Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 14 (3.4.1896)
- Date
- 1896-04-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14 Seite 373 Dr. Vloch's wochrnschrifi. Mittheilung, in welcher dem Vertheidiger unter Anderem dafür gedankt wird, daß er diesen Proceß angestrengt habe, weil ja damit der Antisemitismus um einen mächtigen Schritt vorwärts gebracht wurde. Bei dieser Verhandlung werde der Antisemitismus Gelegenheit haben, den Beweis dafür zu erbringen, daß der Ritualmord kein Märchen sei. Mit begreiflicher Neugierde hat Redner nun dem Beweisverfahren entgegengesehen, allein die Drohung des Artikelschreibers erfüllte sich nicht. Es wurde gar nichts" bewiesen, weil eben nichts bewiesen werden konnte. Um nun offen zu sprechen, so bestand der Zweck jener Drohung darin, daß wir davon abgeschreckt werden sollten, diese Angelegenheit vor das Schwurgericht zu bringen. Doch auch in dieser seiner Berechnung hat „Magyar Allam" sich geirrt. Wo ist denn der Geist der Aufklärung, damit er das verdammenswerthe Joch, das seine Schritte hemmt, von sich abschüttle, damit er den Schmutz entferne, der an dem ganzen Jahrhundert wie ein riesiger Schandfleck haftet? Wo sind denn die Männer der Wissenschaft, die Bibliotheken zusammengeschrieben haben über die modernen Ideen und Institutionen, daß sie ihr Veto nicht einlegen, im Namen der Arbeit, der Aufklärung, des Fortschrittes und des Friedens? Redner weiß es, da er selbst Jude sei und seine Religion wohl kennt, wie sehr aus der Luft gegriffen die Blutbeschuldigung ist. Er beruft sich aber auch mit Stolz darauf, daß er Ungar sei und wiewohl Jude, fühle er sich doch vor Allem als Ungar. Wenn er nun als religiöser Mensch spricht, sei es unmöglich, seinen Schmerz zu besiegen, wenn er als Ungar spricht, könne er das Gefühl der Schande jetzt, da er diese Anklage erhebt, nicht verwinden. Er weist auf ein Freskobild im Saale hin, welches die Verbrennung einer Hexe darstellt. Im letzten Augenblicke, eben da man die unglückliche Frauensperson auf den flammenden Scheiterhaufen werfen will, erscheint der weise König Koloman, der das erlösende Wort spricht: Es gibt keine Hexen. Und dies geschah im zwölften Jahrhundert, als auch noch in den gebildeten Staaten große Finsterniß herrschte. In Frankreich herrschte noch viel später der Glaube an Gespenster und in Spanien und Italien wurden Menschen wegen eines thörichten Aberglaubens vor die Inquisition geschleppt und zu Tode gemartert, um dem ganzen Jahrhundert den Stempel des schmachvollsten Barbarismus aufzudrücken. In nichts unterscheiden sich jene Hexenprocesse, jene abergläubischen Anklagen von der rituellen Blutbeschuldigung. Wenn von dem Anarchismus gesagt werden kann, daß er eine mit unmoralischen Mitteln zu unmoralischem Zwecke arbeitende unmoralische Bereinigung ist, dann steht dies ebenso vom Antisemitismus. Der Anarchismus benützt als Werkzeug Dolch und Dynamit, der Antisemitismus dje aus der Luft gegriffene, den Haß und den Fanatismus des Volkes wachrufende Blutbeschuldigung. Gleichwie der Anarchismus die Umwälzung aller gesellschaftlichen Ordnung bezweckt, setzt auch der Antisemitismus sich dies zu seiner Aufgabe. Doch während die Wortführer des Anarchismus zumeist ungebildet", mit Noth und Elend kämpfende Individuen sind, die eine solche Ordnung herbeisehnen, die ihnen gestattet, nicht mehr zu hungern, gehören die Apostel des Antisemitismus auch der sogenannten gebildeten Claffe an, die von Entbehrung nichts weiß. Wie richtig sagte doch der Fürstbischof Manning auf einem Meeting zu London: „Die antisemitische Bewegung erfüllt uns mit Abscheu, denn sie bezweckt nichts Anderes, als die gesellschaftliche Ordnung in ihren Fundamenten zu zerstören". Aehnlich äußerte sich auch der Erzbischof von Posen. Bei uns hat Cardinal Haynald in einem seiner Hirtenbriefe hervorgehoben, daß jeder vernünftige Seelsorger den Antisemitismus verdammen müsse. Von den Päpsten verurtheilte namentlich Jnnocenz IV. in einer seiner Bullen die Geistlichen, welche den Antisemitismus verbreiteten, und befahl ihnen, fürderhin nach Kräften zu verhindern, daß die Juden unterdrückt werden, denn der Antisemitismus widerspreche ja dem Wesen des Christenthums. Den Grundzug der Lehren Jesu drückt das eine Wort „Liebe" aus. Aus jedem Worte, aus jeder Handlung Christi spricht die Nächstenliebe. Und darum ist der Antisemitismus gerade vom christlichen Gesichtspunkte zu verurtheilen, denn seine Lehren widersprechen ja schnurstracks den Lehren Jesu. Es wird wohl noch die Zeit kommkn, da die Menschheit nur unter der Devise der Arbeit und der Ehrlichkeit arbeiten und einen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden nicht machen wird. Jede gerechte Idee muß einmal zum Siege gelangen, wenn auch nach Jahrhunderten. Der privatklägerische Vertreter befaßt sich sodann eingehend mit der Geschichte der Blutbeschuldigung. Anfangs wurde diese Anklage gegen die Christen erhoben. Die Heiden sagten nämlich, daß die Christen das Blut unschuldiger Kinder zu den Osterbroten und zum Weine benöthigen, da sie ja selbst behaupten, dies sei „vom Fleische und vom Blute Christi". - Genährt wurde diese Annahme durch den Umstand, daß zu jener Zeit thatsächlich zwei christliche Seelen existirten, welche den Körpern der Kinder mittelst Nadelstiche einige Tropfen Blut entnahmen und in den Wein gaben. Wie viel Christen mochten wohl dieser albernen Blutbeschuldigung zum Opfer gefallen sein. Gegen die Juden begann diese Beschuldigung erst um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts aufzutauchen. Die Verbreiter dieser Blutbeschuldigung berufen sich auf eine Stelle des Talmud, in welcher es heißt, es sei eine gottgefällige That, am Vorabende des Osterfestes christliches Blut zu benützen. Nun heißt „Adom" auf hebräisch „roth", Mensch jedoch heißt „Adam" und diese beiden Worte wurden nun in zweifellos böswilliger Absicht identificirt, um den Beweis für die Richtigkeit der Blutbeschuldigung gegen die Juden zu erbringen. Auch daran klammern sich die Antisemiten, daß der Talmud nirgends die Blutbeschuldigung widerlege. Nun wurde aber gegen die Juden zu der Zeit, als der Talmud geschrieben wurde, eine solche Anklage überhaupt nicht erhoben. Und wie leicht hätten die Juden im Allerthum dieses Blut benützen können, wenn dies überhaupt jemals der Brauch gewesen wäre. Als die Christen in Rom auf's Grausamste verfolgt wurden, da standen die Juden in großer Gnade bei den Cäsaren und bekleideten auch hohe Stellen. Trajan wollte den Judentempel wieder errichten, Julian brachte dem jüdischen Gotte Opfer dar, Julius Cäsar pries die Tapferkeit der jüdischen Soldaten und behauptete, daß er seinen Sieg über Ptolemäus hauptsächlich dem Muthe der jüdischen Legionen zu verdanken habe. Im achten Jahrhundert finden wir an den Ufern der Wolga jüdische Könige und bei den Khalifen standen die Juden in hoher Gunst. Und doch ist während dieser Zeit auch nicht eine einzige Klage darüber laut geworden, und selbst die verfolgten Christen erhoben gegen die Juden niemals eine derartige Beschuldigung. Der erbitterte Feind der Juden, der getaufte Eisenmenger, schüttet über die Juden in seinem Werke „Entdecktes Judenthum" eine Unzahl von häßlichen Anklagen aus, doch hinsichtlich der Blutbeschuldigung bemerkt auch er, daß dieselbe auf Lug und Trug gebaut sei. tWie viele Päpste haben im Laufe der Zeiten gegen diese sinnlose Beschuldigung geeifert. Jnnocenz IV., Gregor X., Marlin V., Paul III. und Clemens XITI. haben in ihren Bullen die Geistlichen, die einen solch thörichten Glauben im Volke nähren, mit der Excommunication bedroht. Wer nun die incriminirte Mittheilung auch nur flüchtig durchlieft, ist sofort darüber im Reinen, daß in dem Artikel der Gastwirth Ignaz Adler der Mitwirkung an dem Morde verdächtigt wird. Wenn der Angeklagte sich etwa damit verantworten sollte, daß er nicht verdächtigt, sondern blos Thatfachen registrirt habe, so erscheint auch diese Ausflucht angesichts der Schlußworte seines Manuskriptes hinfällig. Welches Resultat hat nun die beim k. Gerichtshöfe in Jpolysägh durchgeführte Unt-rsuchung zu Tage gefördert? Die erste Behauptung des Ärtikelschreibers, daß die kleine Jnliska Balazs um Branntwein zu Adler gegangen und nicht mehr zurückgekehrt sei. wurde widerlegt, denn" sechs Zeugen sahen das Mädchen mehrere Stunden später, nachdem es das Wirthshaus Adler's verlassen hatte. Die zweite Behauptung des Artikelschreibers, daß zur Zeit des Verschwindens Jnliska's bei Adler drei fremde Juden waren, wurde durch den Zeugen widerlegt, auf den der Angeklagte selbst sich berufen. Die Dienstmagd Adler's, Esther Kristüf, sagte nämlich beim Untersuchungsrichter, daß um jene Zeit keine fremden Juden bei Adler waren. Als unwahr erwiesen sich auch die dritte und vierte Behauptung des Artikelschreibers, daß Adler behauptet, dem Mädchen Branntwein gegeben zu haben, während in der Flasche Essig gesunden worden sei; ferner, daß Ad'er unmittelbar vor Auffindung der Leiche von einem Müllerburschen an dem kritischen Orte gesehen worden sei. Der betreffende Müllerbursche erklärte vor dem Untersuchungsrichter, daß er Adler an jenem Orte überhaupt nicht gesehen habe. Zweiundvierzig Jahre lang lebte Ignaz Adler in Garam-Kis-Sallo und während dieser Zeit kannte ihn dort Jedermann als ehrlichen, anständigen Menschen. Josef BalLzs selbst könnte es bezeugen, daß in Kis-Sallo alle Welt den alten Gastwirlh liebte und schätzte. Und da kommt plötzlich jene furchtbare Anklage. Ignaz Adler war bemüfftgt, sein Geschäft aufzugeben, und nach 42jähriger, ehrlicher Arbeit war er dazu verurtheilt, am Spätabend seines Lebens zu darben. Die Noth hätte er noch ertragen, doch die Schande, daß er als Mörder im Orte gelte. Vermochte er nimmer zu ertragen. Gebrochen an Körper und Geist, wurde er trübsinnig. Sein Sohn brachte ihn in die Hauptstadt, um hier einige Irrenärzte zu consultiren, doch der alte Gastwirth konnte nicht mehr in eine Heilanstalt gebracht werden, denn er wurde hier zum Selbstmörder. Ignaz Adler ist todt. Doch seine, das Andenken des Vaters Pietätvoll hütenden Kinder wollen die Schmach abwaschen, welche ihren Vater und dessen Familie getroffen und verlangen nun Genugthuung von den Geschwornen. Fällen Sie ein gerechtes Urtheil über die gewissenlosen Hetzer, die den Frieden, die schöne Harmonie unter den patriotischen Bürgern dieses Staates zerstören wollen. Möge das Verbiet des aus unabhängigen Bürgern gebildeten Geschwornengerichtes ein lautes Veto gegen das Vorgehen sein, welches die Bürger zum Haffe. gegeneinander aufstachelt, möge es ein lautes Veto gegen die gewiffenlose und sträfliche Agitation sein, welch« seit Jahrhunderten mit der rituellen Blutbeschuldigung getrieben wird. Erklären Sie im Namen der guten Patrioten, des Rechtes der Cultur und der Gerechtigkeit den Angeklagten Johann Fuß für schuldig! Nach einer kurzen Pause ergreift Vertheidiger Dr. Josef HortovLny itzdas Wort. Er betont zunächst, daß diese Anklage geradezu bei den Haaren herbeigezogen wurde, denn vergeblich habe er sich bemüht, in dem incriminirte n Artikel eine Verleumdung zu entdecken. Weshalb wurde eigentlich die Anklage, nachdem Ignaz Adler einen Selbstmord begangen, aufrechterhallen? Etwa deshalb, damit der Herr privatklägerische Vertreter seine mehr als einstündige Rede hersagen und sich damit brüsten |i c.» t. l: I 5.