Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 254 Dr Vloch's WochrnfchrM Nr. 13 können? Sind doch unsere politischen und socialen Verhältnisse im ewigen Schwanken. Und wenn der Gegensatz der Gesinnung von Ehemals und Jetzt auch sehr schroff ist, — wer vermag es, in die Irrwege der menschlichen Seele einzudringen? Im vorigen Jahre aber entpuppte sich dieser Oberidealist, der in keine antisemitische Partei eintreten wollte, weil sie ihm, dem directen Nachkommen der Cherusker, alle nicht „deutschvolklich" genug waren, plötzlich als echter genialer Geschäftsmann. Er gründete mit seinem Verleger eine neue Zeitung unter dem Namen „Volksrundschau" und agitirte für dieses neue Unternehmen in allen Tonarten. Er ließ auf den Straßen Berlins merkwürdige Placate prangen, auf denen Deutschland am Rande des Ruins bildlich dargestellt war. Als Engel zur Rettung erstand selbstverständlich die „Volksrundschau". Wörtlich heißt es dann: „Wenn dieser Versuch einer Zurückdrängung der jüdischen Presse mißlingt, wird die Herrschaft des fremden und gefährlichen Geistes in unserem Volke auf lange Zeit besiegelt sein." Er verschickte auch an Beamte, Gewerbetreibende und Handwerker Rundschreiben und verhieß ihnen die Seligkeit auf Erden, wenn sie nur nicht das kleine Opfer scheuen und auf das neue Blatt abonniren. Wie das Mädchen aus der Fremde hat unser Teutone Jedem eine besondere Gabe zugedacht. Das war also eine „jüdische" Reclame im großen Styl. Da bekam unser Glaube au die Ehrlichkeit dieses Kämpfers für Sitte und Glauben einen Ruck. Jetzt aber ist er völlig erschüttert. Denn unser Held machte in diesem Jahre gewaltige Fortschritte und entwickelte sich zum echten raffinirten Geschäftsmann. Der gute Dr. Lange ist nämlich vor einiger Zeit von seinem Verleger und antisemitischen Bundesbruder wegen persönlicher Differenzen „beurlaubt" worden, und da sein Contract erst am 1. Jänner 1897 abläuft, so durfte er auf Kosten seines Verlegers spazieren gehen. Aber ein Mann der That kann nicht dem Müssiggang fröhnen, er hat daher einen frisch-fröhlichen Kampf gegen seinen früheren Verleger unternommen. Er versuchte in einigen Circulären, sich zum Helden und Märtyrer aufzuspielen, der nur wegen seiner treuen Gesinnung und seiner Liebe zum armen deutschen Volk gemaßregelt worden sei. Und das geschah — wir bemerken es ausdrücklich — zu einer Zeit, wo er noch seinen Gehalt von der Zeitung bezog. Jetzt ist aber unser unverfälschter Germane noch praktischer geworden. Er wendet sich in einem phrasenhaften Rundschreiben an alle Leser und Abonnenten der „Tägl. Rundschau" und fordert sie auf, eine neue von ihm begründete Zeitung, ein echtes Concurrenzblatt, zu unterstützen und die „Tägl. Rundschau" in Stich zu lassen. Aber da, wo das liebe. Geld in Betracht kommt, da hört jede zarte Rücksicht auf, und der Redacteur und Verleger der bedrohten „Tägl. Rundschau", lauter edle Gesinnungsgenossen Lang e's, klären uns nun über die Größe ihres Chefs außer Dienst auf und gewähren uns einen Einblick hinter die Coulissen dieser Märtyrerwelt. Zunächst gaben sämmtliche Redacteure an der Spitze des Blattes eine für Lange nicht gerade schmeichelhafte Erklärung ab. Es heißt darin: „Er ruft zum 1. April ein neues Blatt ins Leben mit der klar ausgesprochenen Absicht, die Leser der „Tägl. Rundschau" ihrem alten Blatte abspenstig zu machen und seiner Gründung znzuführen. Für ihn ist die „Tägl. Rundschau"-Friedrich Lange, und wenn er sie nicht mehr als Werkzeug seiner Bestrebungen benutzen kann, so soll sie zu Grunde gehen. Für ihn bedeutet das Arbeiten der Redactenre unter ihm „Unabhängigkeit", dasselbe Arbeiten unter einem Andern oder nach eigener Bestimmung „Kulithum". Noch schärfer aber geht ihm sein ehemaliger Verleger Dr. Hempel zu Leibe. In einem besonderen Circular gibt er uns eine genaue Charakteristik des Pseudo-Idealisten Lange. Er schildert ihn als einen Mann von zweideutiger Handlung und zweifelhafter Güte. Er führt den Nachweis, daß er voller Widersprüche und Ränke sei und daß es mit seiner germanischen Ehrlichkeit sehr hapert. „Es ist — schreibt Hempel — ein noch nicht dagewesener unlauterer Wettbewerb der schlimmsten Art, wenn sich Herr Dr. Lange an die Leser der „Täglichen Rundschau" wendet und in das Eigenthum desjenigen, mit dem vereint <x vierzehn Jahre gearbeitet hat, den Ccncurrenzkampf trägt, den er in cynischoffener Weise mit den Mitteln der Verdächtigung und Entstellung führt." Weiter heißt es: „Ein Mann, der sich selbst so widerspricht, wie Herr Dr. Lange in zwei, etwa drei Jahre auseinanderliegenden Schriftstücken, wird auch keinen Glauben finden, wenn er für etwas, was er bei e i n e m A n d e r n f ü r d e n s ch m u tz i g st e n Wettbewerb erklären w ü r d e, bei sich „ideale Beweggründe" in Anspruch nimmt." Nicht einmal die Originalität, womit Lange so gern prunkt, läßt der grausame Hempel gelten. Er meint: „Was ist nun aber das geistige Eigenthum Herrn Dr. Lange's? Er steht in seinen Colonialbestrebungen, in seiner Schulreform, in seiner Deutschgesinnung und am meisten in seinem Antisemitismus auf den Schultern Anderer; kein Mensch wird Nachweisen können, daß er diese Bewegungen als Erster in Gang gebracht hat." Der edle Antisemitismus Lange's wird in den Worten gegeißelt: „Ich habe Herrn Dr. Lange sowohl hierüber meine Meinung offen gesagt als ihm auch in Betreff der Judeufrage erklärt, daß ich, obwohl überzeugter Antisemit, keineswegs die gehässige, persönliche Art des Angriffs gegen einzelne Juden als solche billigen könne, welche er eingeführt hatte und weiterzuführen suchte." Der Verleger ist nicht einmal überrascht über die vornehme Gesinnung Lange's, denn er gesteht: „Daß Herr Dr. Lange in einer geschäftsmännisch so raffinirten und rücksichtslosen Weise gegen mich Vorgehen würde, nachdem ich ihn entlassen, das wußte ich wohl." So also schaut der große Lange aus, und das ist der Führer der verschwommenen Nationalen und unklaren Antisemiten! Wahrlich, sie sind einander würdig, die Führer und die Anhänger dieser edlen Bewegung. Jede Partei hat d i e Führer, die sie verdient. _F. 8. Der Präsident der franz. Republik und der Rabbiner von Nizza. Nizza, 8. Mürz 1890. („Israelit.") Es ist unzweifelhaft, daß der Antisemitismus n n r durch die lose und zweideutige Haltmrg so festen Fuß fassen konnte, welche die Regierungen den jüdischen Bürgern gegenüber einnahmen. Daß diese zweideutige Haltung „diplomatisch" ist, will ich nicht bestreiten, — ob sie edel, gerecht, menschlich, ob sie auch christlich ist, soll hier nicht untersucht werden. Eins steht fest; wenn in manchen Ländern in fv klarer, keiner Teutelung fähigen Weise stets die Berfafsungsgleichheit betont und praktisch durchgeführt würde, wie z. B. bei den Franzosen, so hätte die Pestseuche des Antisemitismus me jene entsetzliche Ausbreitung nehmen können, wie sie uns durch gewisse Erlässe der letzten Zeit sv recht klar geworden. Eine herrliche Manifestation dieser in Frankreich geübten absoluten Gleichheit aller Bürger ward uns gelegentlich der Festlichkeiten vor Allgen geführt, welche Nizza dieser Tage dem französischen Präsidenten bereitete. Die Stadt feierte das Fest