Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 306 Dr. Blortz's Wochenschrift Nr. 15 Socialismus heißt, hielt diese „Söhne des Bundes" zusammen, j Sie beteten für einander während des Lebens, pflegten einander in der Krankheit, begruben einander nach dem Tode. Keine bezahlte Hand streute die Eidotter über das Gesicht des Todten und hüllte seinen Leib in die Leichentücher. Keine bezahlte Messe wurde für den Gestorbenen oder Heimgesuchten gesagt, denn die „Söhne des Bundes" waren immer bereit, mit ihren Psalmen beim Himmel zu petitioniren. Auch eigene kleine Wohlthätigkeitsinstitute hatten sie, eine Sabbath-Tischgesellschaft und eine Ausstattungsstiftung für arme Brautpaare; wemr ein mittelloser Landsmann ans Polen herüberkam, nahm ihn der Eine bei sich auf, der Andere gab ihm zu essen und ein Dritter lehrte ihn irgend ein Gewerbe. Seltsame exotische Gewächse in dem Lande der Prosa, trugen sie durch die steinernen Straßen Londons den Dust festländischen Ghettos, und in ihren Augen lag der Mysticismus des Orients. Ob sie nun Höcker oder Hausirer, Schneider oder Cigarrenarbeiter, Schuster oder Pelzmacher, Glaser oder Mützenverfertiger waren, den Inhalt ihres Lebens bildete: viel zu beten und viel zu arbeiten, nicht überreichlich zu essen und fast gar nicht zu trinken, das Gesetz und die Propheten zu studiren, die rabbinischen Traditionen und das Chaos der Commentare zu verehren, Gebetriemen und Gebetstansen zu tragen, den Bart nicht zu scheeren und die Spitzen des Haares nicht zu beschneiden, am Sabbath keine Arbeit und an Werktagen keine Ruhe zu kennen. Es war eine Serie immer wiederkehrender, ritueller und historischer Gemarkungen, eine so fortwährende Intimität mit Gott, daß sie Gefahr liefen, seine Existenz zu vergessen, wie die der Lust, die sie athmen. Sie aßen ungesäuertes Brod zu Ostern, segneten den Neumond und zählten Omer bis Pfingsten, da die Synagoge sich mit Blumen schmückte, um eine asiatische Fruchternte von einem europäischen Volke feiern zu lassen, das sich von der Agricultur geschieden; dann kamen der Ernst und die Triumphe des Neujahrsfestes (mit den Symbolen von Apfel mrd Honig und der Procession an den Fluß), die Reueübungen am großen Fasttag, da sie lange Kerzen anzündeten, Hennen um ihre Köpfe wirbelten, sich in Sterbekleider hüllten und von ihren Plätzen in der Synagoge aus den langen Fasttag langsam in die Dämmerung übergehen sahen, während Gott die Bücher des Lebens und des Todes siegelte; dann kam das Laubhüttenfest, da sie im Hose rohgezimmerte Buden aufstellten, mit ihren Betttüchern drapirten und mit Laub bedeckten, Eßrogim und eine Zusammenstellung von wehenden Palmen, Myrthen- und Weidenzweigen durch die Straßen trugen, mit denen sie in der Synagoge ein angenehmes Rauschen hervorbrachten. Dann erschien das Freudenfest der Thora, da sie im Hause des Herrn tanzten, Süßigkeiten für die Kinder zu erhaschen trachteten und mit den beiden, durch Puppenfahnen mrd in hohlen Rüben steckerrde Kinderkerzen „geschmückten" Gesetzesrollen einen siebenmaligen Umgang hielten; dann das Weihefest zur Feier der Besteiung durch die Makkabäer und die Wunder des unvergänglichen Oels im Tempel, hierauf Purim mit seinen Maskeraden und den Verwünschungen Haman's durch Klopfen mit kleinen Hämmern — und so wieder zurück zu Ostern. Zu diesen größeren Cyklen kamen noch Epicyklen geringerer Fast- und Festtage, von dem Unglückstag des 9. Ab, da sie am Boden saßen mrd über die Zerstörung Jerusalems wehklagten, bis zum Fest des „großen Hoschanah", da sie als Symbol für vergebene Sünden Weidenblätter von den Bänken in der Schicke fegten, nachdem sie die ganze Nacht zuvor in einem langen, nur durch Kaffee und Kuchen gemilderten Beten zugebracht hatten, von der Periode, da alle Freuden verboten waren, bis zu dem ZeitpunÜe, da Heiraten empfohlen waren. So hatte auch jeder einzelne Tag seine Cyklen von religiösen Pflichten, sein umfangreiches und beschwerliches Ritual mit allerlei commentarischem und traditionellenr Zuwachs. Jeder einzelne Fall im Leben ist vorgesehen, und die Schriften, die dieses Ritual regeln, sind ein wmrderbares Monument der Geduld, der Frömmigkeit und des juridischen Genies der Race — aber auch der Befolgung, die sie bestärkte, sich an chren einzigen Schatz, das Gesetz, zu halten. . - So lebten und starben sie, diese „Söhne des Bundes", durch freiwillige und unsteiwillige Entbehrungen in strenger Disciplin erhalten; so bildete dieses stickige Zimmer mit seinen triefenden Kerzen und seinem chamäleonartigen Vorhang vor der Bundeslade den Mittelpunkt ihres engen Lebens. Die Frohen kamen dahin, um ihr Dankgebet darzubringen und dem Herrn ein paar Pfennige zu weihen, die Wohlhabenden kamen im Cylinder, um wegen der heckigen Ehrenämter zu feilschen, und die Trauernden kamen mit zerrissenen Gewäirdern, um den geliebten Todten zu beklagen mrd den Namen des Ewigen zu preisen. Das ärmste Leben ist sich selbst das Weltall und Alles, was darin ist. Diese bescheidenen Produkte einer großen und schrecklichen Vergangenheit, diese eigenartigen Früchte des bnntbluhenden, hundertjährigen Baumes, dessen Wurzel in Kanaan liegen und dessen Zweige die Welt beschatten, waren glücklich, eben weil sie nicht wußten, daß die Fülle des Lebens ihnen fremd war. Sv rollten die Jahre weiter und die Kinder wuchsen auf, dann und wann auch ein Elternpaar.... Die ältesten Mitglieder der Synagoge hielten, Berathung. „Er ist größer als ein Fürst," sagte der Schlatten- Schammes. „Wenn man alle Fürsten der Erde in eine Wagschale und und unseren Maggid Reb Mosche in die andere legen würde, wäre er schwerer als Alle," versicherte Herr Belkowitsch. „Er ist hundertmal mehr Werth als alle Rabbiner von England." „Von Mosche bis Mosche war Keiner wie Mosche," sagte der alte Mendel Hyams. „Oh nein!" rief der Schlatten-Schammes, der ein großer Tüftler war, weil er, wie sein Spitzname besagte, das Amt eines Ceremonienmeisters versah. „Das kann ich nicht zngeben. Seht Euch meinen Bruder Nachmann an!" Alles lachte über den Verstoß des Schlatten-Schammes, denn das Sprichwort handelte nur von Mosessen. „Er hat wirklich eine Sechste,*) bemerkte der fromme Karlkammer, indem er nachdenkend seinen flammendrothen Kopf schüttelte. „Denn die Buchstaben seines Namens zählen gerade so viel, wie die des großen Moses da Leon." Die Bemerkungen des fromnien Karlkammer wurden immer mit großem Respect angehört, denn er war Ehrenmitglied des Vorstandes, hatte zwei Sitze in eurer größeren Synagoge und betete nur bei besonderen Gelegenheiten, bei den „Söhnen des Bundes". Der Schlatten-Schammes war jedoch ein Widerspruchsgeist, stolz auf sein gutes Englisch, der Wermuthstropferr in Belkowitsch' Präsidentenbecher. Er war ein langer, dünner Mann, der die ganze Gemeinde überragte, und so groß wie alle zusammen, selbst wenn er sich vor seinem Schöpfer verneigte. „Wie rechnen Sie?" fragte er Karlkammer. „Moses zählt natürlich so viel wie Moses, aber der übrige Theil des Namens unseres Maggids macht 78 aus, während da Leon 81 ansmacht." „Das sagen Sie, weil Sie keine Genratrijeh kennen," sagte der kleine Karlkammer, verächtlich zu dem streitsüchtigen Rresen aufblickend. „Sie zählen alle Buchstaben nach demselben System und vergessen, daß es Einem steisteht, die Ziffern auszulassen." Den Philologen ist es bekannt, daß Consonanten verwechselbar sind und Vocale nicht gezählt werden; in der „Gematrijeh" kann jeder Buchstabe was immer bedeuten und die Totalsumme nach Belieben zusammenaddirt werden. „Wir sind nicht da, um über den Namen des Maggid, sondern über sein Gehalt zu sprechen," mahnte Belkowitsch, der sich auf sein Organisationstalent sehr viel einbildete. „Ich habe die Bilanz geprüft und gefunden,, daß es uns nicht möglich ist, unsere.m Prediger mehr als ein Pfund wöchentlich zu geben," sagte Karlkammer. „Aber er ist nicht damit zufrieden," bemerkte Belkowitsch. „Ich verstehe nicht warum," sagte der Schlatten-Schammes. „Ein Pfund wöchentlich ist übergenug für einen einzelnen Menschen." Die „Söhne des Bundes" wußten nicht, daß der arme, schwindsüchtige Maggid sein halbes Gehalt seinen Schwesterir rrach Polen schickte, damit sie ihre Gatten vom Mckitär loskaufen konnten. „Ich muß mit einem Pfund wöchentlich Weib und Kind ernähren," murrte Grünberg, der CH äsen. Grünberg war nicht blos Borbeter, sondern blies auch Schofar, schlachtete das Vieh, unterrichtete Kinder und versah die Functionen eines Tempeldieners und Einsammlers. Einen Theil seiner Zeit verweirdete er auf das Bemühen, sich in den Streit der Parteien nicht hineinzieherr zu lassen und zwischen Belkowitsch und dem Schlatten-Schammes unparteiisch hindurchzusteuern. Die „Söhne des Bundes" gaben ihm für alle seine Mühe nur fünfzig Pfund jährlich, aber sie entschädigten ihn, indem sie ihm einen tlatz im Vorstand einräumten, wo er, lvenn eine Erhöhung des orbetergehaltes zur Abstimmung kam, stets eine ohnmächtige, aus einer Stimme bestehende Minorität bildete. Sein zweiter Kummer bestand darin, daß die „Söhne des Bundes" für die *j Er ist begnadet.