Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Vloch's Wochrnschrifi Seite 313 Talmuds ist selbstverständlich eine wesentlich verschiedene von der der frivolen Franzosen. R. Jvchanan trat nie, wenn er seinen Freund R. Chanina anssuchte, in die Wohnung, ohne anznpochen. Er leitete das ans dem Satze der Schrift ab: „Es werde sein Schall gehört, wenn der Hohepriester ins Heiligthum tritt und wieder anstritt. Dem von der Reise ankommenden Gaste biete man alsbald Speise und Trank an; doch der Gast selbst verlange es nicht und gedulde sich, bis er die Einladung znm Essen erhält. (D. E. 8)., Selbst Verwandte sollen nicht länger als einen Monat Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. So blieb auch Jakob bei seinem Oheinr Laban nur einen Monat, dann begann er um Lohn zu arbeiten. (Midr. Gen. r. c. 70). Die heuchlerische, platonische Gastfreundschaft wird dafür schärfsten« gerügt. Man lade Niemanden düngend ein, weil man weiß, daß er die Einladung nicht annehmen kann. Ungemein minutiös und sorgfältig sind die Vorschriften für das Verhalten beim Essen und Trinken; a ns diesem s e i, sagt der Talmud, der gebildete M e n s ch zu e rk e n n e n. Die Auffassung, die der Talmud von der Ehre des Nebenmenschen hat, stimmt nun allerdings nicht mit dem arischen Ideale überein, schon deswegen nicht, weil dem Talmnd die Begriffe von der „ritterlichen Genugthnnng" und der „Satisfactivnssähigkeit" fremd sind. Der Talmud ist nämlich so geistig zurückgeblieben, daß er keine Ahnung davon hat, daß die beste, die würdigste, die rührendste Genugthnnng für eine Beleidigung darin besteht, daß man eventuell bereit ist, nachträglich den Gekränkten tobt oder zum Krüppel zu schlagen. Der Talmud lehrt in seiner bvrnirten Auffassung über die Ehre nur z. B. Folgendes: „Erweise Jedem Ehre. Die Ehre deines Nächsten sei Dir so werth wie die eigene. Beurtheile jeden Menschen von seiner bestmöglichen Seite. Die gekränkt wurden und nicht wieder kränken, die ihre Schmach anhören und nicht antworten, die ans Liebe gut sind und heiter^Schmerzen ertragen, von Denen gilt der Vers (Rüste 5. 31.) Seine Verehrer gleichen der Sonne, die in vollem Glanze aufgeht. Sprechen Andere Böses von Dir, so antworte ihnen nicht, ob es der Höchste oder der Niedrigste sei; h a st D u über A n d e r e Böse s ge s p r v ch eit, s o s e i Dir der U n b ed e u t e n d st e tu i e der H ö ch st e und r u he n i cht, b i s D u i h n v e r s ö h n t "h a st." Man muß zugeben, diese Anffassnng von der Ehre ist eine solche, die den modernen gesellschaftlichen Begriffen gegenüber antiquirt und obsolet erscheint; aber schließlich sollte man meinen, daß die Ehre des Nebenmenschen vielleicht durch den Talmnd, welcher die seligmachende Lehre des Duells nicht kennt, nicht ganz preisgegeben wird. Der Talmud stellt es als gute Lebensart hin, sich den mitten und Gebräuchen der Stadt, in der man lebt, zu fügen. Er will von dem Sonderling nichts wissen. Diese Lebensart beweisen sowohl die Engel als auch Moses. Wiewohl bei Geistern kein Bedürfniß nach leiblicher Kost besteht, thaten sie als Gäste Abrahams, als ob sie essen wlirden. Moses aber aß im Himniel vierzig -Tage nichts, weil auch die Himmelsgeister nicht essen. Lvnderlings-Knnststückchen ä ]a Succi würde der Talmud nicht gutheißen, und er befindet sich in diesem Punkte in Nebereinstinlmung mit der Wiener Polizei. Zur Bescheidenheit und Vorsicht ermahnt der Talmnd Jederniann, aber besonders die immunen Parlamentarier unserer Tage thäten gut, sich die Lehren vor Augen zu halten: „Sei vorsichtig m deinen Behauptungen. Deine Rede sei nie Verleumdung und nicht Erzählung der Verleumdung. In sieben Dingen unterscheidet sich der Tactlose von dem Verständigen. Der Letztere läßt dem Größeren zuerst das Wort. Er fällt nicht in die Rede, antwortet nicht überstürzt, ist sachgemäß in Frage und Antwort, behält den Verlauf der Rede im Zusammenhang, spricht nicht von dem, was er nicht weiß und gibt stets der Wahrheit die Ehre." Man sieht, der Talmud geht, nach einem schönen Worte Dr. Kurrein's, im Allgemeinen von dem Gesichtspunkte ans, die gute Sitte und der Anstand bilden die Vorhalle der Sittlichkeit, denn wer sich schon in Acht nimmt, den Anstand nicht zu verletzen, wird umso größeren Zwang sich auferlegen, um nicht gegen die Sittlichkeit zu sündigen. Von den jüdischen Lehren über den Anstand und den Verkehr mit den Menschen kann man aber getrost behaupten, sie seien mehr als vorbereitende Lehren zur Sittlichkeit, sie sind Sittlichkeitslehren selbst. Sie wollen den Menschen zur Wahrheit und zur (Gerechtigkeit, zur Güte und Milde erziehen, sie wollen ihn sittlich heben und läutern, sie wollen ihn zur Vervollkonunnnng führen. Die Vorschriften des Talmnd über den Umgang mit den Menschen bilden zugleich ein Compendium der Ethik. Von den Ufern der Newa. m Petersbur g, den 10. April 1806. Die hiesige jüdische Gemeindeverwaltung, offieiell „wirthschaftliche Verwaltung der St. Petersburger Synagoge" genannt, hat dieser Tage einen Rechenschaftsbericht für das Jahr 1804 veröffentlicht, worin icnter Anderem ein Ausweis^ über^die Eninahmen und Ausgaben zum Bau der großen Synagoge enthalten ist. Dieser Ausweis bringt manche so interessante und geradezu charakteristische Zahlen, daß ich'nicht umhin kann, auf dieselben aufmerksam zu machen. Ter Bau nun kostete im Ganzen 676,700 Rubel 87 Kop., zu deren Deckung, außer dem aus freiwilligen Spenden gesammelten Capitale, noch eine im Betrage von circa 200.00<> Rubel gemachte Anleihe verwendet wurde. Da bei der überhaupt sehr geringen zahlungsfähigen Mitgliederanzahl der Gemeinde und in Angesicht dessen, daß unter den Speildern alle Fiuanzgrößcn mit ziemlich bedeutenden Summen (so z. B. Baron H. Günzbnrg 66.764 Rubel, Poliakoff 41.000 Rubel, Wanelberg 10.000 Rubel, Warschawski 7500 Rubelx.) schon bereits früher vertreten waren und sich keine Möglichkeit bot, besagte Schuld binnen Kurzem tilgen zu können, so fand man dagegen ein anderes radicales Mittel. Die betreffenden Gläubiger nämlich, und zwar wieder die Herren Baron Horace v. Günzbnrg mit 62.602 Rubel, Poliakoff mit 67.278 Rubel, H. Wanelberg mit 10.000 Rubel und M. A. Warschawski auch mit 10.000 Rubel, verständigten sich, nicht nur ihre entsprechenden Guthaben zu schenken, sondern die ebenfalls während des Baues von der Petersburg-Mvskarcer- Evmmerz-Bank geborgten 69.660 Rubel zu bezahlen. Auf solche Weise bekamen unsere Glaubensgenossen in der russischen Residenzstadt einen prächtigen, eigenen Tempel. In der vielbesprochenen C h al i tz a-Frage hak das Mc nisterinm des Innern neulich eine sehr wichtige Aufklärung ertheilt. In Folge eines Gesuches des Bilnaer Rabbiners um Feststellung, wie im Chalitzaverweigerungsfalle zu verfahren wäre, antwortete genanntes Ministerium, es habe an: Grund vieler rabbinischer Gutachten für diefen Fall folgende Maßregeln bestätigt: 1. es wird den verweigernden Schwägern verboten (insofern sie ledig oder verwitwet sind) selber Ehen zu schließen, bis sie die vvrgeschriebene Ehatitzaceremvnie vollzogenhaben werden, 2. bevor sie dieser Vorschrift Genüge geleistet, Habel: sie auch nicht das Recht, die Erbschaft ihres verstorbenen Bruders anzntreteuund 3. solange die C h a l i tz a nicht stattgehabt, sind sie verpflichtet, ihren verwitweten Schwägerinnen entsprechende Alimente zu zahlen. Ter vor einigen Monaten verstorbene Gemeinderath Dr. Med. David Wiwvdtzew, dem die „S österreichische Wochenschrift" eineil warrner: Nachruf widmete, hat nmer Anderem 1000 Rubel der hiesigen medicinischen Gesellschaft testamentarisch vermacht. In der letzten Sitzung dieser Gesellschaft benachrichtigte davon der Vorsitzende die Anwesenden und gab bei dieser Gelegenheit eine ausführliche, sehr sympathisch gehaltene, anerkennnngsvolle Lebensbeschreibung des Talsingeschiedenen. Die für die Nischny-Novgoroder allrussische Ausstellung bestimmten Expoicate unserer Gesellschaft für Verbreitung der Anfklärung unter den Inden siitd fast vollftärtdig fertig und zur Versendung bereit. Außer den die jüdische Wissenschaft veranschaulichenden Gegenständen werden im Pavillon der Gesellschaft viele seltene Bücher fignrirell, Talmudausgaben, hebräische und arabische Manuscripte re., vor Allem aber die auf Koste!: der Gesellschaft veröffentlichen Werke: wie: „Die Weltanschanung der Talmudisten" (drei große Bände) „Materialien zur Geschichte der Juden in Rußland, Polei: und Litthanen (Regesta)," verschiedene Schulbücher u. s. w. Eii:es dieser Werke ist jetzt eben de:n Drucke übergeben worden und soll im Verlaufe von ein paar Wochen beendigt werden. Es ist eine neue Sammlung von Materialien zur Geschichte der Juden, welche eine gewisse Anzahl von Mitgliedern: unserer Gesellschaft, dem Winke des seligen Professors Berschadski folgend, emsig ans Ar-