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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-27 · 13 (27.3.1896) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 13 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 255 ihrer 10()jal)i%'u Zugehörigkeit zu Frankreich und Herr Faure nahm Gelegenheit, den Festlichkeiten persönlich beizuwotzneu. Die Juden hatten ganz besonderen Anlaß, den Tag zu degehen, ihnen hatte seinerzeit der Anschluß Nizzas an Frankreich die so heiß ersehnte Gleichstellung gebracht. Herr Rabbiner Meiß gab in seiner Ansprache an den Präsidenten diesem Gedanken in folgenden, von der französischen Presse mit eiinnüthigem Beifall ansgenvmmenen Worten Ausdruck : Im Flamen eines Veteranen von 03, welcher seit mehr denn einem Jahrhundert mit lebhaftester Theilnahme die Geschicke unseres theueren Vaterlandes verfolgt, welcher den vaterländischen Erfolgen znjnbelt und die vaterländischen "Niederlagen beweint inl "Namen der alten jüdischen Gemeinde zu Nizza, in deren düstere Ghettvgassen (durch Frankreich) das Licht der moralischen und materiellen Emaneipativn gelangte, kommen wir, Herr Präsident, das jüdische Konsistorium und ich, um Ihnen unsere ehrfurchtsvolle Huldigung und die Versicherung unserer lebendigen Anhänglichkeit an die Republik auszudrücken. Wenn wir so stolz und mit legitimer Begeisterung dem patriotischen Gefühle Ausdruck geben, welches uns erfüllt, so folgen wir damit dem Beispiel unserer (stets regierungstreuen) Ahnen, von welchen unsere Weisen in ihrer ungekünstelten und poetischen Sprache erzählen, so folgen wir damit der Tradition unserer Vorfahren, in deren Fußtapsen zu treten unser glühendster Wunsch ist. Ich, der ich die Ehre habe, hier zu sprechen, ich habe in meinem zartesten Kindesalter es gelernt, daß der französische Jude, im Einklang mit den Beschlüssen des jüdischen Pariser Sauhedriu*), Frankreich bis an seinen Tod unerschütterlich zu lieben hat. Darum sind auch wir heute zu dem schönen Feste znsammengekommen, das unsere berühmte Stadt heute feiert; unsere Festesfreude ist nicht aufrichtiger, aber inniger rmd kindlicher als die unserer andersgläubigen Brüder. Möge der Herr seine Wvhlthaten über Sie, Herr Präsident, ausbreiten, der Sie so würdig den nationalen Geist Frankreichs repräsentiren, der Sie von dem hohen Posten, wohin Sie die Vorsehung berufen, bis hinab in die niedersten Kreise das Beispiel ausgezeichneter Tugend geben, wie diese dem Wesen der Religion entspricht, damit die große menschliche Gesellschaft glücklich und erfolgreich sei, und ihre Kinder stets zusammen wirken in gleicher Vaterlandsliebe in gleicher Brüderlichkeit und in gleicher Liebe. Die Rede hatte ans das Staatsoberhaupt einen tiefen Eindruck gemacht und sehr bewegt erwiderte der Präsident folgende bedeutsamen Worte: „Herr Rabbiner! Ich danke Ihnen im Namen der Republik für Ihre edlen Worte. Tie Möglichkeit, daß ich unter den verschieden glaubenden Kinder Frankreichs auch nur den allergeringsten Unterschied mache, muß für einen Mann, wie Sie, beleidigend sein. (Je croirais faire une injure ä un homme comme vous, si je vous affirmais encore que je ne fais aucune difference entre enfants de la grande famille frangaise par rapport;i leurs croyances religieuses.'i Sie verstehen es, dem patriotischen Gefühle in wahrhaft erhebender Weise Ausdruck zu geben." „"Als ein kostbares Andenken an meinen Aufenthalt in Nizza nehme ich den Segen mit, den Sie, Herr Rabbiner, mir und meiner Familie zu ertheilen die Güte gehabt haben." Während in einem gewissen Staate ein Minister jüdische Lehrer disgualificirt, indem er wohl meint, ein jüdischer Lehrer, der nicht vom erhebenden Eindruck der Kreuzzüge spricht, verstößt wider den christlichen Charakter der Schule, ja während man in dem qu. Lande also anfängt, die geschriebene Verfassung zu durchbrechen, kann der französische Präsident nicht eingehend genug die Rechtsgleichheit aller Bürger betonen, „an die zu zweifeln beleidigend i st". Daß Herr Faure die schönen Worte nicht nur aus den Lippen trägt, sondern sie auch praktisch durchführt, beweist u. A. die Thatsache, daß trotz des schwachen Percentsatzes jüdischer Franzosen bei der Festestafel 12 Israeliten zugezogen wurden. Es waren geladen: der Rabbiner, der Abgeordnete der Alpes maritimes M. Bischossheim, der Teputirte Naquet, Ni. Mayer sousprefet de Puget Theniers, Muskat, Vorsteher der Advocatenkammer, B. Mayrargu«, Vice-Präsident der Handelskammer, der Bürgermeister von Ville-Franche, Generalrath Pollonais, Handelsrichter Debenederti, Paul Dreyfnß, Redacrenr vom »Soir«, Schwöb, Redactenr vom »Echo de Paris« und die Eapitaine Romaine und Schwöb vom 0. Artillerieregimenr beziv. vom Geniecvrps. Während ich diese Zeilen niederschreibe, bricht plötzlich ein heller Strahl durch die finstere "Nacht. Das zu Ehren des Präsidenten inscenirte Feuerwerk beginnt und der plötzlich hellerleuchtete Himmel legt dem denkenden Beschauer den Gedanken nahe, daß auch in geuüssen andererr Ländern der helle Strahl der Menschenliebe die finstere "Nacht des Glaubenshasses durchbrechen möge und daß auch endlich in anderen Ländern der verdunkelte Himmel sich erhellen und autklären möge. Von den Ufern der Newa. IV Petersbu r g, den 20. März 1806. Die hiesige „9! owoje W r e m j a" unterläßt keine einzige Gelegenheit, die vermeintliche Schädlichkeit der russischjüdischen Bevölkerung zu charakterisiren. Auf Angaben mancher Provinzialblätter gestützt, beklagt sich besagte Zeitung in einer der jüngsten Nummern über eine förmliche „jüdische Invasion", wie sie sich ansdrückt, iu's Smolensker Gouvernement, wo 165.000 Dissiatinen (ungefähr 180.000 Hektar) Land im jüdischen Besitze sich befinden sollen. „Auf was für einem Wege, legalem oder illegalem, sich das Factum vollzieht, daß im Innern Rußlands so viele Güter sammt Kirchen und Schulen in jüdische Hände übergehen" — lesen wir daselbst — „diese Frage wollen wir dahingestellt sein lassen — wir möchten nur constatiren, daß alle diesbezüglichen Bemühungen unserer Negierung, Dank der Geschicklichkeit der Juden und der Casuistik Derer, die ihren Interessen dienen, bis jetzt vereitelt wurden." Solche Auslassungen klingen wahrhaft wunderbar, wenn man sie mit der Ansicht des Vorsitzenden der ständischen Kreisverwaltung (ziemst vo) zu Lochvitzi im Gouvernement Poltava, Herrn A. N. Chadolej, vergleicht. Dieser Herr nämlich schreibt in seinem, ebenfalls in der letzten Zeit veröffentlichten, amtlichen Berichte an den Ackerbauminister Folgendes: „Die Heranziehung der jüdischen Bevölkerung zu einer regelrechten Theilnahme an dem ökonomischen Leben unserer Gegend würde nicht ohne günstigen Erfolg bleiben, denn diese Bevölkerung trägt in sich eine glückliche Vereinigung von Arbeit, Beharrlichkeit und Capital, welche jetzt leider nothgedrungen eine falsche Richtung genommen haben? Trotz aller Anfeindungen seitens der Presse, hofft man hier doch allgemein auf Linderung der rechtlichen Lage nuferer Glaubensgenossen. Als günstiges Symptom in dieser Beziehung wollen Manche unter Anderem einen einzelnen Fall ansehen, der sich neulich hier zugetragen hat. Eine Witwe (Jüdin) aus Melitopol im taurischen Gouvernement, welche von da ihrer Consession halber ausgewiesen worden ist und alle Mittel vergebens angewandt hatte, um in ihrem Wohnorte zu bleiben — soll sich mit ihrer Bitte telegraphisch direct an den Kaiser gewendet haben, der das betreffende Ausweisungsdecret, ebenfalls auf telegraphischem Wege, nicht nur sistirte, sondern völlig aufheben ließ. Unser Ministerium der Volksaufklärung ist zur Zeit mit der Einsammlnug von "Nachrichten über die im ganzen Reiche bestehenden jüdischen Elementarschulen, sowie die Zahl der Schüler derselben beschäftigt, was auch zu Gunsten unserer Glaubensgenossen gedeutet wird. Die in der hiesigen Residenz unter dem Schutze der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Inden erfolgreich fnnctionirenden Volksschulen werden binnen Kurzem ihr eigenes Haus bekommen. Ter Vorsitzende der genannten Gesellschaft Herr Baron Horaz v. Günzburg hat zu diesem Zwecke 22.000 Rubel geopfert. Wie verlautet, sollen schon alle Vorbereitungen g troffen sein, um nach den Ssterseiertagen zum Bau des neuen Schnlhanses schreiten zu können. *) Bekanntlich durch Napoleon I institnirt.

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