Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-04-10 · 15 (10.4.1896) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
15 (10.4.1896)
Date
1896-04-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021132-3021131--05531-3029749
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 15 Dr. Vloch's Wochenschrift Schulchan-Aruch studirten. Ja, die 'Antisenliten bringen diesem uralten Werke ein solch'Interesse entgegen, daß ein Satyriker vor einigen Jahren mit Recht es unternehmen konnte, das folgende moderne Situatiousbild als ein dem Leben abgelauschtes zu zeichnen: Schauplatz: Ein elegantes Boudoir. Gräfin 36., eine dreißigjährige Blondine, liegt auf einem Sopha, vertieft in der Lectüre eines Buches, als ihre Freundin, die fünfundzwanzigjährige Baronin B., hereinrauscht' Baronin B.: „Was liest Du da, Mizzi? Vielleicht auch das jüngste Werk Zola's, das ich verschlungen? Ach, ich schwärme für Zola! Diese Poesie im Naturalismus, dieser Naturalismus in der Poesie! Sein „La terre“ ist mein Himmelreich . . . von dem träume ich ... Gräfin 36.: „Du irrst, meine Theure, ich lese nicht „La terreJ ich lese den Schulchan-Aruch." Baronin V.: „Was ist das für ein exotischer Roman?" Gräfin 36.: „Ach, das ist kein Roman, das ist das Gesetzbuch der Juden und besteht aus vier großen Folianten." Baronin B.: „Und diese vier Folianten wollen Sie zu Ende lesen?" G r ä f i n 36.: „O, ich lese nur den ersten Theil, der in deutscher Uebersetzung von einem trefflichen Herrn erschienen ist. Ach, wenn Sie wüßten, was für interessante Dinge in diesem Buche Vorkommen! Da wird vom Tallis erzählt, von Tephillin, von Träumen, Ehe und anderen höchst pikanten Dingen. . . von Vorschriften für die Gattin, von ihren Rechten und Pflichten. Allerdings Vorschriften, die in ihrer außerordentlichen Züchtigkeit einen Contrast zu den naturalistischen Romanen bilden. . . .Aber interessant, sage ich Ihnen, theuerste Freundin, unendlich interessant!" Baronin B.: „Ach, das Buch Schulchan-Aruch muß ich mir gleich holen lasten. . . . Das muß ich lesen." Die Sehnsucht nach dem Schulchan-Aruch war bei den Judenhassern stets eine unsäglich gewaltige und das Werk des Herrn von Pavly, das vor nkehreren Jahren angekündigt wurde, sollte angeblich dazu dienen, eine Uebersetzung desselben zu bieten. Hei, welche gewaltige Posaunenstöße der Reclame drangen damals für dasselbe in die Welt! Die antisemitischen Blätter, allen voran das damals hochantisemitische „Vaterland", machten dem Unternehmen die lärniendste, die begeistertste Reclame. So schrieb das „Vaterland" z.B. in der Nummer vom16. Juni 1887 u. A.Fvlgendes) „Die Publication beginnt in jüdischen Kreisen gewaltiges Aufsehen zu erregen. Es handelt sich um die von mehreren deutschen Gelehrten unternommene Uebersetzung des Schulchan- Aruch, jenes Buches, lvelches die Satzungen und das Rituale des sogenannten orthodoxen Jndenthnms enthält. Der „Osservatore Cattolico" will nun erfahren haben, daß die Oberrabbiner von Berlin, Hamburg, Amsterdam, Kopenhagen, Lemberg mtb Krakau verkündeten, es sei für Juden eine Sünde, diese Publication durch Abonueinent zu unterstützen." Natürlich war das alles erlogen, erlogen, wie die weitere nichtswürdige Behauptung desselben ultramontanen römischen Blattes, „das jüdische Gesetz befehle, die Verfasser von solchen indiscreten „Uebersetzungen" einfach bei Seite zu schaffen! Zum Beweis dieser frechen Lüge wurde vorgebracht, Dr. P i n n e r, der eiue Talmudübersetzung begonnen, sei vergiftet worden! Die frommen Lügner wußten zwar, daß Dr. Pinner m e h r e r e Decennien, nachdem er die Talmudübersetzung begonnen, im 80. Lebensjahre eines natürlichen Todes gestorben ist - aber das genirte sie nicht. Das „Vaterland" und die ganze antisemitische Presse war unermüdlich thätig, das Werk Pavly's anzupreisen und zu verherrlichen, und wie das nur selbstverständlich ist, hat Professer Rohling, der im Original nicht vorwärts konnte, Alles gethan, um einer Uebersetzung den Weg zu bahnen. Wie erstaunt mußten die Leser der Verherrlichungsartikel im „Vaterland" sein, als sie in demselben Blatte einige Jahre später eine ganze Reihe von Mittheilungen zu Gesichte bekamen, die sammt und sonders dahin gingen, vor einer Gaunercompagnie zu warnen, zu der in erster Reihe der gefeierte, der gelehrte, der große Herr von Pavly gehörte. Der gewissenlose Mensch hatte sich damit begnügt, die Gelder der Subscribenten einznstrerchen und sodann die Lieferungen einzustellen. Die Sehnsucht der Antisemiten nach dem Schulchan-Aruch war von einem literarischen Hochstapler benutzt worden, um sich einiges Geld zu verschaffen. Herr von Pavly war durchgegangen, sein Verleger Marugg mit ihm^und sie hatten sich wohl redlich, wenn dieses Wort für ein solches Lumpenpaar paßt, iit die herausgeschwindelten Summen Seite 293 getheilt. Die Juden waren nicht neugierig, zu erfahren, was die stümperhaft gefälschten ersten Lieferungen der Uebersetzung enthielten und so zahlten blos die Antisemiten die Kosten des anmnthigen Scherzes. Daß das „Vaterland" ans die Gaunerei anftnerksam machte, nachdem es vorher den Gauner verherrlicht und gepriesen hatte, war allerdings merkwürdig genug, aber schließlich braucht es Niemanden zu überraschen. Ein Antisemitenblatt, und damals wollte das „Vaterland" nichts anderes sein, durfte sich schon derlei kleine Juconseguenzen erlauben. Man sollte nach alldem vermuthen, daß die Sehnsucht der ^Antisemiten nach einer Uebersetzung des Schulchan-Aruch eine kleine Abkühlung erlitten hätte. Das ist aber nicht der Fall. Ein Lump ist durchgegangen, aber sein begonnenes Werk ist geblieben und damit könnte so mußte ein Antisenlit wohl calculiren — man doch noch versuchen, zweierleizu erreichen: Erstens ein Geschäft zu machen, zweitens den Judenhaß zu schüren. Das ist Geschäft und Vergnügen zugleich. Die Mechitaristen-Buchdruckerei versendet einen Prospect, in welchem sie mit leidenschaftlichen ''Accenten die Nothwendigkeit einer Uebersetzung des „Schulchan-Aruch" betont. Der Prospect behauptet, daß die von der Marugg'schen Verlagshandlung Basel 1887 begonnene Uebersetzung „ans noch unaufgeklärten Gründet!" eingestellt worden sei. So viel Worte, so viel Lügen. Es gab keine Marugg'sche Verlagshandlung in Basel, wohl aber sind die Gründe, ans welchen die Pavly'sche Uebersetzung eingestellt wurde, hinlänglich aufgeklärt worden. Glicht nur von der „Oesterreichischen Wochenschrift", die in diesem Falle der Mechitaristen-Druckerei vielleicht nicht genügend verläßlich erscheint, sondern auch von dem „Vaterland", das wahrlich über jeden Zweifel erhaben ist, wenn es einmal eine antisemitische Gaunerei als solche declarirt. Und. das hat das „Vaterland" dein Pavly'schen Unternehmen gegenüber besorgt. Angeblich soll der von der Mechitaristen-Druckerei vorbereiteten Uebersetzung die 'Arbeit eines gewissen H. G. F. L ö w e zu Grunde liegen, eines großeit Talmudkenners und Talmudlehrers, der urspriinglich zum Rabbiner erzogen, nachträglich zum Ehristenthnm^iibertrat und nach seiner Conversion an die Uebersetzung des Talmud und des Schulchan-Aruch schritt. Wenn nicht alle 'Anzeichen trügen, so steckt in der Haut des „berühmten" Talmudgelehrten Löwe wieder Niemand anderer als der „berüchtigte" Herr v. Pavly, der wieder nichts Anderes gethan, als das Fälscherwerk in* Brimanns mit seinem 'Namen zu decken. Tie Mechitaristen-Buchdruckerei behauptet, daß ihre Schulchau-Aruch-Uebersetznng einem dringenden Bedürfnisse entspreche. Es scheint in der That ein dringendes Bedürfniß bei gewissen Antisemiten vorhanden zu sein, die Sehnsucht nach dem Schnlchan-'Aruch zu eigennützigen Zwecken auszubeuten, und es fragt sich nur, ob sich noch immer Gimpel finden werden, die ihnen auch nach all den bisherigen Erfahrungen auf den Leim gehen werden. Ter Wunsch, daß die Juden als Wurzen die Kostendes Uebersetzungs-Werkes tragen mögen, indem sie es subscribireu — ist zweifellos auch diesmal vorhanden, aber die Juden werden wohl auch diesmal den Antisemiten nebst dem Vergnügen auch die Kosten des Unternehmens gönnen. Tie Mechitaristen haben allerdings auch vor Kurzem gezeigt, daß sie im gewissen Sinne vorurtheilslos gegen die Juden sind. Sie nehmen nämlich, wie man aus ihren ittterconfessionellen unermüdlichen Schnorrversuchen bei Jud und Ehrist entnehmen kann, auch gerne das Geld der Juden. Ter Erzbischof nicd Generalabt Arsenius Wdyn versendet noch immer im Namen der Mechitataristen-Congregation Bettelbriefe an Inden zu Gunsten der verfolgten Armenier, und seine Geistlichen propagiren gleichzeitig antisemitische Machwerke. O, diese frommen Arier! Die frommen Herrschaften würden gewiß es auch gerne sehen, wenn die Juden die Kosten der neuesten Lvwe'schen Schulchan-Aruch- Uebersetzung, die vermuthlich mit der älteren Pavly'schen identisch isst tragen würden. Diese Hoffnung ist aber eine trügerische. Tie Sehnsucht nach dem Schulchan-Aruch nürd eine rein autiseruitische bleiben. '■ '■ '■ Beitrag zur Geschichte der rustischen Juden. XXXIX. Nieolans II. und die südisckeu Ingenieure. Wir sind jetzt an dem Wendepunkt angelangt und dem Jahre 1896 scheint es beschieden zu sein, eine höchst wichtige Rolle in der Geschichte der russischen Juden, ja des gesummten Judenthums zu spielen. Die leidige Judenfrage soll im Laufe dieses Jahres end-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.