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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-04-10 · 15 (10.4.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
15 (10.4.1896)
Date
1896-04-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 294 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 15 giltig entschieden werden; wenigstens ist sie für die bevorstehende Herbstsitzung des Reichsrathes ans die Tagesordnung gesetzt. Welches das Resultat der Reichsrathsdebatte in besagter Frage sein (wird, läßt sich nicht voraussehen, doch wäre es sehr zu wünschen, daß mit diesem Hangen und Bangen aufgeräumt werde und daß wir doch endlich erfahren, was wir zu hoffen, was wir zu befürchten haben. Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Uebrigens soll unsere Sache durchaus nicht so schlecht und verzweifät stehen, als man überhaupt voraussetzt. Der junge Kaiser ist unstreitig von den besten Gesinnungen beseelt und hat sich bei manchen Gelegenheiten nicht zu Ungunsten der Juden ausgesprochen. Folgender authentischer Jncident charakterisirt die Gesinnung des jungen Monarchen. Der Minister der Wegecommunication Fürst Chilkow, der unlängst von einer Jnspection der im Bau begriffenen großen sibirischen Eisenbahn nach Petersburg zurückgekehrt war, erstattete dem Kaiser Bericht über den Zustand dieser giganttschesten aller Schienenstränge der Erde und beklagte sich unter Anderen über den Mangel an Ingenieuren, wodurch der Ausbau der Bahn behindert werde. Der Kaiser drückte darüber sein Erstaunen aus und fragte den Minister, ob es denn in der That Rußland an tüchtigen Technikern mangele. Der Minister schien durch diese an ihn ex abrapro gerichtete Frage außer Fassung gesetzt und erwiderte zögernd, daß es freilich noch eine Anzahl von Ingenieuren gebe, die man verwenden könnte, die man aber nicht verwenden dürfte. — Und warum denn nicht? fragte erstamtt der Kaiser. — Weil sie Juden sind! erwiderte Fürst Chilkow. — Verbietet denn das Gesetz, jüdische Ingenieure beim Eisenbahnbau zu beschäftigen? ftagte der Monarch, dessen Stirn sich faltete. — Das gerade nicht, Majestät, erwiderte zögernd der Minister, aber die Traditton der Neuzeit und die geheimen Vorschriften meiner Vorgänger gestatten das nicht. — Der Kaiser war sehr ernst geworden und nach einigem Nachdenken sagte er dem Minister streng: „Lassen Sie die Tradition und die Vorschriften und handeln Sie stricte nach dem Buchstaben des Gesetzes^ Ich verlange überhaupt, daß man stets auf dem Boden der Gesetzlichkeit bleibe; ich erkenne den Spruch „1» legalit£ nous tue“ nicht an mtb verlange, daß die Gesetze respectirt werden, gleichviel auf wen sie Bezug haben. Ich will keine willkürliche Deutung." Diese von Humanität und Gerechtigkeit durchdrungenen Worte des jungen Monarchen hatten zur Folge, daß mehr als 40 jüdische Ingenieure, die ihre auf der Hochschule erworbenen Kenntnisse nicht verwerthen konnten, vorzügliche Stellungen an der sibirischen Eisenbahn bekamen. Unter diesen derartig aus dem Dunkel der Unthätigkeit hervorgezogenen Ingenieuren befindet sich mich ein ehemaliger Rabbiner, der den Talmud beseitigt und sich dem Jngenieurstudium gewidmet hat. Dieser Mann ist eine so eigenthümliche Erscheinung, daß es der Mühe Werth ist, über ihn einige Worte zu sagen. Der Abkömmling einer langen glorreichen Ahnenreihe von Rabbinern, die in Wilna, Kempen, Grodno und Dünaburg functionirte, ablolvirte dieser junge Mensch seine talmudischen Studien in der Jeschibah vonMoleschny, erhielt daselbst die testiwouiuw maturitatis (Smiche), welche ihn die Function eines Rabbiners auszufüllen ermächtigte, ward dann verheiratet (mit 19 Jahren), und in Erwartung einer Vacanz beschäftigte er sich ferner' mit Talmudstudien. Er war bereits Vater mehrerer Kinder, als der Geist der Zeit seine mächtige Hand auf ihn legte und ihn gebieterisch aufforderte, in die Arena zu treten und Antheil an dem Kampfe der Menschheit zu nehmen, anstatt sein Leben hinter staubigen Folianten zu verlieren. Der junge Rabbinatscandidat, von Wissensdurst getrieben, verließ Frau und Kinder und ging nach Petersburg. Ohne die geringsten Vorkenntuisse (er war selbst der russischen Sprache nicht mächtig, sprach blos den jüdisch-deutschen Jargon) gelang es ihm (trotz seiner Mittellosigkeit), sich im Laufe eines Jahres so weit selbst (ohne jegliche Beihilfe) vorzubereiten, daß er das Examen des Jngenieurinstitutes glänzend bestand, ein Erfolg, der umso höher anzuschlagen ist, da die Anforderungen, welche diese Hochschule stellt, außerordentlich groß sind und dieselben in Bezug auf jüdische Candidaten noch bedeutend verschärft werden. (Gegenwärtig ist Juden der Eintritt in dieser Anstalt überhaupt nicht gestattet.) Und der Rabbinatscandidat beendete seine Studien und ist gegenwärtig H a u p t i n g e n i e u r an der sibirischen Eisenbahn und leitet die Arbeiten dieses Schienenstranges, welcher Asien mit Europa verbinden soll. Der Name dieses bemerkenswerthen Autvdidactcn ist Jtzig Ber Günzburg. Und dergleichen genial veranlagte Persönlichkeiten finden Sie unter den russischen Juden durchaus nicht vereinzelt. Trotz unerhörten Druckes bricht sich der jüdische Genius sicher den Weg und leuchtet auf allen Gebieten hervor. Mir sagte der Director des hiesigen Conservatoriums : „Wenn wir keine jüdischen Zöglinge hätten, wir würden längst gezwungen sein, die Bude zu schließen." Das von dem Juden Rubinstein gegründete Conservatorium (dessen langjähriger erster Director er war) hatte nachmals als Director den Juden Dawidow, den berühmten Cellisten, dann die Professoren Auer, W ers ch tilo wits ch, Blum enfeld, N i s s e n-S ch a l o m e r und noch viele Andere, alles Semiten und wenn Sie von einem talentvollen Schüler oder einer hochbegabten Schülerin des Petersburger Conservatoriums (sei es auf dem Gebiete der Instrumentalmusik, des Gesanges, der Composition) hören, so können Sie in den meisten Fällen a priori sagm, daß sie Juden sind.... LX. Epilog zum „Falle" Günzburg. Da ich den Namen des Ingenieurs Günzburg erwähnte, so kann ich nicht umhin, noch eines Günzburg zu gedenken, der letzthin der Held des Tages war und viel, sehr viel von sich reden machte. Das ist der Baron Horace Günzburg, der Chef der einst so wohlbekannten und renommirten Bankierfirma, über deren Zahlungseinstellung ich Ihnen seinerzeit eingehend berichtete. Nachdem die Firma infolge lügenhafter Versprechungen des ehemaliger: Finanzministers Wyschnegradski in die Enge getrieben war und sich gezwungen sah, ihre Zahlungen einzustellen, hat sie sich in der Folge ihrer sämmtlicher: Verbindlichkeiten entledigt und allen ihren Gläubigern nicht nur das Capital, sondern auch den vollen Bettag der Zinsen für die ganze Zeit ausgezahlt, ein Fall, der in den Annalen unserer Finanzwelt geradezu einzig dasteht. Doch auch dieses schien Baron Horace Günzburg nicht eine genügende Revanche zu sein; er schien es geradezu darauf abgesehen zu haben, Freund und Feind durch seine Großherzigkeit zu überraschen und den Ariern zu zeigen, daß wir Semiten doch bessere Menschen sind. Der interessante Sachverhalt ist folgender : Bald nachdem die Firma Günzburg vor etwa vier Jahre:: ihre Zahlungen eingestellt hatte, begannen unheimliche Gerüchte zu circuliren, die da besagten, daß einem ungeheuren Passiv ein ganz nichtiges Activ gegenüberstehe, so daß die Gläubiger überhaupt nichts bekommen würden, (da die Kosten der Administtation das geringe Activ verschlingen dürften) im besten Falle jedoch nur einen ganz winzigen Perzentsatz zu erivarten hätten. Viele ließen sich durch diese Alarmnackrichten einschüchteru, ihre Forderungen um jeden Preis zu verlausen. Es fanden derartig zahlreiche Verkäufe statt, und zwar von 40 bis 50 Percent des nominellen Werthes der Forderung. Späterhin, nachdem sich die öffentliche Meinung etwas beruhigt und die Sachlage sich günstiger gestaltete, zahlte man höhere Preise, 60 ja 70 Percent. Viele Hunderttaufende von Rubeln sind auf diese Weise einerseits verloren, andererseits gewonnen worden. Selbstverständlich, daß diejenigen Gläubiger, welche sich durch die beunruhigenden Gerüchte hatten einschüchtern lassen und ihre Forderungen mit Verlust verkauft haben, Ursache hatten, ihre Voreiligkeit bitter zu bereuen, als Baron Günzburg die Schulden der Firma vollauf und noch mit Zuschlag von Zinsen bezahlte. Doch dabei war nichts zu machen. Wer sich einmal seiner Forderungen entäußert hatte, der konnte doch keine ferneren Ansprüche erheben. Und jetzt stellen Sie sich das fteudige Erstaunen dieser Leute vor, als plötzlich in den hiesigen Zeitungen eine Kundgebung erschien, in welcher Baron Horace Günzburg uri>i et orbi erklärte, daß alle diejenigen, welche ihre Forderungen mit Verlust verkauft haben, sich bei ihn: zu u:elden hätten, um die Differenz plus Zinsen ftir das Gefammtcapital zu empfangen. Diese Großherzigkeit kan: so überraschend, schien so unglaublich (besonders da sie in Bezug auf Leute geübt wurde, welche ihr Mißtrauen gegen die Firma so demonstrativ manifestirt hatten und folglich doch wahrlich keine Ansprüche auf zarte Rücksichten hätten), daß man das Ganze anfangs für eine Mystifikation hielt. Man hatte jedoch baldigst Gelegenheit, sich von der Authenttcität dieser merkwürdigen Thatsache zu überzeugen, denn die „Differenzen" wurden bei Heller und Pfennig ausgezahlt. Merkwürdigerweise hat die Majorität, unserer Zeitt:ngen diese Thatsache (welche schwerlich ein Präcedenz hat) ganz todt-

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