Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 14 (3.4.1896)
- Date
- 1896-04-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 270 Dr. Vloch's Wochrnfthrist. Nr. 14 geendigt. V e r g a n i schließt seine Philippika mit der fein satyrischen Bemerkung, daß „die antisemitische Partei Verrath nie verzeche". Die Herren, die einander so porträtähnlich zeichnen, bieten damit der Welt nichts Neues. Daß Herr Lueger in allen Farben schillert und seine Helfershelfer in dem Augenblicke, wo er ihrer weiter nicht bedarf, bei Seite drückt, daß Herr K. H. W o l f nicht blos im bildlichen Sinne die Geschäfte S ch ö n e r e r's besorgt und an dem deutschnationalen Feuer auch sein eigenes Süppchen kocht, daß der unvergleichliche, Gott und den Gerichtssaal fürchtende Vergant nicht blos die Pauschalien der Judenbanken nimmt, daß die Christlich-Socialen die Deutschnationalen und diese wieder die Christlich-Socialen zu betrügen suchen — das Alles sind längst bekannte Dinge, und neu ist nur, daß die wackeren antisemitischen Bundesgenossen einmal selber mit der Wahrheit herausrücken und sich das Stigma der Lumperei auf die Stirne drücken. Politische Consequenzen darf man an diese reizende Balgerei nicht knüpfen. „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!" Auf uns macht die Ge schichte überhaupt den Eindruck einer plump inscenirten Comödie. Während der Anhang S ch ö n e r e r's D r. Lueger beschuldigt, daß er zu wenig deutschnational sei, werfen ihm die clericalen Blätter vor, daß er zu wenig clerical sei. Das sieht stark wie Gimpelfängerei aus. Herr Lueger steht neuerdings vor der Bürgermeisterwahl, und es muß chm Alles daran liegen, den Verdacht allzu^inniger Waffenbrüderschaft mit den Mannen Schönere r's oder allzu eifriger Parteinahme für die streitbare Kirche von sich abzuwälzen. Es paßt ihm sehr wohl in den Kram, wenn ihn momentan jene Leute befehden, in deren Namen der deutschnationale Bezirksausschuß Guttmann beim Wimberger erklärte, es sei „die Pflicht der deutschnationalen Gemeinderäthe, bei passenden Anlässen das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit unseren Brüdern im Deutschen Reiche zum Ausdruck zu bringen und auch jener Männer in unserem engeren Heimatlande oder außerhalb derselben zu gedenken, welche Hervorragendes für unser Volksthum geleistet haben und den Dank des deutschen Volkes verdienen." Der Gemeinderaths-Candidat Lu eg er hat die Deutschnationaleu dringend gebraucht, der Bür g e rmeister-Candidat Lueger kann sie an seinen Rockschössen nicht dulden. Vielleicht, ja gewiß, ändert sich das Bild wieder nach vollzogener Bürgermeisterwahl! Des Wiener „allen Tempels" 70 Jahre. (182«—1896.) Der 9. April 1826 war ein Freudentag für die Wiener. Kaiser Franz I., der Vater des Volkes, war nach einer nicht unbedenklichen Krankheit wieder zum erstenmale in der Mitte seiner Unterthanen erschienen, und diese Ausfahrt gestaltete sich zu einem wahren Triumphzuge. Jubelnd umringten die Wiener den Wagen, sie wollten die Pferde ausspannen und den Wagen fortziehen. Am Abend waren Stadt und Vorstädte ans das Glänzendste beleuchtet, jedes Haus schimmerte im Lichtermeer und Transparente gab es selbst in den ärmlichsten Hütten. Mitunter ganz originelle, so z. B. hatte ein armer Schuhflicker ein Transparent ausgehängt, auf welchem in großen Lettern das Wort „Hebern" und darunter ein Franciskanermönch prangte, das sollte heißen: „Uebern Franz is Kaner" Selbstverständlich blieb auch oie jüdische Bevölkerung nicht zurück, und dies umsomehr, als dieselbe in der Lage war, an diesem Tage ein Doppelfest zu begehen. Die Genesung des Monarchen und die feierliche Einweihung der ersten große n Synagoge Wiens, des Tempels in der Seitenstettengasse. Dieses Ereigniß war nicht blos ein historisches, sondern ein eminent cnlturelles fiir das Geistesleben der Wiener Juden, denn inan kann sagen, von dieser Zeit an datirt die Regenerirung ihrer socialen und Cultusangelegenheiten. Die Baugeschichte des Tempels ist eine interessante. Das Comits, an dessen Spitze Biedermann, Liebenberg und Eskeles standen, hatte keine leichte Aufgabe und diese wackeren Männer mußten all ihren Geist, ihren Scharssinnn und ihren ganzen Einfluß kaufbieten, um das einmal gefaßte Project auch durchzusetzen.'L Und dabei waren die Zeitverhältnisse, vom socialen Standpunkte betrachtet, diesen Männern nach den großen Krisen der napoleonischen Zeit nicht einmal ungünstig. Die gesellschaftliche Stellung des Hauses Eskeles ist ja bekannt. Im Salon der Zippora, oder Cäcilie von Eskeles in der Doroth'eergasse, wetteiferte Alles an Pracht und Geschmack der Ausstattung, wie auch an Eleganz der Gesellschaft und der Conversion mit den höchsten Kreisen von Wien. Die einflußreichsten Diplomaten, die berühmtesten Schriftsteller gingen dort ein und aus. In der Uebung der Wvhlthätigkeit wurde Cäcilie treulichst unterstiitzt und bestärkt von ihren Gatten Bernhard von Eskeles, der neben der wachsamsten und unermüdlichsten Aufmerksamkeit auf die Staats- und Handelswelt auch noch lebendigen Sinn und frische Thätigkeit für höhere geistige Angelegenheiten sich bewahrte. Sein scharfer Blick und fein richtiges Urtheil bewährte sich im Kleinen wie im Großen, und das Gefühl des Wohlwollens, das er gegen Jedermann hegte, gab seinem ernsten Gesichte einen Ausdruck froher Heiterkeit. „Eskeles liebe ich sehr" schrieb die Rahel, „weil ihm feine Klugheit bis aus den Poren dringt, er ißt, er schweigt, er lacht klug, er sagt lauter Selbstgedachtes, Originales. Ja er amüsirt auch in gewissem Sinne hier besser als alle anderen Leute, weil er ganz altvaterisch geblieben ist, mit geistigen Gaben und eilt reiches Leben über ihn weggegangen ist, welches er ganz nach feiner Art bearbeitet hat, und lauter Originales davon ausgibt, mit der Avance des geteiltesten Menschen auf gut alttestamentliche Weise". Die wackeren Männer des Baucomites, denen die Religion ihrer Väter noch ein Heiligthum war, schonten kein Opfer an Mühe und Geld, um einen der israelitischen Gemeinde würdigen Tempel zu erbauen. Sie planten zu diesem Zwecke zuerst den Ankauf des Passauerhofes, eines uralten Gebäudes, das ohnehin zur Demolirung bestimmt war, weil man eine neue Stiegengasse am Salzgries anlegen wollte, wie dies auch 1822 geschehen ist. Graf Sedlnitzky aber stimmte in einem am 8. Mai 1824 an den Kaiser Franz I. erstatteteil Vortrag gegen den Ankauf des Passauerhofes, weil hier in unmittelbarster Nähe eine Kirche sei. , Der Kaiser verbot den Allkauf, und das Comits bat um die Bewilligung, den Dempfingerhof, in welchen! sich ohnehin seit 1811 ein Bethaus befand, umbauen zu dürfen. Aber auch dies wurde nicht gestattet. Da griff Biedermann zu einer List. Er ließ nämlich in der Nacht den Dempfingerhof mit Balken stützen und das Gebäude als baufällig erklären. Nun war der Neubau behördlich bewilligt und ging rasch von Statten. Am 12. December 1825 wurde der Grundstein feierlichst gelegt und am 9. April 1826 wurde die Synagoge auf solenne Weise eingeweiht. An dieser Stätte lauschten nun die andächtigen Zuhörer den begeisternden und herzergreifenden Reden Mannheimer's und horchten entzückt dem Gesänge Sulzer's, des Altmeister's unseres Synagogengesanges, den L. Ä. Frankl mit dem Gedichte so trefflich geschildert hat: „Wenn Dn die Allmacht sangst des Herrn, betont von dem Meister, .Welcher lange schon bei den Unsterblichen wohnt; Wenn des Königs Psalm von Deinen. Lippen erklungen, Schwangen die Herzen sich mitgläubig zum Aether empor. Ruhen werden wir bald, die Du begeistert erhoben, Deines Namens Klang schwingt sich als Echo noch fort. Mythisch wirst Du sein und uns beneidet die Nachwelt, Die den Vollklang gehört, der in der Brust Dir gewohnt." Der Tempel bildete nun eine Sehenswürdigkeit der Residenz, kein Fremder versäumte cs, ihn zu besuchen, seine Eröffnung und Einweihung bildete lange Zeit das Tagesgespräch, selbst Mitglieder der kaiserlichen Familie wohnten mit Interesse dem Gottesdienste bei und ein charakteristisches Zeichen der Zeit war es gewiß, daß der von R. v. Seyfried redigirte „Sammler", damals das vornehmste Journal, das Ereigniß an der Spitze des Blattes durch ein Gedicht von Carl Meist feierte, das so lautete: „Ziehet ein in diese Pforten, Wo man Gott, den Mächt'gen preist," So spricht sich in goldenen Worten Schon beim Eintritt aus der Geist;