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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-27 · 13 (27.3.1896) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 13 Vr. Vloch's Wochrnfchrist. Trotz der erhaltenen Mitgift jedoch und trotzdem er immer viel Arbeit hatte, war das Glück Iudka nicht hold. Sein Vater starb; er selber machte mehrere schwere Krankheiten durch, während welcher alle Ersparnisse dranf gingen; acht Kinder wollten ernährt und erzogen werdeir, kurz, Jndka ergraute irnd seine Hustenanfälle wurden immer häufiger und dauerten immer länger. In seinem ganzen Leben war er nur einmal glücklich gewesen. Während eines Sommers hatte er einen Obstgarten gepachtet. Das war ein Paradies! Er nähte im Freien in einer Strohhütte, fuhr' jeden Sonntag mit einem Transport Birnen zur Stadt, die wurmstichigen Aepfel, die der Wind herunterschüttelte, verwendete Bajle zu prachtvollen Aepfelsnppen und junge Kartoffeln, Schnittlauch und Rettig konnte man in Hülle und Fülle genießen! Am Samstag Abends, wenn am dunkelblauen Himmel die Sterne erglänzten, sang Iudka mit zitternder Stimme leise Gebete; dabei folgte sein Blick den weißen liebeln, die gleich Gespenstern über Wiesen und Feldern zu schweben schienen und sein Ohr lauschte dem Geqnake der Frösche und dem Rufe der Wachtelkönige im Grase. O, wie wunderbar schön das war! Doch das Glück sollte nicht von langer Dauer sein. Die finanzielle Seite des Geschäfts war nicht glänzend. Einen Theil der Früchte hatten heftige Winde hernntergeschüttelt, ein wenig hatte ment gestohlen, die Obstpreise waren niedrig, man mußte also in Zukunft derartigen Geschäften entsagen, umsomehr, als auch Jndka kein Capital mehr besaß. Er hatte nämlich seine beiden ältesten Töchter verheiratet und ihnen das Geld als Mitgift gegeben. Nun wohnten sie mit den Männern bei ihm. Das war ja selbstverständlich. Um das Unglück zu vervollständigen, siedelte sich ein zweiter Schneider im Städtchen an. Er hatte tut Militär gedient, war mit seinem Regiment bis nach Brest gekommen und l;citte_ von dort so fi'ische Moden mitgebracht, daß angesichts ihrer selbst Jndka's altes Journal seine Autorität cinbüßte. Die Concurrenz dieses sogeirannten Petersburger Schneiders richtete Iudka völlig zu Grunde. Die feineren, reicheren Clienten giirgeir sammtlich zu dem modernen Abramek über, und unser Held wanderte mm, mit dem Sack ans dem Rücken von Dorf zu Dorf, Arbeit suchend und selbige — sogar für Bauern — gern verrichtend. Jetzt arbeitete er schon seit mehreren Tagen bei Herrrr Onufry. Er hatte diese Zeit über viel geleistet. Einen wnnderschönen, neuen Wintermantel für die Hausfrau genäht, aus einem abgetragenen Männerrock eine Jacke für Fräulein Brigitte zn Stande gebracht, vielleicht zehn Stück Garderobe geflickt und anfgefrischt, und heute sollte das Werk gekrönt und ein neuer U eberzieh er für Herrn Onufry vollendet werden. Für dies alles sollte Iudka außer einem Wagen Holz und Borräthen in natura, die Herr Onufry feierlich versprochen hatte im Laufe der nächsten Woche nrit seinem Fuhrwerk abznliefern, vier Silberrubel in baarem Gelde erhalten. Aber dafür mußte der Ueberzieher zur festgesetzten Stunde fertig werden. „Höre, Jude," hatte Herr Onufry gesagt, „ich zahle Dir wie ein Fürst, aber auf Freitag in aller Frühe soll mein Rock fertig sein, denn in einem schäbigen Anzug fahrich nicht zur Kirchweih'." „Der Herr werden verzeihen," hatte Iudka gebeten, „wenn der Rock wird sein fertig, etwas später; habe ich doch fast gar nicht geschlafen diese Woche." „Warum hast Du Dir denn keinen Gesellen mitgenommen?" „Wozu soll verdienerr ein Geselle, wenn ich selber verdiene so wenig?" „Ich habe es Dir im Voraus gesagt; richte Dich ein, wie Du willst, der Rock muß zur Zeit fertig werden." „Nu, ich werde ihn schon machen fertig, aber geben Sie mir noch zu einen halben Scheffel Kartoffeln für meine Kinder, es ist jetzt eine harte Zeit!" „Nun meinethalben! Du sollst so viel bekonnnen, als Du nur tragen kannst. Und Arbeit beim Nachbarn verschaffe ich Dir ebenfalls." Seite 265 Dieses Versprechen svornte Jndka zu noch größerem Fleiße an. Er wird zwar die ganze Nacht nähen es ist bereits die vierte, die er schlaflos znbringt aber dafür erhält er einen halben Scheffel Erdäpfel, und die Aussicht ans weiteren Erwerb freut ihn auch nicht wenig. Eifrig ging er an die Arbeit. Als jedoch im Osten der goldige, das Nahen des Tages verkündende Streifen sichtbar wurde Jndka nähte eben die Aermel an seinem Meisterwerk ein begannen die bunten Kreise mit rasender Schnelligkeit vor den Augen des armen Schneiders zn schwirren und sich ebenso rasch in große, schwarze Flächen zn verwandeln. Da griff Iudka, seiner Gewohnheit gemäß, rasch nach Schnaps und Brot mit Znnebel, um die schwindenden Kräfte zn erhalten. Der Rock war fertig und sollte noch gebügelt werden, als erst Brigitte und dann die .Hausfrau anfwachten. „Na," sagte Letztere, „ist dieser Jnd aber gierig! Bis jetzt saß er über der Arbeit!" „Freilich," erwiderte Iudka, „die Armnth ist immer gierig, aber weil sie es ist, wird Ihr Mann anssehen zur Kirclyveih' wie der Herr Graf von Wywlvka. . . Solch' ein Kleidungsstück ist gar ein seltenes Geschäft!" Sorgfältig musterte die Hausfrau den Ueberzieher von allen Seiten, tadelte ein wenig die Nähte und Taschen, war aber im Grunde ihres Herzens froh, daß ihr würdiger Gatte mit wenig Kosten zu solch elegantem Rock gelangt war. Als sie dann einen Blick auf des Indens bleiche, abgespannte Züge und seine rvthgeränderten Augen warf, empfand sie Mitleid mit dem Armen und fragte: „Vielleicht wirst Du etwas essen. Iudka? Du siehst gar elend aus." „Gott vergelt's, aber was kann ich essen bei Ihnen? Mir sind ja verboten die Speisen, die sie genießen." „Nun," sagte die Frau mit Anerkennung, dann hast Dn Recht, wenn Du Dich davon znrückhältft. Jeder muß die Gesetze seines Glaubens befolgen." Sie öffnete ein Schränkchen, schenkte ein Gläschen Schnaps ein und stellte dasselbe auf den Tisch. „Trink," sagte sie, das darfst Dn doch?" Der Schnaps und das mittlerweile von Bigrirte angefachte helllodernde Herdfeuer verfehlten ihre Wirkung nicht. Iudka wurde lebendiger, seine Wangen rötheten sich, er ward heiter und sogar witzig. „Na, Grete," sagte der Schlachziz, ans dessen breiten Rücken Jndka die Falten des sackförmigen Rockes mit aller Kraft seiner mageren Hände zn glätten suchte, „sag' doch, ob ich in diesem Dingsda einem Menschen ähnlich sehe?" „Das muß man gestehen, ein geschickter Jude. Er hat Dir ein sehr schönes Kleidungsstück verfertigt." „Aber sehen Sie doch nur, wie das liegt," sagte Jndka. „Solch' einen feinen Ueberzieher näht Ihnen nicht bald Jemand. Das ist ein Stück Arbeit, das ist eine Kunst! Ai, wai! Der Herr sieht ans, als ob er sollte fahren zn einer großen Hochzeit. - - Ich habe meinen Scheffel Erdäpfel ehrlich verdient. . ." „Und sollst ihn auch bekommen. Mein Wort ist heilig. Ich schicke ihn Dir zusammen mit dem Anderen, was ich Dir versprochen habe." „Das wird doch aber sein erst am Dienstag. Geben Sie mir heute ein Viertel, so werde ich es selber tragen nach Hanse für meine Kinder. Sie haben dort sicher nichts mehr zu essen. Für die feine Arbeit werde ich Ihnen mitbringen wenigstens Kartoffeln. " Ter Schlachziz führte den Inden in den Keller, half ihm die Erdäpfel in den Sack schütten, zahlte ihm das ansbednngene Honorar — sie trennten sich. Herr Onufrri und seine Gattin fuhren zur Kirchweih. Er, in dem neuen Ueberzieher, ein rvthes Tuch um den Hals geschlungen, das Kinn frisch rasirt, sah ungewöhnlich feierlich ans. Frau Margaret in ihrem riesengroßen, nach einem vvrsintfluthlichem Schnitt gearbeiteten Mantel, machte den Eindruck eines kleinen Heuschobers. Jndka ging zn Fuß. Ailf dem gerundeten Rücken trug er den Sack, der außer Kartoffeln auch die zwei Plätteisen enthielt.

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