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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-27 · 13 (27.3.1896) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 264 Dr. BLoch's Wochenschrift. Nr. 13 Heiraten oft der Fall ist. Binah war eine gute Hausfrau und Mendel ernährte sie treulich, so lange feine Kinder es zuließen. Tie Liebe flog nie zum Fenster hinaus, denn sie war nie im Zimmer d'rin. Sie sprachen nicht viel miteinander. Binah verrichtete die häuslichen Arbeiten, ohne die Hilfe des kleinen Dienstmädchens in Anspruch zu nehmen, das der Leute wegen gehalten wurde. Mendel suchte in seinem gezwungenen Müßiggang Zuflucht bei der Religion, die an und für sich beinahe ein Beruf war. Sie waren ein stilles Paar. Zu sechzig Jahren ist nicht viel Aussicht vorhanden, daß ein vierzigjähriges Schweigen noch diesseits des Grabes gebrochen wird. Mendel hatte, was sein Glück betraf, nur noch eine einzige Hoffnung in dieser Welt — in Jerusalem zu sterben. Seine Sehnsucht nach dem heiligen Lande war grenzenlos. Die Gefühle des gehetzten Juden vereinten sich mit denen des niedergedrückten Menschen, um Zion mit aller Pracht beiliger Träume auszustatten und mit dem Regenbogen zu umgeben, der aus bitteren Thränen gebildet wird. Jedes Jahr gab er bei der Peßach-Tasel seiner Hoffnung Ausdruck: „Nächstes Jahr in Jerusalem!" In Mirjams tiefster Seele fand dieser Wunsch einen Widerhall. Sie hätte ihn aus der Entfernung mehr geliebt. Binah hatte nur noch eine Hoffnung, in dieser Welt — zu sterben. Elftes Capitel. Der Purimball. Sam Levine kam pünktlich zum Purimball zurück. Malka war nicht zu Hause und so durfte er am Sabbath ankommen. Sam und Lea holten Hanna mit einer Droschke ab, denn das Pflaster taugte nichts ffir Ballschuhe und die Drei fuhren in den Verein, der kaum ein Sechstel von einer Meile von ihnen entfernt war. Ter Verein war ein Bvlkspalast des Ghetto, aber daß er nicht das Flußbett der Einwohnerschaft erreichte, erhellt aus der Thatsache, daß die Umgangssprache Englisch war. Die unterste Schicht gehörte zur zweiten Formation — das waren die Kinder der Eingewanderten - während die oberste, die Mittelclasse, au den Ausläufern das Ghetto berührte. Es war ein herrlicher Ort, wo junge Männer und Mädchen auf gleichem Fuße und zu gleichen Mitgliederbeiträgen verkehrten, wo Liebeleien, Coucerte, Gelächter und fröhliches Geplauder immer im Gange war und Limonade und Kuchen nie ausgingen, ein Himmel, wo Heiraten geschlossen, Läufer ausgebvrgt und Zeitungen gelesen wurden. Die künstlerisch veranlagte Mittelclasse des Vereines lieferte eine ganz phänomenale Anzahl von bereitwilligen Teclamatoren, Sängern und Virtuosen, und die größten Lieblinge der Londoner Brückenkenner gingen gern hin, theils weil sie ein begeistertes Publicum fanden, theils weil sie sowohl in beruflicher, wie in socialer Hinsicht mit der Elaste so Vieles gemein hatten. Dann und wann fanden auch ernste Vorlesungen statt, aber nur wenige Mitglieder nahmen sie ernst; sie gingen in den Club uitfjt, um sich zu bilden, sondern um sich zu erholen. Der Ballsaal mit seinem Schmuck aus Immergrün und Wiuterblumen bot ein fröhliches Bild. Die meisteir Tänzer waren in Balltoilette und der Ball unterschied sich wohl in nichts von einem der seinen Bälle im Westend, außer durch das Vorwiegen von Jugend und Schönheit. Wo konnte man eine solche Schaarschöner Brünetten zusammenbringen, wo solche Blondinen finden? Diese orientalischen Blondinen waren Alles, imr nicht lymphatisch, wenn auch ihre Augen nicht so bezaubernd funkelten, wie die der Brünetten, die sich in der Majorität befanden. Die jungen Männer hatten sorgfältig gekräuselte Schnurrbärte, geölte Locken wie der assyrische Stier, Nasen Nr. 0 und blitzende Knöpfe aus dem blendend weißen Hemde. Wieso sie das Alles bei ihren Gehältern erschwingen konnten, war eines der vielen Wunder der jüdischen Geschichte, denn in socialer und zunächst auch in finanzieller.Hinsicht standen sie auf dem Niveau des christlichen Handwerkers. Diese jungen Männer un Frack waren die Vertreter einer bestimmten Richtung, freilich bedeuteten sie nicht in jeder Beziehung eine Verbesserung der Bundessöhne. Die primitiven Sitten und die Frömmigkeit der fremden Juden ward durch den Firniß oberflächlicher Cultur uird durch Leicht, heit in der Beobachtung des Ceremouiengesetzes ersetzt. Es war eine lustige Gesellschaft, beinahe ein Familienfest, nicht nur, weil sie säst Alle einander kannten, sondern weil „alle Kinder Israels Brüder — und Schwestern" sind. Es ward sehr fröhlich, aber lticht lärmend getanzt, die Quadrillen in vollständiger Symmetrie, da alle Tanzenden ihren Part kannten, die Walzer voll rhythmischer Grazie. Weitu das ötiitf populär war, so ward es mitgesungen. Nach dem Souper wurden die Füße beschwingter und Lachen und Geplauder lauter, aber Alles blieb in den Grenzen des Anstandes. Ein paar Holländer versuchten die in ihren Clubs, wo das Känguruh Tanzmeister ist, int Schwange befindliche Tanzmethode einzusühren, trafen aber bei dem Parquet auf Widerspruch. Hanna tanzte wenig, sie war ein freiwilliges Mauerblümchen, denn sie sah in weißer Seide strahlend aus und das schlanke, hübsche Mädchen hatte etwas Besonderes an sich, was die Stutzer des Vereines anzog. Aber sie tanzte nur einen Pflichttanz mit Sam und eilten Walzer ntit Daniel Hyams, den seine Schwester mitgebracht, obwohl er, da ihm eilt Schwalbenschwanz fehlte, zu ihren fluchenden Draperien nicht recht paßte. Die hübsche Bestie Sugarman, die der arme Daniel im Gedränge nicht zu sehen trachtete, warf Hanna eilten recht unfreundlichen Blick zu. „Wie gut Ihre Schwester taitzt," sagte Hanna, um ltur etwas zu sagen. „Nicht besser als Sie," sagte Daniel galant. „Ach, Sie handeln also auch ntit Contplimeitteit! Wechselit Sie?" fügte sie hinzu, als sie an eine ungeschickte Ecke kamen. „Ja — aber lticht mit Complimenten," sagte er lächelnd. „Miriam hat es nfich gelehrt." „Sie erinnert mich an Miriam, wie sie am Rothen Meer tanzte," sagte sie, selbst über die Ultgereimtheit ihrer Idee lachend. „Sie spielte die Pauke, nicht wahr? Ich muß sagen, ich weiß nicht recht, was eilte Pauke ist." „Wohl eine Art Tamburin," sagte Hanna lltstig, „und sie sang, weil die Kiltder Israels gerettet waren." Beide lachten herzlich, aber als der Walzer ztt Ende war, fielen sie wieder in ihre düstere Stiutmltng zurück. Eine Weile später bemerkte Sam mittelt in einem Contretanz Hannas Einsamkeit ulid führte ihr eilten großen, braunen, eleganten, jungen Mann in einem Frack zu, murmelte eilten unverständlichen Namen und eilte in die Arme der anspruchslosen Lea zttrück. „Entschuldigen Sie, ich tattze heute nicht," sagte Hanna, als der Fremde sie tun ihre Tanzkarte bat. „Das ist mir ganz angenehm," antwortete er mit einem sreimüthigeit Lächeüt. „Sie wissen, es war meine Pflicht, Sie ausznfordern, aber ich kmne mir ganz kölnisch vor, wenn ich unter diesen eleganten Herren hernmspringen müßte." Etwas Ungewöhnliches in seinem Benehmen iriachte auf Hanna, wider ihren Willen, einen angenehmen Eindruck. Ihr Gesicht nahm einen milderen Ausdruck alt. „Waren Sie denrt noch nie hier?" fragte sie. „O ja, vor sechs oder sieben Jahre, aber es sieht jetzt ganz anders hier ans. Der saal ist untgebattt worden, lticht wahr? Zu jener Zeit, ehe ich an's Kay ging, sind hier wenig Fräcke zu sehen gewesen. Ich bin erst seit Kurzem lvieder zurück und da ich eine Karte bekam, wollte ich lvieder eiltmal eilten Blick hineinlverfen." Eilt nicht tvohlwollend gesinnter Zuhörer würde aus dent letzten Satz etwas Herablassendes herausgehört haben. Hanna hörte es heraus, denn die Mittheilung, daß er vom Kay komme, hatte ihr aufkeintendes Wohlwollen erstickt. Sie ward lvieder zu Eis. Die Spezies „der junge Mann vom Kay" war Hanna wohlbekannt. Es war eine erweiterte und noch unangenehmere Auflage des jungen Mannes im Frack. Er hatte seinen Beutel mit afrikanischem Gelde gefüllt — ob cutf ehrliche oder unehrliche Weise, danach fragte Niemand — die Thatsache stand fest, er hatte seinen Beutel gestillt. (Fortsetzung folgt.) Der Flickschneider. Novelle von Klemens Junosza. (Ausschließlich autorisirte Uebersetzung aus dem Polnischen von Malwina B l u m b e r g.) (Fortsetzung.) Da mm, wie wir sehen, eilt Theil von Chaim's Kunstfertigkeit aus Judka übergegattgen war, hatte dieser das unbestrittene Recht, sich eilten Warschauer Schneider zu nennen, untsomehr, als er auch ein illnstrirtes Modejournal vom Jahre 1846 besaß, welches man im Fenster seiites Ladens bewundern konnte, wofern die dichte Staubschicht und die zahllosen Fliegen, welche die Scheiben bedeckten, dies gestatteten.

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