Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 292 Nr. 15 Dr. Vloch's WochrnphrM aber indifferenten Glaubensgetwssen, die unter den Wirkungen des Antisemitismus am wenigsten zu leiden haben, würden erst viel später Nachfolgen. Bei der Einwanderung nach der iwrdamerikanischen Union, in einen Staat mit festen socialen Verhältnissen und einer hoch entnnckelterr Cultur, müßten selbstverständlich die reichsten Juden und dann die bemittelten voraus! Ob aber die armen Juden uachrücken könnten, ist mehr als zweifelhaft, denn schon jetzt zeigen sich ja, wie Cohn selbst bemerkt, durch den Massenzuzug armer russischer Juden antisemitische Anwandlungen auch in Nordamerika. Durch die Vorschläge C o h n's würde also den reichen Juden, die es am wenigsten nöthig haben, geholfen, die Arnten, die am meisten angefeindet sind, blieben ihrem Schicksale überlassen. Aber gerade die wohlhabenden Juden werden an: wenigsten die Lust zeigen, ihre alte Heimat zu verlassen. Nicht Jedermanns Ehrgefühl ist so entwickelt wie das des hochgeschätzten Verfassers! Ethische Gesichtspunkte spielen im heutigen Völkerleben eine sehr untergeordnete Rolle. Die materiellen Interessen sind fast allein ausschlaggebend. Das hat H erz l begriffen und das hat seine Schrift vor jener Co h n's voraus. Wetm einmal die Auswanderungsfrage auf die Tagesvrdmrng der öffentlichen Discussion gesetzt wird, dann darf dies nicht jin der stillen Hoffnung geschehen, daß sie ein Schreckmittel für die Regierungen und Völker sein und daß die Aussicht auf den Verlust des jüdischen Großcapitals diese vom Antisemitismus heilen oder doch zu heuchlerischer Freundlichkeit gegen uns zwingen wird. Tie Lluswanderung kann mir Selbstzweck, das heißt, die wirkliche und dauernde Befteiung der Juden vom Hasse der arischen Völker sein. Damr aber muß sie wohlorganisirt, in großem Style, mttei* voller Garantie des Gelingens und auf Grundlage des souveränen Selbstbestimmungsrechtes des jüdischen Volkes tu Angriff getrommen werden. Jndeffeit denkt das Judenthum vorlärrfig nicht daran, sein Jahrtausend altes Bürger- und Heimatsrecht in Emqpa ohne Weiteres preiszugeben. „Einkehr!" In eirtem hochinteressanten Artikel nimmt auch Professor Dr. S t e i n t h a l zu detn Mahuworte Dr. Bernhard Coh n's Stellung. Professor S t e i n t h a l ist auch Einer von den Nationaljnden im besten Sinne des Wortes, aber sein trationales Selbstbewußtsein, der Stolz auf sein Judenchum behindert ihrt nicht, an der völkerverbittdenden Mission des jüdischen Stammes sestzuhalten. Wie die Vorkämpfer der Auswanderungsidee, so sagt auch er: „Ich biit der Ueberzeugung, daß, solange es Christen uird Juden gebett wird, zwischen ihnen Feindschaft bestehen wird!" Aber erhofft auf eine Zeit, in welcher die nationalen und confessiottellen Unterschiede aufhören werden. Und darum setzt er dem Rufe der Auswanderung den Ruf eittgegen: „Einkehr in uns selbst", das ist der jüdische Optimismus gegenüber dem jüdischen Pessimismus der Herren H e r z l und Dr. C o h n. Professor S t e i n t h a l schreibt unter der Ueberschrist: „Fürchte Dich nicht, Würmlein Jacob": „Was ist vas für eine göttltche Ironie! „Fürchte nicht, du hilfsbedürftiger Wurm?" — Hilfsbedürftig vor den Menschen, vor den Bestien in Menschengestalt; denn Gott „erlöst dich". Jeder Mensch hält sich für etwas Werthvolles; wer möchte sonst leben*? für sein Leben arbeiten? Für werthvoller als sichhält er seine Familie, derer sich selber verdankt. Das Werthvollste dünkt ihn die Gesammtheit der Familien, die sein Volk bildet. Darum hält sich jedes Volk für auserwählt. Und gut, daß es so ist, wenn diese Selbst-Meinung, dieser Stolz zu höherer Sittlichkeit führt — das Ganze und jeden Einzelnen darin; wenn das, worin sich ein Volk für ausgezeichnet hält, wirklich werthvoll, werthvoll für die Menschheit ist, bann ist das National-Bewußtsein nicht nur ein Band, das die Einzelnen fest an einander knüpft und wodurch das Volk zu einem beseelten Ganzen gestaltet wird; sondern während es zunächst zu trennen scheint, indem sich dadurch Volk gegen Volk stellt, lo verbindet cs gerade die Volker, indem sich die feinsten Fäden des Aufzugs in dem geistigen Webstuhl des einen Volkes in den Einschlag des Gewebes des anderen Volkes fortsetzen; und so gestaltet sich eine wirkliche gemeinsame Arbeit der Menschheit. „Klingt das nicht schön? ist das nicht richtig gedacht? Verhält es sich denn aber auch wirklich so in der Geschichte? zumal in unserer Geschichte, der der Juden? Ach nein! Laffen wir heute die Völker überhaupt bei Seite, sehen wir nur auf uns! Zst denn das jüdische National-Bewußtfein nicht werthvoll für die Menschheit? Gehen denn vom jüdischen Geiste nicht die zartesten, tiefst eindringenden Fäden in die Geister der cultivirtesten Völker? — Nein! Die Zeit ist immer noch nicht da, wo Israel die Reiche „Assur und Aegypten" mit einander verbindet; es ist immer noch nicht erkannt. Noch gilt das jüdische Bewußtfein, gerade weil es international, weil es kosmopolitisch ist, für ein von allen Völkern trennendes Element; und darum, ihr mögt protestiren, soviel ihr wollt, soll es, sagt der Patriarch, ein getrenntes Element bleiben; ausgeschlossen, sagt er, von dem menschheitlicheu Volker-Verein. Ihr sagt: sind wir nicht Deutsche? Wenn wir dichten, dichten wir nicht deutsch? wenn wir philosophiren, Philosophiren wir nicht deutsch? wenn wir Vermögen schaffen, bereichern wir damit nicht das deutsche National-Bermögen? Wir sind Deutsche und wollen deutsch sein. Geht, antwortet man euch, ihr gehört nicht zu uns. „Sollen wir uns nun lossagen vom jüdischen Bewußtsein? Wer da glaubt, es thun zu können, zu dürfen, der mag es thun. Ich thue es nicht und rathe nicht dazu. Laßt euch nicht irre machen, fürchtet euch nicht! Ist nicht Gott, wie wenig wir auch von ihm wissen, das Beste unserer Habe, das Liebste unseres Herzens, der treueste unserer Freunde? Und dieser Gott ist freilich der Gott aller Völker, zumal heute der Gott aller geistig höher stehenden Völker. Wo aber ist ein Volk, welches sagen darf, wie wir: „Unser Gott und Gott unserer Väter". Der Deutsche? Der Gott seiner Väter, war Wuotan und Fria, Donar und Sif u. s. w. Oder der Grieche? oder der Franzose? Nein, nur wir sagen: „Unser Gott und unserer Väter Gott". Von diesem Gotte sich lossagen!? und thut das nicht der Jude, der sich von seinen Vätern lossagt? „Das ist nicht „Menschen-Mäkelei", wie man uns vorwirft. Dieser Vorwurf trifft alle anderen Völker, vur uns nicht, trifft alle die, welche sich für auserwählt hielten, wie Griechen und Römer, oder halten, wie Engländer und Franzosen; sie kennen außer sich nur Vieh oder Barbaren. Das ist Menschen-Mäkelei. Von den Juden aber kommt der Glaube au die Wahrheit und die Idee vom Kampfe zwischen Wahrheit und Jrrthum, weil diese beiden sich nicht neben einander vertragen. Vielgötterei ist Jrrthum; etwas anderes hat Israel nie gegen ein anderes Volk gehabt. Unser und unserer Väter Gott ist nicht der „bessere", sondern der einzige; und wir haben nicht gesucht, ihn der ganzen Welt „aufzudringen", sondern haben immer nur gefürchtet, die anderen Völker, an andere Vorstellungen gewöhnt, könnten den Gedanken des Einzigen fälschen. Auch haben wir nicht unfern „Stolz auf Christ und Muselmann vererbt", denn unser Stolz ist ein ganz anderer als jener. Und abgesehen davon, wer hieß euch den verdammenswerthen Stolz annehmen, ihr erlauchten Völker, Griechen, Römer, Germanen? Schlagt euch doch an die Brust und fragt euch, ob es etwas anderes war, was euch zu diesem Stolze führte, als eure uralte Menschen-Mäkelei. Ihr wäret gewöhnt, auf die anderen Völker herabzusehen, und diese Gewohnheit setztet ihr nun in dem Edelsten fort, was der Mensch haben kann, im Gottesglauben. Das hat sich leider in „schwärzester Gestalt" gezeigt, in Palästina nicht mehr als in Deutschland. Unser Stolz ist Gott) euer Stolz ist Welt-Herrschaft. „Fürchte Dich nicht, Würmlein Jakob, sei stolz auf Gott und nur auf ihn. Was ist der Stolz auf Gott? Demuth. Laßt euch nicht irren irgend welches Gerede, ihr seiet das und jenes. Trifft euch der Vorwurf — prüfet genau — so lasset das; trifft er euch nicht, so geht ruhig eures Weges. Trifft er euch, aber ihr meint — nach genauer Prüfung — das sei gar nicht schlimm, sei sogar recht und gut: so thut das weiter. Eines aber (es ist euch ja tausendmal gesagt) bedenket doch! Wir sind von Feinden umgeben, die unsere Schwächen ausspioniren. Israel aber ist ein Weib, und vom Weibe sagt man, dasjenige sei'das beste, von dem man am wenigsten spricht.' Also laßt euch so wenig wie möglich sehen, während ihr so viel wie möglich Gutes thut. Fürchtet euch nicht! Kommen wir nicht eben von jenem Abend, dem Szeder-Abend, welcher heißt: Nacht der Wachefeier", bb, wodurch wir erinnert werden sollen, daß Gott wacht? Also „fürchte nicht die Angst einer drohenden Nacht, weder den Pfeil, der am Tage fliegt (den offenbar brutalen Antisemitismus), noch die Pest, die im Dunkeln schleicht (den feinen versteckten), noch j>ie Seuche, die am Mittag verheert" (den Abfall der Ungetreuen). Gott wacht!" Die antisemitische Sehnsucht nach einer Schulchan-Aruch-Aeberfetzung. Schulchan-Aruch! Kaum ist dieser Name genannt und das Herz jedes Antisemiten schlägt lauter. Der Zauber des Geheimnißvollen, des Mystisch-Dunkeln, des Räthselhaften umgibt dieses Werk und die Feinde des Judenthums, mögen sie dem starkett oder dem schwachen Geschlechts angehören, fühlen sich von ihm magisch angezogen. Zu den Subscribenten des Schulchan-Aruch des Stephan Marugg und I. Pavly zählten seinerzeit die Prinzen Alfred, Alois, Franz und Heinrich von Liechtenstein, ferner die Damen Gräfin Clotilde Clam-Gallas, Gräfin Fünfkirchen-Liechtenstein, die Grafen von Blvme, Berthold, Rudolf Khevenhüller,. Zdenkv 'Kinsky, MarkgrafAlphons Pallavicim,Baron Dräsche und der treffliche Concordatsminister Freiherr von Bach, welcher in seiner politischen Zurückgezogenheit die jüdischen Gesetze stttdirte. . Es tvar gewiß eine hohe Ehre ftir das Judenthum/ wenn Gräfinnett uttd Fürstinnen anstatt der Romane von Zola den