Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 296 Nr. 15 Dr Vlvch's Wochenschrift. Leben ein und bewog die Majorität des Senates, Ws vermoderte Skelett wieder als vollberechtigtes Gesetz anzuerkennen. Und mit einem Schlage war Sibirien, dieses Eldorado der nächsten Zukunft, für die Juden Hermettsch abgeschlossen, nttt einem Federstrich hatte man die schreiendste Ungerechtigkeit decretirt, bestehende Gesetze umgestoßen, einen unverzeihlichen Act der Barbarei begangen. Doch kaum war der unheimliche Gast verschwunden, als die Senatoren gewahr wurden, welch' eine Ungeheuerlichkeit sie begangen. Leider kam man zur Einsicht, als es bereits zu spät war. Die Resvlutton war mit großer Majorität gefaßt und unterzeichnet worden, konnte also auf keinen Fall rückgängig gemacht werden. Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma war, die Sache der Entscheidung des Kaisers archeimzustelleu. So geschieht es stets in Angelegenheiten, in denen der Senat selbst zweifelt, ob er eine gerechte Entscheidung getroffen. Der Beschluß des Senates, diese Angelegenheit dem Monarchen zum Austtage vorzustellen, ist schon an und für sich ein sehr gutes Symptom. Jetzt natürlich hängt es davon ab, von welchem Gesichtspunkte der junge Monarch die ihm zur endgilttgen Entscheidung anheimgestellte Angelegenheit bettachten wird. Daß durch das Hervorzerren eines veralleten Gesetzes aus dem Archivstaub neuere Verordnungen nicht annullirt werden können, ist augenscheinlich, und uurso unbegreiflicher ist es, wie der Senat einen solchen Beschluß fasse:: komtte, von solcher Tragweite für das russische Judenthumrr.Man sieht mit äußerster Spannung dem Eittschluß des Kaisers in dieser so hochwichtigen Frage entgegen, ob verbriefte Rechte der Gegenwart durch Anordnungen der Vergangenheit aufgehoben werden können. Zuvor Kahn (Grand Rabbin de France). Sermons et Allocutions adresses ä la jeunesse israelite. Nouvelle Edition. Paris, 1896. Gewiß, wir sind ein Volk, e i n Volk — was wir beinahe vergessen hatten, das haben uns unsere Feinde unsanft in Erinnerung gerufen. Wir sind e i n Volk im Denken und Fühlen, im Dulden mrd Leiden. Wer wir sprechen eine Menge Dialecte! Nicht imr in Grammattk und Wortschatz gehen wir auseinander, nicht durch das gesprochene mrd sichtbare Wort unterscheiden sich die Juden verschiedener Länder von einander, die Seele selbst, welche den Körper der Laute und Zeichen belebt, ist eine arrdere in dem einen, eine andere in einem anderen Lande. Daran wurde ich gemahnt, als ich jüngst Zangwill's Meisterwerk „Kinder des Ghetto" las und es in Gedanken mit Kompert's Ghettogeschichten verglich, und die Wahrheit drängte sich mir neuerdings mrf, als ich bei der Lecttire von Zadoc Kahn's Predigten für die Jugend einen Einblick in das Gemüths- und Seelenleben des Großrabbiners von Frankreich gewann. Gewiß, Zadoc Kahn ist im tiefsten Herzen nicht anders als Dr. Güdemann in Wien uird Dr. Adler in London. Denn, wie er selbst in einer seiner Predigten den Kindern zurust, man ist nicht Jude aus fteier Wahl; jeder Jude ist der natürliche Erbe einer Vergangenheit, die nach Tausenden von Jahre:: zählt. Aber er spricht eine andere Sprache! Er hat vor Allem neben dem unveränderlichen jüdischen Legate von den Franzosen die werthvolle Gabe geerbt, eigenes Denken und Fühlen klar und durchsichttg auszudrücken und mit wunderbarer Treffsicherheit die Wirkung auf seine Zuhörer und Leser zu berechnen. Wer aufmerksam zusicht, wird leicht herausfinden, wie oft der Predigernahe daran ist, sich von seinen: Gegenstände fortteißen, sich von der eigenen Empfindung überwältigen zu lassen; aber die gute ftanzösische Ueberlieferung ist stark genug, mn der Stnrmfluth des Gefühls rechtzeitig Ei:chalt zu thun, die Einheit des Ganzen ist gerettet, das^ Maß wird nicht gestört. Daher kommt es, daß Zadoc Kahn oft nur andeutet, wo ein deutscher Prediger brett ausführen würde, daher kommt es, daß er stets die Aufmerksamkeit erregt und festzuhalten versteht. Er wendet sich immer an das Herz und die Phantasie; aber er läßt den Verstand der Zuhörer nicht aus dem Spiele. Er begnügt sich nicht damit, zu rühren und zu erschüttern, er überredet nicht nur, er überzeugt. Man nimmt heutzutage Anstand, in der Literatur von gutem Geschmack zu reden; außerhalb Frankreich mag diese Scheu berechtigt sein, denn der „Geschmack" ist in Deutschland uiw England immer sehr problematisch gewesen. Bei einen: ftanzösische:: Schriftsteller braucht man das Wort nicht zu vermeiden, denn der Begriff ist. da. Zadoc Kahn straft und ermahnt, der Jugend und den: Alter werden derbe Wahrheiten gesagt, aber er thut es in der wirksamsten Weise, ohne das Gefühl, ohne den guten Gesch:nack zu verletzen. Ein Beispiel für Viele. In der Predigt „Seid jung!" (28. Mai 1885) kommt er auf einen wunden Punkt in: modernen Judenthum zu sprechen. „Erhaltet Euch jung in: Verkehr mit Euren Eltern, habt Vertrauen zu ihnen, glaubt ihrer Erfahrung und ihrer Liebe. Bildet Euch nicht ein, daß Euere Weisheit die Weisheit Eurer Eltern entbehrlich mache. Ihr seid vielleicht unterrichteter; man lehrt Euch heutzutage so Vieles! Der letzte Schulknabe unserer Zeit könnte die größten Gelehrten des Alterthums in so manchen: Punkte belehren! Aber in der Kenntniß des Lebens, in der Lebensführung, in der Moral, in der Kunst selbstloser Liebe habt Ihr unendlich viel von Euren Elter:: zu lernen!" Auch im Stoffe kann sich der Franzose nicht verleugnen. An mehr als einer Stelle warnt er die jüdische Jugend von Paris vor der U::tt:ge::d, die alle Großstädte erzeugen, die aber in den: französichen Babel ihr Hein: zu haben scheint: der pessimistischen Verneinung. Diesem Thema ist gleich die erste Predigt „Die Triebe der Kindheit" gewidmet, und immer wieder kehrt der Redner zu der Warnung zurück. Lafontaine spricht an einer Stelle dem Kindesalter jedes Mitleid ab („Die zwei Farben"); und das harte Wort ist von mehr als einem Schriftsteller wiederholt worden; Zadoc Kahn verwendet feine beste Beredtsamkeit und eine Anzahl ttefflich gewählter Sprüche aus Bibel, Talnnld und Midrasch dazu, um die Kinder von der angeborenen Güte der menschlichen Seele zu überzeugen. Und noch etwas zeichnet Zadoc Kahn aus, was nur wenige seiner Amtsgenosfen mit ihm gemein haben, nämlich ganz besonderen pädagogischen Sinn. Der Mann, den: das geistliche Wohl aller Glaubensgenossen in Frankreich anvertraut ist und der auf dem exponirten Posten von Paris als Rabbiner nicht wenige Bürden zu tragen hat, ist offenbar ein herzlicher Freund der Jugend, ein Lehrer mit Leib und Seele. Solche Reden hält man nicht, um eine Pflicht zu erfüllen, so spricht ein Vater zu seinem Kinde, ein geborener Lehrer zu seinen Schülern. Ob das auch auf französischen Einfluß zurückzuführen' sei, möchte ich bezweifeln; jedenfalls aber sind anderswo die Prediger zu suchen, die wie Zadoc Kahn die jugendlichen Gemüther verstehen. Unwillkürlich uralt sich der Leser der Predigten ein Bild von dem Prediger; ich habe niemals Zadoc Kahn gesehen, noch bin ich jemals mit ihm in Berührung gekommen, aber ich hoffe, daß die Physiognomie, wie sie sich aus seinen Reden ergibt, sich nicht zu weit von der des Urbildes entferne. Der Großrabbinkr-5 von Frankreich hat gewiß einen unerschöpflichen Schatz von Güte - in: eigenen Herzen, daher der Opttmismus, von dem er selbst erfüllt :st und der: zu wecken und zu erhalten er sich immer wieder in seinen Predigten bemüht. Ebenso groß wie seine Güte ist wohl die Fähigkeit, sich für das Schöne und Gute zu begeistern: Zadoc Kahn scheint mir ein vollendeter „Heldenverehrer" zu sein, um einen Ausdruck Carlyle's zu gebrauchen. Daher ist es ihn: leicht, die Jugend für Gott, die Welt, alles Große zu begeistern. Er ist ferner ein warmer Freund des Fortschrittes, das zeigt seine Rede „über der: Fortschritt" und diese Ueberzeugung gewinnen wir auch an anderen Stellen seines Werkes. Denrgemäß ist sein Judenthum nichts Aeußerliches, nichts Dogmatisch-Unveränderliches; sein Glaube ist der Glaube des Gernüthes und der Bermmft. —r. Mutter und Tochter. Von: Oberlehrer L. Riesenfeld, Ungarisch-Brod. Ein gutgläubiger Katholik besuchte am ersten Pessachtage einer: jüdischen Tempel, hörte aufmerksam den Gottesdienst an, las die deutsche Uebersetzung und äußerte beim Verlassen dis Gotteshauses. Das Alles könnte ganz getrost in der Kirche gebetet werden. Es wurde ihm lakonisch erwidert: Die Tochter kann eben die Mutter nicht verleugnen. Der Judenhaß mag sich krümmen und winden, wie er will, das Verhältniß, das die Geschichte geschaffen, .kann er nicht aus der Welt bannen. Judenthum und Christenthum bleiben für Jedermann im Verhältnisse: „Mutter und Tochter". Selbstverständlich mußte die Mutter mit Schmerz beobachten, die Tochter wandle einen Weg, der nicht der althergebrachte ist, mußte die ganze Scala menschlicher Leidenschaften empfinden, als die Tochter sich immer mehr vom Familienherde trennte, feindselige Gefühle offenbarte und zuletzt vor keiner Gewaltthat zurückschreckte, um der alten Mutter den Garaus zu machen. Wäre das jüdische Schristthum aus den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt vollständig erhalten, so hätten wir ohne Zweifel ein klares Bild des Schmerzes, des Aergers, des Zornes und der Verzweiflung der Mutter über das Ber-