Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 16 Seite 312 g e r" *) publicirt. In Augsburg gab es um jene Zeit noch andere große Kaufmannsgeschlechter, wie die Paumgartner, die Welser u. s. ui., aber keines derselben kam den Fugger:: gleich. Fortlaufend machten die Fugger mit den Fürsten der damaligen Zeit — iirsbesvndere mit den Königen und den Kaisern aus dem Hause Oesterreich — Geldgeschäfte. Maximilian I., der in fortdauernder Geldverlegenheit war, ließ kaum ein Jahr vorübergeheu, ohne bei dem Handelshaufe der Fugger einen neuen Pump anzulegen, und feine gesammte kaiserliche Politik wurde mehr oder weniger bestimmt von den reichlicheren oder knapperen Vorschüssen der Fugger. Im Jahre 1511 dachte Maximilian sogar daran, mit Hilfe des Fugger'schen Geldbeutels Papst zu werden. Er beauftragte allen Ernstes seinen Rath Paul von Liechtenstein, 300.000 TÜcaten zur Bestechung der Cardinäle bei Jacob'Fugger anzuleihen: als Sicherheit wollte er „die vier Befielt Truhen mit unseren Kleinodien mitsammt unserem Lehengewand" verpfänden. Tie Bank der Fugger in Rom sollte das Darlehen an die Gesandten des Kaisers auszahlen, damit diese es nach Bedarf verwenden könnten. Dieses Geschäft scheint den Fuggern allerdings zu phantastisch gewesen zu sein, die Sache zerschlug sich. Selbst die Kreuzzüge, dieser anscheinend so rein religiöse opferwillige Aufschwung des christlichen Geistes war mit Geldgeschäften und gemeiner Habsucht arg verbunden. Ueberall, wohin die Kreuzzügler ihren Fuß setzten, wurden zunächst die Judengemeinden geplündert nnd beraubt, als Zeugnis; der idealen Gesinnung, welche die frommen Pilger beseelte. Und noch größeren Ertrag als die Plünderung der Juden in Deutschland brachte den Kreuzfahrern die Plünderung des christlichen Constantinopel, die Ausbeutung der unterworfenen griechischen Christen. Selbst der ritterliche König Richard Löwenherz verwendete das von gefangenen Saracenen erhaltene Lösegeld nicht zur Auslösung gefangener Christen, sondern behielt es für sich. Er selbst gerieth dann wieder in die Gefangenschaft und mußte sich mit 150.000 Mk. feinen Silbers von Kaiser Heinrich VI. und Herzog Leopold von Oesterreich, seinem Genossen im Kreuzzuge, loskausen. So erblicken wir auf der eineu Seite die Juden, welche ihr Hab und Gut opfern, ihr Leben willig und demüthig hingeben, Weib und Kind, rvie bei den Verfolgungen der jüdischen Gemeinden am Rhein, mit eigener Hand abschlachten, um einer heiligen Idee nicht untreu zu werden. Andererseits die Verfolgungswuth eines von Geistlichen geführten Pöbels, welcher sich nach der Plünderung ftemden Gutes sehnt, um sich mühelos zu bereichern. Hier Arier, dort Semiten. Wo ist also der Cultus des Mammongötzens? Dr. Knigge im Talmud. Es ist eine der merkwi'irdigsteu nnd auffälligsten Eigenthümlichkeiten der jüdischen Religion, daß die Anstandslehren, die Vorschriften über den gesellschaftlichen Tact, die Lehren über Sitten und Gebräuche, die Regeln ''ber den Umgang mit den Menschen einen integrirenden Bestau<0 "il bilden. Nach ihr gilt ein Verstoß gegen die gute Sitte, geg." die gute Art, gegen die Höflichkeit nicht allein als ein gesellschaftlicher Tefect, über den man leicht hinweggehen darf, sondern als eine Si'inde gegen das Gesetz Gottes, als eine Verletzung der Religiousvvrschrift. Die Lehrer des Talmud, die Aberwitz nnd Unwissenheit nur als die verknöcherten Vertreter einer dem Leben abgewandten Wissenschaft hinstellen möchten, hatten das tiefste Berständniß für diese Auffassung der Religion und einer der größten Lehrer Babylons, Rab, sprach den Grundsatz aus: „Die Religion hat nur den Zweck, die Menschen zu erziehen und zu bilden." Es ist daher nur selbstverständlich, daß die Lehrer des Talmud über die ernsten Erörterungen halachischer Fragen niemals daran vergaßen, vom göttlichen Gesetze zum irdischen Leben, von dem Wege Gottes zu dem menschlichen Verkehre sich zu wenden. Es war eine conditio mne qua non, daß ein Gelehrter die Regeln des Anstandes, die Pflichten der guten Sitte genau kenne, und so wird der Talmud nebenbei mich ein Lehrbuch für den Umgang mit den Menschen, welches von manchem modernen Werke ähnlicher Art sich dadurch vortheilhaft unterscheidet, daß *) Bei Gustav Fischer in Jena. Diestin Werke, von dem zunächst der 1. Band unter dem Titel: „Die Geldmächte des l 6. Jahrhunderts" erschienen ist, und auf das wir nach dem Erscheinen des 2. Bandes eingehender zurückkommen werden, haben wir die Mittheilungen dieses Artikels über das Handelshaus der Fugger entnommen. es nicht nur abstracte Auseinandersetzungen liefert, sondern dieselben oft durch fesselnde Erzählungen und Anekdoten, durch Beispiele aus dem Leben unterstützt und bekräftigt. Im Nachstehenden sei dies dem trefflichen (Bet I. Kaufmann in Frankfurt erschienenen) Büchlein des Rabbiners Dr. Adolf Kurrein „Der Umgang mit den Menschen nach dem Talmud" folgend nachgewiesen. Die Bibel hat wohl keine besonderen Capitel mit Ueberschriften und Einleitungen, welche von den Anstandslehren sprechen, aber zahllos sind die Worte und Witze, die Berichte und Erzählungen darin, aus denen die Lehrer des Talmuds diese Anstandslehren ableiten. So wird z. B. Abimelech's Vorgehen gegen Abraham und Sarah durch eine feine Andeutung als unentschuldbar gerügt. Ein König müsse soviel Berständniß für den Umgang mit den Menschen haben, daß er einen Gast nach seinen Wünschen über Speise und Trank frage, aber ihn nicht mit inquisitorischer Neugierde belästige, ob die Frau, die er mitgebracht, seine legitime Gattin oder Schwester sei. Nicht genug kann der Talmud die Pflichten der Höflichkeit den Juden an's Herz legen. Schon der durch seinen Ernst und seine Strenge bekannte Schammai lehrte seinen Schülern (Aboth 1. 15.) : Empfange jeden Menschen mit Freundlichkeit, und die Wichtigkeit, die man dem Gruß beilegte, ersieht man schon daraus, daß man die Einführung, mit dem Namen Gottes zu grüßen, nicht als einen Verstoß gegen das Verbot, den Namen Gottes nicht vergeblich auszusprechen, betrachtete. Zn dieser Einrichtung, heißt es im Talmud, stimmten die Himmlischenden Menschen bei. In anmnthiger poetischer Weise kennzeichnet der Talmud das Wohlgefallen, das selbst Gott an dem freundlichen Gruße findet, in folgender Erzählung (Sabbat 89.) Moses trat in den Himmel ein und fand Gott eifrig beschäftigt, die Anordmmgen seiner Lehre abzuschließen. In sprachloser Demuth stand Moses da, um die göttliche Thätigkeit durch keinen Menschenlant zu stören. Ta rief ihm Gott zu: „Moses, kommst Du aus einem Lande, in dem es nicht Sitte ist, zu grüßen?" „Das wohl nicht", erwiderte Moses, „doch ich komme aus dem Lande, wo der Sclave den Herrn nicht grüßen darf. Nicht nur den Bekannten und Freunden, auch dem Fremden muß man freundlich entgegenkommen. Der Talmud warnt auch mit allem Nachdruck davor, beim Eintritt oder Austritt aus einer Stadt irgend einen Mißton hervorzurufen. Rabbi Elieser b. Simon, wird erzählt (derech erez c. 4.), kehrte in seine Heimat zurück. Auf dem Wege begegnete er einem sehr häßlichen Manne. „Sind alle Deine Mitbürger so häßlich?", fragte der Rabbi. „Erkundige Dich bei dem Schöpfer, der mich gebildet", lautete die zurechtweisende Antwort des Gefragter:. R. Elieser bereute sofort das unbedachte Wort, sprang vom Esel herab, warf sich vor dem Manne nieder ::nd bat ihn um Verzeihung. „Nein" rief der Gekränkte. „Ich verzeihe Dir nicht, bis Du zi: dem Meister hintrittst und erklärst, wie häßlich ist doch das Gesicht, das Du gebildet." Der Rabbi folgte ihm bittend eine lange Strecke nach. Mittlerweile kamen die Bewohner der Stadt, die von der Anftmft des Rabbi hörten, ihn: entgegen, um ihn mit dem Rufe zu begrüßen: „Heil und Willkommens grüß Dir unserem Lehrer!" „Wenn das ein Rabbi ist" schrie hierauf der Gekränkte, „so möge es nicht viele solche in Israel geben" und er erzählte, nachdem ihm die Leute das Sündhafte dieser Worte vorhielten, der: Anlaß derselben. Endlich gab er den vereinigten Bitten nach und verzieh dem Rabbi, aber der gute Eindruck des Empfanges war bereits getrübt. Wie müßte man nach den: vielgelästerten Talmud, der ein unbedachtes, schnell bereutes Wort so hart rügt, gewisse Hetzapostel unserer Tage benrtheilen, die in der Heimat und in der Fremde herumziehen und nicht eine n, sondern unzählige Mensche:: kränken und beleidigen? Die Gastfteundschaft ift_ nach dem Talmud eine heilige Pflicht und der Tact, den Gastfrennd und Gast vor Angen halten sollen, wird in zahlreichen Aussprüchen gelehrt. So heißt es zum Beispiel: Beim Eintritt läßt der Gast den Hausherrn vorausgehen, nnd er folgt, beim Weggehen hat der Gast den Vorttitt und der Hausherr begleitet ihn. Man trete nicht unangemeldet :n ein Haus ein, nicht in das eigene, geschweige denn in das eines Anderen. Das Erstere wird auch von den galanten Franzosen dem Ehegatten nachdrücklichste einpfohlen, aber die Motivirung des