Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 396 Dr. Vloch's Wochrnfchrtfk. Nr. 15 habe ich erhallen und ersuche den mir angegebenen Betrag gefälligst bei meinem Rechtsvertreter Dr. Tobiaschek k k. Notar in Spitz, zu beheben. Aufklärung über die vom Herrn Pfarrer Rupertsberger gefundenen Abgänge kann ich selbstverständlich erst dann geben, bis mir alle Rechnungen und Auen ebenso zur Verfügung gestellt werden, damit ich mit Muße Punkt für Punkt selbst überprüfe oder durch einen meiner Bekannten überprüfen lasse. Das Wichrigste ist vorderhand, daß die Gemeinde, dessen (sie!) Ehrenmitglied ich mich mit Stolznenne, keinen wie immer lautenden Schaden erleidet, und deshalb wird jeder Anspruch von mir allsogleich gedeckt. Mit der Bitte, das Liquidationsprotokoll nur so bald als möglich an den Landesausschuß einzusenden, zeichne mit gebührender Achtung E. Vergani." Der schlaue Vergani hat, um seinen gläubigen Lesern wieder Sand in die Augen zu streuen, gewiß eine Abschrift dieses Briefes in seiner Schreibtischlade, um sie sofort nach unserer Veröffentlichung der ueuentdeckten Fehlbeträge in seinem „Deutschen Volksblatt" zu verlautbaren. Wir kommen ihm zuvor und bemerken, daß das amtliche Liquidationscomitß gewiß nicht so naiv ist, dem fingerfertigen Polonski die Acten und Rechnungen in die Linke Bahngaffe zu senden, damit nicht diese den Weg der verschwundenen Obligationen wandern. Der unver—frorene Vergani fragte vor drei Wochen den Obmann des Liquidationscomitös mit unschuldsooller Miene: „Ja, fehlt denn überall Geld und ist nirgends zu viel eingestellt?" Der Obmann konnte nur erwidern: „Nein, Herr Vergani, ein „zu viel" findet sich nirgends, überall ein „z u w e.n i g"! A." Herr Vergani hat auf diese zarten Andeutungen mit einer langen Auseinandersetzung geantwortet, aus der nur eines mit zweifelloser Klarheit hervorgeht, daß er sich Alles und Jedes gefallen lassen wolle und — doch nicht klagen werde. Der Versuch Vergani's, sich auf den vornehmen Mann hinauszuspieleu, der eine Anklage erdulden kann, ohne sie widerlegen zu müssen, wird von Herrn Franz Arnoscht mit folgenden Schlußworten abgesertigt: „Wer gestohlen hat, wer Amtsveruntreuung begangen hat, ist ein gemeiner Verbrecher und gehört in's Zuchthaus und nicht in den Landtag. Wer gestohlen, wer veruntreut hat, gehört auch nicht an die Spitz« einer Zeitung. Ein solcher Mensch ist eine Schande für den Landtag, eine Schande für jede ehrliche Partei, eine Schande für unser öffentliches Leben. Ein solcher Mensch muß vom öffentlichen Schauplatz verschwinden." Fr an z Arn o s ch t. Selbstmord. Aus Preßburg wird geschrieben. Am 30. März in früher Morgenstunde wurde der Polizei gemeldet, daß ein Lieutenant des 26. Infanterie-Regiments am Calvarienberge an einem dünnen Ast erhängt aufgefunden worden ist. Es war dies Lieutenant Lehel von Simonyi, Sohn des antisemitischen Redacteurs des „Oester.-ungar. Grenzboten" Herrn Ivan von Simonyi. Gegen den Führer der Antisemiten Paul Meyer in Stuttgart veröffentlichten der „Beobachter" und die „Frank. Ztg." einen Vertragsentwurf, durch den derselbe einen in Bedrängniß gerathenen Familienvater verpflichten wollte, gegen eine Monatliche Subvention von 10 Mark aus Stuttgart fortzuziehen und seineEüerirrechte über die h ü bs ch e-18j ährig e Tochter auf Meyer zu übertragen. Auf Grund dessen, so heißt es in dem Vertragsentwurf, „soll M. das Recht haben, Frl. E. jederzeit bei ihrem Arbeitgeber und in chrer Wohnung aufzusuchen, wobei sie sich seinen Auordirungen und Unterweisungen in jeder Weise zu fügen hat." Auch die Tochter selbst sollte diesen schimpflichen Vertrag unterzeichnen. Beide Thelle sollen sich ehrenwörtlich verpflichten, den Vertrag nicht zu veröffentlichen; insbesonder e s o l l der l etz te re v or Fr au M. (Herr M. ist nämlich verheiratet und Familien-Vater!) streng geheim bleiben. Am Schürfte heißt es: „So geschehen unter Verzicht auf die Einrede der Ueberredung, des Jrrthums oder der Verletzung." Dieser „Vertrag" sollte an zuständiger Stelle noch beglaubigt werden; die Eltern und das Mädchen verweigerten die Unterschrift, nachdem sie von letzterer Seite über die Bedeutung des Abkommens aufgeklärt waren. Darauf schrieb der brave Antisemit Herr M. einen Brief, in dem er darüber jammerte, daß „Undank und Unverstand der Welt Lohn ist für alle edlen Thaten der Barmherzigkeit und christlichen Nächstenliebe." Ahlwardt's Redakteur vom Stamme Juda. Rector Ahlwardt hat gestern die erste Nummer seiner Antisemiten-Zeitung veröffentlicht, welche nach Angabe seiner abtrünnigen Bundesgenossen Hegel und Schwertfeger mit geschnorrtem Gelde hergestellt wurde. Als Motto hat sich der Judenfreffer die Worte gewählt: „Greif nur hinein in's Wespennest, und wenn du greifst, dann greife fest!" Das Schönste ist, daß das von rohen sinnlosen Jnvectiven strotzende Blatt von einem gewissen Friedow redigirt wird, welcher angeblich erst unlängst dem Glauben seiner Väter untreu geworden und vom mosaischen Glauben zum Christenthum und von dem Namen Schmuhl in den aristokratisch klingenden Namen Friedow übergetreten ist. (N.-I. Staatszeitung vom 22. März.) Germanischer „Reinfall". ' Das „Berliner Lagblatt"x schreibt: Die „Deutsche Zeitung" des Herrn Friedrich Lange ist ausgebrütet. Herr Dc. Lange, der Pächter treudeutscher Ehrlichkeit, debutirt mit einer Aneignung fremden Eigenthums. Er druckt das W sentliche aus unserem Bericht über das Concert der Hochschüler vor den Mitgliedern des Abgeordne'enhauses (aus unserer Nummer vom 1. April) ohne Quellenangabe ab. Noch mehr: Friedrich Lange, der neunmalweise Mentor des deutschen Volkes, zeigt dabei einen bemerkenswertsten Mangel an Intelligenz. Denn er merkt nicht, daß jener Bericht nichts als ein Aprilscherz war. Er nimmt die Sache feierlich ernst, wie er Alles gleich feierlich nimmt, und glossirt die fingirten Aeußerungen des Professors Joachimgegen die „Richtung von Weimar und Bayreuth" mit dem bombastischen Satze: „Diese Ausführungen sind so köstlich und zugleich so bezeichnend für jede Beharrung im Alten, daß man sie dreist an jede Art von Chinesenzopf als Etiquette anbinden könnte." Friedrich Lange, der „Wecker am deutschen Volke", hat also wieder einmal geschlafen. Genau wie anno 1892, da er noch die Welt vom Redactionsseffel der „Täglichen Rundschau" aus regierte und uns gleichermaßen einen Aprilscherz nachdruckte ohne Quellenangabe und ohne zu merken, daß er sich selbst damit zum Besten hielt. Gemeinde und Rabbiner. Es dürfte ohne Beispiel sein und wird sicherlich im ganzen Lande Aufsehen erregen, daß eine Gemeinde ihrem Seelsorger ihre Mißbilligung ausspricht. Dies geschah am 25. v. M. in Neutra. Rabbiner Moses Katz hatte nämlich an der jüngst in Budapest stattgehabten Conferenz der orthodoxen Rabbiner theilgenommen und die aus dieser erflossene Currende, welche Jnvectiven gegen alle dem Fortschritt huldigenden Juden enthält, mit unterschrieben^ In der am 25. v. M. stattgehabten Repräsentantensitzung der Neutraer israelitischen Cultusgemeinde, welcher 26 Mitglieder anwohnten, erklärte die Gemeinde, wie gemeldet wird, auf Antrag des Präsidenten Emerich A r p a s s y, daß sie sich dem Inhalt der Currende nicht anschließt und sprach dem Rabbiner Moses Katz einstimmig ihre Mißbilligung aus, wobei besonders zu bemerken ist, daß von den Anwesenden zumindest ein Drittel Prononcirte Orthodoxe sind. Es wurde dem Rabbiner unter Einem bedeutet, sich in Zukunft aller, Zwiespalt im Judenthum Hervorrufen könnenden Handlungen zu enthalten. Cardinal und Rabbi. Auf seinen Reisen durch die südlichen Staaten besuchte Cardinal Satolli, der päpstliche Legat in den Vereinigten Staaten, die Stadt Galveston in Texas, wo ihm zu Ehren am 23. Februar ein Banket gegeben wurde. Unter den geladenen Gästen befand sich auch Herr Henry Cohen, Rabbiner der Gemeinde B'nei Israel. Er war der einzige Nichtkatholik, dem die Ehre zutheil wurde, mit dem Cardinal zu speisen. Nach beendeter Mahlzeit wurde dem Rabbiner angedeutet, daß es dem Cardinal angenehm wäre, wenn er das Tischgebet vortragen möchte. Unter athemloser Stille erhob sich Rabbiner Cohen und trug das Tischgebet in englischer und lateinischer Sprache vor, wonach er das Magnificat hebräisch recitirte. Hierauf folgten die üblichen Tischreden. Auf allgemeines Verlangen eröffnete Rabbiner Cohen den Reigen, indem er zuerst dem Cardinal und den versammelten Priestern für die ihm gewordene Einladung seinen tiefgefühlten Dank aussprach. Mit feuriger Beredsamkeit sprach er dann von seinem helligen Berufe als Diener des Allmächtigen und fügte hinzu, daß die Geistlichkeit jeder Religionssecte dieselben Ziele verfolge — die Hebung des Menschengeschlechtes Es war Sitte unter den Rabbinen der alten Zeit, sagte er weiter, beim Anblick eines hochgestellten Vertreters irgend einer Religion einen Segen zu sprechen, womit sie bekundeten, daß die jüdische Religion schon in alter Zeit gegen Andersgläubige höchst tolerant war. Wahrlich Raum genug bietet uns der Boden, auf dem wir alle gemeinschaftlich stehen können, und der Anblick eines Rabbiners im brüderlichen Umgänge mit einem Cardinal ist ein schlagender Beweis für die Freisinnigkeit unserer Zeit.