Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 13 Dr. Vloch's Wochen,chrifi. Seite 263 hoher Befriedigung auf eine erfolgreiche humanitäre f ü u f u u dz tu a it zigj ä h rige Wirksamkeit zurückblicken, die umfo verdieustooller erscheint, als die Vereinsthätigkeit mit den größten physischen Opfern verbunden ist. Wahre Nächsten- und Menschen-- liebe sind es, welcher sich die Grazer Chewra-Kadischa hingibt und Pflegt, und dem heiligen Vereine gebührt nicht nnr in seiner Gänze, sondern auch jedem einzelnen Mitgliede der Dank nnserer Gemeinde, insbesondere aber dem Ehrenmitgliede, unserem verdienstpollen Rabbiner Herrn Dr. Ai ii h s a in. E ß. Brünn. Unser „B i k n r-E h o l i m"- V e r e i n hat das sechzehnte Jahr seines Bestandes znrückgelegt. Kann es eine edlere Ausgabe, ein schöneres Ziel geben, als die Pflege von armen Kranken? Mit der ganzen Humanirät, welche dem auserwählten Volke Israels iunewohnt, strebt der „Biknr-Ehvlim"- Verein Brünns seirrer 'Ausgabe gerecht zu werden, und er wird hierin durch die hingebende Thätigkeit seines verdienstvollen Obmannes, kaiserlichen Rathes Herrn David M a n d l, und der Opserwitligkeit der Gemeindemitglieder eisrigst gefördert. Preßburg, den 22. März 1896. Es dürften wohl nur äußerst wenige israelitische Gemeinden in Ungarn existiren, die eine solch stattliche Reihe von unterschiedlichen Vereinen und Wohlthätigkeits- Anstalten aufzuweisen hätten, wie die Preßbnrger israelitische orthodoxe Cultusgemeinde. Der weitaus größte Theil dieser Vereine und Wohlthätigkeits- Jnstitutionen befindet sich dank der anerkennenswerthen Opserwilligkeit der einzelnen Gemeindemitglieder, wie der Cultusgemeinde selbst, in blühendem Zustande, doch verfolgt der größte Theil derselben bei allem Unterschied in der Organisation, Tendenz und Ziel vornehmlich den einen Zweck, den einzelnen Bereinsmitgliedern oder deren Angehörigen gewisse materielle Vortheile und Begünstigungen zu sichern. Seit ungefähr zwei Jahren hat jedoch hier ein Verein, „Mehadre Öathalmud" seine Wirksamkeit begonnen, der ausschließlich idealen Tendenzen huldigt, die unseres Wissens in ähnlicher Art nur höchst selten in jüdischenGemeinden anzntreffen sind weshalb es sich wohl auch lohnen dürfte, Einiges über die Thätigkeit dieses der hiesigen Gemeinde zur Zierde gereichenden Vereines zu berichten. Ordentliche Mitglieder dieses Vereines können nur Schriftgelehrte, das heißt Talmudkenner sein, doch müssen dieselben nicht gerade in Preßburg ihr Domicil haben. Mit Beginn eines jeden Vereinsjahres ninrmt jedes Mitglied die bindende Verpflichtung ans sich, einen beliebig zu wählenden Theil des Talmud im Verlaufe eines Jahres einem gründlichen Studium zu unterziehen; sämmtliche Abtheilungen des Talmud werden in solcher Weise unter die Vereinsmitglieder, an deren Spitze Se. Ehrwürden der hiesige Oberrabbiner B. Schreiber steht, vertheilt und am Schlüsse des Jahres wird ein Sium, verbunden mit einem Festbankett, veranstaltet. Ein solches Festbankett fand nun dieser Tage in dem großen Lehr- und Prüfungsprachtsaale der hiesigen Rabbinatsschule statt, das diesmal umso glänzender verlief, als gleichzeitig damit das Genesuugsfest Sr. Ehrwürden des hiesigen Oberrabbiners Schreiber nach seiner Monate andauernden schweren Erkrankung gefeiert wurde. Etwa 150 Bereinsmitglieder hatten sich zur Festtafel eingefunden, darunter fast der gesammte Vorstand der hiesigen Cultusgemeinde, sowie zahlreiche Mitglieder der Gemeinde-Repräsentanz, auch waren aus Wien und verschiedenen Städten Ungarns hervorragende Persönlichkeiten als Festgäste erschienen. Se. Ehrwürden wurde beim Betreten des Festsaales mit frenetischem Jubel empfangen und in stürmischer Weise acclamirt. Der Vereinsvorstand geleitete hierauf Se. Ehrwürden zu seinem am Kopfende der Festtafel befindlichen Ehrensitz, welcher von einem aus prachtvollen Teppichen und Blumen gebildeten Baldachin umgeben war, und von hier ans hielt sodann Oberrabbiner Schreiber eine mehr als einstündige, Herz und Gemüth der Zuhörer erquickende Festrede, welche den Enthusiasmus der Anwesenden bis zum Gipfelpunkt steigerte und nachhaltigen Beifall erntete. Die zündende Rede des Oberrabbiners Schreiber, die von gewohnter geistreicher Schärfe und interessanten, packenden Erläuterungen erfüllt war, hatte so recht die Festesstimmung in die Versammlung getragen, welche sich sodann der ungezwungensten animirtesten Laune hingab. Es wurden noch Reden von den Vereinsvorständen: Hch. Leopold Rubinstein, A. Herzl, Rabbiner Friedmann, S. Donath und M. Gelber gehalten, w.lche alle der allgemeinen Freude über die Wiedergenesung Sr. Ehrwürden beredten Ausdruck verliehen. Eiwanowih. Am 18. März starb zu Wien Herr Moritz Löbl, betrauert von seinen Verwandten, Freunden und Bekannten. Sein Leichnam wurde nach Eiwanowitz überführt und Sonntag am 22. d. M. in der Temvel-Vorhalle aufgebahrt und am jüdischen Orlsfriedhofe zur ewigen Ruhe bestattet. Seine Liebs und Treue zu seinen Kindern, seine Hochherzigkeit, Biederkeit und Charakterfestigkeit, sein Wohlthätigkeitssinn sind durch seine vieljährige Amtswirksamkeit als Cultusvorsteher und Obmann des Ortsschulrathes allgemein hierorts bekannt. Demgemäß wurde er auch von dem gesammten christlichen Gemeindevorstand, dem israelitischen Cultnsvorstande, dem deutschen Ortsschulrathe, der gesammten israelitischen Schuljugend und ihrem Lehrer, sowie von einer zahlreichen christlichen und jüdischen Ortsbevölkerung und mehreren Vereinen zu Grabe gel>itet. Am Friedhof wurden nebst der rituellen jüdischen Gesänge vom Ortsrabbiner ein warmer Nachruf und am offenen Grabe eine ergreifende Rede von seinem Neffen Herrn Dr. David Kaufmann, Professor des Rabbinats-Seminars zu Budapest, gehalten. Kein Anne blieb trocken! Gliniany, den 15. März istic». (G0ldene Hochzeit.» Am 15. März l. I. feierte der Matrikensührer ilnd Vorsitzende des LoealeomitLs der Baron Hirsch-Stistungsschnle in Glinianv, Herr Leon Woks, die goldene Hochzeit. Schon am Morgen des 15. März liefen unzählige Depeschen und Glückwünsche ein. Um 12 Uhr erschienen alle Gemeinderäthe unter Airsührnitg des Bürgermeisters. Attßer diesen erschienen auch der k. k. Notar Herr Rudolf Ritter von Kerber, der Apotheker Herr Brückner und andere jüdische und christliche Bürger. Herr Brückner dankte detn edlen Greise in einer schönen 'Anrede für die Verdienste, welche er sich um die Stadt erworben und endigte seine 'Ansprache mit einem Hoch ans das greise Paar. 'Abends, als das greise Paar, umgeben von seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln und vieleic Gäfteit sich versammelte, erschieilen die Schüler der Baron Hirsch Stistungsschule unter Anführung des Schulleiters. Feuilleton. Kinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.) (^ndi'riLf tuniicvtt.) Auf diesen Schultern trug er Vater und Mutter - Beide halbe Invaliden. In früheren Jahren war Hyams eül Glaser gewesen, der in der Stadt von Haus zu Hans ging, aber als Hyams' Aussichten sich besserten, wurde diese ossellknndige Errciedrignng unerträglich. Hauptsächlich um ihretwillen hielt Daniel zuletzt seine Eltern ans und ließ sie nichts arbeiten, hauptsächlich um ihretwilleit verzichtete er daraus, mit Bestie zu sprechen. Denn er war nnr ein 'Angestellter in einem Modewarengeschäft und von sünsnudzwanzig Schilling wöchentlich kann man nicht zwei Familieir anständig ernähren. Bestie war ein schönes Mädchen und würde nicht lange ledig bleiben. Es kam eine Nacht, in der Daniel keine Seennde schlief — es war keine „weiße" Nacht, wie die Franzosen es neniten, eher eine, die von den vielen Dhränen Flecken bekommen. Am Morgen war er entschlossen, ans Bestie zu verzichten. Statt ihrer würde er Friede haben. Wenn atlch nicht gleich, so doch bald, denn er hatte schon einmal gekämpft und war belohnt worden. Das war in seinem achtzehnten Jahre gewesen. Der Eigenthümer des Modewaarengeschästes war ein Jude und hielt außerdem am Sabbath geschlossen. Daniel fühlte, daß ihm hundert bessere Earrieren offen standen, tvenn er nicht den Sabbath geheiligt hätte. Später, als diese Freigeisterei abnahm (das war nach der Begegnung mit Bestie» sah er ein, daß der Sabbath sein Leben heiligte. Es war ein bewußtes, sreitvilliges Opfer und die Belohnung bestand in einem allwöchentlichen Hauch von Weihe. Daniel hatte diese Empfindungen nicht beschreiben können, auch sprach er nie darüber, was sehr schade war. Einmal, nnr ein einzigesmal, während die Freidenkerei in ihm gährte, hatte er seine Seele geöffnet und sie war übergeschäniut. Seither war die Stirne des alten Mendel Hyarns und seiner Frau Binah noch tiefer gefurcht. Die Welt war ihnen zu schwer. Wenn Daniel seine Worte zurückgenommen und ihnen gestanden Härte, daß er glücklich sei, weil sie seine Zukunft zerstört hätten, so wären sie weniger verdrossen gewesen. Aber er war ein Stiller. „Geht nur zu Sngarmans, Mutter," sagte er nun. „Kümmert Euch tiicht um mich! Ich muß einen anderen Bestlch machen." Das war eine überflüssige Lüge für einen so Stillen. „Er läßt sich nicht gern mit uns sehen," dachte Binah Hyams. Aber sie schwieg. „Er hat es mir nicht verziehen, daß ich ihn in das Modewarengeschäft steckte," dachte Mendel Hyams, als seine Frau ihm Beichte erstattete. Aber er schwieg. Wozu füllte er mit seiner Frau darüber reden? Die Beiden theilten miteinander eher Freud' als Leid. Sie waren nun vierzig Jahre verheiratet und hatten nie einen Augenblick der Vertraulichkeit gekannt. Vierzig Jahre zuvor war Mendel Hyams drüben in Polen eines schonen Morgens erwacht und hatte aus den Kissen neben sich ein Gesicht gesunden, das er nie zuvor gesehen. Nicht einmal am Hochzeitstag hatte er einen Blick ans die Z,üge der Braut werfen dürfen. Das war die Sitte des Landes und der Z,eit. Binah schenkte ihrem Gatten vier Kinder, von denen die zwei älteren starben, aber die Ehe erzeugte keine Liebe, wie es bei solchen