit der Partei eilten große:: Terrorismus ausübte, nicht anssagen wollten. I:: der letzten Zeit hat das Gericht sowohl bei F e i ch t i n g e r n::d Dr. Starke l, als it: der Redactivn des „Extrablatt" Hausdurchsuchungen vorgenommen. Die Verhaftung ihres ettergischesten Wortführers hat natürlich in der antisemitischen Partei tiefe Erschütterung herbeigefnhrt. Man erinnert sich jetzt, daß erst vor drei Wochen L u e g e r in einer von Feichtinger veranstalteten Versammlung sprach, s i ch v o n F e i ch t i n g e r s e i n e n F r e u t: d n e n n e n ließ und Ernst S ch n e i d e r Feichtinger's Revolverblatt als das einzige anständige Blatt von Graz lobte. Der deutsche Kaiser und der jüdische Staatsmann. B e n e d i g. Der deutsche Kaiser ließ sich beim Empfang der Parlamentsmitglieder das älteste Mitglied der italienischen Kammer, det: Professor der National-Oeconomie, Luigi L u zz a t t i, vorstellet: ttrtd vertiefte sich mit ihtn in eit: Gespräch, welches mehr als eine halbe Stuttde währte. Das Gespräch streifte alle Fragen des e u r v p ä i s ch e n S t a a t s l e b e n s. Unter Andern: erbat sich der Kaiser Luzzatti's Attsicht über die G old- und W ä h r u it g s frage ii: Hinsicht der jährlich sich mehrenden Gvldproductivn. Da Lnzzatti u:it Eifer die Ideen der B i m e t a l l i st e it vertrat, sagte der Kaiser, daß die Verwirklichimg derselben utnvahrscheinlich wäre, da Gold im Ueberslusse vvrhattden sei. „Leider merket: wir", erwiderte der Professor, „i n I t a l i e n nichts d a v o Der Kaiser erkundigte sich über det: Stand der s o e i a l e it Gese tzgebu it g und sprach von den umfassenden Gesetzen, mit welchen das Deutsche R e i ch trotz des individualistischen Geistes seiner Volksvertretuttg det: B e d ü r f n i s s e n der '/( rb e i t e r c l a s s e n Rechnung trug n::d die s v c i a l d e nt vkratischen Bestrebnnget: e i n z u d ä m nt e tt sich bemühte. „Vieles ist noch zu thun", sagte der Kaiser, „aber mit Gottes