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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-04-10 · 15 (10.4.1896) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
15 (10.4.1896)
Date
1896-04-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15 Dr. Vloch's Wochrnfchrifi. Seite 295 geschwiegen. Einige blos, die noch nicht ganz vom Antisemitismus inficirt sind, registrirten dieselbe, keine einzige Zeitung eommentirte die edle Handlungsweise des Juden Baron G ü n z bu r g s das wäre ja nicht opportun, ebenso wie man bei uns „Nathan der Weise" nicht gibt, aus denselben Gründen wurde die edle Handlungsweise des jüdischen Millionärs vollständig ignorirt. Ein weiser Jude auf der Scene — ein edler Jude im Leben — wo bliebe da der Antisemitismus, wo sollte er daun die zu seiner Existenz nothwendige Nahrung finden, wenn er die Thaten des weisen und edlen Juden verherrlichen helfen sollte. . . . Der Kaiser soll von der Handlungsweise Günzburg's erfahren mrd sich darüber sehr anerkennend geäußert haben. Unlängst stellte sich Baron Horace Günzburg Sr. Majestät vor und Nicolai II. empfing ihn sehr gütig. Doch dadurch, daß Kaiser Nicolai den: Baron Günzburg die Hand gereicht, wird die Lage des Judenthums durchaus nicht besser oder dürfte man sich rosigen Hoffnnngen hingeben. Die Huld, welche seitens hoher Herren dem einzelnen Juden gelegentlich bewiesen wird, hat nicht den geringsten Einfluß auf die Lage des gesammten Judenthums. Der niedrigste Polizeibeamte fährt unbeirrt fort, das gehetzte Wild zu verfolgen, während der jüdische Sculptor Leopold Bernstamm im Winterpalais neben der jungen Kaiserin sitzt und ihre Büste modellirt. Der junge talentvolle Bildhauer, der seinen ständigen Aufenthalt in Paris hat, wo er Director des Kuses Orevö ist, weilt feit einiger Zeit wieder hier. Er hat in Paris die Marmorbüste des Kaisers vollendet und dieses Kunstwerk selbst hergebracht. Die Kaiserbiiste ist in der That ein Meisterwerk geworden und hat in den höchsten Kreisen bedingungslose Anerkennung gefunden. Als Beweis, daß Nilvlai II. mit der Bernstamm'schen Arbeit zufrieden ist, kann die Thatsache dienen, daß der Kaiser dem Künstler beauftragt, auch Ihre Majestät die Kaiserin, seine erhabene Gemahlin zu modelliren. Herr Bernstamm hat auch diese hehre Aufgabe sehr glücklich gelöst, mrd es war geradezu wunderbar, zu sehen, wie sich die tobte Thonmasse unter seinen kunstfertigen Händen belebte und mau aus derselben die Conturen eines schönen, stolzen Frauenkopfes hervortreten sah. Der Bildhauer wird die Büste der Kaiserin in Marmor gleichfalls in Paris meißeln. Hoffnnngen nnd Befürchtungen. Ich wiederhole, daß alle diese (freilich sehr tröstlichen mib erfreulichen) Erscheinungen der Neuzeit — man könnte auch noch manche andere derartige registriren - nicht den geringsten Bezug auf die Lösung der schwebenden Judenfrage im 'Allgemeinen haben. Dieselbe hängt von zwei ganz anderen Factoren ab. In unserer Regierungssphäre machen sich zwei verschiedene Strömungen bemerkbar: Die eine möchte die Tradition der Reformperiode Alexander II. wieder in's Leben rufen und die unter dem Regime des Zaren-Befreier begonnene friedliche innere Umwälzung erweitern und deren Früchte consolidiren; die andere strebt eifrig darnach, das System Alexander III. unverändert fortbestehen zu lassen. Welche von diesen beiden Parteien beit definitiven Sieg davontragen wird, läßt sich schwer bestimmen, und das Schicksal der fünf Millionen Juden hängt davon ab, gleichviel ob Baron Günzburg noch so großherzig und der Bildhauer Bernstamm noch so talentvoll ist. ' Die Reformpartei hat unstreitig mehr Chancen und unterliegt es keinem Zweifel, daß der junge Kaiser mit ihr mehr sympathisirt. Doch kommen verschiedene Umstände hinzu, welche den Sieg dieser Fraction erheblich erschweren. Es machen sich gewisse unterirdische "Einflüsse bemerkbar/welche die Anstrengungen der Fortschrittspartei zu neutralisiren bestrebt sind, was ihnen auch theilweise gelingt. Diesem mächtigen Einfluß hat man es wahrscheinlich zu verdanken, daß von allen Confessionen Rußlands die jüdische allein nicht bei der im Mai dieses Jahres bevorstehenden Kaiserkrönung repräsentirt sein wird. Katholiken und Lutheraner, Muselmänner und Karaiten, ja sogar Lamoiten, das sind Götzendiener, Heiden, werden ihre geistlichen Vertreter bei der Krönung haben. Nur wir sind das Aschenbrödel, das man nicht gewürdigt hat, zum Bankett einzuladen; uns, die Träger der reinen Gottesidee, setzt man zurück, um den Götzendienern einen Ehrenplatz anzuweisen. Die Strömung ist einstweilen eine derartige, daß selbst Lamaiten und Buddhisten — letztere hatte ich zu erwähnen vergessen, sie werden auch in Moskau repräsentirt sein — der Vorzug vor den Juden gegeben wird. Und wenn sogar in der höchsten Regierungssphäre Etwas zu Gunsten der unglücklichen Parias geplant und effectuirt wird, so kommen die niederen Executivorgane uui> neutralisiren die beste Absicht der Regierung. Es ist nämlich an die Provinzialgouverneure ein vertrauliches ministerielles Rundschreiben erlassen worden, mit der Aufforderung, zu berichten, welche Gunst man der indischen Bevölkerung gelegentlich der Kaiserkrönung erweisen könnte. Ich will kein Prophet sein, aber ich fiirchte sehr (und würde vom Herzen wünschen, durch die Ereignisse dementirt zu werden), daß diese Anfrage schwerlich eine derartige Beantwortung zur Folge haben dürste, welche für uns in der That heilbringend wäre. Es ist ja , der Willkür der Gouverneure anheimgestellt worden! Und es ist ja leicht möglich, daß manche die Antwort ertheilen werden, daß die Juden nichts Sehnlicheres wünschen, als eine Beschränkung ihrer gar zu großen Rechte, eine fernere Einengung des gar zu weiten Ghettos und daß schließlich für sie die Thüren sämmtlicher mittleren nnd höheren Lehranstalten geschlossen werden, damit kein Strahl der Aufklärung in das Dunkel dringe. Leider ist uns der Wortlaut der Fragestellung unbekannt, denn davon hängt sehr viel ab. Tie Bureaukratie versteht es sehr gut, aus dem Tone der an sie seitens der höheren Regierung gerichteten Frage zu errathen, in welchen! Sinne etwa die Antwort gewünscht wird. Als der einstige Minister des Innern unseliger! Andenkens Graf N. P. Jgnatjew seine gegen das Judenthum gerichteten drakonischen Maßregeln (welche als Ausgangspunkt sämmtlicher späteren Verfolgungen, Bedrückungen und Beschränkungen dienten) vorbereitete, wollte er denselben doch einen gewissen Schein von Berechtigung geben und wandte sich daher an die Provinzialgouverneure mit einem Rundschreiben, rvelches die Frage enthielt': „Inwiefern sind die Juden für die Bevölkerung Rußlands schädlich'?" Diese Fragestellung des damals allmächtigten Ministers an seine Untergebenen enthielt für die Letzteren bereits die keineswegs mißzuverstehende 'Andeutung, in welchem Sinne eine 'Antwort gewünscht und erwartet wird. Hätte Graf Jgnatjew lvirklich so eine Art von Plebiscit insceniren wollen,' um seitens der Gouverneure der von Juden bewohnten Provinzen die Wahrheit zu erfahren, so hätte er die Frage stellen müssen: „Sind die Juden dem Lande und der Bevölkerung schädlich oder nützlich? Dann wäre auch die Antwort ganz anders ausgefallen. Aber der „Mephistopheles des Orients", der „Vater der Lüge" kümmerte sich höchstwenig um die Wahrheit. Ihm war es blös ein Bedürfniß, seine Verfolgungswuth einigermaßen zu motiviren. Und trotz dieser so perfide gestellten Frage fanden sich so ehrenwerthe Gouverneure, die sich durch die Fragestellung des ehemaligen Diplomaten am goldenen Horn nicht beirren ließen, sondern freimüthig erwiderten, daß ihrer Ansicht nach die Juden nicht nur nicht schädlich, sondern absolut nützlich seien, so daß man ihre Rechte nicht nur nicht ferner beschränken, sondern erheblich erweitern möchte, da die übrige Bevölkerung des Reiches nur gewinnen würde. Ebenso selbstverständlich ist es, daß der antisemitische Minister diese für ihn nicht sonderlich ersteulichen Berichte in den Papierkorb warf. Ein weiteres symptomatisches Zeichen der Zeit ist noch zu notireu. Es handelte sich nämlich um Sibirien und inwiefern dieses der Cultur baldigst durch die Eisenbahn zu eröffnende Eldorado den Juden zugänglich gemacht werden sollte. Bekanntlich haben Großindustrielle, Kaufleute erster Gilde und Inden mit akademischem Grade das Recht, überall zu wohnen, folglich auch in Sibirien. Und da machte sich im Senate (wo diese Frage von etlichen philosemitischen Senatoren zu dem Zwecke angeregt worden, um die Rechte der Juden in Bezug auf das riesige Sibiriengebiet zu erweitern, um in diesen noch urbar zu machenden Welttheile ein thätiges, rühriges Element hineinzubringen, welches als Sauerteig dienen und bei der schläfrigen Urbevölkerung die Stelle der belebenden Hefe vertreten sollte) eine merkwürdige und ganz unerwartete Erscheinung bemerkbar — der Antisemitismus kam plötzlich zum Vorschein, nahm einen Ehrenplatz au deni hufeisenförmigen Berathungstisch ein und betheiligte sich lebhaft an der Debatte, die Dank ihm die Gemüther der sonst so ruhigen patres patriae erregte und bis zum Siedepunkte erhitzte. Und siehe da, der Gast holte aus dem Archivstaub der Vergangenheit ein vergilbtes Document, ein Gesetz aus dem Jahre 1835 hervor, welches allen Juden ohne Ausnahme den Aufenthalt in Sibirien, ja das Betreten dieses Gebietes strengstens verbietet. Damals, vor 60 Jahren, gab es noch keine Juden, welchen das Gesetz Prärogativen gewährte, die sie mit der übrigen Bevölkerung gleichstellten und diese archivische Verordnung holte der dieser denkwürdigen Senatssitzung beiwohnende 'Antisemitismus aus dem Staube der Vergessenheit hervor, hauchte ihr neues WkXi J 1

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