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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-04-10 · 15 (10.4.1896) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
15 (10.4.1896)
Date
1896-04-10
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 15 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 307 hohen Festtage euren Vorbeter mit einer schöneren Stimme engagirten und dann annoneirten, um sich durch eine zahlreichere Hörerschaft zu entschädigen. Bei solchen Gelegenheiten mußte Grünberg nicht blvs die zweite Geige spielen, sondern auch in den Pausen, die sein Nebenbuhler im Borbeten eintreten ließ, als eine Art musikalischer Begleitung „Bum, Brun" rufen. „Sie können sich mit dem Maggid nicht vergleichen," mahnte ihn der Schlatten-Schammes tröstend. „Leute wie Sie gibt es Hurrderte. Verschiedene Rigunim *) singen Sie nicht halb so gut wie ihr Vorgänger, Ihr Schofarblasen läßt sich mit dem Friedmann's von der deutschen Schul' nicht vergleichen, und Sie leinen**) lange nicht so schnell und accurat wie Proroschinski. Ich Hab' Ihnen schon hundertmal gesagt, daß sie die Melodie des Pessach-Jigdal mit der des Roschhaschvno-Jigdal verwechseln. Und dann singen Sie vor der Widduj***) „Ei, Ei, Ei, Ei, Ei, Ei," (er machte Grünberg nach) „während es heißen sollte „Oi, Oi, Oi, Oi, Oi." „Oh nein," fiel Belkowitsch ein. „Alle Chasonim, die ich gehört habe, singen „Ei, Ei, Ei —" „Sie verstehen nichts von solchen Sachen, Belkowitsch," rief der Schlatten-Schammes hitzig. „Sie sind ein Amhorez! Ich habe alle großen Chasonim von Europa gehört." „Was für meinen Vater gut war, ist für mich auch gut," entgegnete Belkowitsch. „Unsere Schul' zu Hause hatte einen großartigen Chase» und er hat immer „Ei, Ei, Ei" gesungen." „Was küniniert mich Ihre Schul' in Polen! In England singt jeder Chase» „Oi, Oi, Oi". „Wir können uns nicht nach England richten," sagte Karlkammer vorwurfsvoll. „England ist verdorben!" „Wollen Sie damit sagen, daß mein Vater ein Apikoires war?!" fuhr Belkowitsch empört auf. „Unser Chasen hat g'rade so gesungen wie Grünberg." Die Streitenden erhitzten sich und die Synagoge hallte von disharmonirenden „Ei's" und „Oi's" wider. - „Schah," schrie der Präsident zuletzt. „Ruhe, Ruhe!" „Seht Ihr, er weiß, daß ich Recht habe!" flüsterte der Schlatten-Schammes seinem Kreis zu. „Und wenn!" rief der beleidigte Grünberg, der sich mittlerweile eine Antwort ausgedacht hatte. „Und wenn ich die Melodie des Pessach-Jigdal statt der des Rvschhaschono-Jigdal singe — Hab' ich nicht Recht, da ich keinBrod im Haus' Hab?! Bei meinem Gehalt Hab' ich das ganze Jahr Pessach." Der Witz des Chasens war von großem Einfluß auf seine Zuhörer, wenn auch nicht auf feilt Gehalt. Sie fühlten, daß er Recht hatte, und das Gespräch ging rasch auf andere Gegenstände über. „Wir dürfen nicht vergessen, daß der Maggid jeden Schabbes und Sonntag Nachmittag eine Menge Leute herlockt," sagte Mendel Hyams. „Wenn er nun zu einer anderen Chewreh übergeht, die ihn besser bezahlt?" „Nein, das thut er nicht!" warf ein anderes Comitemitglied ein. „Er wird nicht vergessen, daß wir ihn ans Polen herüberkommen ließen." „Ja, aber wir werden bald nicht Platz genug für die Zuhörer haben," meinte Belkowitsch. „Jedesmal müssen so viele abgewiesen werden, daß ich den Vorschlag mache, die eine Hälfte der Zuhörer die ersten zwei Stunden der Predigt genießen zu lassen und die andere Hälfte die übrigen zwei Stunden." „Nein, das war' zu grausam," sagte Karlkammer. „Er soll wenigstens die Sonntags-Predigten in einer größeren Synagoge abhalten. Meine Schul', die deutsche, wird es ihm gern erlauben." „Aber wenn sie ihn dann selbst mit einem größeren Gehalt engagiren?" fragte Mendel. „Nein, ich bin im Vorstand — ich werd' schon dafür sorgen," beruhigte Karlkammer. „Sollen wir ihm also sagen, daß wir nicht mehr geben können?" fragte Belkowitsch. Zustinnnendes Gemurmel erhob sich, in das nur eine geringe ^Position sich mischte. Der Antrag, daß die Bitte des Maggids abzuweisen sei, wurde zur Abstimmung gebracht und mit großer Majorität angenommen. *) Synagogale Melodien. **) Aus der Thora vorlesen. ***) Sündcnbekenntniß. Es war dem Maggid beschieden, der einzige Gegenstand zu sein, über den Belkowitsch lind der Schlatten-Schammes sich zu einigen vermochten. Sie waren einer Ansicht über seine Verdienste und einer Ansicht über die Angemessenheit seines Gehaltes. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Antrag zur Aenderung der Uebersetzung zweier Bibelverse. Es handelt sich um die Verse 20—21 (Deuter. XXIII.). Sowohl Mendelssohn als Fürst und Philippsohn oübersetzen sie in gleicher Weise, nämlich Vers 20: „Nimm nicht von Deinem Bruder Zins von Geld" u.s.w. und Vers 21: „Vom Ausländer magst Du Zins nehmen, aber von Deinem Bruder nimm keinen Zins" u. s. w. Die Ungleichheit der Behandlung des Bruders und Nichtbrnders betreffs Zinsnehmens ist hier so auffallend, daß man sich wundern muß, daß ein in die materielle Interessensphäre des Nichtjuden so tief eingreifendes Gesetz in der Bibel statuirt werden konnte. Wenn man die ganze Bibel aufmerksam durchgeht, findet man nirgends ein so liebloses Gesetz, wie es in diesen zwei Versen der bisher üblichen Uebersetzung gemäß ansgedrückt ist; wird doch überall, wo in der Bibel der Nächstenliebe Ausdruck gegeben wird, auch der Fremde und Nichtbruder eingeschlossen. Und es ist auch a priori anzunehmen, daß unser Lehrer Mosche, der erste und größte Gesetzgeber aller Zeiten, welcher von der Kindheit an bis znm Jünglingsalter am egyptischen Hofe erzogen und als Fremder unter Fremden der Gastfreundschaft theilhaftig wurde, seiner Dankbarkeit dadurch Ausdruck verleihen und die Dankbarkeit selbst als Herzenspflicht aufstellen wollte, indem er in der Behandlung der Menschen und Bethätigung der Nächstenliebe keinen Unterschied kennt und sie ohne jegliche Einschränkung auszuüben und anzuwenden lehrt. In der That sind viele Bibelstellen, welche dem Israeliten einschärfen, das Gebot der Nächstenliebe auch dem Nichtjuden gegenüber auszuüben. Als Beleg hiefür dienen die Verse 17 22 im Deuter. Capitel 24. Dort ist unter Ger auch jeder Nichtjude zu verstehen, was sich aus dem Nachsatze: „Daß Du gedenkest, daß Du auch in Egypten Knecht warst" ergibt. Wie ist es nun denkbar, daß ein so liebloses, gegen die Moral verstoßendes Gesetz in der Bibel, der Quelle aller Moral und Ethik für alle Völker und alle Zeiten, niedergeschrieben und verewigt werden konnte? Die Antwort ist: Nicht die Bibel als solche, sondern die bisher übliche Uebersetzung ist die Schuldtragende. Die Bibel kennt und macht keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden betreffs der Ausübung der Nächstenliebe und verlangt von ihren Bekennern die Bethätigung derselben allen Menschen gegenüber. Liber die bisher übliche Uebersetzung ist meines Erachtens nicht correct, ja sprachlich nicht gerechtfertigt. Denn das Wort llascbicd ist die Hipbil-Form von der Wurzel Naschach beißen, somit heißt Lo-szaschich Du sollst nicht beißen lassen ----- nicht zum Beißen Veranlassung geben und in tropischer Bedeutung: Du sollst nicht Zins geben. Es ist somit hier an den Entlehner, an den Nehmer eines Darlehens die Warnung gerichtet, dem Bruder keinen Zins zu geben; dem Nichtbruder, dem das Zinsnehmen nicht verboten ist, kann man Zins geben. Während im Levit. (XXV, 36) an den Darlehensgeber die Mahnung gerichtet ist, für ein Darlehen keinen Wucherzins zu nehmen, wird hier im Deuter. (XXUI, 20—21) an den Darlehensnehmer die Mahmmg gerichtet, keinen Wucherzins für ein aufzunehmendes Darlehen zu geben, auch wenn ihm dadurch ein Schaden oder irgend ein Nachtheil erwüchse; daher der Nachsatz: „auf daß Dich segne der Herr" u. s. w. Einen weiteren Beweis für die Richtigkeit der beantragten Uebersetzung der zwei erwähnten Verse gibt der Talmud (Tract. BabaMez. 61—1), welcher auch in denselben eine Mahmmg an den Darlehensnehmer feststellt. Meiner unmaßgeblichen Ansicht nach dürfte die beantragte Uebersetzung auf gar keinen Widerstand stoßen, und dies um sv weniger) als hiedurch die Bibel sich im reinsten Lichte der Nächstenliebe darstellt. A u s p i tz, im Monate Niffan 5656. Dr. Rieß.

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