Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Vwch's Wochenschrift. Seite 297 halten der sich immer mehr entfremdenden Tochter. Drei volle Jahrhunderte wurden noch Fest- und Feiertage gemeinsam gefeiert und heute, nach bald zwei Jahrtausenden, kostet es dem ausmerlsamen Beobachter sehr wenig Mühe, trotz der neuen Gewandung, der verschiedenen Haltung und Gebahruno die alten Familienzüge im Gesichte der Tochter zu entdecken. Und wieist denn das Verhalten der Mutter zur Tochter heute geartet? Wie es die Natur vorschreibt. Von Haß keine Spur, eine Mutter haßt ihr Kind nicht. Das ist durchaus keine Phrase, die in der Wirklichkeit keine Anwendung findet. Zum Glück für die Menschheit find Wahrheit, Biederkeit und Humanität niemals cänzlich zu ersticken. Zu allen Zeiten hat es würdige katholische Priester, die sich nicht scheuten, echt kindliche Töne der ehrwürdigen Mutter gegenüber anzuschlagen, gegeben und erst in den jüngsten Tagen hat ein ungariscker Erzbischof in Wort und That wahre Herzensklänge vernehmen lassen. Entzückt horcht die Mutter stets auf die Stimme der Natur und ein tausendfaches Echo antwortet in ihrem Herzen den liebevollen Worten der ewig unvergessenen Tochter. Wir können unmöglich urtheilen, wie sich das Verbältniß der Mutter zur Tochter gestalten würde, wenn durch eine Reihe von Generationen dir Natur in ihrem Rechte belassen würde, wenn die künstliche Feindseligkeit anfhören und die Priester und Lebrer in beiden Lagern, die — man mag faseln fovielman will — gemeinsamen Prinzipien dem Volke einimpsen würden. Höchst wahrscheinlich würde die Mutter den Kürzeren ziehen. Die mütterliche Liebe und Eitelkeit würde gewaltig hervorbrechen, die lange entfremdete Tochter würde von oben bis unten betrachtet üud so viel Schönheit entdeckt werden, daß die Alte nach und nach eine Metamorphose an sich vornehmen würde; ein planmäßiges Vorgehen seitens der Tochter könnie die Alle zur successiven Entäußerung ihrer Eigenart führen. Und wie hat sich denn die Tochter der Mutter gegenüber Verhalten? Ich bin nicht gekommen, das Gesetz Moses aufzuheben, ist eine Aeußerung, die von Christus herrührt. Es sollte das mütterliche Haus nur gereinigt, neu hergerichtet und vergrößert werden. Als die conservative Muiter von solchen Neuerungen nichts wissen wölbte, verließ die Tochter das Elternhaus, gründete sich eine eigene Häuslichkeit nach dem Grundplane des alten Familienheims und ausgestaltet mit den Neuerungen, die die Mutter nicht zulassen wollte. Die Mutier grollte, die Tochter schmollte. So war das Berhältniß in der ersten Zeit. Die Freunde des Hauses fanden in dem neuen Heim Neues, Interessantes, mehr Bequemlichkeit, Behaglichkeit; die Tochter arbeitete planmäßig daran, die Freunde in An» Hänger und Äiheilhaber umzuwandeln; die alte Mutter wollte von Neuerungen entschieden nichts wissen, hatte von jeher auswärtige mnde wohlwollend behandelt, ohne die geringste Absicht, Eroberungen §u machen, kurz die Tochter gefiel besser als die Mutter, die Tochter wurde immer umworbener, die Mutter vereinsamte immer mehr. Die groß gewordene Tochter verließ das bescheidene Heim und bezog einen stolzen Palast. Sie betrachtete sich als Universalerbin des alten, väterlichen Vermögens, beanspruchte die Rechte des Majoratserben und wollte auch nicht eine Scholle von dem Fideicommiß zu Gunsten der alten Mutter abtrennen lassen. Die Mutter verfocht ihr altes Recht vor Gott und der Welt. Das schuf den Familienzwist. Habsucht erzeuget Haß und Feindschaft und zerfrißt die stärksten Bande der Natur. Wer wird in dem Kämpfe unterliegen? Die Alte, ruhelos verfolgt, der Subsistenzmittel beraubt,, muß erliegen; die Tochter, jung, stark, im Besitze aller Quellen der Macht, muß, falls sie nur uner-. schrocken ihrem Ziel zusteuert, reussiren. Doch die Alte erliegt nicht, eine Zauberkraft schlummert in den morsch geglaubten Knochen, sie lebt trotz Mangel an Lust und Licht bei kümmerlicher Kost, ihr Geist entwickelt eine unerhörte Widerstandskraft, Religion und Glaube zünden hellstrahlende Fackeln am tiefdüsteren Lebenshimmel an, die Wissenschaft erleuchtet den Kopf, Musik und Poesie veredeln und weihen alles Profane und Gemeine, Humor und Satyre nehmen den feindlichen Pfeilen Kraft und Energie. Ab und zu empfindet die Tochter, es sei zum mindesten nicht schicklich, einer alten Muiter so hart zuzusetzen; die Stimme der Natur drängt bisweilen alle Hindernisse bei Seite, doch dem wahren Helden darf das Herz nicht vor oie Sinne treten; es gilt, das Fideicommiß ungeschmälert zu erhalten und da müssen Opfer gebracht werden, Sentimentalität ist da nicht am Platze. Die alte Muiter will nickt sterben. Und warum muß sie denn sterben? fragt ganz leise eine Stimme im Herren der Tochter. Das Fideicommiß ist so groß und könnte ganz gut Raum für alle Familienangehörigen gewähren. Wie häßlich ist es doch, wenn man einer alten Mutter feindlich entgegentritt! Die Stimme der Natur gewinnt plötzlich die Oberhand. Sie soll leben, die alte Mutier, das an ihr begangene Unrecht soll gesühnt werden. Das Herz hat sich zum Heizen gefunden. Entzückt horcht die Mutter auf diese ungeahnte Sprache. Sie wirft sich der Tochter an den Hals, sie verzeiht ihr Alles, sie will der Tochter von nun an nur Freude bereiten, sie putzt ihre altmodischen Kleider, ändert deren Schnitt, ahmt, obzwar etwas linkisch, Manieren und Geberden der Tochter nach, kurz, sie geräth vor Glück fast aus dem Häuschen. Nüchtern tritt sie den Besitz, auf den sie nie verzichtet, an, weise und ökonomisch verwalret sie denselben, ihre in den Zeiten der Noth gestählten Kräfte entwickeln sich, Alles beginnt in ihren Händen zu wachsen, zu blühen. Da erwacht der Neid im Herzen der Tochter und bald werden die natürlichen Gefühle zum Schweigen gebracht. Es wäre vielleicht ein Fehler, sich vom Gefühle fortreißen zu lassen, flüsterte eine Stiinme. Es ist doch die Mutter. Sie will Dich aber berauben, sie meint es nicht gut mit Dir, sie kann Dir nicht vergessen, daß Tu sie so lange unkindlich behandelt hast, sie brütet Rache, sie ist eine falsche, eine Rabenmutter. Weg mit dem Gefühl, zurück zu den bewähr len, alten Recepten, in's Joch mit der Alten. Vorbei ist es mit den Herzenstönen. die Alte geht nicht mehr freiwillig in's Joch, sie hat Kräfte gesammelt und will ihre Arme gebrauchen. Zornesworte und Flüche werden ihr nachgeschleudert, Waffen aller Art werden gegen sie in Thütigkeit gefitzt. Verglbens mahnt die Stimme des Blutes: Familienbande, Kindesliebe, die Tochter ist wieder kalt gegen die Mutter. Oder nicht? Wie sagte doch jüngst der Abgeordnete Wrabetz? Noch immer warten wir auf ein Wort von Seite des hochwürdigen Episcopats, das dem Antisemitismus Loule der Religion, der Liebe, der Wahrheit und Humaniiäl zinufen würde. Weder der heilige Stuhl noch die hohen Kirchensürsten bobcn bis heute ihre Mißbilligung über eine B wegung ausgesprochen, die ebenso den Grundsätzen des Rechtes, wie dei Wahrheit entgegentritt. Und was war das Echo dieser Naturlaute? Nacheinander standen die Führer der Coniervaiiven, der Clericolen und Polen ous und erklfnun, es sei unpofsend, den toben Kirchenfürsten vorzuhalten, sie hätten irgend etwas unterlassen. Welch' schneidiger Wind webte doch aus den Warten der Herren Parteiführer. Die alte Mutter stirbt nickt. Der Antisemitismus ist ein Anachronismus. seine besten Zeiten sind sür immer dchin; finstere Recht muß es sein, wenn das Irrlicht seinen verführerischen Schimmer flunkern läßt, Haß und Neid mögen noch so viele Orgien feiern, die Natur wird zuletzt zu ihrem Rechte gelangen. Reumüthig wirft sich zuletzt die Tochter in die Arme der ihrer sehnsüchtig darrenden Mutter, aller Zwist wird entfernt, die Alte und die Junge empfinden gemeinsames Familienglück und freuen sieb der dauernden Erfolge, welche beide errungen haben. Eulen und Raben wandern dann in die Wälder und das menschliche Herz ruft: Victoria. Vom Jahrmarkt des Lebens. Der arische „Ehrenbürger"._ Heilo! Ein edler, ein hochherziger, ein großrnülhiger Mann ist erstanden, der kaum seines Gleichen hat. Tas ist der Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" Herr Vergani, der in seiner unerforschlichen Güte der Gemeinde von Mühldorf mittheilte, daß er jeden Abgang, der sich in der Gemeindecasse vorfinden sollte „allsogleich" ersetzen werde. Der rührende, ja erschütternde Entschluß Vergani's hat allerdings eine kleine Vorgeschichte, die im Folgenden mitgetheilt werden soll: Tie Defraudatiozien Vergani's. Unter diesem Titel brachte die „O st d e u t s ch e R N n d s ch a u" folgenden Artikel: „Mühldorf, 31. März 1896. Das im Aufträge des niederöflerreichischen Landesausschusfes in der Gemeinde Mühldorf eingesetzte Liquidationscomite hat nunmehr seine Arbeit beendet und die falschen Buchungen und Abgänge ziffermäßig festgestellt. Der „Ehrenbürger" und ehemalige Bürgermeister Vergani wird — Dank dem Verjährungs- Paragraphen! — das ärarische Freiquartier in Stein zwar nicht beziehen, doch muß er nochmals tief in den Sack greisen. Nachdem Vergani die aus dem Armenvermögen veruntreute Obligation und einen Theil der fehlenden Gemeinde-Umlagengelder bereits im vorigen Jahre ersetzt hatte, wurden nunmehr folgende Fehlbeträge festgestellt: „Verschwundene" Straßenbau-Subventionen 503 fl. 50 kr., „v er sch wund ene" Gemeinde-Umlagengelder 392 fl. Ueber Auftrag des Landesausschusses hat das Gemeindeamt Mühldorf den Ernst Vergani zum Ersätze der entfremdeten Summen ausgefordert. Das Liquidarionscomits bezeichnet in seinem umfangreichen Berichte an den Landesausschuß die G e l dgebahrung der Bergan i'schen Bürgermeisterei schlankweg mit dem Worte „s ch w i n d e l h a ft". Franz Arnoschi wohnhaft in Wien, XVIII.', Gentzgasse Nr. 65. — Vergani bat an die Gemeinde Mühldorf folgende Zuschrift gerichtet: Wien, am 17. März 1896. Löbliche Gemeindevorstehung Mühldorf bei Spitz a. D.! Die Angabe der Ersatzansprüche der Gemeinde